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Seit 2014 gehört der k. u. k. Hof- und Kammerjuwelier A. E. Köchert zu den sogenannten „Les Hénokiens“, jenen über 200 Jahre alten Unternehmen, die nicht nur in Familienbesitz sind, sondern auch von Mitgliedern der Familien erfolgreich geleitet werden. Heute führen Wolfgang, Christoph und Florian Köchert ihr Haus in sechster Generation – die siebte steht in den Startlöchern.
Über dem Eingangstor des von Theophil Hansen errichteten Gebäudes an der Adresse Neuer Markt 15 im Herzen Wiens weht eine in dunklem Blau gehaltene Fahne mit der Aufschrift „K. u. k. Hof- und Kammerjuwelier u. Goldschmied A. E. Köchert, seit 1814“. Kunden werden nach Läuten der Messingglocke freundlich hereingebeten. Auch der erste Raum im Inneren des Juweliergeschäfts, das Entree, ist original von Theophil Hansen, es wurde im Jahr 2015 aufwendig restauriert.
In Vitrinen, in dunklem Holz gehalten, mit feinen Intarsien werden die eleganten Schmuckstücke präsentiert; hinter Panzerglas. Am Eingang links liegt ein umfangreicher Bildband mit einer Auswahl an prominenten Entwürfen der Familie Köchert auf, in Kategorien und Epochen aufgeteilt. Im Raum dahinter kann man einen Blick auf die weltberühmten Sisi-Sterne werfen.
Rechter Hand geht es über eine schmale eiserne Wendeltreppe hoch in den Salon. „Vor etwa 200 Jahren“, sagt Christoph Köchert, „hätte man Sie in so einem Raum empfangen“ – Geschäftslokale habe es damals noch nicht gegeben. Damals wurde alles vom Hemd bis zum Hut, und somit auch Schmuck, maßgefertigt. „Man darf sich das nicht als Geschäftslokal wie das heutige vorstellen“, sagt Köchert. Erst später, mit dem Einzug in die Niederlassung am Neuen Markt im Jahr 1873, kamen die Kunden auch ins Geschäft. Ab da wurde sukzessive mehr „auf Lager“ produziert, wie man es heute kennt. Gemeinsam mit seinem Cousin Wolfgang Köchert führt Christoph Köchert das Geschäft in Wien, seit 2005 ist mit seinem Bruder Florian „La Maison Köchert“ auch
in der Salzburger Innenstadt vertreten.
Im Jahr 1814 eröffnete Emanuel Pioté, ein Franzose aus Limoges (das am Fluss Vienne liegt), seine Goldschmiede in Wien und machte sich schnell einen Namen – so beginnen Wolfgang, Christoph und Florian Köchert, aus der Familiengeschichte zu erzählen. Zeitpunkt und Standort des Geschäfts (die Vermutung legt es nahe) waren wohlweislich gewählt – denn nach dem Sturz Napoleon Bonapartes im Frühjahr 1814 ordnete sich Europa unter der Leitung des damaligen österreichischen Außenministers Klemens Wenzel Lothar Fürst von Metternich im sogenannten Wiener Kongress (18. September 1814 bis 9. Juni 1815) neu, und für diese Verhandlungen kamen Vertreter von mehr als 200 europäischen Staaten, Städten, Herrschaften und Körperschaften nach Wien; mit ihnen ihre Familien und Bediensteten sowie Händler und Handwerker. Es war eine gute Zeit für Geschäftsleute.
In einem Brief aus der damaligen Zeit heißt es: „Die Stadt Wien bietet gegenwärtig einen überraschenden Anblick dar – alles, was Europa an erlauchten Persönlichkeiten umfasst, ist hier in hervorragender Weise vertreten. Dies alles erzeugt eine Bewegung und eine solche Verschiedenheit von Bildern und Interessen, dass nur die außerordentliche Epoche, in der wir leben, etwas Ähnliches hervorbringen konnte.“ Es war eine der vielen Hochzeiten der europäischen Diplomatie – und den an den monatelangen Verhandlungen Beteiligten wurde auch mit dem einen oder anderen kostbaren Schmuckstück Dank für ihren Einsatz ausgedrückt.
Ein Diadem ist durch seine Einsatzmöglichkeiten eigentlich die beste Investition.
Wolfgang Köchert
1819 heuerte Jakob Heinrich Köchert, aus Riga kommend und auf der Walz, bei Emanuel Pioté an. Er sollte später Piotés Schwägerin heiraten und alsbald dessen Geschäftspartner werden. Köchert brachte die Kunst des Fassens großer Edelsteine ins Geschäft; das hatte er während seiner Lehrjahre im russischen St. Petersburg gelernt. Fortan firmierte man unter „Pioté et Köchert“ – und es war Fürst Klemens Metternich, der Christoph Köchert zufolge auch einer von Köcherts großen Förderern sowie Kunden gewesen ist. Nachdem Kaiser Franz I. für den osmanischen Botschafter zum Dank ein fein graviertes goldenes Etui anfertigen ließ, wurde Pioté et Köchert zum „Kaiserlich-königlichen Hofjuwelier“ befördert.
Später, 1848, wurde das Haus unter der damaligen Leitung von Jakob Heinrich Köchert zum „k. u. k. Hof- und Kammerjuwelier“. „Man hatte ein Abzeichen am Revers, mit dem man direkt in die privaten Räumlichkeiten der Kaiserfamilie vorgelassen wurde“, erklärt Wolfgang Köchert. Hofjuweliere gab es einige, Kammerjuweliere bis auf wenige Überschneidungen immer nur einen. Damals waren ihre Vorfahren schon einige Zeit mit der Erstellung der kaiserlichen Insignien betraut gewesen, sagt Wolfgang Köchert.
1854, sechs Jahre nach seiner Krönung, heiratete Kaiser Franz Joseph die heute weltweit als Sisi bekannte Prinzessin Elisabeth von Bayern – im selben Jahr übernahm der aktuelle Namensgeber Alexander Emanuel Köchert das Haus von seinem Vater Jakob Heinrich. Die berühmten, mit Diamanten besetzten Sisi-Sterne, die die Kaiserin im Haar trug, wurden 1858 von Franz Joseph bei Köchert in Auftrag gegeben; 27 Stück – bis heute seien das beliebte und gut verkaufte Stücke, sagt Florian Köchert. Nach der Ausstrahlung der Sisi-Serie auf Netflix, sagt er, sei die Nachfrage deutlich gestiegen.
Bis heute gilt die Familie Köchert als ein mit dem europäischen Adel eng verbundenes Haus. In dieser Schicht habe Schmuck, erklärt Kunsthistoriker Florian Köchert, bisweilen auch heute noch einen anderen Stellenwert als Dekor – es werden damit, wie die verstorbene Queen Elizabeth II. dies zu tun pflegte, auch diplomatische Zeichen gesetzt. „Schmuck setzt immer auch ein Symbol und dient nicht allein der Dekoration“, so Florian Köchert.
„Alle Stücke“, betont Christoph Köchert, „waren bespoke“ – zunächst wurden die entsprechenden Steine ausgewählt, etwa für ein Collier oder ein Diadem; danach fertigten Zeichner für die Auftraggeber „teilweise fast fotorealistische Entwürfe an“, aus denen dann ein Stück ausgesucht und letztendlich gefertigt wurde. „Das ist auch der Grund, warum Sie hier im Salon so viele Zeichnungen hängen sehen; insgesamt haben wir rund 15.000 Zeichnungen in unseren Archiven liegen“, so Christoph Köchert weiter. Bis heute sei es eine Spezialität des Hauses, Stücke zu kreieren, die wandelbar seien: etwa Diademe, die sich mit wenigen Schrauben zu Colliers umbauen lassen oder bei denen man Teile daraus als Broschen tragen kann, erklärt er weiter. „Und Diademe kommen gerade wieder in Mode, das nicht nur in Adelshäusern.“ „Ein Diadem“, schließt sich Cousin Wolfgang schmunzelnd, aber durchaus ernsthaft an, „ist durch seine Einsatzmöglichkeiten eigentlich die beste Investition.“ Das alles solle aber nicht darüber hinwegtäuschen, sagt Florian Köchert, dass man mit klassischen Anfertigungen wie etwa Ehe- oder Verlobungsringen preislich durchaus konkurrenzfähig sei. „Diese Anfertigungen sind für uns ebenso wichtig wie die Bespoke-Anfertigungen und andere Stücke wie etwa Jagdabzeichen als schöne Tradition unter Jägern“, so Florian Köchert weiter.
Das Geschäft hörte für die Juweliere freilich nicht mit dem Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie auf, so Wolfgang Köchert: Da gab es noch das (höhere) Bürgertum, das auch zu Zeiten der Monarchie einen großen Teil der Kundschaft abbildete. „Auch das Bürgertum wollte seinen Wohlstand zeigen – und man darf nicht außer Acht lassen, dass in den Jahren nach 1918 neue Königreiche wie Albanien entstanden sind“, so Wolfgang Köchert weiter; diese wurden ebenfalls zu Kunden. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg und mit dem Eisernen Vorhang, so Wolfgang Köchert, rutschte Wien vom Zentrum „ans Ende der (westlichen; Anm.) Welt“.
Eine über 200 Jahre durchgehende Geschichte bietet nicht nur Raum für die Geschichten von A. E. Köcherts Klientel, sie bietet auch Raum für gestalterische Epochen – vor Kurzem war eine Ausstellung in Gödöllö mit Stücken zu sehen, die das deutlich machte, so Wolfgang Köchert. „Der Schmuck reflektiert auch gesellschaftliche Brüche und Umbrüche, zum Beispiel jene in der Art-déco-Zeit, in der am Schmuck selbst diese völlig neue Zeit sichtbar wird.“ Bis heute arbeitet das Haus Köchert mit zeitgenössischen Künstlern zusammen.
Über die Jahre und Jahrzehnte hielten die Kunden, die zum Teil ausgewandert waren, dem Geschäft die Treue. Auch darum ranken sich Geschichten der Familie – so wurde etwa kurz vor Kriegsende der am Neuen Markt eingelagerte Schmuck mancher Familien ins Salzkammergut gebracht, um ihn vor den Plünderungen der Roten Armee zu schützen, die nach deren Einmarsch in Wien stattfanden, so Christoph Köchert. „Die Familie hat diese Stücke – gemeinsam mit dem gesamten anderen Schmucklager des Unternehmens – in den privaten Grundstücken am Traunsee und Grundlsee vergraben und versteckt. Da waren einige unserer Kunden überrascht, dass da noch Stücke übrig geblieben sind, als wir ihnen ihren Schmuck nach dem Krieg wieder ausgegraben und zurückgegeben haben“, erzählt er. Auch die Goldschmiede habe man während des Kriegs durchbeschäftigt, so Christoph Köchert weiter, damit sie nicht einrücken mussten. Die Geschichte zeige, dass besonders in den schwierigsten Zeiten Edelmetalle und Edelsteine ein wertvolles Asset waren bzw. sind.
Viele Menschen, erzählt Christoph Köchert, haben während der Kriege und auch danach ihr Überleben oder ihre Flucht mit ihrem Schmuck bezahlt. Bis heute erreichen einzelne Stücke aus längst vergangenen Tagen und vom anderen Ende der Welt die Juweliere. „Manche dieser Stücke versuchen wir für unsere eigene kleine Sammlung zurückzukaufen“, so Christoph Köchert weiter; wie erst kürzlich eine Brosche, die in einem Nachlass in Argentinien aufgetaucht ist. Auf die Frage, wie viele Stücke die Köchert-Privatsammlung aktuell zähle, lehnt sich Wolfgang Köchert lachend zurück, verschränkt die Arme und sagt: „Ein paar.“ Diskretion gehört zum Geschäft.
Da waren viele Familien überrascht, als wir ihnen nach dem Krieg ihren Schmuck wieder zurückgegeben haben.
Christoph Köchert
Vor rund zwei Jahren erlangten die Köcherts mediales Aufsehen, als Schmuckstücke aus der legendären Vitrine XIII der österreichischen Schatzkammer in Kanada wieder auftauchten. Ende 1918 ließ Kaiser Karl den „kaiserlichen Hausschmuck“ (auf den die Republik Österreich allerdings Besitzansprüche erhebt) in die Schweiz bringen, wo er einige Jahre verblieb – und sich danach seine Spur verlor. Der Schmuck galt als verschollen. Er hat allerdings Kaiserin Zita auf ihren Stationen im Exil auf der Flucht vor den Nazis bis nach Kanada begleitet. Kurz vor ihrem Tod verfügte sie, dass der Verbleib der Juwelen frühestens 100 Jahre nach dem Tod Kaiser Karls bekannt gemacht werden dürfe.
Im Sommer 2025, so erzählt es Christoph Köchert, habe ihn einer der Erzherzöge der Familie Habsburg zur Seite genommen und ihm eröffnet, dass in Kanada noch einige dieser Stücke vorhanden seien; er solle sie auf Echtheit überprüfen. „Da waren ganz große, ganz wichtige Schmuckstücke dabei. In diesem Moment der Begutachtung Teil dieser Geschichte sein zu dürfen war für mich schon ein Gänsehautmoment“, so Christoph Köchert. Die verbliebenen Schmuckstücke sollen nun in Kanada ausgestellt werden.
2014 wurde der k. u. k. Hof- und Kammerjuwelier in den Kreis der Hénokiens aufgenommen – also jener Unternehmen, die seit mehr als 200 Jahren nicht nur in Familienhand, sondern auch erfolgreich von Familienmitgliedern geführt werden. Von den aktuell 56 Mitgliedern sind durchwegs alle aus Europa und Japan. In Österreich gehört neben A. E. Köchert J. & L. Lobmeyr zum Klub; das mit großem Abstand älteste Unternehmen ist das Ryokan Hoshi, das seit dem Jahr 717 seit 56 Generationen durchgehend von der Familie Hoshi geführt wird. Die Unternehmensgröße spiele bei den Hénokiens keine Rolle, erklärt Florian Köchert: „Es gibt kleine Unternehmen wie das unsere und große wie etwa den italienischen Büchsenmacher Beretta oder den französischen Autobauer Peugeot mit Milliardenumsätzen, die im Grunde alle durch ein ähnliches Wertegefüge und gemeinsame Interessen zusammengehalten werden“, sagt er. Christoph Köchert schließt an: „Bereits beim ersten Treffen haben wir uns mit den anderen Familien auf Anhieb verstanden – wir teilen einfach auch die gleichen Themen, die wir mit großer Offenheit besprechen können. Oft sind das Nachfolgethemen; oder Fragen der Organisationsentwicklung, wenn ältere und jüngere Generationen zusammenarbeiten; oder Fragen wie „Wie funktioniert Übergabe?‘“
In der Vergangenheit gab es beim Hof- und Kammerjuwelier zwei Mitglieder aus zwei Familienstämmen in der Geschäftsführung, in Übergangsphasen zeitweise auch drei Geschäftsführer aus verschiedenen Generationen. Seit 1991 sind die Cousins Christoph und Wolfgang Köchert in Wien am Ruder und mit Christoph Köcherts jüngerem Bruder Florian, der 2002 nach seiner Goldschmiede-Gesellenprüfung und einem Kunstmanagementstudium in Großbritannien wieder nach Österreich zurückkehrte, wurde das Familienunternehmen 2005 um den Standort Salzburg erweitert. Die Entwicklungsschritte und Veränderungen in der Organisation wurden und werden auch heute noch beraterisch begleitet, sagt Wolfgang Köchert. Dem Geschäft habe das jedenfalls gutgetan, so alle drei unisono.
Wie und ob sich die Kundschaft in den vergangenen Jahren verändert hat, wollen wir am Ende noch wissen. Das Salzburger Publikum sei gemischt, sagt Florian Köchert: „Teilweise kommen sogar Schiffstouristen aus Deutschland die Donau hinauf, steigen in Passau oder Linz aus, machen von dort aus einen eintägigen Busausflug nach Salzburg und kommen in unser Geschäft. Das sind zum Teil doch sehr betuchte Kunden.“ Vor zehn, fünfzehn Jahren seien diese Kunden noch nicht da gewesen. Ein großer Teil der Salzburger Kunden seien darüber hinaus wohlhabende Menschen aus Deutschland, die ihren zweiten bzw. ersten Wohnsitz aus steuerlichen Gründen ins Salzburgische verlegt haben.
Wolfgang, Christoph und Florian Köchert repräsentieren die sechste Generation des Unternehmens – die siebte steht in den Startlöchern. „Die sitzen gerade einen Stock höher und bereiten ihr Ding vor“, so Christoph Köchert. Da komme etwas Neues, sagt er stolz. Alle Köcherts – vergangener, aktueller und künftiger Generationen –, die im Geschäft mitarbeiten, müssen eine Goldschmiedelehre absolvieren, jeder mit eigener Zusatzausbildung; etwa Gemmologie und Edelsteinhandel (Wolfgang Köchert), Betriebswirtschaftslehre (Christoph Köchert) sowie Kunstgeschichte und europäische Literatur (Florian Köchert). Die siebte Generation sei hier keine Ausnahme.
„Dennoch“, sagt Christoph Köchert, „sind das echte Entrepreneurs, die sich entschlossen haben, selbst etwas zu beginnen, bevor sie hier an den Start gehen.“ „Die Transmissionszeit wird eine wichtige“, sagt Wolfgang Köchert; „es wird nicht schlagartig gehen.“ Und weiter: „Es wird ein Einfädeln und ein Ausfädeln sein. Wir sehen uns nämlich nicht nur als Handwerksbetrieb, sondern spüren auch eine tiefe Verantwortung für unsere Mitarbeiter, für unsere Region. Das ist auch ein Grund, warum wir uns wünschen, dass es weitergeht – und dass es in der Familie weitergeht.“
Fotos: Gianmaria Gava