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Der Einwanderer, der ohne einen Dollar Fremdkapital ein Unternehmen für Medikamentenlieferungen im Wert von 750 Millionen Dollar aufbaute.
Jeden Morgen vor fünf Uhr werden in Lagerhäusern im Nordosten der Vereinigten Staaten Tausende Packungen mit verschreibungspflichtigen Medikamenten gescannt, sortiert und in Fahrzeuge geladen. Während sich der Großteil des Landes noch den ersten Kaffee einschenkt, sind bereits rund 70.000 Medikamente auf dem Weg zu den Haustüren der Patienten – Insulin, Begleitmedikamente zur Chemotherapie, Antibiotika für Kinder und Arzneimittel, deren Einnahme nicht ausfallen darf.
Das Unternehmen, das sie ausliefert, ist den meisten Amerikanern unbekannt. Rx2Go, ein auf Apothekenlogistik für Geschäftskunden spezialisiertes Unternehmen, ist heute in 13 Bundesstaaten tätig. Mit 3.000 Fahrern beliefert es jeden Monat rund zwei Millionen Patienten. In seinen Märkten arbeitet es mit nahezu allen großen Krankenhausverbünden zusammen. Es hat nie einen Dollar Risikokapital aufgenommen und nie einen externen Investor an Bord geholt. Aufgebaut wurde es von seinem Gründer Erkin Sattarov, der es bis heute führt.
Heute beziffert das Unternehmen seinen Wert auf mehr als 750 Millionen Dollar.
Neunzehn Jahre alt, kaum Englisch, kein Plan B
Sattarov kam mit 19 Jahren aus Usbekistan in die Vereinigten Staaten – ohne Geld, ohne Kontakte und mit kaum Englischkenntnissen. Wie Generationen von Einwanderern vor ihm nahm er die Arbeit an, die er bekommen konnte: Er wurde Fahrer. Was ihn von Tausenden anderen am Steuer eines Lieferwagens unterschied, war das, was er währenddessen tat: Er studierte die Branche, in der er arbeitete.
Die Auslieferung von Medikamenten war in den 2010er-Jahren ein zersplittertes, analoges Geschäft. Unabhängige Apotheken übergaben Rezepte an Kuriere und hofften, dass alles gut ging. Es gab weder eine Sendungsverfolgung in Echtzeit noch eine Bestätigung, dass eine Packung mit einem kontrollierten Arzneimittel oder einem gekühlt zu transportierenden Biologikum tatsächlich beim richtigen Patienten ankam. Und wenn sie nicht ankam, fehlte die Verantwortlichkeit. Für Krankenhäuser und Apotheken, die an bundesrechtliche Datenschutzvorschriften und Zulassungsauflagen gebunden sind, war bloßes Hoffen ein Haftungsrisiko.
Sattarov erkannte diese Lücke vom Fahrersitz aus. „Erkenne Chancen dort, wo andere Herausforderungen und Lücken sehen“, sagt er. 2016 gründete er mit so gut wie nichts sein eigenes Unternehmen – ein paar Fahrern, einigen Telefonen und der Überzeugung, dass für die Auslieferung von Medikamenten dieselben hohen Maßstäbe gelten sollten wie für die Medikamente selbst.
Das System hinter dem Betrieb
Was Rx2Go anschließend entwickelte, ist der Grund, weshalb Krankenhäuser Verträge mit dem Unternehmen schließen und ihm treu bleiben. Und es erklärt, warum Rx2Go eher als Technologieunternehmen mit einer Fahrerflotte zu verstehen ist denn als Kurierdienst mit einer App. Als Sattarov nach Software suchte, die medizinische Lieferungen nach seinen Vorstellungen planen, verfolgen und überprüfen konnte, fand er keine. Also ließ er sie von Grund auf im eigenen Haus entwickeln. Die daraus entstandene proprietäre Plattform hat nach Angaben des Unternehmens keine Entsprechung in der Branche und bildet die Grundlage für alles, was folgte.
Jede einzelne der täglich 70.000 Lieferungen wird in Echtzeit überprüft. Fotografiert ein Fahrer die erfolgte Zustellung, bestätigt ein Team für Qualitätskontrolle sie unabhängig davon innerhalb weniger Minuten. Fehlzustellungen können so beinahe im Moment ihres Geschehens erkannt werden. In einer Branche, in der eine Packung vor der falschen Tür eine versäumte Dosis oder einen Verstoß gegen bundesrechtliche Vorschriften bedeuten kann, wurde diese zusätzliche Kontrolle zum Wettbewerbsvorteil von Rx2Go.
Das Unternehmen ergänzte seine operative Disziplin durch Zertifizierungen auf institutionellem Niveau – SOC 2 und HITRUST, Sicherheitsstandards, die Krankenhausverbünde verlangen – sowie durch direkte Schnittstellen zu der Verwaltungssoftware, die Apotheken tatsächlich nutzen. Das Ergebnis ist ein Geschäft, das weniger einem Kurierdienst als einer kritischen Infrastruktur gleicht: Rx2Go hat die letzte Meile der amerikanischen Arzneimittelversorgung professionalisiert. Denkt man sich die Lieferfahrzeuge weg, bleibt ein Softwareunternehmen: mit eigener Technologie, fest eingebundenen institutionellen Kunden und einer Echtzeit-Datenebene, die Wettbewerber nicht ohne Weiteres nachbilden können – und das zugleich über ein physisches Netzwerk verfügt.
Das Wachstum folgte einem Weg, der aus der Mode gekommen ist. Kein Wachstum um jeden Preis, keine mit hohen Ausgaben finanzierte Eroberung von Marktanteilen, keine Risikokapitalrunden. Rx2Go expandierte aus eigenen Einnahmen von Markt zu Markt und erschloss neue Bundesstaaten erst dann, wenn der Betrieb seine Standards auch dort erfüllen konnte. Heute reicht das Einsatzgebiet vom angestammten Nordosten bis in neue Märkte im Süden und Mittleren Westen.
Diese Disziplin wurde früh auf die Probe gestellt. 2020 – nur vier Jahre nach der Gründung – erhielt Sattarov ein Übernahmeangebot über 88 Millionen Dollar. Er lehnte ab. Damals mochte es vermessen erscheinen, als Einwanderer und Gründer eines aus eigener Kraft finanzierten Unternehmens eine solche Summe auszuschlagen. Gemessen an dem, was daraus geworden ist, wirkt es wie die beste Entscheidung, die er je getroffen hat.
Vom Unternehmen zur Plattform
Rx2Go war der Machbarkeitsbeweis. Was Sattarov darum herum aufgebaut hat, zeigt die eigentliche Ambition: eine vertikal integrierte Plattform für Gesundheitslogistik, deren Bestandteile er sämtlich selbst gegründet hat – ohne Partner oder externes Kapital.
Rx4Route ist das technologische Herzstück: eine KI-gestützte Logistikplattform, die das tägliche Lieferaufkommen von Rx2Go disponiert und optimiert. Sie wurde mit dem Ziel entwickelt, künftig auch an andere Unternehmen der Branche lizenziert zu werden. SovaChat ist eine Kommunikationsplattform für Patienten, die den HITRUST-Sicherheitsanforderungen entspricht und in Krankenhaussysteme eingebunden werden kann. FollowRx gibt Apotheken und Patienten in Echtzeit Einblick in den Weg jedes Medikaments – vom Apothekentresen bis zur Haustür. Und die Sat-X Academy ist sein Ausbildungsprojekt in Usbekistan, dem Land, das er mit 19 verließ: eine Schule, an der junge Menschen Logistik, Disposition und Service lernen – jene Fähigkeiten, die Sattarov vom Lieferwagen an die Spitze einer Branche brachten. Ein weiteres Vorhaben, Satex, ein Dienst für Infusionstherapien auf Abruf und klinische Versorgung zu Hause, befindet sich in Entwicklung.
Die einzelnen Teile des Portfolios greifen bewusst ineinander: eine Plattform, die Lieferungen steuert, eine Kommunikationsebene, die Patienten auf dem Laufenden hält, und eine Sendungsverfolgung, die jede Übergabe dokumentiert. Jedes Geschäft stärkt die anderen. Keines ist einem Investor Rechenschaft schuldig.
Dieser letzte Punkt ist kein Nebendetail. In einem Sektor, in dem von Risikokapital finanzierte Liefer-Start-ups Hunderte Millionen einsammelten und einen Großteil davon verbrauchten, wirkt Sattarovs Verzicht auf externes Kapital weniger wie Sparsamkeit als wie Strategie. Er musste nie schneller wachsen, als es sein Betrieb verkraftete, nie Kennzahlen für einen Verwaltungsrat hinterherjagen und nie verkaufen.
Wer hungrig ist, kommt zum Zug
Sattarov blickt nicht sentimental auf seine eigene Geschichte. Doch ihre Entwicklung ist kaum zu übersehen. Der junge Mann, der einst keinen Gesprächstermin bekam, führt heute mehrere Unternehmen im Gesundheitsbereich, die zusammen zwei Millionen Patienten im Monat versorgen – und eine Schule in dem Land, das er verlassen hat. Dort lernen junge Menschen das Handwerk, mit dem für ihn alles begann.
Sein Rat an Gründer ist der, nach dem er selbst gehandelt hat: „Warte nicht auf den perfekten Plan. Baue die Version, die du bauen kannst – heute.“ Als er anfing, hatte er weder Kapital noch ein Netzwerk noch fließende Englischkenntnisse. Nichts davon ließ er als Grund gelten, zu warten.
Fragt man ihn, wo die Grenze liegt, nennt er keine.
„Wer satt ist, wird träge“, sagt er. „Wer hungrig ist, kommt zum Zug.“
Er ist noch immer hungrig.
Fotos: beigestellt