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KI macht Softwareentwicklung schneller und günstiger – für IT-Dienstleister, die jahrzehntelang Entwicklerstunden verkauft haben, verschiebt sich damit, wofür Kunden bezahlen. Cloudflight hat diesen Wandel früh erkannt und sein Geschäftsmodell darauf ausgerichtet. Hierzulande treibt Doris Lippert, Geschäftsführerin von Cloudflight Österreich, diese Neuausrichtung seit April voran.
„Das haben wir intern schon gebaut“ – diesen Satz hört Doris Lippert heute häufig von Vorständen und Geschäftsführern. Die nächste Frage folgt oft gleich danach: „Wie können wir das steuern – wie können wir es sicher administrieren, inklusive Kostenkontrolle?“ Für Lippert zeigt sich darin, wie sich die Softwarebranche verändert: KI macht es einfacher, Anwendungen selbst zu entwickeln – doch damit ist noch nicht geklärt, wie sie gesteuert, sicher betrieben und wirtschaftlich kontrolliert werden.
Seit diesem April führt die 37-Jährige Cloudflight Österreich. Zuvor war sie in der Geschäftsführung von Microsoft Österreich tätig und arbeitete unter anderem bei SAP und TTTech. Nun leitet sie in Österreich die konsequente Ausrichtung des IT-Dienstleisters auf „KI-first“. Dahinter steckt mehr als die Einführung neuer Technologie: Cloudflight definiert neu, wofür Kunden das Unternehmen künftig brauchen. „Wenn eine Fachabteilung mit KI in zwei Wochen eine Anwendung baut, für die wir früher ein Jahr gebraucht haben, dann ist Programmieren als Dienstleistung plötzlich einfach verfügbar“, erklärt Lippert. Für sie ist das keine Bedrohung, sondern eine Verschiebung des Werts: weg von der Entwicklerstunde, hin zu dem, was Kunden mit der Software erreichen – und zu der Gewissheit, dass sie verlässlich und regelkonform läuft. Genau dort setzt Cloudflight an.
Für Österreich hat Lippert mit ihrem Team das bisherige Portfolio auf den Prüfstand gestellt. Eine eigene KI-Einheit, die neben dem laufenden Geschäft neue Prototypen entwickelt, wollte sie ausdrücklich nicht: „Ich habe zu oft gesehen, wie solche Einheiten brillante Prototypen bauen, während das Unternehmen daneben unverändert weiterarbeitet“, sagt die Geschäftsführerin. Stattdessen musste jedes Angebot die Frage beantworten, ob es auch in drei Jahren noch einen Wert hat. Einige Leistungen fielen weg, andere wurden neu zugeschnitten. Anfang November soll das neue Modell als Ganzes starten. Den Kern der Strategie nennt Cloudflight „Accelerator“: ein geprüfter Softwarekern, der in der Praxis bewährte Funktionen mitbringt und für dessen Sicherheit das Unternehmen einsteht. Kunden starten damit schneller und entwickeln darauf eigene Anwendungen, ohne die Grundlagen selbst aufbauen und prüfen zu müssen. Das soll eine Lücke zwischen Standardsoftware und individueller Entwicklung schließen. Standardlösungen sind vergleichsweise günstig, lassen sich aber nur begrenzt anpassen; individuelle Software bietet mehr Freiheit, ist jedoch aufwendig und bringt eigene Risiken mit sich. Cloudflights Modell soll beides verbinden: einen geprüften Kern und Spielraum für die Kunden. „Wer alles selbst baut, trägt auch alles selbst: jede Prüfung, jede Datenpanne, jede Regulierungsänderung“, sagt Lippert. „Freiheit ohne Fundament ist Risiko mit besserem Namen.“
Freiheit ohne Fundament ist Risiko mit einem besseren Namen.
Doris Lippert
Wie das funktionieren soll, zeigt ein Patientenportal für ein österreichisches Bundesland: Bürger sollen dort künftig Termine vereinbaren, Befunde einsehen und mit ihren Spitälern kommunizieren können. Bei der öffentlichen Ausschreibung passte Cloudflights Ansatz zunächst in keine vorgesehene Kategorie: Das Unternehmen bot weder bloß ein Standardprodukt noch eine klassische individuelle Entwicklung an. Doch am Ende gewann Cloudflight den Auftrag. Das Team konnte im April mit der Gestaltung beginnen, statt ein Jahr lang die technischen Grundlagen zu entwickeln. Für Lippert zeigt der Auftrag, dass das Modell genau dort überzeugt, wo die Anforderungen am höchsten sind: bei sensiblen Daten und öffentlicher Verantwortung.
Ein neues Geschäftsmodell einzuführen ist für Lippert vor allem eine Führungsaufgabe. Cloudflight hat den Umbau deshalb von Anfang an als Kulturwandel angelegt: Technik, Vertrieb und Delivery gestalten das neue Angebot gemeinsam, statt es vorgesetzt zu bekommen. „Man kann ein Geschäftsmodell beschließen; man kann es nicht anordnen“, sagt Lippert. Auch am Markt gestaltet das Unternehmen aktiv mit: Einkaufsabteilungen kennen Lizenzen und Tagessätze. Für ein Angebot, das langfristige Verantwortung verspricht, entstehen die Kategorien gerade erst. Dass Cloudflight sie gemeinsam mit den Kunden definiert, sieht Lippert als Teil des Geschäfts: „Der Einkauf ist nicht das Hindernis. Er rechnet nur mit den Zahlen, die man ihm gibt.“ Cloudflight entwickelt und prüft den Kern vorab, sodass Kunden auf einem fertigen, geprüften Fundament starten. „Innovation braucht festen Boden“, sagt Lippert. „Die Haftung ist dieser Boden – nicht die Bremse, sondern das, was Tempo überhaupt erst verantwortbar macht.“ Das Modell soll nun auf weitere Branchen übertragen werden.
Für einige Unternehmen stellt sich heute also eine neue Frage: Wenn KI die Entwicklung von Software immer einfacher macht, worin liegt dann noch der Wert eines IT-Dienstleisters? Für Lippert liegt er nicht mehr allein im Code, sondern in der Verantwortung, die damit verbunden ist, und den Mehrwerten, die damit erreicht werden. Ihre entscheidende Frage an jede Führungskraft lautet deshalb: „Wer steht dafür gerade?“ Die Antwort darauf könnte künftig mehr über den Wert einer Software entscheiden als die Frage, wie schnell sie entwickelt wurde.
Foto: Gianmaria Gava