Die Nase trinkt mit

2016 entwarfen Lena Jüngst und Tim Jäger im Zuge ihrer Bachelorarbeit die erste Air-Up-Flasche – 2020 haben sie mit ihrem Produkt bereits einen Umsatz von 20 Millionen € gemacht, sind in acht Ländern vertreten und konnten unter anderem Investor Frank Thelen für sich gewinnen. Das Erfolgsrezept? Wasser trinken, Limonade schmecken.

Sucht man nach den häufigsten Todesursachen der Welt, kommt man nicht an Herz-Kreislauf-Krankheiten vorbei. In den westlichen Ländern machen diese laut dem österreichischen Sozialministerium rund 45 % aller Todesfälle aus. Die häufigsten Ursachen dieser Krankheiten sind Übergewicht und schlechte Ernährung – sogenannte „hidden sugars“ in zuckerhaltigen Getränken tragen maßgeblich zu besagtem Über­gewicht bei.

Genau diese Zahlen haben sich auch Lena Jüngst und Tim Jäger angesehen, als sie 2016 nach einem Thema für ihre Bachelorarbeit im Studiengang Produktdesign suchten. Sie wollten ein Produkt mit gesellschaftlichem Mehrwert entwickeln, und so entstand die Air-Up-Flasche. Die Trinkflasche wird am Mundstück mit sogenannten Aromapods bestückt, die Wasser geschmacklich in beinahe jedes Getränk verwandeln können – man trinkt also Wasser, schmeckt aber Cola. Fünf Jahre nach dem Entstehen der Idee ist Air Up mittlerweile in acht Ländern vertreten und beschäftigt über 170 Mitarbeiter.

Wasser mit Geschmack zu ver­kaufen ist an sich keine neue Idee, doch das System hinter den Air-Up-Flaschen schon. Bis zu 80 % unseres Geschmacksempfindens entstehen durch die Nase – retronasales Riechen lautet der medizinische Begriff dafür. Der Duft, der über den Rachenraum emporsteigt, wird von den Riechrezeptoren als Geschmack wahrgenommen und durch die Nase ausgeatmet. Durch die zu 100 % recycelbaren Aromapods, die sich am Deckel der Air-Up-Flasche befinden, entsteht das Empfinden, Saft zu trinken, obwohl nur Wasser in der Flasche ist. Die natürlichen Aromen werden aus Früchten, Pflanzen und Gewürzen gewonnen. Die Pods können nach Belieben ausgetauscht werden, 20 Geschmäcker von Kirsche über Orange-Vanille bis hin zu Gurke und sogar Iced Coffee stehen zur Wahl. Ein Starterset mit einer Flasche inklusive zwei Pods, also Geschmäckern, kann um 34,95 € im Onlineshop bestellt werden.

„Ich hatte niemals vor, Unternehmerin zu wer­den“, erzählt CCO Lena Jüngst. Nach der erfolgreichen Bachelorarbeit ging die Produkt­designerin zu einem großen Elektrogerätehersteller, um Kaffeemaschinen zu entwerfen. Doch dort war sie nicht lange glücklich: „Ich finde die Produktentwicklung in vielen Unternehmen einfach nicht zeit­gemäß. Du arbeitest konstant an Redesigns, aber es wird nur wenig darüber nachgedacht, welche Konsequenzen die Produkte für unsere Gesellschaft und Umwelt haben“, erzählt Jüngst. Als sie auf Fabian Schlang (heute COO von Air Up) trifft, der Aroma- und Ernährungswissenschaftler ist und bei der Entwicklung der Trinkflasche helfen will, entscheiden sich Jäger und Jüngst, sich von nun an auf ihr Unternehmen zu fokussieren. Im Laufe des Jahres 2017 stoßen Jannis Koppitz (CEO) und Simon Nüesch (CMO) dazu und das Gründerteam ist komplett.

Ende 2017 erhalten die Jung­unternehmer das einjährige Exist-Gründerstipendium, ein Förder­programm des deutschen Bun­des­ministeriums für Wirtschaft und Energie. Nach dem Stipendium folgt die Suche nach finanziellen Mitteln. „Uns war wirklich wichtig, dass wir das Produkt zu einem erschwinglichen Preis verkaufen können. Um das mit einem Hardwareprodukt im Lebensmittelbereich zu schaffen, haben wir unbedingt Investoren gebraucht“, so CTO und Gründer Tim Jäger. Durch Zufall lernt das Team Frank Thelen kennen und kann ihn als Investor gewinnen; auch ein weiterer „Höhle der Löwen“-Investor, Ralf Dümmel, steigt ein und die erste Produktserie von 80.000 Stück kann auf den Markt gebracht werden.

Lena Jüngst
...studierte Industrie- und Produktdesign. 2019 gründete sie das Foodtech-Unternehmen Air Up mit.

Und das geschieht dann auch. Im Jänner 2021 verkündet Air Up eine Investiti­onsrunde von 20 Millionen €, im September folgt eine weitere Investitionsrunde von 40 Millionen €. Ebenfalls im September hat das Unternehmen außerdem eine Umsatzprognose für die nächsten zwölf Monate von 100 Millionen € verkündet. Mittlerweile ist auch Getränke-Urgestein Pepsi in das Unternehmen eingestiegen – mit Marketingkampagnen auf Kanälen wie Youtube, Tiktok und auch Twitch will Air Up die Gen Z erreichen. „Think new“ lautet das Motto des Teams.

Obwohl die Methode neu sein mag, ist das Prinzip des „Wassers ohne Kalorien mit Geschmack“ bekannt. Das Wiener Start-up Waterdrop, das 2017 gegründet wurde, verfolgt ein ähnliches Prinzip: Pulverwürfel werden in Leitungswasser aufgelöst und sorgen für Geschmack, enthalten aber keine Kalorien. 2018 machte Waterdrop einen Jahresumsatz von rund fünf Millionen €, 2020 konnten bereits ganze 40 Millionen € umgesetzt werden. Auch das US-amerikanische Unternehmen des Schauspielers und Sängers Jaden Smith (Sohn von Will Smith) namens Just Water ent­wickelte 2018 eine Linie mit „Infused Water“ – auch hier ist von null Kalorien und null Zucker die Rede. 2019 wurde das Unternehmen mit 100 Mio. US-$ bewertet.

Von Konkurrenten jenseits des Großen Teichs lassen sich Jüngst und Jäger aber nicht beeindrucken. Momentan ist Air Up neben dem DACH-Raum in Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Großbritannien und Italien erhältlich – in den nächsten zwei Jahren will man sich auf die Expansion in die USA fokussieren. Generell verschließe man sich in Zukunft auch gegenüber anderen Produkten nicht: „In den nächsten Jahren werden wir im Getränkebereich bleiben und vielleicht auch weitere Produkte in die Richtung produzieren, aber generell ist es unsere Vision und unser Purpose, verantwortungsvollen Konsum emotional attraktiv zu machen. Da ist natürlich einiges möglich“, so Lena Jüngst über ihre Zukunftspläne.

Text: Sophie Ströbitzer
Foto: Air Up

Dieser Artikel erschien in unserer Ausgabe 10–21 zum Thema „Under 30“.

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