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Inhabergeführte Betriebe, kurze Wege und eine Lebensmittelwirtschaft, die auf Zutaten aus der Region setzt: In Südtirol gründete die Bankberaterin Christina Gasser die „Hiesig Eis.Werk.Statt“. Mit Milch und Obst von nebenan produziert sie hochwertiges Speiseeis für Betriebe vom kleinen Café bis zum großen Hotel. Es ist nur eines von vielen Start-ups, die von Südtirols wachsendem Innovationsumfeld profitieren.
Christina Gasser war jahrelang im Finanzwesen tätig, als sie der Gedanke beschlich, dass ihr das nicht reicht. „Ich habe mich abends oft gefragt, was ich den ganzen Tag lang eigentlich geleistet habe“, sagt Gasser. Weil sie auch eigene Ideen umsetzen wollte, gründete sie 2017 die „Hiesig Eis.Werk.Statt“, die handgemachtes Speiseeis aus regionalen Zutaten für Gastronomie- und Handelsbetriebe herstellt.
Wo Industrieeis auf künstliche Zusatzstoffe setzt, verwendet Gassers Unternehmen Frischmilch und Frischsahne, echte Vanille statt Aroma und verzichtet auf Farb- und Geschmacksstoffe. Die Nähe zu Lieferanten beschreibt Gasser als Standortvorteil: Der Milchhof Sterzing, ein italienweit bekannter Joghurthersteller und ihr wichtigster Lieferant, liegt nur 500 Meter entfernt.
Kurze Lieferwege, persönliche Beziehungen zu Produzenten und eine regionalbewusste Kundschaft prägen den Alltag vieler Südtiroler Betriebe. Auch die kleinteilige Bankenlandschaft nennt Gasser als Vorteil: Kreditanträge würden vor Ort meist innerhalb kürzester Zeit bearbeitet, während man in Großstädten bei Großbanken mitunter Monate warte. „Die schnelle Abwicklung ist im Unternehmertum aber wirklich wichtig“, sagt Gasser.
Ein weiterer Standortvorteil: die Lage zwischen den Sprach- und Wirtschaftsräumen. Gassers Unternehmen beliefert Österreich und sucht aktuell einen Handelspartner für Deutschland. Südtirol liegt strategisch günstig zwischen dem deutsch- und dem italienischsprachigen Markt; beide Sprachen und Mentalitäten gehören für Südtiroler Unternehmen zum Alltag. Während deutsche und österreichische Partner meist mit festen Listenpreisen arbeiten, werden Konditionen in Italien häufiger im direkten Gespräch abgestimmt. Beide Arbeitsweisen zu kennen ist ein klarer Vorteil.
Zu Beginn finanzierten Gasser und ihr Mann das Unternehmen vollständig selbst. Geholfen haben ihr die Branchenverbände im Handwerk und in der Gastronomie sowie die Handelskammer, die bei Etikettierung und Lebensmittelrecht unterstützte, häufig kostenfrei. Genau solche Anlaufstellen, kombiniert mit gewachsenen Netzwerken zwischen Institutionen, Verbänden und Unternehmen, machen für viele Gründerinnen und Gründer in Südtirol den Unterschied.
In Südtirol kann man sich von allen umliegenden Märkten das Beste suchen.
Christina Gasser
Eissorten wie „Apfelstrudel“ erinnern an die Region. Das Sortiment wird jährlich überarbeitet; am besten verkaufen sich die klassischen Sorten wie Vanille, während Neuheiten wie Keks mit Haselnusscreme zeigen, dass auch Experimente ihren Platz haben. Die Entscheidung über das Sortiment trifft das Team gemeinsam.
Kommendes Jahr feiert die „Hiesig Eis.Werk.Statt“ ihr zehnjähriges Bestehen. Durch die Pandemie kam das Unternehmen vergleichsweise robust, da die Gastronomie zur Hauptsaison im Sommer ohnehin wieder geöffnet hatte; Hiesig wuchs in dieser Zeit sogar weiter.
Für die kommenden Jahre denkt Gasser über eine Bio-Linie nach. Doch solange es keine Bio-Sahne aus einem Südtiroler Milchhof gibt, möchte sie lieber auf die regionale Variante zurückgreifen, anstatt Bio-Sahne aus Deutschland zu importieren. Priorität hat stattdessen das Wachstum im deutschsprachigen Raum.
Jungen Gründerinnen und Gründern rät Gasser, sich der finanziellen Unsicherheit am Anfang bewusst zu sein, den Schritt aber trotzdem zu wagen, wenn man an die Idee glaubt. Man lerne aus einer Gründung mehr als aus jeder Anstellung, sagt Gasser; unabhängig davon, wie erfolgreich jene letztendlich ist. Als Mutter einer kleinen Tochter schätzt sie an der Selbstständigkeit vor allem die Freiheit, Entscheidungen selbst zu treffen und Ideen direkt umzusetzen.
Heute beschäftigt die „Hiesig Eis.Werk.Statt“ vier Mitarbeitende und beliefert Betriebe von kleinen Cafés bis zu großen Hotels. Für Gasser bleibt der Weg dorthin ein Beleg dafür, was Südtirol als Arbeits- und Wirtschaftsstandort ausmacht: die Nähe zu Produzenten, ein mitwachsendes Netzwerk aus Verbänden, Förderstellen und Innovationsangeboten und eine Lage, die sprachliche und kulturelle Vielfalt in einen wirtschaftlichen Vorteil verwandelt. „In Südtirol kann man sich von allen umliegenden Märkten das Beste suchen“, sagt Gasser.
Dass Gründerinnen wie Gasser in Südtirol kein Einzelfall sind, zeigt der Blick auf den NOI Techpark in Bozen, Südtirols wachsendes Innovationsviertel für Wirtschaft und Wissenschaft. Mehr als 2.550 Menschen aus 15 Sprachräumen arbeiten dort gemeinsam für den Fortschritt. Im NOI Techpark sind etwa 76 Unternehmen und ca. 37 Start-ups sowie 70 Forschungslabors angesiedelt, mit Schwerpunkten unter anderem in Greentech, Food- und Agrartechnik sowie alpinen Technologien. Bemerkenswert: Rund 30 % der dortigen Start-ups werden von Frauen oder gemischten Teams gegründet; ein Anteil, der in den vergangenen Jahren stabil blieb, während er anderswo zuletzt eher rückläufig war. Die Leiterin des Start-up Incubators im NOI Techpark ist Pia Maria Zottl, die viel Erfahrung in der Gründer- und Finanzwelt einbringt: Zwischen 2011 und 2023 war sie im Silicon Valley und bei einem Start-up-Kapitalgeber in London tätig. Im NOI Techpark stellt sie jetzt sicher, dass Gründende, Kapital und Knowhow zusammenkommen. In Südtirol gelingt das jedes Jahr mehr.
Foto: Hiesig Eis.Werk.Statt