Eine Frage der Philosophie

Rahaf Harfoush

Die Digitalanthropologin Rahaf Harfoush erklärt, wie Technologie unsere Gesellschaft beeinflusst und prägt.

Beispielsweise fragt sie sich, wie Tinder unsere Ansichten von Monogamie beeinflusst oder wie Filterblasen Definitionen von Wahrheit verändern. Und sie hat eine verdächtig einfache Lösung für die Überfoderung angesichts zunehmender Innovationen: cool bleiben.

Was genau tut eine Digital­anthropologin?
Ich beobachte, wie unsere Kultur von Technologie beeinflusst wird. Ich fokussiere mich also nicht so sehr auf die technologischen Fortschritte – Artificial Intelligence oder Algorithmen –, sondern mache einen Schritt zurück und versuche zu verstehen, wie die Tools, die wir verwenden, große Trends in unserer Gesellschaft beeinflussen. Also unser Verständnis von Freundschaft, von Erziehung, von Vertrauen etc. Ich möchte die subtilen Vorgänge erkennen, statt nur auf neue Apps zu achten. Ich bin in dieses Feld eigentlich etwas zufällig gestolpert. Ich liebe Technologie und bin Optimistin. Doch ich war auch immer diejenige, die den Enthusiasmus aller anderen bremste. Ich wollte immer, dass sich alle auch über den Impact im Klaren sind. Ein Beispiel sind Dating-Apps wie Tinder: Sie machen es für Menschen extrem einfach, einander zu treffen. Gleichzeitig verändern sich dadurch aber auch unsere Ansichten bezüglich Monogamie oder langfristigen Beziehungen. Denn plötzlich gibt es eine App, die quasi einen Marktplatz für Menschen darstellt und Liebespartner zum Rohstoff macht. Was passiert also mit unserer Ansicht einer Beziehung, wenn wir wissen, dass Tausende potenzielle Partner nur einen Klick weg sind?

Welche massiven Veränderungen verursachte die Technologie in den letzten zehn Jahren?
Da gibt es einige größere Entwicklungen. Eine ist sicher die zunehmende Datenfülle. Jeder von uns ist heute ein Datengenerator, wir produzieren extrem viele Informationen – über unsere Smartphones, Kreditkarten, Badges etc. Wir leben in einer Welt, in der Daten in Hülle und Fülle vorhanden und nicht wie früher selten und teuer sind. Das verändert unser Leben, etwa durch die zunehmende Personalisierung. All diese Daten geben Unternehmen nämlich die Möglichkeit, Produkte maßgeschneidert anzubieten. Egal, ob es sich dabei um Spotify, Netflix oder Amazon handelt: Diese Services werden von Daten angetrieben. Interessant ist, sich anzusehen, wie dieser Datenvorrat unser Bild beeinflusst, welchen Platz wir in der Gesellschaft einnehmen. Was passiert, wenn wir uns plötzlich unsere eigene Realität erschaffen können?

Was bedeutet das konkret?
Das zeigte sich stark in den US-Präsidentschaftswahlen. Denn auf Basis von Daten wird nicht nur entschieden, welche Lieder wir hören und welche Produkte wir kaufen, sondern auch, welche Artikel wir lesen und welchen Meinungen wir vertrauen. Somit können wir uns also ein Weltbild maßschneidern. Es ist einerseits super, dass Amazon genau weiß, welche Bücher ich lesen will. Gleichzeitig entwickelt sich aber eine Kultur, in der Objektivität weniger wichtig wird. Die Frage ist, was das für Begriffe wie Fakten, Wahrheit etc. bedeutet, wenn wir selbst entscheiden können, welcher Variante der Wahrheit wir glauben.

Filterblasen sind seit Donald Trumps Sieg und dem Brexit-­Votum ein wichtiger Diskussionsgegenstand geworden. Ist das Problem aber tatsächlich so groß, wie es derzeit dargestellt wird?
Ich denke, dass dies sehr wohl ein großes Problem darstellt. Doch wir machen es uns zu leicht, wenn wir einfach Facebook die Schuld in die Schuhe schieben. Das größere Thema ist, dass das Internet eigentlich auf der Idee der Demokratisierung von ­Informationen basiert. Diese sehr optimistische Hoffnung, dass jeder alles sagen kann und den Menschen Zugang zu einer eigenen Stimme gegeben wird, wurde erfüllt. Gleichzeitig wird nun aber auch jegliche Information im Internet als gleichberechtigt behandelt. Blogs von Rechtsextremen werden im Internet also mit der gleichen Informationsqualität bewertet wie das Wall Street Journal oder die New York Times. Damit müssen wir uns auseinandersetzen, also mit der Vorstellung, dass unsere Fähigkeit, Informationshierarchien zu erkennen, „disruptet“ wurde. Und nun sehen wir die negativen Auswirkungen davon. Algorithmen spielen dabei eine Rolle, denn Facebook und Google wollen natürlich Traffic generieren und das Engagement der Nutzer erhöhen – sie sind ja gewinnorientiert. Die Algorithmen sind also nicht zwingend daran interessiert, uns die richtigen Informationen zu präsentieren, sondern daran, dass wir möglichst viel Zeit auf der jeweiligen Seite verbringen. Die Transparenz, das Verständnis über die Auswirkungen solcher Algorithmen muss in die Diskussion einfließen. Filterblasen sind unsichtbare Kraftfelder. Das erklärt, warum die Leute nach Brexit und Donald Trump so schockiert waren. Denn in ihren Blasen sahen sie eine Realität, die dem, was wirklich passierte, einfach nicht entsprach.

Die Messages, die politische Kandidaten und Parteien brauchen, um zu gewinnen, scheinen immer kürzer zu werden. Idealerweise sogar unter 140 Zeichen. Quasi: Der beste Slogan gewinnt, alles andere ist sekundär. Ist das der Fall?
Wir kommen in eine Ära, wo Aufmerksamkeit die wichtigste Währung ist. Einige der Dinge, die die Obama-­Kampagne 2008 versuchte, funktionierten, weil wir damals als Erste auf solchen Plattformen präsent waren. Jetzt, wo das aber jeder tut, funktio­niert die damalige Strategie nicht mehr. Die Strategie muss sich ändern, sobald jeder etwas Bestimmtes tut.

Rahaf Harfoush

Die wichtigere Frage für unsere Gesellschaft ist, wie unsere Generation gelernt hat, Informationen zu konsumieren. In der Schule haben wir Mathematikbücher bekommen – mit einem Anfang und einem Ende. Romane, die wir gelesen haben, hatten einen Anfang und ein Ende. Auch die Zeitungen unserer Eltern hatten einen Anfang und ein Ende.

Plötzlich gibt es aber ein Öko­system voller Informationen – ohne Ende. Statt eine Zeitung zu lesen und das Gefühl zu haben, gut über die Geschehnisse in der Welt informiert zu sein, können wir heute acht Stunden Informationen zum gleichen Thema konsumieren: vom Link zum Tweet zum Video zum Artikel. Meine Theorie ist, dass wir darauf psychologisch nicht vorbereitet sind. Jeder versucht, das Ende zu erreichen: Wir beantworten alle E-Mails, lesen alles, was es zu einem Thema gibt. Doch das ist nicht mehr möglich. Unser Ansatz, unsere Philosophie zur Verarbeitung von Informationen passt nicht mehr zur Realität.

Gibt es dafür eine Kur?
Ich denke, es ist einfach eine grundlegende Philosophie. Mein ­Neffe ist 14 Jahre alt und hat mir vor einigen Monaten eine Nachricht geschickt. Er hat an einem Projekt für die Schule gearbeitet und hatte Schwierigkeiten. Er wusste nicht, wann er fertig war und seine Recherche beenden konnte.

Ich persönlich versuche, zu über­leben, indem ich nicht mehr an einen Endpunkt glaube. Ich versuche also, mir selbst Druck zu nehmen. Ich beantworte meine E-Mails, wenn ich kann, doch lasse mein Leben nicht davon kontrollieren. Ich komme damit klar, nicht alles zu wissen und das auch zu sagen: „Ich weiß es nicht“ – selbst wenn es um mein Forschungsgebiet geht. Ich mache, was ich kann. Es ist wie ein Fluss: Man steigt rein und nach einer Zeit steigt man wieder aus dem Fluss raus.

Klingt einfacher, als es ist. Das bekommt nicht jeder hin.
Ich beobachte Freunde von mir, die dieses Mindset noch nicht entwickelt haben, und es ist ziemlich stressig für sie. Diese „Inbox zero“-Mentalität (jede ungelesene E-Mail beantworten müssen; Anm.) ist zu einem Ausdauersport geworden. Jeder versucht, mitzuhalten. Ich denke aber, man kann Leuten dieses Mindset sehr wohl beibringen. Ich unterrichte an der Sciences Po (L’institut d’études politiques de Paris, renommierte Universität in Paris; Anm.) und dort sage ich den Schülern, dass sie sich einen Rahmen bilden sollen: ein Gefühl dafür, was die derzeitige Informationslandschaft ist – und zwar inklusive Grenzen. Sie müssen also nicht über jedes ­einzelne Detail Bescheid wissen, sondern größere Trends und Entwicklungen erkennen. Und wenn es dann nötig ist, kann man in gewisse Bereiche tiefer eintauchen. Sich aber selbst damit verrückt zu machen, jedes einzelne Detail kennen zu wollen – das ist nicht möglich.

Experten behaupten, dass unsere Smartphones höhere Priorität als unsere Umgebung haben. Wenn wir also mit Freunden an einem Tisch sitzen, wird es zunehmend akzeptiert, in sein iPhone zu schauen und alles andere aus­zublenden. Leiden unsere persönlichen Beziehungen darunter?
Ich denke nicht, dass sie leiden. Denn man könnte ja sagen, dass ­unsere Smartphones uns die Möglichkeit geben, mit Freunden zu inter­agieren, die etwa in einer anderen Stadt wohnen. Doch wir brauchen bessere soziale Normen. Ich traf mich kürzlich mit Freunden und war dafür extra nach New York geflogen – und dann starrten sie in ihre Smartphones. Wir haben uns also geeinigt, dass unsere Smartphones links liegen bleiben, wenn wir uns treffen. Es liegt an uns selbst, auch mal abzuschalten. Das alles ist ja nichts Revolutionäres, nichts radikal Neues. Aber es ist interessant, dass wir es dennoch nicht tun. Wir erwarten, dass jeder ständig erreichbar sein muss. Egal, ob per E-Mail oder WhatsApp, wo sogar angezeigt wird, ob eine Nachricht bereits gelesen wurde. Eigentlich sollten wir uns alle massiv bei WhatsApp beschweren.

Wenn man einen Blick auf alle Technologien wirft, die angeblich die Welt verändern werden, ­Artificial Intelligence, Blockchain etc.: Was davon wird tatsächlich große ­Veränderungen verursachen?
Ich denke, es wird eine Mischung sein. Es ist ja nicht nur die eine Sache. Wenn es nur Blockchain wäre, wäre der Umgang einfacher. Doch es kommt auch ein neues Informationsökosystem, Social Media und Automatisierung. Interessant wird vor allem, wie all das die Art und Weise, wie wir arbeiten, verändert. Ich denke, dass in den nächsten Jahren eine große Veränderung darin passieren wird, wie wir Jobs betrachten. Weg von Vollzeitjobs hin zur Portfolio-­Karriere und der Gig Economy. All diese Aspekte verändern eine zentrale Säule unserer Gesellschaft, die seit Jahrhunderten besteht – Karriere, Job. Die Art und Weise, wie die Menschen ihr Geld verdienen, ­verändert sich. All das ist verbunden mit unserer Identität, unserem Selbstwert, unserer Ansicht bezüglich unseres Platzes in der Gesellschaft. Wenn wir also über diese Veränderungen sprechen, sprechen wir eigentlich darüber, wie wir selbst unser Universum sehen und einschätzen. Wir sollten also anfangen, darüber zu sprechen, wie wir die kulturellen Veränderungen in Arbeit und Gesellschaft richtig adressieren können.

Dieser Artikel ist in unserer November-Ausgabe 2017 „Lernen" erschienen.

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Chief Editorial Team

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