Eine Welt ohne Kunststoff ist eine Illusion

Fest steht, wir werden auf ­Kunststoffe auch in Zukunft nicht verzichten können – aus ganz unterschiedlichen Gründen: Um medizinische Produkte vor Keimen zu bewahren, sind sie unverzichtbar.

Im Lebensmittel­bereich ­sorgen Kunststoffverpackungen für ­Hygiene, ­längere Haltbarkeit – und sie reduzieren das ­Aufkommen von Lebensmittelabfällen. Kunststoffe sind Schlüsselmaterialien, um Wind- und Photovoltaikan­lagen wettbewerbsfähig zu konventioneller Strom­produktion zu machen; eine Energiewende ohne Kunststoffe ist daher nicht denkbar.

Würden wir Kunststoffe durch die nächst­bessere Werkstoffklasse ersetzen, würde sich das Gewicht der Produkte vervierfachen. Dement­sprechend würden durch den Transport auch der Energiebedarf und der CO2-Ausstoß steigen. Kunststoffe sind ein ökoeffizientes Material – die negativen Aspekte hängen eher mit der unzureichenden, falschen oder gar nicht durchgeführten Entsorgung von Kunststoffprodukten zusammen. Genau hier gilt es, mit der Kreislaufwirtschaft anzusetzen, denn wenn das aktuell lineare Wirtschaftsmodell der Produktion, Nutzung und Entsorgung bestehen bleibt, werden die Müllberge wachsen – unabhängig vom Werkstoff, der eingesetzt wird. Die Kreislaufwirtschaft hingegen ermöglicht die Verbrauchsreduktion von Primärrohstoffen und damit einhergehend die Senkung der CO2-Emissionen.

Alfred Stern
...trägt einen Mastertitel in Polymer Engineering and Science und einen PhD in Material Science von der Montanuniversität Leoben.
Seit 2018 ist er Vorstandsvorsitzender des österreichischen Chemie- und Kunststoffkonzerns Borealis.

Die Weltbevölkerung wächst kontinuierlich. Prognosen der Vereinten Nationen gehen davon aus, dass die Zahl der Menschen bis 2050 auf 9,7 Milliarden steigen wird – das sind zwei Milliarden mehr als heute. Gleichzeitig steigen erfreulicherweise auch die verfügbaren Einkommen, und viele Menschen in Schwellenländern werden in die weltweite Mittelschicht aufsteigen. Gegen Mitte des Jahrhunderts wird der Großteil der Menschen in Städten leben, womit der Druck auf die Nahrungsmittel-, Wasser- und Energie­ressourcen steigt. Der Bedarf an Werkstoffen im Allgemeinen und an Kunststoffen im Speziellen wird weiter zu­nehmen. Es ist also genau jetzt an der Zeit, die Weichen für die Zukunft zu stellen: Werden Wiederverwendung und Recycling bereits im Design- und Herstellungsprozess berücksichtigt, ist ein wesentlicher Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft gesetzt.

Problematisch sind in diesem Zusammenhang die aktuell niedrigen Rohstoffpreise für Kunststoffneuware durch den im Zuge der Coronakrise gesunkenen Ölpreis und den Nach­frageeinbruch auf Industrieseite. Das erschwert die Profitabilität von Recyclingbetrieben und macht Investitionen in neue Recyclinganlagen unattraktiv. Es braucht daher ein klares Bekenntnis zur Kreislaufwirtschaft sowie gesetzliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die Inves­titionen in die Kreislaufwirtschaft fördern und Innovation zulassen. Investitionen werden nur dann getätigt, wenn es die Chance auf Renditen und Gewinne gibt und rechtliche und steuerliche Rahmen­bedingungen für langfristige Stabilität sorgen. Ein möglicher Ansatzpunkt können Quoten für den verpflichtenden Einsatz von Rezyklaten bzw. nachhaltig produzierten Kunststoffen sein.

Gastkommentar: Alfred Stern

Der Gastkommentar ist in unserer Oktober-Ausgabe 2020 „Handel“ erschienen.

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