Die Rahmenlose

Schon früh fiel Catalina Molina als Ausnahmetalent auf: Als sie den Österreichischen Filmpreis erhielt, war sie noch keine 30. Jetzt wagt sich die Filmregisseurin und Drehbuchautorin an historisches Material.

Können Sie mit der Vorstellung, dass wir alle sozial programmiert sind, etwas anfangen? Dass vor allem Frauen einer inneren Prägung folgen, nach der wir unser Leben gestalten?
Es steckt schon viel in uns drinnen an Archaischem, wie wir uns als Frauen und Männer verhalten; was wir uns selber zutrauen, in welchen Positionen wir uns sehen, was und wie wir projizieren. An dem muss man wirklich arbeiten.

Haben Sie solche vorgefertigten Rahmen an sich selbst auch verortet?
Gott sei Dank haben mir meine Eltern vorgelebt, dass der Beruf sehr eng mit Leidenschaft und Selbstverwirklichung verknüpft ist. Insofern war es für mich ganz natürlich, dass ich mit 14 an die Kunstschule gegangen bin. Ich habe alles hinter mir gelassen, das Gymnasium, die Freunde, bin alleine in die Stadt gezogen. Das war am Anfang gar nicht lustig, aber ich habe es in mir gespürt und mich nie infrage gestellt.

Auch heute nicht?
Klar: Jeder Dreh ist ein ­Hindernis, das man überwinden muss. Man stellt sich hin und ist der oberste Spielleiter eines großen Teams. Man muss immer wissen, was man will, wie man es will, warum man es will. Natürlich gibt es persönliche Machtspiele, bei denen es nicht um den Film geht. So etwas finde ich extrem unangenehm. Meine persönliche Herausforderung ist, das Leben mit meinen Kindern und das Leben am Set unter einen Hut zu kriegen. Ich meine damit nicht die Organisation, sondern die emotionale Ebene: sich auf das eine voll einzulassen und dann wieder auf das andere. So switchen zu können ist für mich während eines Drehs echt eine Belastung. Ich bin zwölf Stunden pro Tag am Set, ich träume sogar vom Film. Es gibt in dieser Zeit nichts anderes. Und plötzlich sitzen die Kinder da, und man muss sich wieder auf das Chaos einlassen – und zwar mit Geduld und Güte. Das ist herausfordernd; gleichzeitig wachse ich daran.

Hat Ihnen jemand vorgelebt, wie dieser Spagat zu schaffen ist?
Leider nicht. Ich hatte das Glück, dass meine Mutter eigentlich immer zu Hause war. Daher kommt wohl dieses Gefühl, auch als Mutter einer Vorstellung entsprechen zu wollen.

Gibt es dafür Vorbilder in der Filmbranche?
Wir tauschen uns untereinander aus, das Rezept hat aber niemand. Die einen können besser damit umgehen, wenn die Kinder in Betreuung sind, andere tun sich damit schwer.

Haben Sie viel Kontakt zu anderen Regisseurinnen?
Ein bisschen. Wir haben einen sehr offenen Umgang untereinander und reden zum Beispiel auch über Gagen. Das wurde früher überhaupt nicht angesprochen.

Stimmt der Eindruck, dass es verhältnismäßig wenige Regisseurinnen gibt?
Das stimmt leider. Dazu gibt es auch Studien. Es schließen gleich viele Männer wie Frauen an den Filmhochschulen ab, doch dann arbeitet weniger als ein Drittel der Frauen in dem Bereich.

Catalina Molina
...Molina, geboren 1984, ist eine in Wien lebende Drehbuchautorin und Regisseurin mit argentinischen Wurzeln. Sie studierte an der Wiener Filmakademie unter Michael Haneke und drehte unter anderem die renommierten Kurzfilme „Talleres Clandestinos“ und „Unser Lied“. 2016 vollendete sie ihren ersten Fernsehkrimi „Drachenjungfrau“. 2019 ist ihr erster „Tatort“ zu sehen. Die Regisseurin trägt für unser Shooting einen Jumpsuit von Ferrari Zöchling und hat zu „Ein Affe“ geladen.

Ist die Kulturszene eine der letzten Bastionen, in der Männer ihre berufliche Dominanz frei ausleben können? Die #metoo-Bewegung hat mit Harvey Weinstein ihren Ursprung im Filmbereich, in Österreich ist durch die Tiroler Festspiele Erl die Schlechterbehandlung von Künstlerinnen zum Thema geworden …
Das kann gut sein. Für mich war #metoo wie ein dampfender Kessel, der explodiert ist. Jeder hat nur noch darüber gesprochen. Das offenbart sehr viel über Machtstrukturen, und dass es an der Zeit ist, diese neu zu gestalten. Es wurde aber auch vieles vermischt, vom unpassenden Kompliment bis hin zur Vergewaltigung. Das hat mich irrsinnig irritiert. Doch im Grunde geht es darum, dass Frauen systematisch benachteiligt werden – und das gehört geändert.

Ist das in Ihrem beruflichen Umfeld oft thematisiert worden?
Es war angenehm, dass man plötzlich reden konnte. Jetzt liegt auf dem Tisch, dass es ein wirklich großes Problem gibt – das sich nicht durch ein Hashtag lösen lässt. Wir waren nun mal jahrhundertelang patriarchal organisiert, deshalb stecken diese Verhaltensmuster tief in unseren Knochen. Dass Männer stark und dominant sein sollen und Frauen schön und unterwürfig, das werden wir nicht so schnell abschütteln. Das Spiel der Geschlechter ist ja auch reizvoll. Die Frage ist nur, wie wir eine Balance finden.

Als Regisseurin obliegt Ihnen die gesamte Führung bei einem Projekt. Müssen Sie als junge Frau mehr Machtkämpfe ausfechten?
Ja, das ist so. Mir einfach männliches Verhalten überzustülpen ist kontraproduktiv, habe ich bemerkt. Wenn ich das Gefühl habe, da kommt ein männliches Alphatier, das mir die Welt erklären will, kann ich nur schmunzeln. Wenn es in dem Gespräch wirklich um das Projekt geht, finde ich das super und bin dankbar für Vorschläge. Ansonsten ignoriere ich solch ein Verhalten. Wir arbeiten kollektiv an einer Vision – als Regisseurin ist das nun mal meine –, aber wir arbeiten als Team.

Haben Regisseurinnen einen anderen Blick auf die Themen?
Ich glaube, Regisseurinnen haben andere Themen. Wir Frauen – um es extrem auszudrücken – sind eine benachteiligte Gruppe. Wir gehen mit einem anderen Gefühl durch die Welt, wir können Kinder gebären! Man wird schon sensibler und im besten Fall empathisch.

Gibt es Themen, an die Sie sich bis jetzt nicht herantrauen?
Ich würde gerne einen Film über eine bestimmte Familie machen, weil man so im Kleinen erzählen kann, wie die Welt und ihr Wahnsinn ­funktionieren. Wenn man die mensch­lichen Abgründe, die Ab­­hängigkei­ten zeigen und gleichzeitig von der Liebe und Verbun­denheit, die man nur in Familien hat, erzählen kann, gibt das viel Stoff her.

Haben Sie Lieblingsfilme?
Ich persönlich genieße Filme, wo ich die Absurdität des Lebens und den Schmäh spüre, aber gleichzeitig in den Abgrund blicken darf; Filme, die berühren und mitreißen und wo ich nicht als Außenstehende zwei­dimensionalen Figuren zuschaue.

Was ist das Schwierigste bei der Umsetzung Ihrer Visionen?
Wenn etwas nicht so ist, wie ich es mir vorgestellt habe, und ich die Ursache nicht gleich erkennen kann. Alles ist da: die Location, die Ausstattung, die Kostüme, die Schauspieler – und trotzdem ist das Ergebnis nicht so wie gedacht. In so einem Fall herauszufinden, ob es am Licht liegt oder am Sprachrhythmus, das ist oft schwierig.

Gibt es jemanden, mit dem Sie sich beraten und nach den ­­Ursachen suchen?
Nein. Ich nehme mir dann einfach mehr Zeit und probiere vor Ort ein paar Dinge aus. Dafür brauche ich dann nur zwei oder drei Takes.

Ihr Repertoire ist recht breit, von Kurzfilmen bis zu gesellschaftskritischen Erzählungen und Fernsehkrimis. Wollen Sie in einem Genre Fuß fassen?
Wenn man mich vor zehn Jahren gefragt hätte, was ich heute mache, hätte ich weder gesagt, dass ich zwei Kinder habe, noch, dass ich Krimis drehe. Dieser Weg ist mir passiert – nicht die Kinder, aber der Rest. Ich finde es super. Die Landkrimis haben sich ergeben, weil sie stark regielastig sind. Mir hat das total Spaß gemacht, und gleichzeitig ist die Arbeit für mich mit zwei kleinen Kindern ideal. Es ist angenehm, zu wissen, dass ich nach vier Wochen wieder zu Hause bin – auch, wenn ich gerne mehr Zeit für die Gestaltung hätte.

Würden Sie die Fernsehkrimis auch ohne Kinder machen?
Ich hätte vermutlich nicht einen nach dem anderen gedreht, sondern dazwischen mehr an eigenen Projekten gearbeitet. Diese erfordern viel Zeit, und das ist im Moment einfach schwierig

Wenn ich mich hinsetze und schreibe, kommt mir als Erstes immer eine weibliche Hauptfigur in den Sinn.

Würden Sie gerne mal eine ­richtige Komödie drehen?
Wenn sie gut ist, auf jeden Fall. Es ist aber sehr schwierig, etwas richtig Lustiges zu schreiben, das auch Tiefgang hat.

Ist Komödie die schwierigste Erzählform?
Das Schwierigste ist, einen guten Film zu machen, wo einfach alles stimmt: die Bildsprache, die Musik, die Stimmung, die Charaktere, die Dialoge. Das sind richtige Kunstwerke, wo man das Gefühl hat, dass da noch eine Fee mit einem Zauber­stab nachgeholfen hat.

Nach welchen Kriterien wählen Sie das Material aus, mit dem Sie arbeiten?
Wenn ich es lese und das Gefühl habe, da geht es um etwas, da will jemand wirklich etwas erzählen, ist es egal, ob das jetzt ein Drama oder ein Krimi ist.

Sie arbeiten gerade an einem Film über eine Spionin. Wollten Sie damit bewusst weibliche Rollenbilder schaffen?
Wenn ich mich hinsetze und schreibe, kommt mir als Erstes immer eine weibliche Hauptfigur in den Sinn. Das ist wahrscheinlich natürlich. Ich persönlich habe auch das Gefühl, man hat schon so viele Filme mit Männern gesehen. Als Zuschauerin finde ich es spannender, etwas aus der Perspektive einer Frau zu erleben. Es hat keinen pädagogischen Hintergrund; unbewusst versuche ich sicher, starke Frauen zu zeigen. Die Kriegerin oder die Tapfere gibt’s ja fast nicht. Es geht darum, neue Heldinnen zu schaffen, die auch schwach sein dürfen.

Dieser Artikel ist in unserer September-Ausgabe 2018 „Women“ erschienen.

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