Mit dem FORBES-NEWSLETTER bekommen Sie regelmässig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-mail-Postfach geliefert.
Simon Hennes hat mit Vivenu eine Software entwickelt, mit der Veranstalter ihre Ticketverkäufe, Kundendaten und das Fan-Engagement selbst in der Hand behalten, statt sie an eine Plattform abzutreten. Das Start-up wickelt 50 Millionen Ticketverkäufe pro Jahr ab und hat Kunden in mehr als 60 Ländern. Dabei sind 70 Mio. US-$ an eingesammeltem Venture Capital bis heute unangetastet geblieben, weil das Unternehmen profitabel ist.
Die Idee hinter Vivenu entstand während eines längeren Aufenthalts in Südostasien. Über ein bestehendes Familiennetzwerk kam Simon Hennes dort mit dem CEO eines Ticketing-Unternehmens in Kontakt, das unter anderem Großevents wie etwa aus Formel 1 und Moto GP betreute. Im Austausch wurde deutlich, dass selbst bei international relevanten Veranstaltungen wenig flexible Technologiesysteme im Einsatz waren. „Mich hat überrascht, wie viel da noch manuell lief – selbst bei Events dieser Größenordnung“, so Hennes. „Da wurde mir sofort klar, dass es enormes Potenzial für bessere Software gibt.“
2018 gründete Hennes gemeinsam mit Jens Teichert und Simon Weber eine UG. Der operative Aufbau erfolgte über zwei Jahre ohne externe Finanzierung, getragen durch eigene Mittel und erste Umsätze. „Die ersten zwei Jahre waren komplett gebootstrappt. Das zwingt dich, sehr nah am Kunden zu arbeiten und nichts zu bauen, was nicht wirklich gebraucht wird“, sagt Hennes rückblickend.
Bereits im Mai 2018 gewann Vivenu mit dem Launch erste zahlende Kunden, darunter ein Abiball und ein Sportverein. Einnahmen wurden von Beginn an über Transaktionsgebühren generiert, also pro Ticket sowie anteilig am Gesamtverkaufswert. Dieses Modell ist bis heute zentraler Bestandteil der Monetarisierung. Auf dieser Grundlage entwickelte Vivenu eine API-basierte Plattform mit offenen Schnittstellen und vorgefertigten Komponenten, über die sich Ticketing-Prozesse flexibel anpassen und in bestehende Systeme integrieren lassen.
Ein entscheidender Faktor liegt dabei im vergleichsweise späten Markteintritt. „Wir hatten den Vorteil, direkt mit einer API-first-Architektur zu starten“, sagt Hennes. Dadurch entstand eine deutlich flexiblere Infrastruktur, die sich einfacher in bestehende Systemlandschaften integrieren lässt und schneller auf neue Anforderungen reagieren kann. Hennes: „Gerade für größere Organisationen wird diese Anpassungsfähigkeit zunehmend zum entscheidenden Kriterium bei der Wahl ihrer Ticketing-Technologie.“
Im Idealfall merkt der Endkunde gar nicht, dass wir existieren.
Simon Hennes
Für den Nutzer bleibt das Technische im Hintergrund: Ticketshops, Verkaufsprozesse und Kommunikation erscheinen im Auftritt des Veranstalters, während die Abwicklung über Vivenu läuft. „Im Idealfall merkt der Endkunde gar nicht, dass wir existieren“, so Hennes. „Das gesamte Erlebnis gehört der Marke des Veranstalters.“
Bis 2020 bewegte sich Vivenu in einer Übergangsphase zwischen Projekt und skalierbarem Business. Kurz nach der ersten Finanzierungsrunde führte die Covid-19-Pandemie zu einem nahezu vollständigen Stillstand des Eventgeschäfts. In dieser Phase wurden die Nutzungsszenarien angepasst und bei Testzentren oder zugänglichen Einrichtungen wie Freibädern eingesetzt. „Corona war für uns ein Stresstest – aber auch eine Chance, das Produkt weiter zu schärfen, ohne zeitgleich im Verkaufsmodus zu sein“, sagt Hennes.
Im Zuge der Weiterentwicklung und Markterholung wurde die Gesellschaftsstruktur später von einer UG in eine GmbH überführt. Ab 2021 wuchs das Team innerhalb von drei Jahren von rund 30 auf etwa 200 Mitarbeitende. Parallel eröffnete das Unternehmen Standorte in Düsseldorf, Darmstadt, Paris, Zürich sowie in New York und Tampa (USA). Dazu entwickelte sich das abgewickelte Volumen auf über 1 Mrd. € jährlich, bei zuletzt rund 50 Millionen verkauften Tickets innerhalb von zwölf Monaten. Die Kundenbasis umfasst heute mehr als 1.100 Organisationen weltweit, mit Vertragslaufzeiten von vier bis sechs Jahren.
Nach einer weitgehend eigenfinanzierten Aufbauphase und einer insgesamt frühen wirtschaftlichen Stabilität erreichte Vivenu 2024 die Profitabilität auf Nettobasis. Das verfügbare Kapital ist vor allem für weiteres Wachstum, Internationalisierung und mögliche Zukäufe vorgesehen und soll die langfristige Weiterentwicklung der Plattform sichern. Zudem baut Vivenu den Bereich KI-getriebenes Ticketing und Fan-Engagement aus, um datenbasierte Entscheidungen zu ermöglichen. Durch die Optimierung von Preisen und Verkaufsprozessen können Veranstalter laut dem Unternehmen ihre Conversion Rates und Umsätze um bis zu 23 % steigern. Die Software wird unter anderem in den Bereichen Sport, Entertainment, Festivals, Museen und B2B-Events eingesetzt.
Aus einem neben dem Studium entwickelten System entstand so eine international eingesetzte Softwareplattform. Der Fokus liegt auf einer technischen Infrastruktur, die unterschiedliche Anforderungen im Ticketing bedient und sich mit wachsendem Volumen weiter skalieren lässt – mit dem Ziel, sich langfristig als globaler Category Leader im Ticketing zu etablieren. „Wir sehen uns nicht als Ticketingfirma, sondern als Technologiepartner für die gesamte Eventindustrie“, fasst Hennes zusammen.
Text: Theresa Made
Foto: Vivenu