DIE WETTE AUF LONDON

Unter dem Namen „Bishopsgate 22“ soll im kommenden Jahr der höchste Wolkenkratzer der City of London fertiggestellt werden. Dabei drohte das Projekt mehrfach zu scheitern.

Ambitioniert ist das Projekt, das steht außer Frage. 62 Stockwerke, 278 Meter Höhe, geschätzte 1,5 Milliarden Pfund an Kosten. Ein Konsortium, angeführt vom französischen Versicherungskonzern Axa, baut mit „Bishopsgate 22“, auch bekannt als „Twentytwo“, das größte Hochhaus der City of London – also dem geografisch winzigen, aber wirtschaftlich sehr bedeutenden Finanzbezirk der britischen Hauptstadt. Der Bau erfolgt dabei ausgerechnet an einer Stelle, an der ein vergleichbares Projekt vor einigen Jahren gescheitert war. 12.000 Personen sollen in dem Gebäudekomplex Schätzungen zufolge Arbeit finden. Geht es nach den Entwicklern, wird das Gebäude aber viel mehr als bloß eine Arbeitsstätte: Es soll ein „vertikales Dorf“ entstehen – mit Restaurants, Kunstgalerien und sogar mit einer Kletterwand im 42. Stock. Ende 2019 soll das Gebäude fertiggestellt werden.

Das Vorgängerprojekt stand unter keinem guten Stern. Unter den Namen „The Pinnacle“ hätte ab 2008 ein noch höherer Wolkenkratzer entstehen sollen. Finanziert von saudi-arabischen Investoren wurde vom renommierten US-Architekturbüro Kohn Pedersen Fox (KPF) ein 288 Meter hohes und durchaus extravagantes Gebäude geplant. Die Wirtschaftskrise machte dem Bau allerdings einen Strich durch die Rechnung. Zunächst wurde der Bau gestoppt, im Jahr 2012 dann völlig eingestellt. Letztlich waren nur sieben Stockwerke gebaut worden.

Im Februar 2015 kaufte ein Konsortium angeführt von Axas Immobilienarm Axa Investment Managers (IM) Real Assets das Grundstück für 300 Millionen Pfund. Joint-Venture-Partner ist der Immobilienentwickler Lipton Rogers. Dessen Chef Stuart Lipton gilt in der Branche als Ikone und hat trotz des hohen Alters – im November wurde er 76 – noch keinerlei Ambitionen auf den Ruhestand. „Wir wollen ein ruhiges, elegantes Gebäude. Eines, das nicht zu extravagant ist“, wurde Lipton vom “Guardian” zitiert - und er spielte damit wohl auch auf das gescheiterte Vorgängerprojekt an. Dementsprechend wurde das Gebäude völlig neu geplant – und zwar vom Architekturbüro PLP, das aus einem Spin-off von KPF hervorging, also jenem Unternehmen, das für „The Pinnacle“ verantwortlich war. Neben Axa sind verschiedenen Medienberichten zufolge Temasek Holdings aus Singapur und zwei kanadische Pensionsfonds als weitere Investoren an Bord. Ein erster Plan des neuen Gebäudes wurde schon im Oktober 2015 genehmigt.

Doch schon Anfang 2016 klagten Anrainer gegen das Projekt – weil ihnen das fertige Hochhaus Licht wegnehmen würde. Der Anspruch auf Tageslicht, das sogenannte „Right to light“, ist in den britischen Gesetzen stark verankert. Dem gesamten Bau drohte ein ähnliches Schicksal wie das Vorgängerprojekt. Lipton Rogers räumte öffentlich ein, dass die geltend gemachten Rechtsansprüche eine ernsthafte Bedrohung für das Projekt seien. Schließlich wandte sich der Immobilienentwickler direkt an die Stadt London. Denn nur diese hatte die Macht, das Problem zu lösen – und zwar, indem sie sich zumindest vorübergehend selbst am Bauprojekt beteiligt und damit die Rechtsansprüche der Anrainer aushebelt. Das Planungs- und Transportkommittee der Stadt London entschied sich für die temporäre Beteiligung – und so konnte das Projekt fortgeführt werden. Die Anrainer wurden finanziell entschädigt, der Bau schritt voran.

Aber im Juni 2016 kam schon der nächste Rückschlag für das Projekt – und zwar einer, der sich auf einer viel höheren Ebene abspielte: Das Brexit-Referendum. Zur Überraschung vieler in der Finanzbranche stimmte die britische Bevölkerung mit einer knappen Mehrheit für den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union (EU). Im Londoner Finanzdistrikt, der City of London, hatte eine überwältigende Mehrheit für einen Verbleib in der EU votiert. Mit einem Schlag stellte sich nun die Frage: Was wird aus dem Finanzplatz London? Droht er an Bedeutung zu verlieren? Für Axa und Lipton Rogers drängte sich schnell eine noch konkretere Frage auf: Ist das Projekt „Bishopsgate 22“ überhaupt noch sinnvoll? Schon im Vorfeld hatte Axa mitgeteilt, dass man das Ergebnis des Referendums abwarten wolle, bevor man eine Entscheidung treffe. „Wir haben das Projekt noch nicht gestartet, weil wir erst die Ergebnisse des Brexit-Referendums sehen wollten“, hatte Axa-IM-Chef Pierre Vaquier in einem “Bloomberg”-Interview kurz vor der Abstimmung zu Protokoll gegeben. Doch das Unternehmen dürfte – wohl wie die meisten Akteure der Londoner Finanzbranche – dabei auch einfach gehofft haben, dass der Brexit in der Abstimmung keine Mehrheit finden würde.

So kam es allerdings nicht und daher musste sich Axa plötzlich ganz ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen, wie es nun weitergehen sollte. Vorerst wurde das Projekt auf Eis gelegt. Schnell sickerte durch, dass den am Bau beteiligten Investoren drei mögliche Szenarien vorgelegt wurden. Option 1: den Bau weiter planmäßig zu verfolgen. Option 2: den Bau vorerst auszusetzen und die weiteren Entwicklungen um den Brexit abzuwarten. Option 3: das Projekt vollständig zu verkaufen.

Monatelang war unklar, wie es mit dem Projekt weitergeht. Schließlich kam im Oktober 2016 die Entscheidung: Es wird weitergebaut. London bleibe „ungeachtet der aktuellen Unsicherheiten, die das EU-Referendum ausgelöst hat, eines der führenden globalen Zentren der internationalen Wirtschaft“, führte Axa IM in einer Stellungnahme zur Begründung an. Bei der City of London zeigte man sich ebenfalls erfreut: Die Entscheidung zeige das hohe Vertrauen, das Investoren in Londons künftiges Wachstum hätten, sagte Chris Hayward von der City of London Corporation. In der Branche wurde die Entscheidung jedenfalls als Signal verstanden. „Die Welt nach dem Referendum sieht nach dieser Entscheidung ein bisschen rosiger aus“, schrieb etwa das britische „Architects Journal“ in einer Analyse. Die Entscheidung stütze Großbritannien nach dem Brexit, urteilte das Fachblatt.

Doch die Frage ist: Wie hoch ist dieses Vertrauen wirklich? Speziell in den Wochen und Monaten nach dem Brexit-Votum zeichneten Prognosen ein düsteres Bild von den Aussichten des Finanzplatzes. Für Aufsehen sorgten 2016 etwa Schätzungen der internationalen Strategieberatung Oliver Wyman, die der City of London in Aussicht stellte, 75.000 Jobs im Finanzsektor zu verlieren. Anfang 2017 sagte der damalige Chef der Londoner Börse, Xavier Rolet, in einer Anhörung vor britischen Abgeordneten, dass der britische Finanzsektor 232.000 Stellen verlieren könnte. Doch die düsteren Szenarien bewahrheiteten sich zunächst nicht. Obwohl tatsächlich einige Banken und Versicherungen Jobs verlagerten, erwies sich der Finanzplatz London als robuster als von vielen zunächst angenommen. Im Sommer 2018 legte die City of London eigene Schätzungen vor. Demnach würden bis zum Austritt Ende März 2019 im Londoner Finanzviertel zwischen 5.000 und 13.000 Jobs wegfallen – deutlich weniger also als zunächst befürchtet.

Im Falle eines harten Brexit könnten es allerdings zu spürbar höheren Jobverlusten in der City of London kommen. Einer neuen Studie der Wirtschaftsforscher Alan Winters und Ilona Serwicka von der Universität Sussex zufolge, könnte ein ungeregelter Austritt des Landes aus der EU zu einem wirtschaftlichen Schock führen, der die City of London und den angrenzenden Stadtbezirk Westminster über 42.000 Jobs kosten könnte. Die gesamte Stadt müsste den Berechnungen zufolge damit rechnen, knapp 150.000 Stellen zu verlieren.

Trotz der Entscheidung, den Bau weiterzuführen, sorgt der Brexit bei „Bishopsgate 22“ weiterhin für Unsicherheit, wie auch Stuart Lipton von Lipton Rogers einräumt. „Der Brexit beeinflusst die Nachfrage nicht, er macht die Dinge aber langsamer. Welcher Mieter würde jetzt schon unterschreiben?“, sagte Lipton in einem Interview mit einem Branchenmagazin im November. Er rechnet mit einem „weichen Brexit“, räumt aber ein, dass ein ungeregelter Austritt das Projekt vor Probleme stellen könnte.

Den ersten Mieter konnten Lipton Rogers und Axa aber schon im August präsentieren. Der Spezialversicherer Hiscox wird drei Etagen des Gebäudes mit insgesamt 7.000 Quadratmetern beziehen. Der Mietvertrag läuft vorerst über 19 Jahre. Mit Beazly – ebenfalls einem Versicherungskonzern – gibt es mittlerweile einen weiteren Mieter. Jetzt muss nur noch die britische Regierung einen geordneten Brexit hinbekommen, dann könnte die 1,5-Milliarden-Pfund-Wette auf den Finanzplatz London aufgehen.

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