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Sexspielzeug, Erotik, aber auch Telemedizin: Jeanette Hepp sucht sich gezielt Märkte, über die man nicht gern spricht. Als CMO von DrAnsay baut sie eine Marke auf, die durch Vertrauen wachsen und aufklären soll – auch über Frauengesundheit.
Ganz am Anfang verschiedene Jobs in der Mode- und Luxusbranche, später gut fünf Jahre bei zwei der bekanntesten Sexspielzeug- und Erotik-Händler Deutschlands, nun seit eineinhalb Jahren in der Telemedizin mit Schwerpunkt Cannabis – beim Scrollen durch Jeanette Hepps Linkedin-Profil formt sich im Kopf das Bild einer lauten, rebellischen Frau, die gerne gegen den Status quo aufsteht. Das stimmt jedoch nur zum Teil: „Ich schwimme gerne gegen den Strom“, bestätigt Hepp, zeigt jedoch im Gespräch auch eine ruhige, überlegte Seite.
Hepp ist seit Mai 2025 Chief Marketing & Growth Officer der Gesundheitsplattform DrAnsay. Als Chefin folgt sie dem Grundsatz „Fordern und fördern“: Sie setzt große Ziele, erwartet Commitment und schickt Mitarbeiter auch einmal ins kalte Wasser. „Ich zwinge niemanden“, sagt sie – „es muss nicht jeder im Team wagemutig sein; man braucht auch eine gewisse Balance und ein gewisses Gegengewicht“. Bei einem Mitarbeiter, der anfangs „vehement“ gegen künstliche Intelligenz war, setzte sie auf Gespräche und Fallbeispiele statt auf Druck.
Die Markenstrategin war zuvor Chief Communication Officer beim Unternehmen hinter dem Onlineshop für Sexspielzeug Eis.de (dort unter anderem für das Werbevideo „Es rappelt im Karton“ verantwortlich) und später CMO beim Erotikunternehmen Beate Uhse. Alle drei Marken bewegen sich in Märkten mit Tabus und engen Grenzen für Werbung. „Ich suche mir gerne Felder, vor denen sich die meisten scheuen, weil ich Diskussionen anregen möchte“, sagt Hepp. Sie sieht viele Parallelen: Einschränkungen auf Social-Media-Kanälen, Stigmatisierung, viel Aufklärungsarbeit. Genau diese Dinge reizen sie. Doch Hepp reizt nicht nur das Tabu, sondern auch die unternehmerische Herausforderung: Marken von Grund auf groß zu machen oder ihnen in schwierigen Zeiten eine neue Perspektive zu geben.
Begonnen hat sie in der Mode. Ihre Großmutter war Schneiderin, Hepp widmete ihr die Abschlusskollektion ihres Modedesign-Studiums. Danach arbeitete sie im Publishing und in der PR, auch für die Beautybranche. Dort fehlte es ihr an Abwechslung, sagt sie: „Nagellack war auf Dauer repetitiv.“
Anfang der 2010er-Jahre wechselte sie zu Eis.de. Viele in ihrem Umfeld fragten, ob das ihrer Karriere schaden könnte. „Mir war schon bewusst, dass es ein kleines Risiko gibt“, sagt Hepp. Doch sie reizten die Möglichkeiten. Sex und Erotik waren damals noch stärker Tabuthemen als heute, Sexualität als Lifestyle war ein weitgehend unerschlossener Markt – und Hepp gehörte zu denen, die ihn erschlossen und die Branche nachhaltig veränderten. „Am liebsten arbeite ich dort, wo das Blatt Papier noch möglichst weiß ist“, sagt Hepp. Sie erkannte, dass Markenarbeit in dem Bereich Aufklärungsarbeit ist – und dass diese gut mit einem Augenzwinkern funktioniert. „Du musst deiner Zielgruppe Informationen geben; aber nicht zu viele. Oft ist es besser, eine Geschichte zu erzählen, als eine Umfrage zu zitieren“, sagt Hepp.
Die Kampagne mit „Es rappelt im Karton“ war so eine Geschichte – und ein voller Erfolg. Laut der Einreichung für den Effie, einen Werbepreis für besonders wirksame Kampagnen, stiegen die Bestellungen im ersten Quartal 2016 gegenüber dem Vorjahresquartal um bis zu 88 %, der Frauenanteil bei den Bestellungen von 59 auf 69 %. Über Sexualität habe man damals kaum geredet, so Hepp.
2017 wurde sie Marketingvorstand von Beate Uhse und begleitete das Unternehmen durch den Sanierungsprozess. Ein Investor kam an Bord, das Geschäft sollte digital wachsen. Doch Hepp und ihr Kollege hatten verschiedene Vorstellungen, wie es mit der Marke nachhaltig weitergehen sollte, und sie ging. Nach drei Jahren auf Aruba – dort lebte Hepps heutiger Mann, den sie kurz zuvor kennengelernt hatte – kehrte sie 2021 nach Berlin zurück, wo sie zuerst beim Insurtech Element, dann beim
KI-Start-up Frontnow arbeitete; und letztes Jahr in den nächsten umstrittenen Markt – zu DrAnsay – wechselte. Eine Marke fand Hepp bei DrAnsay nicht vor: „Es gab eine Plattform, die sehr technisch war, und es gab Social-Media-Kanäle, auf denen Inhalte gespielt wurden – aber ohne Strategie.“ Wahrgenommen wurde das Unternehmen vor allem über Cannabis, obwohl es mehrere Gesundheitsleistungen anbietet. Nach rund vier Monaten folgte das Rebranding. Hepps Mission ist es nun, DrAnsay als breiter aufgestellte Gesundheitsmarke zu etablieren und Vertrauen aufzubauen – gerade in einem sensiblen Markt, in dem Glaubwürdigkeit entscheidend ist. Dass DrAnsay umstritten ist, schreckte sie nicht ab: „Mich spornt das an.“
Sie beschreibt ihren Arbeitgeber als Gesundheitsunternehmen: „Can Ansay (der Gründer; Anm.) möchte das deutsche Gesundheitssystem herausfordern – zu Recht, finde ich.“ Für Hepp ist das besonders im Bereich der Frauengesundheit wichtig – dort werde zu wenig geforscht und informiert, vieles „vom Tisch gewischt“, findet sie. Rund neun Millionen Frauen sind laut Bundesgesundheitsministerium derzeit in den Wechseljahren, etwa ein Drittel davon hat stärker belastende Beschwerden. Für die ärztliche Beratung dazu fehlt eine eigene Abrechnungsziffer, bemängelten Ärzte im „Dialogprozess Wechseljahre“ des Ministeriums. Dessen Ergebnispapier hält fest: „Es besteht ein großer Informations- und Aufklärungsbedarf.“
Genau dort will Hepp ansetzen und DrAnsay als Hebel nutzen. Mit einem Frauenmagazin brachte das Unternehmen kürzlich Endometriose-Patientinnen, eine Ärztin und eine Künstlerin, die Betroffene fotografiert hat, an einen Tisch. Solche Treffen soll es mehrmals im Jahr geben. „Mit diesen Veranstaltungen haben wir einen direkten Impact“, so Hepp. Ihr Anspruch ist es erneut, Pionierarbeit zu leisten, Tabus aufzubrechen und gesellschaftliche Debatten anzustoßen, die weit über die eigene Marke hinausreichen. Hepp: „Dann steigen andere auf den Wagen und der Schneeball kommt ins Rollen.“
Foto: Cherie Birkner