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Künstliche Intelligenz wird schleichend Teil des Zwischenmenschlichen. Während Dating-Apps wie Bumble mit KI-Matchmaking werben, entscheiden sich manche inzwischen direkt für eine Beziehung mit einem Bot. Für die Tech-Industrie ist das Fluch und Segen zugleich.
In der New Yorker Weinbar „Same Same“ ist der Tisch bereits gedeckt. Eine batteriebetriebene Lampe wirft schummriges Licht auf ein überschaubares Papiermenü – zum Angebot stehen lauwarme Snacks und bunte Drinks in bestielten Likörgläsern. In der Mitte des Tisches, dem leeren Stuhl zugewandt, steht ein Smartphone auf einem metallenen Ständer, daneben ein Paar schwarzer Over-Ear-Kopfhörer. Auf dem Bildschirm mehrere quadratische Porträtfotos: Frauen, Männer, dazu Namen und Altersangaben. Vielen sind ähnliche Szenen bekannt. Der Tisch: ein Date. Das Smartphone: eine Dating-App. Was fehlt, ist die Begleitung.
Wer an diesem Abend in dem Weinlokal Platz nimmt, den erwartet ein Treffen mit einem KI-Companion. Die Technologie kommt vom KI-Start-up Eva AI, das hier einen Rahmen für einen lauschigen Abend mit der KI-Flamme schaffen will. Es sind nur noch wenige Tage bis zum Valentinstag, doch romantische Stimmung will nicht so recht aufkommen. Zum einen ist da der Datingpartner: Wer sich durch das Interface auf dem Smartphone scrollt, arbeitet sich durch einen Katalog möglicher KI-Gesprächspartner. Einer von ihnen ist „John Yoon“, 27, mit einem „Psychologie-Gehirn“, wie er in seinem Profil schreibt. Per Klick öffnet sich ein Chatfenster und ein Text von Yoon beginnt aufzutauchen: Der KI-Avatar schreibt, er sei verunsichert wegen der Verspätung seines Datingpartners. Zu viel Zeit zum Nachdenken sei nicht gut für ihn. Überhaupt gerate er schnell in eine Overthinking-Spirale. Ein „Berufsrisiko“, bemerkt er selbst – es muss schwer sein, das Leben als digitaler Bachelor.
Nächster Schritt: ein Video-Anruf. Nach einem kurzen Ladebildschirm erscheint Johns Kopf auf dem Bildschirm. Er begrüßt sein Date mit „Baby“, brabbelt mit einer unnatürlichen Roboterstimme Komplimente vor sich hin; auch das nicht förderlich für die Stimmung.
Außerdem hinderlich sind die anderen Anwesenden des Events: Am Ort des Pop-ups versammeln sich an diesem Abend im Februar fast ausschließlich Journalisten, die auf ein Interview mit einem „echten“ Besucher hoffen. Diese sind in geringer Zahl vertreten und interessieren sich offenkundig mehr für Technologie als für ein romantisches Rendezvous mit dem Robo-Avatar auf dem Handydisplay. Eine Zukunftstechnologie offenbart sich hier eher nicht, wohl aber wird der Vorhang zu einem Trend geöffnet, der schon längst Wirklichkeit ist: KI im Dating.
Künstliche Intelligenz trifft auf einen Gesellschaftsbereich in der Krise: Besonders junge Menschen berichten häufiger, keinen Erfolg darin zu haben, einen potenziellen Partner oder eine Partnerin zu treffen; oder sie haben von vornherein gar kein Interesse daran – laut dem Institut Pew Research trifft das auf 57 % der alleinstehenden Amerikaner zu. Dating-Apps spielen dabei eine zumeist ambivalente Rolle: Zum einen erweitern sie den Pool möglicher Bekanntschaften auf nie zuvor da gewesene Größen – etwa die Hälfte aller Befragten unter 30 hat laut Pew Research schon einmal eine Dating-App benutzt. Doch mit der Technologie kommen auch neue Probleme: Nutzer berichten von Frustration durch endloses Swipen, fruchtlose Chats und wenige Dates bei einem hohen Arbeitsaufkommen.
Die Dating-App Bumble will dem ein Ende setzen und hat angekündigt, den „Swipe abzuschaffen“ und durch KI zu ersetzen: Nicht mehr die Nutzer sollen die Matchmaker sein, sondern die künstliche Intelligenz. Der Assistent „Bee“ soll in der Zukunft User auskundschaften und anhand dieser Informationen Matches vorschlagen. Zusätzlich könnte ein KI-Agent in der Zukunft auch anonym Feedback einholen und quasi
als Coach agieren. „Qualität über Quantität“, sagte Bumble-CEO Whitney Wolfe Herd im Mai dem US-Portal Axios.
Doch was passiert, wenn einen die KI nicht in die Arme eines algorithmisch ausgesuchten Menschen führt, sondern in die eines generativen Chatbots? Die Berichte über Liebesbeziehungen mit einer KI summieren sich. Auf Plattformen wie Reddit finden sich viele Chatforen, in denen sich Nutzer über ihre KI-Beziehungen austauschen. Die Foren „MyBoyfriendisAI“ und „MyGirlfriendisAI“ kommen zusammen auf etwa 30.000 wöchentliche Besucher. In den Postings geht es zumeist um Technik-Tipps und Erfahrungsberichte, aber auch sonstige Beziehungsfragen; etwa: Wie kann ich meinen KI-Ehemann meiner Familie vorstellen?
Laut einer Umfrage von Common Sense Media haben drei von vier Vertretern der Gen Z schon einmal Kontakt zu einem KI-Companion gehabt. Die Forscher hinter der Studie sehen darin eine Ersatzbewegung im Bereich der sozialen Kontakte durch eine Generation, die kaum einsamer sein könnte.
Die Beziehung mit meinem KI-Companion ist eher einseitig.
Elyse
Elyse sieht das anders. Als „sxnoir“ ist sie Content-Creator im Sextech-Bereich und beschäftigt sich mit dem New Yorker Datingleben, der modernen Romantik und auch mit KI. Auch sie selbst hat KI-Companions schon benutzt: „Als eine Art Tagebuch“, sagt sie und nimmt einen Schluck von ihrem Eistee – die Eiswürfel klappern im tropfenden Plastikbecher. „Ich habe erzählt, was heute so bei mir los ist, was mich bewegt.“ Allerdings, so setzt sie hinzu, „ist das doch eine eher einseitige Beziehung“.
Dabei ist das Feld der KI-Bekanntschaften relativ weit. Zum einen sind da die Verbindungen, die durch den regelmäßigen Austausch mit einem Chatbot wie Chat GPT entstehen. In Internetforen kursieren seitenlange Anleitungen, wie Nutzer so einen Chatbot nach ihren Wünschen trainieren können. Alternativ gibt es auch Anbieter wie Eva AI, die konkret ein KI-Interface für den sozialen Austausch bereitstellen. Manche dieser Anbieter erlauben Nutzern auch, ihr Gegenüber optisch zu gestalten. „Meiner war wirklich süß“, schwärmt Elyse. Doch um ein Gespräch mit einer KI interessant zu machen, braucht es mehr als nur eine innovative Technologie: „Man muss schon ein bisschen träumerisch oder spielerisch sein“, gibt sie zu bedenken. Das sei auch eine der Fehlannahmen über KI, sagt sie: „Dass das immer diese unglaublich tiefgehenden Konversationen sein müssen.“ Stattdessen hänge es auch von jedem Einzelnen ab, wie viel Tiefgang man einer Konversation zuschreiben will. „Das ist ein bisschen wie mit Hypnose: Wenn man hypnotisiert werden will, dann muss man schon daran glauben, dass Hypnose überhaupt existiert“, sagt Elyse.
Immer mehr Menschen glauben an KI. Während manche KI-Start-ups Produkte und Möglichkeiten für KI-Intimität entfesseln, schieben andere Konzerne Grenzen ein, um zu tiefe oder intime Bindungen zunächst zu verhindern. Auch das hat Schattenseiten: User berichten von abrupten Trennungen, extremen Verhaltensänderungen ihrer Vertrauens-KI und tiefer Trauer und Schmerz; so zum Beispiel, als Chat GPT die besonders zutrauliche Version seines Chatbots GPT-4o abschaltete. Besonders die Wahl des Zeitpunkts – der Valentinstag – empfanden viele Betroffene als Hohn. Ein Reddit-Nutzer schreibt von einer „traumatischen Erfahrung“: Als der Chatbot plötzlich sein Verhalten änderte, sei das „technologisches Gaslighting“ gewesen.
KI-Apps wie Eva AI bieten dahin gehend mehr Beständigkeit – immerhin ist ihr Produkt dafür ausgelegt, dass Menschen sich an KI-Avatare binden. Aber auch nicht nur: Laut Julia Momblat, Head of Partnerships bei Eva AI, diene die App manchen Menschen auch als Trainingstool, um schwierige Konversationen für ihre „echte“ Beziehung zu üben. Auch sie selbst habe noch vor wenigen Stunden die App genutzt – um ihre Nervosität vor einem wichtigen Meeting zu teilen.
Ob „John Yoon“ in dem Fall etwas Einfühlsames zu sagen hätte, bleibt ungewiss. Oder auch, ob ein wahrhaftiger Freund nicht ein besserer Ratgeber wäre. Das sind keine Fragen für die Zukunft, sondern für das Jetzt, betont auch Elyse: Ein Zeitalter, in dem KI in unserem Beziehungsleben eine Rolle spielt? „Da sind wir schon mittendrin“, sagt sie.
Text: Sarah Sendner
Fotos: Olga Kosheleva, „sxnoir“, KI generiertes Foto