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Ein Telefon klingelt, und am anderen Ende meldet sich eine Stimme, die antwortet, einen Termin bucht und das Anliegen löst – ohne dass der Anrufer merkt, dass eine Maschine mit ihm spricht. Aus dieser Idee hat Daniel Keinrath in nicht einmal zwei Jahren ein KI-Unternehmen mit einer Bewertung von 120 Mio. € geschaffen. Während die größten Namen der Branche aus dem Silicon Valley kommen, will der 26-jährige Wiener mit Fonio AI beweisen, dass sich ein globaler Marktführer auch aus Europa heraus aufbauen lässt.
Im Büro im siebten Wiener Gemeindebezirk wird noch gebohrt und verlegt, weil das Team schneller gewachsen ist, als die Räumlichkeiten mithalten konnten. Wo vor wenigen Monaten noch Sofas standen, reihen sich heute Schreibtische aneinander, an denen junge Menschen konzentriert auf ihre Bildschirme blicken. Wer hereinkommt, wird kurz mit einem Nicken begrüßt, dann verschwinden die Köpfe wieder hinter den Monitoren. Auf der Terrasse steht ganz nach Start-up-Manier ein Tischtennis-Tisch. Im Sales-Raum überlagern sich verschiedene Sprachen, während Mitarbeitende mit Headsets ihre Verkaufsgespräche führen. Mittendrin sitzt Daniel Keinrath, 26 Jahre alt, der in dem Getümmel um sich herum eigentlich ganz ruhig wirkt.
Er ist Co-Founder und CEO von Fonio AI, einem Wiener Start-up, das KI-Telefonassistenten für kleine und mittelgroße Unternehmen anbietet – das seien nämlich jene Betriebe, bei denen ein verpasster Anruf gleichbedeutend mit einem verlorenen Kunden ist, erklärt Keinrath. Gemeinsam mit seinem Co-Founder Matthias Gruber, der seit Beginn ihrer Zusammenarbeit knapp eine Stunde von der Hauptstadt entfernt remote arbeitet, hat er Fonio AI im Herbst 2024 gegründet. Das Unternehmen wuchs in weniger als zwei Jahren auf knapp 10.000 Kunden, darunter Volkswagen, Storebox und das Deutsche Rote Kreuz, wickelt mehr als zwei Millionen automatisierte Anrufe im Monat ab und zählt rund 7 Mio. € wiederkehrenden Jahresumsatz. Mittlerweile ist Fonio AI in mehreren europäischen Ländern und in Brasilien vertreten. Das Start-up hat kürzlich den Betrieb in Großbritannien und den USA aufgenommen und plant die Eröffnung von Büros in Märkten wie New York, München, Mailand, Paris, London und Warschau.
Im Dezember 2025 hatte das Unternehmen mit 3 Mio. € eines der größten Angel-Investments Europas eingesammelt und war überzeugt, fürs Erste genug Kapital zu haben. Anfang Juni schloss Fonio AI dann aber doch eine Seed-Runde über 14,6 Mio. € bei einer Bewertung von 120 Mio. € ab. Den Lead übernahm der Londoner Fonds 20 VC. Nach eigenen Angaben ist Fonio AI derzeit nicht profitabel, aufgrund der hohen Investition in die Kundengewinnung. Bis Jahresende erwartet man dafür aber ein Resultat von 30.000 Kunden. „Die Firma könnte jederzeit profitabel gedreht werden, mit Profiten im sechsstelligen Bereich pro Monat“, sagt Keinrath. Um mindestens 30 % pro Monat will das Unternehmen wachsen. Für die nächste Wachstumsphase hat Fonio AI ein gemeinsames Ziel vor Augen: „Jetzt ist die Zeit für uns, immens zu wachsen. Wir wollen aus Wien heraus die größte Firma Europas bauen“, sagt Keinrath.
Damit begibt sich das österreichische Start-up in ein umkämpftes Feld der künstlichen Intelligenz: Weltweit zählt der Datendienst Tracxn insgesamt 153 Unternehmen, die an Sprach-KI arbeiten (Stand April 2026; dazu gehören alle Systeme, die menschliche Sprache verstehen, erzeugen und in Echtzeit beantworten können) – 109 davon haben Investments von insgesamt 3,29 Mrd. US-$ (2,89 Mrd. €) eingesammelt. In einem ähnlichen Geschäft wie Fonio AI bewegt sich das Berliner Unternehmen Parloa, das zuletzt mit 3 Mrd. US-$ bewertet wurde und somit ein Unicorn ist. Laut dem Handelsblatt ist das Parloa-Team mittlerweile auf 350 Personen angewachsen, die jährlich einen wiederkehrenden Umsatz von 50 Mio. US-$ machen. Das Unternehmen bedient Kunden wie SAP, Booking, Generali und Decathlon. Während Parloa also die Konzerne umwirbt, setzt Fonio AI bewusst auf den Mittelstand.
Dass aus Keinrath ein Unternehmer werden würde, deutete sich früh an – schon in der Volksschule, erzählt seine Mutter, habe er nicht Astronaut oder Feuerwehrmann werden wollen, sondern: „Chef“. In seinen Jugendjahren wollte er Anerkennung bekommen und hatte den Wunsch, endlich „richtig cool“ zu sein, erinnert sich Keinrath. Mit 18 Jahren organisierte er Events in Wien und dirigierte dabei Crews von 70 Leuten; später gründete er mit einem Partner das Adtech-Start-up Get Nano, das er 2024 an die deutsche Influencer-Plattform Stylink verkaufte. Geld, sagt er, sei nie sein Treiber gewesen. Nach dem Verkauf zog es ihn ohne festen Plan nach San Francisco – dort hatte er seinen ersten Kontakt mit einer Sprach-KI. Zwei Dinge fielen ihm auf: „In Europa hatte man allgemein von dieser Technologie noch nie gehört. Und die Leute, die damals dort an einer KI bauten, haben alle nur für Entwickler und Großkonzerne gebaut“, erzählt Keinrath. Die große Marktlücke sah er in Europa im Bereich der kleinen und mittelgroßen Unternehmen, aufgrund ihrer hohen Dichte.
Jetzt ist die Zeit für uns, immens zu wachsen. Wir wollen aus Wien heraus die größte Firma Europas bauen.
Daniel Keinrath
Nun fehlte nur noch der Mitgründer. Matthias Gruber, den Keinrath für den besten CTO Europas hält, wollte nach Jahren in einer fordernden Scale-up-Position eigentlich seine Ruhe und blockte ein Angebot von Keinrath, gemeinsam die Idee in ein Unternehmen zu verwandeln, zweimal ab. Also baute Keinrath eine Landing-Page, drehte ein Werbevideo, investierte 1.000 € in Anzeigen und rief jeden an, der sich im Kontaktformular eintrug. Innerhalb von 14 Tagen hatte er einen KI-Telefonassistenten zehnmal verkauft, den es noch gar nicht gab. Das überzeugte Gruber, der nur noch „Too good to be true!“ geantwortet haben soll, ehe er zusagte.
Im ersten Jahr führte Keinrath an manchen Tagen 18 bis 20 Kundengespräche, ernährte sich zwischendurch von Eiweißshakes und beantwortete bis 23 Uhr Support-Mails, während Gruber das Produkt programmierte. Den ersten Mitarbeiter stellten die beiden vor einem Jahr ein – heute sind es fast 60, während rund 40 Stellen (vorwiegend im Sales- und Marketingbereich) noch offen sind.
Zweimal lag bereits ein Kaufangebot im zweistelligen Millionenbereich auf dem Tisch. Zu diesem Zeitpunkt gehörten ihm und Gruber noch knapp 90 % der Unternehmensanteile. „Dann hätte ich nach Steuern einen sehr schönen Geldbetrag auf dem Konto, würde wahrscheinlich ein paar Monate in Südostasien entspannen und dann die nächste Firma starten“, spielte Keinrath damals das Szenario durch. „Lustigerweise hat es für mich nicht mal eine Sekunde gedauert, Nein zu sagen“, sagt er. Bei seinem Co-Founder sei es genauso gewesen.
„Ich kriege extrem viel Energie und Freude aus meiner Arbeit. Das ist meine Berufung“, sagt Keinrath. Mit 26 Jahren stelle sich für ihn ohnehin die Frage, was er sonst tun solle. „Wie oft kriege ich im Leben die Chance auf perfektes Timing-Glück, den besten Co-Founder der Welt und ein großartiges Team?“, sagt der Geschäftsführer. Verkaufen werde er nur unter einer Bedingung: „Wenn andere Mitbewerber langfristig ihre Firmen besser führen und Fonio im Wettbewerb langsam abflacht. Wir sind nicht irrational“, sagt er. Solange die Erfolgssträhne aber hält, gilt: „Das Ziel ist ein IPO“, so Keinrath.
Wir glauben an Europa und übernehmen Verantwortung. Das ist wirklich der Grund, warum ich morgens aufstehe.
Daniel Keinrath
Das KI-Sprachmodell hinter Fonio AI sei „recht irrelevant“, sagt der Geschäftsführer. „In unserem Tech-Stack macht es vielleicht 20 % aus und ist austauschbar“, führt er aus. „Je nachdem, welches Modell wir in der EU gehostet hinbekommen, damit keine Daten an Unternehmen wie Open AI gehen, wählen wir aus.“ Entscheidend sei nämlich die Orchestrierungsebene: Das ist eine zentrale Software-Middleware, die komplexe Workflows koordiniert und automatisiert. In der Spracherkennung ist diese Ebene relevant, da sie das Sprachmodell und Firmenwissen in Echtzeit in ein flüssiges Gespräch verwandelt. Die größte technische Hürde bei KI-Sprachassistenten liege laut Keinrath darin, zu erkennen, wann ein Mensch ausgesprochen hat und wann er nur kurz Luft holt. „Viele denken, wir verkaufen einfach den Open-AI-Voice-Modus, also das, wo du auf Chat GPT Audios schicken kannst. Das ist aber viel zu instabil, halluziniert zu viel und ist extrem teuer“, sagt Keinrath.
Bei aller Begeisterung für sein eigenes Produkt bleibt Keinrath an einem Punkt nüchtern: „Ein gut ausgebildeter Mensch schlägt eine KI noch“, sagt er. Wo sein Produkt glänze, sei die Erreichbarkeit kleiner Betriebe, die personell ohnehin am Limit arbeiten, und der Vergleich mit schlecht ausgebildeten Mitarbeitern in Callcentern, die seine KI längst übertreffe. Die Angst vor Halluzinationen sei beim KI-Telefonassistenten von Fonio AI größtenteils unbegründet, sagt Keinrath: „Mittlerweile kriegen wir es hin, dass sie meistens sagt, dass sie es nicht weiß. Halluzinationen passieren noch, aber mittlerweile sehr, sehr selten.“ In der nächsten Entwicklungsstufe will Keinrath aus dem Telefonassistenten eine Plattform für sämtliche Kanäle machen, von Whatsapp bis E-Mail. Am Ende soll ein „KI-Betriebssystem für KMU“ entstehen, das vollwertige digitale Mitarbeiter bereitstellt. Die Idee dazu, erzählt er, sei von den Kunden selbst gekommen, die alles aus einer Hand haben wollten statt fünf einzelner Anbieter.
Dass Keinrath all das ausgerechnet von Wien aus skaliert, ist eine bewusste Entscheidung – und sie fällt ihm sichtlich nicht leicht. „Die Grundwerte, die wir in Europa haben, finde ich irrsinnig schön. Das Einzige, was in Europa blöd ist, ist, Firmen zu gründen“, kritisiert er. „Wenn du mich nach den Vorteilen des Standorts Wien fragst, gibt es keine. Die Bürokratie ist schlimm und ich habe das Gefühl, die Politik hört nicht ordentlich hin. Auch die Talentdichte ist anderswo deutlich höher.“
Im Zuge der Finanzierungsrunde, erzählt er, hätten zwei bekannte Gründer, deren Namen er nicht nennt, investieren wollen. Schließlich sei es am österreichischen Gesellschaftsrecht gescheitert, das keine unkomplizierte Beteiligung erlaube. Auch bei der Mitarbeiterbeteiligung, in den USA längst der Weg zum Wohlstand für frühe Angestellte, zahle man hier ein Vielfaches an Steuern. Trotzdem bleibt er und baut Fonio AI in Österreich auf: „Europa ist großartig zum Leben und wirtschaftlich schlecht, das kann man ruhig beim Namen nennen“, sagt Keinrath – „aber wir verändern das. Wir glauben an Europa und übernehmen Verantwortung. Das ist wirklich der Grund, warum ich morgens aufstehe.“ Sein Vorbild ist Spotify, das aus Schweden einen Tech-Standort machte und eine ganze Generation früher Mitarbeiter wohlhabend werden ließ. Auch bei Fonio AI hält jeder einzelne Mitarbeiter Anteile. In einem KI-Zeitalter, das von US- und chinesischen Konzernen dominiert wird, hält Keinrath es für entscheidend, dass Europa wenigstens einen eigenen Champion hervorbringt. „In unserer aktuellen Firmenphase ist der einzige Grund, warum wir das Ding nicht global gewinnen würden, dass wir es selbst verbocken“, sagt er. „Ich möchte in zwei Jahren nicht denken: Ich hatte alle Karten in der Hand und habe es verspielt!“
Fotos: Niko Havranek