Eine legende am lenkrad

Auf den Bergstraßen von Kitzbühel lenkt Hans-Joachim Stuck einen analogen Porsche 911 durch die Kurven. In seiner Karriere fühlte sich der Mann, der als eine der großen Rennsportlegenden Deutschlands gilt, aber vor allem auf der Langstrecke wohl. Heute unterstützt der zweifache Le-Mans-Sieger den Volkswagen-Konzern und vor allem CEO Oliver Blume in allen Fragen des Rennsports. Ein Gespräch mit dem Mann, der heute Milliardenkonzerne berät – und den alle nur „Strietzel“ nennen.

Über allzu viel technologischen Schnickschnack verfügt der weiße Porsche 911 Carrera Cabrio nicht, den Hans-Joachim Stuck durch die Berge von Kitzbühel lenkt: Die Fensterheber sind manuell, die Klimaanlage wird über horizontale Schieberegler eingestellt, kein Bord­computer weit und breit – der Traum eines jeden Fans von Retroautos.

Wer hier auf dem Beifahrersitz Platz nimmt, muss sich keine großen Sorgen um seine Sicherheit machen – denn am Steuer sitzt einer der erfolgreichsten Rennsportfahrer Deutschlands. Stuck, der 1969 sein erstes Autorennen am Nürburgring bestritt, war ein Meister der Langstrecke. Zweimal holte er sich den Sieg bei den 24 Stunden von Le Mans, 1985 krönte er sich zum Endurance-Weltmeister.

Als wir das Interview mit dem Deutsch-Österreicher (Stuck besitzt die Doppelstaatsbürgerschaft) auf einer Parkbank fortführen, kommen zwei Wanderinnen vorbei. „Meine Nachbarinnen“, sagt Stuck lächelnd. Er verbringt seine Zeit heute hauptsächlich in seinem Haus nahe Kitzbühel – doch seine Karriere fand nicht auf Bergstraßen, sondern auf Rennstrecken statt. Helmut Marko, Niki Lauda, Jochen Mass: Stuck steht in einer Reihe mit den großen Namen des deutschsprachigen und europäischen Rennsports.

Heute steht Stuck zwar etwas weniger auf dem Gaspedal, dem Rennsport ist er aber treu geblieben: Er berät den Volkswagen-Konzern und CEO Oliver Blume in allen Fragen rund ums Motorsportgeschäft. Dem Formel-1-Neuling Audi prophezeit Stuck vor der neuen Saison, die mit allerhand Regeländerungen aufwartet, eine gute Zukunft: „Ich denke, Audi kann eine wichtige Rolle spielen. Vielleicht nicht im ersten Jahr, aber mittel­fristig wird man jedenfalls vorne mit dabei sein.“

Den Wandel, den die Formel 1 in den letzten Jahren erlebt hat, verfolgt Stuck gespannt. Seit der Übernahme durch Liberty Media ist die Königsklasse förmlich explodiert: Die Netflix-Serie „Drive to Survive“, mehr Spannung bei den WM-Entscheidungen, eine größere Freiheit der Fahrer in den sozialen Medien sowie die Erschließung des US-Markts (2026 finden drei Rennen in Las Vegas, Miami und Austin statt) haben der Rennserie einen absoluten Höhenflug verschafft. „Die Formel 1 hat heute eine Strahlkraft wie nie zuvor. Der Sport hat eine völlig neue Generation von Fans gewonnen“, sagt Stuck.

Die Zahlen belegen das: 2025 war ein Rekordjahr für den Sport, die globale Fanbase wurde von der Formel 1 selbst mit 827 Millionen Menschen beziffert. Das ist ein Wachstum von 63 % gegenüber dem Jahr 2018, dem ersten vollen Kalenderjahr unter dem heutigen Eigentümer Liberty Media.

Doch bei aller Begeisterung bleibt Stuck ein Mahner des Realismus. Die E-Mobilität begrüßt er als technologischen Meilenstein, die Geschwindigkeit des Wandels sieht er aber kritisch: „Die Veränderung wird viel länger dauern als ursprünglich gedacht.“ Er plädiert dafür, das geplante Verbrennerverbot zu überdenken und statt­dessen technologieoffen zu bleiben.

Ich denke, Audi kann eine wichtige Rolle in der Formel 1 spielen.

Hans-Joachim Stuck

Der Mann, der heute die Strategien für Milliardenkonzerne mitentwickelt, wuchs buchstäblich zwischen Benzinkanistern auf – als Sohn des legendären „Bergkönigs“ Hans Stuck begleiteten ihn dröhnende Motoren von Geburt an. Seinen Spitznamen „Strietzel“ (der von so ziemlich jedem genutzt wird, der Stuck ein ­bisschen besser kennt) verdankt er seiner Patentante, die bei seiner Geburt eine Ähnlichkeit zu einem Hefezopf feststellte.

Den Rennsport hatte er früh im Blut. Bereits mit 16 Jahren lenkte Stuck dank einer Sondergenehmigung Boliden über den Asphalt. Den ersten großen Meilenstein setzte er 1970, als er bei der Premiere des 24-Stunden-Rennens auf dem Nürburgring im BMW 2002 TI gemeinsam mit Clemens Schickentanz triumphierte. Es war der Startschuss für ein Jahrzehnt im Geschwindig­keitsrausch, das ihn über die Formel 2 direkt in die Königsklasse führte, wo er für Teams wie March und Bernie Ecclestones Brabham um WM-Punkte kämpfte.

Stucks wahre Bestimmung lag jedoch auf der Langstrecke. In den 1980er-Jahren verschmolz er im Porsche-Werksteam mit dem ikonischen Typ 962 zu einer untrennbaren Einheit: Endurance-Weltmeister 1985, Doppelsieg bei den 24 Stunden von Le Mans in den Jahren 1986 und 1987, Triumph beim Zwölf-­Stunden-Klassiker in Sebring. 1993 krönte sich Stuck zusätzlich in den USA zum IMSA-Supercar-Champion.

In den 1990er-Jahren holte er auf dem Audi V8 quattro den DTM-Titel – ein Erfolg, der seine enge Verbindung zum Volkswagen-Konzern zementierte. Bis zu seinem emotionalen Abschied vom aktiven Profisport 2011, den er gemeinsam mit seinen Söhnen auf der Nordschleife zelebrierte, blieb er der „König von Hocken­heim“ und eine Institution am Nürburgring. Vom Cockpit wechselte er nahtlos in die Funktionärsebene, leitete von 2012 bis 2020 als Präsident den Deutschen Motor Sport Bund. Heute nutzt er seine Expertise als Impulsgeber, Sparringspartner – und vielleicht auch als Korrektiv für die oberste Führungsebene von Porsche und VW.

Für Stuck ist Sicherheit kein statischer Zustand, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Obwohl er den Sport heute für sicherer denn je hält, weiß er aus eigener Erfahrung: „Das Risiko zur Gänze aus­schließen kann man nie.“ Diese Erdung ist es, die ihn für die Führungsriege des Konzerns so wertvoll macht – er bringt die ungeschminkte Wahrheit der Rennstrecke in die Konferenzräume von Wolfsburg und Stuttgart. Das Rennfahrer-Gen gab Stuck übrigens weiter: Beide Söhne waren ebenfalls als Rennfahrer aktiv. Die beiden traten Anfang der 2010er-Jahre sogar gemeinsam im ADAC GT Masters und in der Deutschen GT-Meisterschaft an. Für jene Auftritte, in denen der Vater ebenfalls mitfuhr, verpasste man sich den eigens gewählten Namen „Stuck 3“.

Zum Abschluss unserer Fahrt durch die Kitzbüheler Alpen hält Stuck kurz inne und blickt auf die fünf analogen Rundinstrumente seines Porsches – jene Zeiger, die ihm jahrzehntelang den Takt vorgaben. Er hat die Ära der mechanischen Giganten nicht nur überlebt, er gestaltet nun die Brücke zur nächsten, digitalen Generation. Für den Fotografen dreht er noch ein paar Runden durch die Berge – doch es wirkt nicht so, als würden ihn die zusätzlichen Kilometer besonders stören. Stuck: „Am Ende geht es immer um das Fahrgefühl.“

Fotos: Moritz Scheer

Klaus Fiala,
Chefredakteur

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