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Vom Polizeipräsidium an die Spitze eines Milliardenunternehmens: Nicolas Lother hat nie Ernährungswissenschaft studiert – dennoch verantwortet er heute als Chief Product Officer der Quality Group ein Nahrungsergänzungsmittel-Sortiment, das 4,2 Millionen Menschen täglich nutzen. Ein Gespräch über Qualität als Prinzip, Matcha- Grenzwerte – und darüber, warum echter Wohlstand das Einzige ist, was man nicht delegieren kann.
Mit mehr als 175.000 Gästen verzeichnete die Fitnessmesse FIBO 2026 einen neuen Besucherrekord. Die Quality Group mit ihren Kernmarken More Nutrition und ESN war in diesem Jahr präsenter denn je – um dem Ansturm der Fans gerecht zu werden, gab es vor dem Zutritt zur Messehalle von ESN sogar eine eigene Wartehalle. Nicolas Lother, Chief Product Officer der Gruppe, erinnert sich an die erste FIBO, bei der More überhaupt dabei war: Es war eher ein improvisierter Stand. „Das ist komplett absurd“, sagt Lother, als wir durch den Bereich von More gehen – und er sagt es mit tief empfundenem Staunen.
2025 knackte die Quality Group die Umsatzmarke von 1 Mrd. €, nach rund 800 Mio. € im Jahr davor. Die Gruppe hat über 1.400 Mitarbeitende, 4,2 Millionen aktive Konsumenten und lieferte 2025 rund elf Millionen Bestellungen aus. „Das war kein Business Case, wo ein paar Leute zusammenkommen und eine Company hochskalieren wollten“, sagt Lother über die Anfangszeit bei More; „das war ein Community-Projekt. Man hat das aus Purpose angefangen.“ An der inhaltlichen DNA sei nie gerüttelt worden, nicht nach der Fusion zwischen ESN und More und auch nicht nach dem Einstieg von CVC Capital Partners, einem der weltweit größten Private-Equity-Häuser.
Lother selbst ist das Gegenteil einer klassischen Karriere in dem Bereich: Sportabi, Polizeidienst, Führungsstab im Präsidium – und dann der Absprung. Noch während seiner Polizei-Zeit machte er mit wissenschaftlich fundierten Supplement-Kritiken auf sich aufmerksam. Irgendwann hätten sich die Hersteller bei ihm gemeldet, erzählt Lother: „Warum nur meckern über die Produkte – berätst du uns mal?“ So kamen die ersten Mandate; und er fand den Weg zu More Nutrition.
Du kannst niemandem sagen: ‚Geh für mich ins Gym!‘
Nicolas Lother
Das Herzstück seiner Arbeit ist die Entwicklung von Produkten. Ist eine Idee wissenschaftlich fundiert, bietet aber keinen ernährungsphysiologischen Nutzen, werde sie nicht freigegeben, egal wie interessant das Produkt aus Sicht des Marketings sei. Da Qualität ein Kernwert von Lother und der Quality Group ist, kann ein neues Supplement mitunter eineinhalb bis zwei Jahre in der Entwicklung stecken. Zum Schluss hat jedes Produkt dann noch eine letzte Instanz vor sich: die Community. „Wir nehmen unsere Influencer als Schnittstelle und Repräsentanten in den Prozess mit rein“, sagt Lother. „Wenn die nicht happy sind und nicht sagen: ‚Das schmeckt geil, da stehe ich mit meinem Gesicht dafür!‘ – dann wird eine Extrarunde gedreht.“ 2025 umfasste das Sortiment über 2.100 Produkte – rund 250 neue Produkte kamen hinzu.
Umsatz dürfe nicht auf Kosten der Qualität gehen, so Lother. Bei den Matcha-Proteinprodukten von ESN und More stand man vor dieser Herausforderung – Matcha ist von Natur aus aluminiumbelastet: Nur ein Bruchteil des globalen Angebots unterschreitet laut Lother die Grenzwerte der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) für einen unbedenklichen täglichen Konsum. Als die Nachfrage der Quality Group nicht mehr gedeckt werden konnte, sei intern diskutiert worden, auf eine niedrigere Qualitätsstufe auszuweichen. Lothers Antwort: „Dann müssen wir halt weniger verkaufen!“ 2025 wurden gruppenweit knapp 60.000 Rohstoffe und Produkte geprüft, 180.000 Qualitätsparameter bewertet und über 2.000 Validierungen durch akkreditierte externe Labore durchgeführt. Jeder Rohstoff wird beim Eingang auf Spezifikationen, Verunreinigungen, Schwermetalle und in puncto Mikrobiologie getestet – das fertige Produkt durchläuft nach der Produktion erneut eine Quarantäne mit Inhouse-Analyse und externer Stichprobenkontrolle. Ein Großteil der Produktion bleibt in Deutschland, im eigenen Haus: „Lohnhersteller sind auf Effizienz getrimmt“, sagt Lother, „die haben keine Lust, 100 Feedback-Runden für den Geschmack zu machen. Die haben ihre festen Rezepturen. Dann kommt man irgendwann an eine Grenze, an der man sich nicht mehr vom Rest des Markts differenzieren kann.“
Den größten Hebel für echte Gesundheit sieht Lother nicht in teuren Longevity-Kliniken oder Biohacking-Protokollen: „Das finde ich wenig impactful, ehrlich gesagt – weil es sehr elitär ist.“ 80 bis 90 % der Healthspan-Vorteile liegen für ihn in den Grundlagen: gesundes Körpergewicht, Kraftsport und Cardio, eine protein- und ballaststoffreiche Ernährung, gute Mikronährstoffversorgung. Was die Quality Group dabei mindestens genauso betreibe wie den Produktverkauf, beschreibt Lother so: „Education und Motivation.“ Was man in den letzten Jahren allein im Proteinbereich aufgeklärt habe, habe dazu geführt, dass Protein im Mainstream angekommen sei – es ist nicht mehr bloß ein Supplement für Bodybuilder. Genau das, sagt er, mache die Quality Group zu einem Longevity-Unternehmen, auch wenn das Wort so nicht auf Verpackungen oder Plakaten steht.
Abseits von Geld bedeutet Wohlstand für Lother vor allem Gesundheit: Echter Wohlstand sei für ihn, in zwanzig Jahren noch zu laufen, zu trainieren und Zeit mit der Familie zu haben. Finanziellen Wohlstand könne man delegieren, auslagern, skalieren; Gesundheit und Fitness nicht, dafür sei man allein verantwortlich: „Du kannst niemandem sagen: ‚Geh für mich ins Gym!‘“
Foto: Robert Eikelpoth