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Weil Nachhaltigkeit dort laut Kilian Kaminski nur eine Nische sein durfte, verließ er Amazon und gründete gemeinsam mit Peter Windischhofer und Jürgen Riedl in Wien einen Marktplatz, der generalüberholte Geräte zum Massengeschäft machen sollte. Refurbed ist heute in 24 Märkten aktiv, profitabel und erwirtschaftete kürzlich einen Außenumsatz von 3 Mrd. €.
ist gerade ein Triathlon zu Ende gegangen. Peter Windischhofer ist durch die Ziellinie gelaufen, Kilian Kaminski hat zugeschaut (das Laufen überlässt er lieber anderen), und nun starren die beiden auf eine Zahl am Handydisplay, die sie selbst kaum glauben: 14 Verkäufe an einem einzigen Wochenende. „Wir dachten, wir sind die Größten der Welt“, erinnert sich Kaminski. Ihr Unternehmen ist zu diesem Zeitpunkt acht Wochen alt. Heute, neun Jahre später, schafft Refurbed dieselben 14 Verkäufe in unter zwei Minuten.
Aus dem Wiener Start-up ist ein europäischer Handelsplatz geworden, der zu Geld macht, was die meisten wegwerfen: gebrauchte Elektrogeräte. Refurbed vermittelt zwischen professionellen Aufbereitern – sogenannten „Refurbishern“ – und Konsumenten, ohne selbst ein einziges Gerät zu besitzen. Daraus entstand über die Jahre ein Netzwerk aus rund 400 Partnern und über 300 Mitarbeitenden. Seit der Gründung hat das Unternehmen mehr als zehn Millionen generalüberholte Geräte verkauft und zählt heute rund vier Millionen Kunden. Das kumulierte Handelsvolumen liegt nach eigenen Angaben bei 3 Mrd. US-$ (2,3 Mrd. €), wobei die erste Milliarde sechs Jahre brauchte und die dritte nur noch zwölf Monate. Seit 2025 schreibt Refurbed – nach dem Abbau von 20 % der Belegschaft – schwarze Zahlen; bei rund 40 % Wachstum.
Damit befindet sich Kaminski mit Refurbed in einem äußerst attraktiven Markt: Laut dem Marktforschungsunternehmen Consegic Business Intelligence soll der weltweite Markt für generalüberholte Elektronik von 54 Mrd. US-$ (2024) bis 2032 auf über 119 Mrd. US-$ wachsen, bei einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 10 %. Der prominenteste Gegner von Refurbed heißt Back Market: Das Pariser Unternehmen wurde 2014 gegründet, hat nach eigenen Angaben bisher 30 Millionen Geräte aufbereitet und zählt 17 Millionen Kunden. Die Franzosen sind stark in den USA, Japan und Südkorea vertreten und legten im deutschen Kernmarkt von Refurbed im zweiten Quartal 2025 kräftig zu. Statt globaler Präsenz forciert das Wiener Scale-up bewusst die europäische Breite. „Wir haben rund vier Millionen Kunden und die EU hat weit über 400 Millionen Einwohner. Da ist also noch viel Platz, um zu wachsen“, erklärt Kaminski. „Außerdem haben wir in Europa den großen Vorteil des freien Warenversands.“ Ein Sprung in die USA hieße dagegen, den Marktplatz bei null aufzubauen.
Kaminski wuchs in Hamburg auf und ging nach dem Abitur nach Australien, wo er für eine Musikagentur Konzerte und Tourneen organisierte und viel unterwegs war. „Wenn ich zurückblicke, verbinde ich die schönsten Orte, an denen ich war, immer mit Natur: Island, Neuseeland; die Unterwasserwelt am Great Barrier Reef in Australien“, erzählt er. „Der Klimawandel zerstört diese Natur. Unterbewusst war es mir deshalb immer wichtig, mit dem, was ich tue, etwas Positives zu bewirken.“
Wir wollen das grüne Amazon werden, in dem alles möglich ist.
Kilian Kaminski
Nach einem Master in International Business zwischen Shanghai und London landete Kaminski schließlich bei Amazon in München, wo er die größten Elektronikhändler auf dem Marktplatz betreute, ehe er den Auftrag bekam, das Refurbished-Programm des Konzerns aus den USA nach Europa zu bringen. Doch der Konzern denkt anders über das Produkt als der junge Manager: „Als ich das Refurbished-Programm launchen durfte, war das megacool, und ich dachte: ‚Jetzt kann ich bei diesem Riesenkonzern etwas Gutes tun!‘“, erzählt Kaminski. Schnell aber offenbarte sich eine andere Logik: Wer aktiv nach „refurbished“ suchte, sollte es auf Amazon finden – wer bereit war, neu zu kaufen, sollte jedoch neu kaufen; an Neuware verdient der Konzern schlicht mehr. „Ich habe schnell gemerkt, dass da kein echter Fokus drauf war. Der innere Konflikt wurde zu stark, und deshalb habe ich mich entschieden, Amazon zu verlassen“, sagt Kaminski. „Das war mein erster Berührungspunkt mit Refurbished-Produkten – und das hat letztlich dazu geführt, dass wir jetzt hier sitzen.“
Im Dezember 2016 traf Kaminski in Wien seinen früheren Shanghaier Studienkollegen Peter Windischhofer, der damals bei McKinsey arbeitete. Damals wussten sie noch nicht, dass sie drei Jahre später gemeinsam auf Europas Forbes 30 Under 30-Liste stehen werden. Nach „ein paar Bier“, wie Kaminski grinsend erzählt, stand die Idee eines Marktplatzes für generalüberholte Elektroprodukte im Raum. Windischhofer hatte kurz zuvor ein gebrauchtes Smartphone über eine Peer-to-Peer-Plattform gekauft, das nach zwei Wochen den Geist aufgab; eine Garantie gab es damals nicht. Genau diese Lücke wurde zum Geschäftsmodell: „Die große Masse der Gesellschaft kannte damals nur Neuware und Gebrauchtware. Die Kategorie in der Mitte, die die Vorteile von beidem verbindet – den besseren Preis, die Garantie und die Nachhaltigkeit –, war nicht bekannt“, sagt Kaminski. Für die technische Umsetzung suchten sie im Wiener Ökosystem nach einem Mitgründer und stießen schließlich auf den Software Engineer Jürgen Riedl. „Wir haben auch mit Agenturen gesprochen und gefragt, was der Bau der E-Commerce-Plattform kosten würde. Die haben gesagt: ‚Rund sechs Developer für sechs Monate und etwa 200.000 €‘“, erinnert sich Kaminski. „Jürgen hat es dann in fünf Monaten allein gebaut. Das Grundgerüst davon nutzen wir noch heute. So sind wir zu dritt entstanden.“
Anfangs warben die Refurbed-Gründer auf Kleinanzeigenplattformen und generierten dadurch viele Klicks auf ihrer Webseite – aber kaum Umsatz. „Da wurde immer gefragt: ‚Was ist der letzte Preis?‘ Wir bekamen sogar Angebote wie ‚Tausche Mofa gegen iPad‘“, erzählt Kaminski und lacht. Als Marktplatz kann Refurbed die von den Händlern gesetzten Preise nun einmal nicht herunterhandeln – die Zielgruppe war schlicht die falsche. Heute sind Familien die kaufkräftigsten Kunden, weil dort Preis, Frequenz und Nachhaltigkeit zusammenfallen; auf der Käuferseite stehen zu rund 90 % Endkunden und zu 10 % Unternehmen. Begonnen hat der Marktplatz mit Handys und Laptops, die wegen ihrer kurzen Austauschzyklen bis heute das Kerngeschäft bilden. Mittlerweile wuchs das Sortiment auf Haushaltsgeräte, E-Bikes, Ski sowie Baby- und Kinderzubehör bis hin zur generalüberholten Gitarre – eine Kategorie, die laut Kaminski am schnellsten wächst. „Wir wollen das grüne Amazon werden, in dem alles möglich ist. In die Richtung soll es mittel- und langfristig gehen, das ist die Idee dahinter“, so der Unternehmer. „Wir haben unser Geschäftsmodell übrigens nie verändert: Wir haben von Anfang an Business-to-Consumer-Refurbished-Produkte verkauft“, sagt Kaminski. „Wir hatten also schon damals die richtige Grundidee, die wir dann optimiert und ausgebaut haben.“ Refurbed hat rund 166 Mio. € über fünf Finanzierungsrunden aufgenommen, die jüngste war eine Series D über 50 Mio. € im Jahr 2025.
Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft, in der wir etwas nutzen, wegschmeißen und uns nicht mehr darum kümmern.
Kilian Kaminski
Der Wert, den Refurbed schaffen will, ist Vertrauen. „Der Kunde soll sagen können: ‚Bei Refurbed kann ich kaufen, und egal, welcher Händler dahintersteht, es funktioniert!‘ Deshalb müssen wir streng sein, um unser Qualitätsversprechen zu erfüllen“, sagt Kaminski. Um das zu sichern, verifiziert das Unternehmen jeden Händler vor dem ersten Verkauf, prüft Datenlöschungssoftware und Ersatzteile, betreibt Mystery Shopping und besucht die größten Partner persönlich. „Bei jedem Refurbisher kann mal etwas passieren, deshalb gibt es bei uns die zwölfmonatige Garantie“, sagt der Mittdreißiger. Die Verkäufer auf der Plattform sind entweder spezialisierte Aufbereiter, vom Handybetrieb mit zehn Mitarbeitern bis zum Laptop-Refurbisher mit 200 Angestellten, oder zunehmend die Marken selbst. Dyson, Kärcher und AEG bereiten ihre Produkte in Eigenregie auf und verkaufen sie über Refurbed statt über die eigene Website – Grund dafür ist die Sorge, das eigene Neugeschäft zu kannibalisieren. So erreichen sie außerdem eine preissensible Zielgruppe, ohne die eigene Marke zu beschädigen.
Kaminski ist auch auf politischer Ebene aktiv. Als Vorstandsmitglied der European Refurbishment Association gestaltet er die Regeln der Branche mit, von der sein Unternehmen lebt. Rückenwind erhofft er sich vom Recht auf Reparatur, vom Ecodesign und einer künftigen Gesetzgebung zur Kreislaufwirtschaft. „Das ist für uns wichtig, um weiterhin Mehrwert zu schaffen und ein Bewusstsein zu erzeugen. Das ist eine große Intention, weil wir als Gründer eine persönliche Mission haben, dieses Mindset in eine nachhaltige Richtung zu verändern“, stellt er klar.
Wie ernst ihm diese Mission ist, zeigt eine Reise, die mit dem Umsatz von Refurbed nicht direkt zu tun hat: Im April dieses Jahres drehte Kaminski in Ghana eine Dokumentation über Elektroschrott. „Was ich hier in Europa als Müll sehe, ist dort eine Ressource“, sagt er. „Wir in Europa leben in einer Wegwerfgesellschaft, in der wir etwas nutzen, wegschmeißen und uns nicht darum kümmern, was passiert.“
Elektroschrott ist der am schnellsten wachsende Abfallstrom der Welt; laut dem Global E-Waste Monitor 2024 fielen 2022 rund 62 Millionen Tonnen an, bis 2030 sollen es über 80 Millionen Tonnen sein. Nur gut ein Fünftel davon wird nachweislich gesammelt und recycelt, der Rest verbrennt, landet auf Deponien oder auf Halden wie jener, die Kaminski in Ghana gefilmt hat. Um diesen Abfallstrom zu minimieren, verlängert Refurbed die Lebensdauer von Geräten, die sonst früher in diesem Strom enden würden. Den ökologischen Nutzen des Geschäfts lässt Refurbed von Fraunhofer Austria berechnen – nach diesen Angaben sparten ihre Kunden seit der Gründung 445.000 Tonnen CO2 gegenüber dem Neukauf.
Aufgrund seines politischen Engagements hat sich Kaminski von vielen operativen Themen bei Refurbed inzwischen zurückgezogen. Einen Exit sucht der Gründer jedoch nicht: „Wir haben noch so viel Potenzial, zu wachsen, dass sich die Frage stellt, welcher Exit gerade überhaupt sinnvoll wäre“, sagt Kaminski. „Wir wachsen dieses Jahr deutlich schneller als geplant, die Nachfrage läuft extrem gut und die neuen Kategorien funktionieren.“ In den nächsten Jahren möchte sich das Unternehmen erst mal auf die Länder- und Produktexpansion konzentrieren. „Ich würde mir wünschen, dass man in ein paar Jahren nicht mehr überlegt, ob man ein Refurbished-Produkt kauft, sondern nur noch, welches, weil es einfach so normal ist und keine Nische mehr“, sagt Kaminski abschließend.
Fotos: David Payr