Die Kunst der Neuordnung

Die Jagd nach Meisterwerken ist neu eröffnet. Nach zwei Jahren Kontraktion, Galerieschließungen und Umstrukturierungen befindet sich der globale Kunstmarkt, der im vergangenen Jahr 60 Mrd. € erzielte, in einer neuen Phase. Die Neuordnung ruft neue und alte Akteure auf den Plan. Die Spannung steigt: Wer sind die Käufer:innen? Was wird gekauft? Auf oder abseits der Bühne – und warum?

Es ist kein Geheimnis, dass in herausfordernden Zeiten besonders Blue-Chip-Künstler:innen – also bereits im Kunstkanon verankerte Größen – ins Visier der Käufer:innen geraten. Vor London und dann Paris als neuem Hotspot triumphierte die Moderne 2025 in New York mit Gustav Klimts Porträt von Elisabeth Lederer (1914–1916) aus der Sammlung des verstorbenen Milliardärs Leonard Lauder, das für 236,4 Mio. US-$ (inkl. Aufgeld) zum zweitteuersten jemals versteigerten Kunstwerk der Welt wurde. Ausschlaggebend für dieses Ergebnis sind die Qualität des Werks, Seltenheit und Provenienz. Diese Kriterien werden in Zukunft eine immer größere Rolle in allen Kategorien des Kunstmarkts spielen. Der Kreis der Käufer:innen, der solche Werke erwirbt, ist relativ klein, der Wunsch nach mehr Exklusivität wächst, sodass vereinzelt im Jahr auch private Auktionen von besonderen Meisterstücken auf verschiedenen Plattformen und bei Auk­tionshäusern stattfinden; Invitation-only. Die Ergebnisse werden nicht veröffentlicht – Diskretion ist key.

Gleichzeitig strömt mit den Millennials und der Gen Z eine neue, digitalaffine Käuferschaft in den Markt, für deren Kaufentscheidung vor allem auch die eigene Persönlichkeit, Emotionen und Werte im Vordergrund stehen. Sie pflegt gerne persönlichen Kontakt zu den Künstler:innen und sammelt eklektisch. Markant ist in diesem Kontext der Kauf von Maurizio Cattelans Werk „Comedian“ (2019) – die wohl berühmteste Banane der Kunstgeschichte – für 6,2 Mio. US-$ (inkl. Aufgeld) in Kryptogeld 2024 durch Justin Sun, einen 1990 ge­borenen Unternehmer aus China.

In den nächsten beiden Jahrzehnten kommt ein Vermögenstransfer von 84 Bio. US-$ auf uns zu, der vor allem weiblich geprägt sein wird. Bereits 2024 gaben Frauen laut dem UBS-Art-Basel-Jahresbericht 46 % mehr für Kunst aus als Männer. Der Kunstgeschichte-Kanon erweitert sich und inkludiert mehr weibliche Positionen sowie weitere Regionen und Strömungen.

Seit einigen Jahren wird Kunst als Anlageform immer interessanter – und ebenso der Luxusmarkt: Wertvolle Uhren von begehrten Marken, Schmuck (besonders Farbsteine), Designer-Handtaschen sowie Wein und Whisky liefern zahlreiche Rekorde auf Auktionen und bieten zugleich ein emotionales Investment mit Geschichte. In Paris wurde etwa 2025 die persönliche Hermès-Tasche von Jane Birkin für 8,6 Mio. € (inkl. Aufgeld) zugeschlagen, in Hongkong erzielte im Mai 2026 ein 50 Jahre alter Yamazaki-Whisky, extra für den Club Natsume hergestellt, 8,25 Mio. HKD (inkl. Aufgeld).

Neuer Mitspieler im Kunstsystem ist der Nahe ­Osten. Er beweist 2026 nach der Art Basel in Katar mit dem 20. Jubiläum der Art Dubai und dem Debüt der Frieze Abu Dhabi im November in der aktuellen geo­politischen Situation Resilienz. Auch museal wird er sich mit der Eröffnung des Guggenheim Abu Dhabi im Dezember 2026 weiter verankern.

Die Kunst lebt in der Neuordnung des Markts vom Betrachten und von menschlichem Austausch über Landesgrenzen hinweg. Beides wird den Handel auch zukünftig bestimmen – jedoch stehen durch Digitali­sierung und AI neue, tiefgreifende Veränderungen bevor, die bisher jedoch nur langsam Einzug halten.

Katharina Upmeyer
Repräsentantin für Österreich und Süddeutschland
Kunsthaus Lempertz

Forbes Contributor

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