Erfolg erforschen

An der Spitze der ETH Zürich gilt es für Sarah Springman, das Gute noch besser zu machen. Die Universität zählt zur weltweiten Spitze und will diese Position natürlich tunlichst beibehalten. Dafür setzt die Britin auf überraschend klassische Tugenden: kritisches Denken, Ethik und Zusammenhalt innerhalb der Universität. All das wird es brauchen, denn auch die ETH hat noch einige Hausaufgaben zu erledigen.

Sarah Springmans Lieblingswort? ­„Together.“ Nicht, weil das Wort ­ihrer Muttersprache entstammt – die gebürtige Britin spricht sowieso hervorragend Deutsch. Vielmehr wurde das Wort zu Springmans Motto, weil es ihren Anspruch als Rektorin beschreibt. Und: „Ich benutze gerne das Wort ‚Together‘, weil in der Mitte die Buchstaben ‚ETH‘ stehen. Es steht für die unterschiedlichen Menschen, die zusammenkommen und die ETH letztendlich ausmachen.“

Tatsächlich pflegt die Rektorin der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich das Image einer offenen, kommunikativen Führungspersönlichkeit, die Wert auf den Beitrag jedes einzelnen Mitarbeiters legt. Sarah Springman spricht laut und klar, ist ständig in Kontakt mit den Menschen um sich herum: hier ein Kompliment an den Pressesprecher, da ein Scherz mit der Assistentin, dort ein Dankeschön an die gerade ihren Job beginnende Reinigungskraft – inklusive Nebensatz: „Wir ­haben uns leider schon ­länger nicht mehr unterhalten können.“ ­Inwiefern die Britin auch mal laut wird, auf den Tisch schlägt, um ihre ­Wünsche durchzusetzen, können wir in der kurzen Zeit nicht beobachten. Ihr Auftreten – Springman ist groß gewachsen und ziemlich präsent – lässt jedoch erahnen, dass die Wissenschaftlerin durchaus auch einmal ­einen Gang ­zulegen könnte, wenn es denn nötig wäre.

Seit Januar 2015 steht die Geotechnikerin der ETH als Rektorin vor und lenkt damit seit über drei Jahren eine der renommiertesten Univer­sitäten Europas. 1855 mit lediglich 68 Studenten gestartet, studieren heute über 20.000 Wissbegierige an der Schweizer Eliteuni, über 9.000 Mitarbeiter sind in der Organisation tätig, davon 531 Professoren. Bekannt wurde die Hochschule vor ­allem als Ausbildungsort für brillante Köpfe wie Physiker Albert Einstein, den Entdecker des ­gleichnamigen Verfahrens Wilhelm Röntgen oder die Schweizer Stararchitekten ­Jacques Herzog und Pierre de Meuron – alles ETH-Absolventen. Insgesamt 21 Nobelpreisträger brachte die Universität hervor, in den Hochschulrankings liegt die ETH auf Platz zehn (Times Higher Education) beziehungsweise Platz sieben (QS World University Ranking) weltweit. Doch Springman will sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Die Rektorin hat sich mehrere große Themen herausgepickt, die die Universität weiter verbessern sollen. Dazu gehört unter anderem das kritische Denken der Studenten. Doch zuerst: „Ich muss ein Lob an meinen Präsidenten Lino Guzzella aussprechen, denn das Thema ‚Critical Thinking‘ war in erster Linie seine Idee. Wir müssen einen multidisziplinären Ansatz verwenden. Junge Menschen wissen heutzutage sehr genau, was sie lernen und tun wollen. Sie sind sehr zielstrebig, sehen aber oft zu wenig nach rechts und links, blicken zu selten über den Tellerrand.“

Sarah Springman
wurde 1958 in London geboren. Sie studierte an der Universität Cambridge Ingenieurswissenschaften und wechselte nach dem Bachelor in die Wirtschaft. Sie promovierte 1989 am Magdalene College und wurde 1997 ordentliche Professorin für Geotechnik an der ETH Zürich. Seit 1. Januar 2015 ist sie dort Rektorin.

Denn gute Bauingenieure sollten nicht nur ihr eigenes Fach verstehen, so Springman, sondern auch die Perspektiven von Raumplanern, Juristen, Finanz- oder Nachhaltigkeitsexperten miteinbeziehen. „Reflexion und kritisches Denken spielen neben den technischen Fähigkeiten eine wichtige Rolle.“ Konkret wird zu diesem Zweck etwa die „ETH Week“ organisiert, wo Studenten aus allen Abteilungen zusammenkommen, um an einer globalen Herausforderung zu arbeiten. In Gruppen von zehn Personen wird geforscht, mithilfe von Design Thinking eine Frage­stellung entworfen, diese eine Woche lang bearbeitet und die Ergebnisse dann präsentiert. Das Thema 2018 ­lautete „Energy Matters“, nächstes Jahr ist dann die Mobilität dran. Ob Springman bei der Förderung von Multidiszipli­narität nicht der Verschulung der Universitäten durch die Bologna-Reform einen Strich durch die Rechnung macht? „Nein, es gibt ja auch im Bologna-System Wahlfächer. Und je fortgeschrittener die Studierenden sind, desto selbstständiger können sie sich ihre Schwerpunkte auswählen. Es gibt da viele Möglichkeiten.“

Auch den Einwand, dass die Spitzenforschung aktuell dazu tendiert, immer spezialisierter zu arbeiten – den Blick nach rechts und links also zunehmend hintanzustellen –, lässt Springman nicht gelten: „Wir bilden nicht nur Spitzenforschende für die Universität, sondern auch Fachleute für Wirtschaft und Gesellschaft aus. Das ist einer der Gründe, warum das Bachelorstudium an der ETH noch auf Deutsch unterrichtet wird. Denn so können möglichst viele Schweizer Maturandinnen und Maturanden das Studium absolvieren und stehen später der hiesigen Wirtschaft zur Verfügung.“

Klar ist: Um all das zu schaffen, braucht die ETH natürlich auch in Zukunft Spitzenpersonal. Dafür stellt man aktuell die Weichen: Laut ­einem von der NZZ am Sonntag Ende 2017 veröffentlichten Strategiepapier sollen in den nächsten sieben Jahren rund 100 neue Professuren geschaffen werden, was einen Anstieg von 20 Prozent bedeutet. Hinzu kommen 830 neue Stellen an der Universität. Die Gesamtkosten des Ausbaus betragen 550 Millionen CHF (490 Millionen €). Zur NZZ sagte Guzzella damals: „Wir brauchen einen Ausbau, weil die Zahl unserer Studierenden stetig steigt – und die Ansprüche der Gesellschaft an unsere Forschung.“ Wie genau dieser Ausbau ­finanziert werden soll, ist hingegen noch unklar. Denn dass der Schweizer Bund das Budget aufstockt, ist nicht geplant. Der ­Jah­res­etat der ETH lag zuletzt bei 1,8 ­Milliarden CHF (1,6 Milliarden €). Aus eigener Kraft wolle man den Aus­bau schaffen, sagte Guzzella zur NZZ, unter anderem durch Budgetkürzungen bei bestehenden Profes­suren. Das stieß intern nicht nur auf Zustimmung – Kostenreduktionen könnten die Qualität von Lehre und Forschung gefährden, so die ­Bedenken einiger Professoren.

Doch die Finanzierung neuer ­Stellen fällt sowieso nicht in Springmans Kompetenz, sie liegt eben beim ETH-Präsidenten. Der tritt wiede­rum Ende 2018 ab. (Genauer: Er bewirbt sich nicht für eine zweite Amtszeit). Also anders gefragt: Wonach sucht die ETH bei neuen Professuren? Springman: „Brillante Forschung, ausgezeichnete Lehre und idealerweise Erfahrung in Sachen Technologietransfer. Dazu kommen Publikationstätigkeit, die Betreuung von Doktorierenden sowie Erfolg beim Wettbewerb um Forschungsgelder. Und: Die Persönlichkeit ist wichtig. Passen die Menschen zur ETH? Darauf werden wir in Zukunft vermehrt unseren Fokus legen. Das haben wir auch bisher schon getan, wollen es jetzt aber formalisieren, um keine Lücken zu haben.“

Das ist nicht weiter verwunderlich, denn zuletzt sah sich die ETH mit Vorwürfen zum Thema Fehlverhalten in der Führung (Medien sprachen von „Mobbing“) konfrontiert: Bereits 2017 wurde bekannt, dass eine Professorin am Institut für As­tronomie jahrelang Doktoranden schikaniert haben soll. Die Professorin wurde freigestellt, die Ergebnisse der von der ETH eingeleiteten Untersuchungen waren zuletzt noch nicht bekannt. Im Mai 2018 schrieben Medien dann, dass ein Viertel aller Doktoranden Machtmissbrauch erlebt hätte. Laut ETH seien diese Zahlen schlicht falsch. Springman: „Bei der Umfrage der Vertretungen des wissenschaftlichen Mittelbaus der ETH Zürich (AVETH, Anm.) nahmen 36 Prozent aller Doktorierenden teil. Wie immer bei solchen Umfragen haben vermutlich vor allem jene geantwortet, die unzufrieden sind. Zudem waren die Fragen leider oft zu breit gestellt, was die Aussagekraft mindert.“ Die Rektorin hält aber fest: „Echte Probleme haben rund ein bis zwei Prozent unserer Doktorierenden. Auch wenn das wenige sind, sind es immer noch zu viele. Wir sind deshalb daran, diese Probleme zu lösen.“

Die ETH ist dabei kein Einzelfall – ähnliche Vorwürfe gab es an zahlreichen anderen Forschungs­institutionen, zuletzt etwa innerhalb der deutschen Max-Planck-Gesellschaft (dort ironischerweise gegenüber einer der führenden ­Empathieforscherinnen der Welt). Und auch sonst sieht Springman die ETH nicht als Ausnahme: „Wir sind im akademischen Umfeld kein Spezialfall – weder im Positiven noch im Negativen. Wie bei allen Institutionen, in denen 30.000 Menschen zusammenarbeiten, entstehen Konflikte. Das bedeutet aber natürlich nicht, dass wir uns nicht verbessern können.“

Ein Pauschalurteil will Springman jedenfalls nicht zulassen. Die Rektorin lobt die Arbeit ihrer Mitarbeiter ausdrücklich – und schickt ein geflügeltes Wort nach: „Don’t throw the baby out with the bathwater.“ Soll heißen: Maßnahmen sind wichtig, aber gleichzeitig dürften die Professoren nicht mit Bürokratie und Regeln überflutet werden, die ­ihren Handlungsspielraum zu stark einschränkten. Vielleicht nicht gänzlich unabhängig von diesen Vorgängen setzt Springman neben kritischem Denken auch auf eine verstärkte Ausbildung in Ethik. So sollen alle ETH-Studenten verpflichtende Credits in diesem Bereich absolvieren. Denn in einer Welt, in der künstliche Intelligenz rasant voranschreitet, könnten ethische Fragen wichtiger werden, um die Technologie mit mehr Bezug zum Menschsein zu gestalten. Beim Entwurf des ­Curriculums stellen sich Springman und ihre ­Kollegen jedenfalls folgende Frage: „Was müssen Absolventen einer bestimmten Studienrichtung 2030 ­wissen und können?“ Das ist der Grund, weshalb nun auf Themen wie Machine ­Learning, Computational Intelligence, aber auch Digitalisierungsprozesse allgemein vermehrtes Augenmerk gelegt wird. „Ich bin dennoch überzeugt davon, dass die menschlichen Fähigkeiten wichtig bleiben werden, und dass wir auch in Zukunft die Kontrolle haben“, sagt Springman.

Die Rektorin steht nach 3,5 Jahren an der Spitze der ETH etwa in der Halbzeit, da sie sich entschlossen hat, eine zweite vierjährige Amtszeit zu machen. Ein langes Rennen – was für die Britin aber nichts Neues ist. Denn die Forscherin war eine ausgezeichnete Triathletin, nahm mehrmals am Ironman in Hawaii teil, wurde dort zweimal Fünfte (1985 und 1987) und trug 2012 bei den Olympischen Spielen in London als eine von mehreren Athletinnen das olympische Feuer. Also: Was will Springman erreichen, bis sie die fiktive Ziellinie (ihrer Zeit als ETH-Rektorin) ­überschreitet? „Ich habe noch verschiedene Ideen, die aber Zeit brauchen, um sie zu implementieren.“

Ein konkretes Beispiel sei jedoch die Basis­prüfung, wo Springman den Studierenden helfen will, ihr Fach besser zu ­wählen und erfolgreicher zu sein. „Wir müssen den Übertritt vom Gymnasium zur ETH besser gestalten, damit mehr Leute es schaffen, ihr Studium an der ETH abzuschließen.“ „Together“ eben.

Dieser Artikel ist in unserer September-Ausgabe 2018 „Women“ erschienen.

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Chief Editorial Team

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