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Sandra Navidi gilt im deutschsprachigen Raum als die USA-Expertin schlechthin. Sie selbst versteht sich eher als Risikoanalystin – ihre Antennen sind vor allem auf Gefahren und Negativszenarien ausgerichtet. Es ist ein Talent, das sie zum Beruf gemacht hat.
Sandra Navidi blickt zum Himmel, die Augen weit aufgerissen. Mehrere Militärhubschrauber fliegen in Formation über den New Yorker Hafen, wo der Hudson River in den Atlantischen Ozean mündet. In einiger Entfernung, aber an diesem klaren Frühlingstag deutlich erkennbar, fliegen die Maschinen über die Freiheitsstatue, die von Ellis Island aus nach Südosten blickt. Von den Hubschraubern abgelenkt hat Navidi mitten im Satz abgebrochen. „Man ist jetzt besonders sensibel bei solchen Sachen. Also ich jedenfalls“, erklärt sie; und sie ergänzt: Sie sei im Kalten Krieg im nordrhein-westfälischen Mönchengladbach aufgewachsen – Militärgerät am Himmel erkenne sie sofort. Das Spektakel am Himmel weckt für sie auch Erinnerungen an den 11. September 2001, dessen Gedenkstätte nur wenige Hundert Meter entfernt ist.
Ihr Interesse für Geopolitik reicht bereits in Navidis frühe Kindheit zurück und begleitete sie über ihre lange Karriere bis in die Gegenwart. Navidis Weg führte sie nach mehreren Stationen in europäischen Ländern in die USA und schließlich nach New York City, wo sie seit vielen Jahren lebt, arbeitet und ihr eigenes Beratungsunternehmen Beyond Global führt. In dieser Funktion ist Navidi zu einer der führenden USA-Expertinnen im deutschsprachigen Medienraum geworden. Sie ist Autorin mehrerer Bücher und tritt fast täglich in Funk und Fernsehen mit Kommentaren und Analysen zu aktuellen Ereignissen auf.
Die USA, die wir kannten, die gibt es nicht mehr – und die kommen auch nicht mehr zurück.
Sandra Navidi
Navidi ist wachsam, während sie spricht. Ihr Blick gleitet immer wieder durch die große Scheibe nach draußen über den Ozean in der Ferne und den strahlend blauen Himmel darüber. Sie scheint ihre Umgebung zu durchleuchten, während sie über ihren Karriereweg spricht, über ihre Anfänge als Juristin und Wall-Street-Playerin, ihren ungeschönten Blick auf die erschreckendsten Szenarien der Gegenwart und ihre ungebrochene Liebe zu den USA.
„Nichts ist unmöglich“, schließt sie ihre Gedanken zu der Flugformation am Himmel. Solche Hubschrauber sind in den Megametropolen des amerikanischen Nordostens keine Seltenheit; zum Beispiel, um hohe Würdenträger zu transportieren. Viele würden dabei wohl nicht direkt an eine mögliche Bedrohung denken – aber Navidi blickt anders auf unsere Welt. In mancherlei Hinsicht könnte man sagen, es sei ihr Job, vom Schlimmsten auszugehen. Navidi versteht sich als Risikoanalystin, erklärt sie. Ihre Antennen sind auf Gefahren, Eventualitäten und Negativszenarien ausgerichtet.
Navidi kommt ursprünglich aus der Juristerei. Sie hat eine Rechtsanwaltszulassung in Deutschland und den USA, wollte aber nicht ausschließlich als Juristin arbeiten, sagt sie. Nach Stationen in der Unternehmensberatung Deloitte & Touche und beim Vermögensverwalter Muzinich & Co. wurde sie Teil des Beraterstabs des Ökonomen Nouriel Roubini. Während eines Weihnachtsurlaubs in Mönchengladbach schaute sie damals die Börsennachrichten im Fernsehen. „Ich dachte mir: ‚Oh mein Gott, ist das langweilig!‘“, erinnert sie sich – Navidi nahm Kontakt zu NTV auf, man entschied sich, ein Format mit ihr einmal auszuprobieren.
„Das erste Mal war total grässlich“, sagt sie. Seitdem sind 17 Jahre vergangen – Navidi ist auch heute noch immer regelmäßig bei NTV als Expertin zu sehen, und viele andere internationale Medien sind hinzugekommen, zudem drei Bücher: „Die DNA der USA“, „Super-Hubs“ (über die Netzwerke der Finanzelite) und „Das Future-Proof-Mindset“, ein Ratgeber zum Umgang mit künstlicher Intelligenz.
Was Navidi zu sagen hat, wird in den Medien geschätzt. „Ich war von Anfang an authentisch und habe mich auch nie groß für diese Rolle verändert oder angepasst. Und ich habe immer meine Meinung gesagt“, hält sie fest. Über die Jahre wurde zudem immer deutlicher: Navidi behält mit vielen ihrer Prognosen recht. „Ich habe vor zehn Jahren vor Donald Trump gewarnt; vor dem, was kommt, vor dem, was er wirtschaftlich machen würde, was er mit der Demokratie machen würde – und auch, dass er Kriege beginnen würde. Und ich glaube, am Anfang war das aufsehenerregend, denn damals war ich noch in der Minderheitenmeinung.“
Navidis Expertentum ist ein Geschäftsmodell, das funktioniert. Es beruht auf dem „Sagen, was ist“ – und auf dem Rechthaben. Wie schafft man das, sich so öffentlich und so klar zu äußern, über Dinge, die meist riskanterweise die Zukunft betreffen, ohne dieses Geschäftsmodell zu gefährden?
„Ich habe das Handwerk von der Pike auf gelernt“, erklärt Navidi. Zwar ist der „geopolitische Wetterbericht“ kein Handwerk, aber sie meint ihre Stationen als Juristin, Investmentbankerin und Analystin. Navidi spricht von den vielen Skills, die sie sich über die Jahre und an verschiedenen Schreibtischen angeeignet hat; vom Tiefenverständnis von juristischen Sachverhalten bis hin zu den Arbeitsfreundschaften, die ihr Anregungen mitgaben (und dies bis heute tun): Jeder Schritt scheint sie auf ihren heutigen Job vorbereitet zu haben.
Was man Navidi klar anmerkt: Sie ist eine, die am Tisch sitzt – aber nicht als Teilnehmerin, sondern als Beobachterin. Die „Außenseiterin im Inneren“, so beschreibt sie ihre Rolle. Navidi hat Zugang zu Informationen, ohne sie sich zu eigen zu machen. Sie hat Einblicke in die Welt der Entscheidungsträger, Eliten und Mächtigen, ohne selbst zu dieser Welt zu gehören.
Im Ergebnis tritt sie als unabhängige Kommentatorin auf, die Wissen hat, das viele nicht haben – oder es nicht einordnen können. „Mit der Zeit habe ich diesen Instinkt entwickelt. Und wenn ich mir sicher war, dann habe ich das auch gesagt“, so Navidi.
Ihre Erkenntnisse stellte sie zunächst institutionellen Kunden zur Verfügung, Family-Offices, Privatbanken und dergleichen. Dann richtete sich ihr Fokus mehr auf ein breiteres Publikum. Hinzu kamen die Freiheiten der Selbstständigkeit, nach ihrer Zeit bei Roubini: „Ich war niemandem verpflichtet, ich habe keine Finanzprodukte verkauft, habe zwar mit, aber nie für Firmen gearbeitet und habe einfach ganz unabhängig meine Meinung gesagt.“
In der Trump-Ära bekommt dieser außergewöhnliche Berufsstand eine neue Ebene: Plötzlich werden Dinge denkbar, die früher als unmöglich galten – und Navidi gibt teils Sachverhalte wieder, die kaum glaubwürdig scheinen. „Ich habe manchmal das Gefühl, mir fehlen die Worte und mir fehlen die Konzepte, um zu vermitteln, was hier wirklich passiert und was noch in der Pipeline ist“, sagt die Risikoanalystin.
Der Versuch klingt ungefähr so: Man müsse realisieren, dass Trump „verrückt“ sei, sagt Navidi. „Er ist ein labiler Mensch, der so ziemlich mit allem, was er sagt, lügt. Und er hat keinerlei Skrupel.“ Um einen Menschen wie ihn zu lesen, greift Navidi auf Psychologie zurück: „Man guckt sich die Muster an, wie er sich sein ganzes Leben verhalten hat – und so ist das jetzt auch im Weißen Haus.“ Navidis größte Sorge: dass er die USA in die Pleite reitet. „Das ist auch wieder ein anderes Tabu, aber er bricht sie eben alle“, so Navidi.
Unter Trump-Beobachtern hat sich in den vergangenen Jahren ein wichtiger Satz verbreitet, der helfen soll, den Präsidenten besser zu verstehen: Take him seriously, but not literally. Zuerst publiziert im Jahr 2016 im amerikanischen Politmagazin The Atlantic wurde dieser Satz seitdem durch Redaktionen, Talkshows und Literatur gereicht. Auf diese „Weisheit“ angesprochen verdreht Navidi die Augen: „Das ist ein Persilschein, mit dem man sich im Nachhinein rausreden kann.“
Noch nicht einmal die Hälfte von Trumps zweiter Amtszeit ist vorbei. Die USA befinden sich in einem aktiven Krieg mit dem Iran, die Preise und damit die Unzufriedenheit im eigenen Land steigen. Viele sehen Trumps Wahlversprechen als nicht erfüllt an und die internationale Gemeinschaft rückt nach Zollkriegen und imperialistischen Drohungen immer mehr von den USA ab. Was bleibt? „Also die USA, die wir kannten, die gibt es nicht mehr – und die kommen auch nicht mehr zurück“, analysiert Navidi.
Auch das sei ein Produkt von Trumps Tabubrüchen. Insbesondere die Implikationen der Ölkrise könnten massiv werden, warnt Navidi, und im schlimmsten Fall eine Kettenreaktion auslösen. „Und diese Gewissheiten, auf denen vorher alles beruhte – zum Beispiel, dass die Straße von Hormus nicht geschlossen wird, dass die USA ein verlässlicher Partner der EU und der Nato sind und dass die USA nicht pleitegehen können –, da hat Donald Trump den Stöpsel gezogen.“ Die Konsequenzen könnten gravierend sein, je nach Länge und Ausprägung des Kriegs: „Zur Debatte stehen Hungersnöte; dass ganze Branchen pleitegehen; dass Länder wirtschaftlich zusammenbrechen; dass große Flüchtlingsbewegungen entstehen. Es gibt Szenarien, die mag man sich gar nicht ausmalen.“
Neben diesen Gedankenspielen gibt es noch viele weitere, nicht nur im Repertoire von Sandra Navidi, sondern auch in den Plan-B-Schubladen der Finanzbranche. Von diesen hört sie offenbar oft, in Gesprächen mit den Mächtigen und Vorsichtigen der Wall Street. Navidi erwähnt zum Beispiel die Angst vor einer „Electromagnetic Pulse Bomb“, einer Art Vorstufe der Atombombe, die vor einiger Zeit ein Hedgefondsmanager ihr gegenüber bei einem Dinner beim Weltwirtschaftsforum in Davos erwähnt hat. Eine solche Bombe würde elektrische Systeme irreparabel ausknipsen.
Es entsteht der Eindruck, dass sich viele bereits im Hintergrund auf die schlimmstmögliche Form des Weltuntergangs einstellen. Zeitgleich erreichen die Börsen mit kurzen Unterbrechungen immer neue Bestmarken. Ist das nicht ein massiver Widerspruch? Navidi fühlt sich an das Jahr 2008 erinnert, frei nach dem Motto: „Mach Heu, solange die Sonne scheint.“ Das könne sich jedoch jeden Moment ändern, besonders mit Blick auf den Ölpreis, den Navidi für viel zu niedrig hält. Gleichzeitig seien viele Investoren mit Bargeld ausgestattet – und bereit, im Fall eines Zusammenbruchs nachzukaufen, sagt Navidi.
Ihr kommt ein Zitat aus den Dokumenten rund um den Fall Jeffrey Epstein in den Sinn; es soll in einem Gespräch zwischen ihm und Tech-Milliardär Peter Thiel über Investment-Opportunitäten gefallen sein: „Dinge auf dem Weg in den Kollaps zu finden war deutlich einfacher als das nächste Schnäppchen zu entdecken.“
Im Vergleich zu ihrem scharfen Blick auf die kommenden Jahre und Jahrzehnte der Geopolitik blickt Navidi zaghafter in ihre eigene Zukunft: „Ich bin mit meiner Tätigkeit sehr glücklich und hoffe, dass ich auch weiterhin das machen kann, was ich interessant finde und was anderen Leuten Mehrwert bringt – und ansonsten füge ich mich meinem Schicksal.“
Text: Sarah Sendner
Fotos: Sasha Bianca Photography