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Als der Physiker Anton Zeilinger zeigte, dass sich Information quantenteleportieren lässt, wurde eine Idee greifbar, die lange wie Science-Fiction klang: Wissen kann den Raum überwinden, ohne ihn klassisch zu durchqueren. In der Realität unserer Hochschulen und Unternehmen passiert jedoch oft das Gegenteil: Wissen bleibt dort, wo es entsteht – es zirkuliert in geschlossenen Systemen; akademisch hier, praktisch dort.
Dabei leben wir in einer Zeit, in der so viel Wissen verfügbar ist wie noch nie – und doch bleibt es erstaunlich oft wirkungslos. Genau diesem Spannungsfeld begegne ich täglich in meiner Arbeit als Co-Founderin von Studyond: Wir vernetzen Studierende, Hochschulen und Unternehmen für gemeinsame Abschluss- und Innovationsprojekte. Wir bauen Brücken zwischen zwei Welten, die einander näher sind, als sie glauben.
Eine dieser Brücken ist Lorena. Als Studentin an der ETH Zürich beschäftigte sie sich mit der Optimierung von Schweissnähten – ein Thema, das leicht in der Forschung hätte verbleiben können. Über Studyond fand ihre Arbeit den Weg in die Praxis: zu Stadler. Aus der Abschlussarbeit wurde schliesslich eine Werkstudentinnenstelle in St. Margrethen – und ein Beispiel dafür, wie Wissen Wirkung entfaltet, wenn es sich bewegt. Zufall, dass diese «bewegende» Geschichte ausgerechnet in einem Mobilitätsunternehmen entstand?
Zu oft denken wir in getrennten Systemen: hier die Universität, dort die Wirtschaft. Diese Trennung greift zu kurz. Innovation entsteht im Austausch – dort, wo Annahmen hinterfragt, Modelle angewendet und Erfahrungen gespiegelt werden. Eine Sonderform dieses Austauschs sind Spin-offs aus Hochschulen. Sie entstehen dort, wo Forschung nicht nur in die Praxis, sondern bewusst in unternehmerische Verantwortung überführt wird. Beispiele gibt es viele – Celonis (TU München) prägt Process Mining global, Getyourguide (ETH Zürich) verändert unser Reiseerlebnis, und Vitrealab (Universität Wien) übersetzt wissenschaftliche Erkenntnisse in hoch spezialisierte Anwendungen.
Und darin liegt der eigentliche Kern von Spin-offs: Ihre Geschichten beginnen lange vor ihrer Gründung. Nicht mit einem Businessplan, sondern mit Wissensbewegungen. Mit einer Frage. Mit einem Perspektivwechsel. Mit Iterationen. Sie entstehen nicht plötzlich, sondern wachsen aus einem Prozess – bis jemand entscheidet, daraus ein Unternehmen zu gründen.
Doch wer schafft die Infrastruktur für solche Wissensbewegungen? Wer bringt Menschen, Ideen
und Kontexte so zusammen, dass echter Austausch entstehen kann? Und wer übersetzt die Logiken unterschiedlicher Welten, Generationen und Disziplinen? Genau hier setzt Studyond an, selbst ein HSG-Spin-off und ETH-Start-up. Kein Zufall!
Die vielleicht wichtigste Reise unserer Zeit ist daher keine geografische, sondern eine intellektuelle. Sie führt uns aus unseren eigenen Systemen hinaus – hinein in echten, auch unbequemen Austausch.
Wenn Wissen – wie in Zeilingers Experimenten – den Raum überwinden kann, liegt die eigentliche Herausforderung nicht in der Möglichkeit, sondern
in unserer Bereitschaft, es zum Reisen zu bringen.
Vielleicht beginnt hier ein Umdenken – nämlich jenes, Wissen weniger als Besitz zu verstehen und mehr als Bewegung; als etwas, das seinen Wert erst entfaltet, wenn es den Kontext wechselt, auf andere Denkweisen trifft und herausgefordert wird.
Am Ende geht es nicht darum, ob Wissen reisen kann – sondern darum, wie wir es zum Reisen bringen: Wo bauen Sie Brücken?
Alexandra Allgaier
Co-Gründerin & Strategic Partnerships
Studyond AG