EIN COMPUTER FÜR ALLE

Titelbild: Dfinity, Start-up, Dominic Williams, CEO, Blockchain

Dominic Williams hat eine Mission: Mit seinem Start-up Dfinity baut der Brite an einer Blockchain-Lösung, die er „Internet-Computer“ nennt. Sie soll das Netz revolutionieren.

Dominic Williams zeigt auf den schwarzen ­­Kasten, der leise neben ihm brummt: „Wie der hier!“ Gerade hat Williams erklärt, dass ­Browser, Datenbanken, Mailprogramme – eigentlich alle Arten von Softwareanwendungen – heutzutage auf spezieller Infrastruktur installiert und ­betrieben werden. Eigene Server eben, wie der schwarze neben ihm. Das mache das Internet selbst „dünn“, so Williams. Es beschränkt sich auf ­reine Konnektivität und die Möglichkeit, weltweit schnell Informationen auszutauschen. So ­revolutionär das Web zu Beginn war – ­gegründet mit dem Ziel, die Kommunikation im Falle ­eines Atomkriegs aufrechtzuerhalten – will Willi­ams nun den nächsten Schritt machen. ­Seine Idee nennt er den „Internet-Computer“. „Mit ­unserer Entwicklung, einer Art virtuellem Blockchain-Supercomputer, wollen wir das Netz wieder dick machen“, sagt der Gründer des Start-ups Dfinity. Softwaresysteme, Programme und ­Daten werden dann direkt im Internet betrieben, es wird erweitert oder, anders ausgedrückt: „dick“.

Aktuell seien es noch die Unternehmen, die mit dem Problem kämpfen, zu dick zu werden, so Williams, der bis zu diesem Zeitpunkt im Gespräch noch kein einziges Mal Luft zwischen seinen Sätzen geholt hat. Wegen der Digitalisierung und des exponentiell wachsenden Einsatzes von Software müssen sie extrem viel Rechenkapazität aufbauen. Um genau das zu vermeiden, wird auch für große Geschäftsanwendungen externe Infrastruktur immer beliebter. Dazu zählen ­Beispiele wie Amazon Web Services, ­Google Cloud oder Microsoft Azure. 2017 setzten laut ­Umfrage des Branchenverbands Bitkom bereits zwei ­Drittel ­aller deutschen ­Unternehmen auf solche Cloud-Lösungen. Der Trend zeigt sich weltweit, Tendenz steigend. Die Gründe sind klar: Wer auf die Cloud setzt, spart nicht nur Investitionen in Infrastruktur, sondern auch Zeit und ­Personal, um diese zu betreiben. Zudem bieten Cloud­lösungen Flexibilität und garantieren softwaretechnisch stets den neuesten Stand.

Bild: Dominic Williams, CEO, Dfinity, Start-up, Internet, Blockchain

Dominic Williams
... studierte Computerwissenschaften am King’s College London. Er startete einige Tech-Start-ups, etwa Smartdrivez oder Fight My Monster, bevor er Dfinity gründete. Das Unternehmen des Briten ist als gemeinnützige Stiftung im Schweizer Zug – das auch als „Crypto Valley“ bekannt ist – angesiedelt.

Williams kann nachvollziehen, warum ­Unternehmen auf die Cloud setzen, findet die Entwicklung aber trotzdem extrem bedenklich: „Letztendlich liegt das Internet dadurch ­wieder in den Händen weniger.“ Das war eigentlich nicht der Plan. Denn das Internet sollte unabhängig von einer bestimmenden Instanz und offen für ­jedermann sein. Eben diese Eigenschaften machten das Netz überhaupt erst attraktiv und ­ließen die Nutzerzahlen von den Anfängen mit 56k-­Modem und seinem typischen Einwahlsound bis zu den Gigabit-Leitungen heute regelrecht explodieren: 4,3 Milliarden Menschen waren Ende März weltweit online. Jetzt allerdings ­passiere quasi das Gegenteil: Das Internet verschließt sich wieder. Williams: „Der Kunde ist in den großen Cloud-Lösungen gefangen. Wer seine gesamte Softwareumgebung auf Amazon Web Services ausgelegt hat, kann nicht einfach mal zu Microsoft Azure migrieren, wenn es ihm bei Amazon nicht mehr passt.“

Neben der Freiheit für Unternehmen, „ihre Softwareumgebung direkt im Internet aufzubauen und damit unabhängig zu sein“, hätte der „Internet-Computer“ laut Williams noch einen weiteren großen Vorteil: Sicherheit. Die Entwicklung sei „unhackbar“. Wie immens wichtig das Thema ist, zeigen gleich mehrere spekta­kuläre Datenlecks. So wurde Ende 2018 das US-­Hotel­unternehmen Marriott gehackt. ­Bilanz: eine ­halbe Milliarde Kundendaten wurden ­gestohlen. Bei der Cyberattacke auf Yahoo waren 2013 sogar drei Milliarden User-Accounts betroffen, 2011 traf es 77 Millionen Playstation-Käufer, deren Zugangsdaten Cyberdiebe erbeuteten. Die Liste ­ließe sich erweitern, so Williams.

Letztendlich liegt das Internet heute wieder in den Händen einiger weniger.

Ein anderer großer Pluspunkt des Internet-­Computers ist laut dem Dfinity-Chef die Innovationskraft, die er freisetzt. Denn durch die ­dezentrale Natur der Entwicklung entfällt das Plattformrisiko. Wegen der zunehmenden Monopolisierung des Internets bleibt Start-up-Gründern nämlich oft nur die Möglichkeit, ihre Services auf Daten aufzubauen, die Facebook oder Google zur Verfügung stellen. „Das erzeugt eine gefährliche Abhängigkeit.“ Eindrücklichstes Beispiel ist die US-Gaming-Firma Zynga. Ihre Browsergames, allen voran Farmville, bauten auf Facebook auf, fast 80 % des Umsatzes erwirtschaftete Zynga über die Social-Media-Plattform. Als diese beschloss, dass solche Browsergames nicht zu ihrer Vision passten, beschränkte es die Anzahl der Nachrichten, die Spieleunternehmen an die Facebook-Nutzer senden konnten. Zynga war über Nacht nahezu zerstört: Der Aktienwert des Unter­nehmens fiel um 40 %. Das Unternehmen gibt es zwar heute noch, an die Erfolge mit Farmville konnte es aber nicht mehr anknüpfen. Ein ähnliches Schicksal widerfuhr Hunderten Start-ups, die mit LinkedIn-Profilen arbeiteten.

„Auf dem Internet-Computer könnte ein Open Facebook, ein Open LinkedIn oder ein Open WhatsApp laufen – da würde niemand die Schnittstellen verändern oder schließen“, sagt Williams. Das würde zur Umsetzung von ­vielen guten Ideen führen. „Eine der ersten Fragen von VCs ist heute jene nach der Abhängigkeit von ­einer bestimmten Plattform. Riechen die Geld­geber ein Risiko, wird es schwer, Funding zu bekommen“, sagt Williams. Bei seiner Firma Dfinity (ein Wortspiel aus den Begriffen Distributed und Infinity, die für „verteiltes Rechnen“ und „unbegrenzte Skalierbarkeit“ stehen) hatten die Risikokapitalgeber offenbar keine Bedenken. Bis ­heute sammelte das Unternehmen, das wie andere Blockchain-Start-ups seinen Sitz als gemeinnützige Stiftung in Zug in der Schweiz hat, satte 195 Millionen US-$ Kapital ein. Die größten Anteile stammen vom US-Fonds Andreessen Horowitz und dem auf Blockchain spezialisierten VC-­Unternehmen Polychain aus San Francisco.

Seinen gesamten Unternehmenswert beziffert das im März 2015 von Williams gegründete Unternehmen auf fast zwei Milliarden US-$. Damit wäre Dfinity das zweite Schweizer „Unicorn“, nach dem Medizintechnik-Start-up Mindmaze. Die Bewertung ist allerdings umstritten, da sie sich nicht auf den Unternehmenswert, sondern auf das Vermögen der eigenen ­Token, der „dfinities“, bezieht. Dabei handelt es sich ­allerdings nicht um eine Währung wie Bitcoin, sondern um ein Steuerungselement für den Internet-Computer, erklärt Williams. Denn nur, wer dfinities besitzt, darf Software auf dem Inter­net-Computer installieren und betreiben. Dabei handelt es sich um eine dezentral organisierte Cloud, die aus Millionen einzelner Rechnerknoten (sogenannten „Nodes“, Anm.) besteht.

 

Wie das Internet große Unternehmen ausbremst
(Quelle: CIO Journal, AWS, Spiegel/Reuters/DPA, The Guardian, NYT)

Infografik: Zynga, Bank of America, Amazon, Internet

 

Hackerangriffe verdeutlichen die Gefahren, denn große Unternehmen im Internet ausgesetzt sind
(Anzahl der gestohlenen Kundendaten)

Infografik: Dfinity, Kundendaten gestohlen, Playstation, Marriot, Target, Yahoo

Dass Williams mit seinem ­Unternehmen am Heiligen Gral der Blockchain-­Technologie ­arbeitet, ist ihm vollkommen bewusst. Kurz nach ­seinem Studium der Computerwissenschaften am King’s College London, das der gebürtige Brite 1995 als Jahrgangsbester abschloss, kam Williams das ­erste Mal mit dem Thema Blockchain in ­Kontakt: Für sein erstes Start-up Smartdrivez, ein Onlinespeichersystem und früher Vorläufer von Dropbox, beschäftigte er sich auch mit der Crypto++-­Bibliothek des US-Informatikers Wei Dai, der in seinem heute in der Informatiker­szene berühmten „B-Money“-Paper schon 1998 das Grundkonzept der Kryptowährung ­Bitcoin beschrieb. Williams war fasziniert, hatte aber wegen der Smartdrivez-Gründung keine Zeit, die Sache weiterzuverfolgen. Sein Unternehmen fiel dem Dot-Com-Crash zum Opfer, Williams ­gründete das Massen-Onlinegemeinschaftsspiel „Fight My Monster“. Um Millionen Spieler miteinander ­zocken zu lassen, untersuchte Williams verschiedene Ansätze zum effizienten verteilten Rechnen. Dabei stolperte er auch über wissenschaftliche Veröffentlichungen zur Blockchain.

Er vertiefte sich monatelang in Literatur rund um Blockchain-Algorithmen und ­erkannte schließlich einen Weg, wie er die Algorithmen so verbessern konnte, dass der Internet-Computer möglich wird. Spätestens ab da habe es keinen Weg zurück gegeben, sagt Williams. „Wenn wir das nicht machen, macht es ein anderer“, sagt er.

Dazu hat er ein Team aufgebaut, das sich ­sehen lassen kann: Die Namen Timo Hanke (vormals Entwickler von AsicBoost, einer Methode für effizienteres Bitcoin-Mining), Jan Camenisch (ehemals bei IBM, im Bild rechts zu sehen), Andreas Rossberg (Google), Mack McCauley (Facebook, Amazon, Microsoft), Paul Liu (Intel), Claudio Russo (Microsoft) und Ben Lynn (Google) lesen sich für Kenner der Szene wie die Aufstellung des NBA-All-Star-Teams. „Wir wachsen jede Woche“, sagt Williams.

Mit Ethereum hat die Blockchain-Welt jedoch eigentlich schon einen dezentralen Computer. Diese Technologie kann im Gegensatz zu Bitcoin, wo nur einfache Transaktionen möglich waren, auch sogenannte „Smart Contracts“ ausführen: intelligente Verträge, die von Rechnerknoten im Ethereum-Netzwerk ausgeführt werden. Dirk Siegel, Leiter des Blockchain Institute der Unternehmensberatung Deloitte, dazu: „Vieles, wofür man heute noch Verträge braucht, würde damit automatisch passieren.“ Der Experte denkt etwa an eine Transportausfall­versicherung, die automatisch zahlt, wenn Flug oder Bahn große Verspätung haben – ganz ohne Formulare. „In diesem neuen Paradigma wird die juristische Sicherheit durch eine faktische ersetzt.“ Blockchain-Experten sprechen auch vom „Code is Law“-Prinzip.

Bild: Dominic Williams, Dfinity, Start-up, Blockchain, Interview

Das würde funktionieren, liefe die Berechnung im Ethereum-Netz deutlich schneller ab, als sie es tut. Die aktuellen Blockchain-Implementierungen gelten als sehr sicher, kommen aber hinsichtlich Geschwindigkeit und Skalierbarkeit schnell an ihre Grenzen. Rund sechs Minuten braucht Ethereum, um eine Transaktion zu bestätigen, Bitcoin sogar bis zu einer Stunde. ­Dfinity gibt an, solche Aufgaben in unter fünf Sekunden zu lösen – 72-mal so schnell wie Ethereum. Erreichen will Williams diesen Rekordwert mit einem neuen, von ihm erdachten Konsens-Algorithmus. Der Mechanismus ermöglicht nicht nur eine schnellere Bestätigung der Berechnungen, sondern erreicht das auch mit deutlich weniger Energieverlust als die bei Bitcoin und Ethereum eingesetzten Konsens-Algorithmen.

„Wenn sie die ­Geschwindigkeitswerte ­tatsächlich erreichen, wäre Dfinity in der Tat extrem schnell“, sagt Nils Urbach, ­Professor für Wirtschaftsinformatik und Strategisches IT-Management an der Universität Bayreuth und Mitgründer und -leiter des Fraunhofer Blockchain-Labors. „Aber bisher ist der Internet-­Computer deutlich mehr Versprechen als fertige Lösung.“ Dirk Siegel: „Dfinity bohrt gerade definitiv eines der dicksten Bretter in der Blockchain-Welt überhaupt. Wenn das aber klappt, wird das zu einer alles durchdringenden Veränderung der Gesellschaft führen.“ Auch, weil die Kosten für die Entwicklung und insbesondere den Betrieb von Software stark fallen würden. Wartung und Instandhaltung, der mit Abstand größte Kostenblock, wären nicht mehr nötig. ­Dfinity rechnet mit Einsparungen von rund 75 %.

Die Idee zu Dfinity sei wichtig, so Willi­ams, aber nur ein Bruchteil der Unternehmensidee – die richtige Umsetzung werde über den Erfolg entscheiden. „Das Team, das wir aufgebaut haben, ist wahrscheinlich eine unserer größten Errungenschaften“, so der Dfinity-Gründer. In diesem Jahr wird der Internet-Computer gestartet, die weiteren Funktionen werden in den kommenden drei Jahren ausgerollt. „Jetzt müssen wir liefern.“

Text: Denis Dilba

Der Artikel ist in unserer April-Ausgabe 2019 „Geld“ erschienen.

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