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Vom Tüfteln in der Garage zur globalen Marke: woom ist schon lange den Kinderschuhen entwachsen. Aus dem Wiener Start-up ist ein Unternehmen geworden, das längst mehr als Kinderfahrräder anbietet. Die Gründer wollen damit die Mobilität der nächsten Generation mitprägen.
Wenn man im Sommer durch den siebenten Bezirk Wiens schlendert, erkennt man irgendwann ein Muster, das sich nicht mehr übersehen lässt: Auffällig viele Kinder fahren auf auffällig bunten Rädern durch die Straßen. Und fast immer trägt der Rahmen denselben weißen Schriftzug: woom.
Was zunächst nach einem Zufall aussieht, ist das Resultat einer österreichischen Erfolgsgeschichte, die 2013 in einer Wiener Garage begann. Heute zählt woom zu den größten Kinderradherstellern der Welt. Wie groß woom ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen: 2025 setzte das Unternehmen rund 150 Mio. € um, 27 % mehr als im Jahr davor, und verkaufte rund 400.000 Fahrräder. Inzwischen fahren Kinder in mehr als 40 Ländern der Welt auf einem woom-Fahrrad.
Entstanden ist das Unternehmen aus einem persönlichen Problem: Christian Bezdeka, Industriedesigner und, wie er selbst sagt, „radlnarrisch“, fand auf der Suche nach einem Kinderrad nur schlechte Kompromisse. Was der Markt bot, waren im Grunde verkleinerte Erwachsenenräder – schwer, unhandlich und mit einer unvorteilhaften Sitzposition. „Ein Kind wiegt vielleicht 15 Kilo und soll mit einem 12-Kilo-Rad anfangen“, sagt Bezdeka. „Das ist, als sollte ein Erwachsener das Radfahren auf einem 60-Kilo-Rad lernen.“
Also zeichnete er selbst ein Kinderfahrrad und baute fünf Prototypen. Über einen Auftrag für den Autobauer Opel lernte er den damaligen Marketingdirektor Marcus Ihlenfeld kennen und holte ihn an Bord. „Wie die meisten großen Dinge im Leben war das nicht planbar. Es war Zufall oder Schicksal, dass ich Marcus kennengelernt habe“, sagt Bezdeka heute. Sechs Monate später kündigte Ihlenfeld seinen Konzernjob und zog in die Garage, wo gemeinsam weiter am perfekten Kinderrad getüftelt wurde.
Ein woom-Rad ist darauf ausgelegt, mehrere Kindergenerationen zu überstehen. Entsprechend hoch ist auch der Wiederverkaufswert: Je nach Modell und Zustand lassen sich gebrauchte woom-Räder noch für 80 bis 90 % des ursprünglichen Preises verkaufen. „Die nachhaltigsten Produkte sind die, die man über Jahrzehnte nutzen kann“, sagt Bezdeka. Was in der Anschaffung zunächst teurer wirkt, rechne sich für Familien und schone zugleich Ressourcen. Auch unabhängige Prüfinstanzen bestätigten zuletzt die Qualität der Räder: Die Modelle „woom GO“ und „woom EXPLORE“ wurden 2026 Testsieger bei der Stiftung Warentest sowie bei ADAC, ÖAMTC und dem Touring Club Schweiz.
Wir sollten die Mobilität von morgen mit der Generation von morgen beginnen.
Marcus Ihlenfeld
Aus dem selbst gebauten Kinderrad ist längst eine ganze Produktwelt geworden. Sie reicht vom selbstbalancierenden Laufrad für Kinder ab neun Monaten bis zum Allround-E-Bike für Teenager.
Gerade das war zunächst umstritten: „Wie könnt ihr ein E-Bike für Kinder machen?“, bekam das Team anfangs per Mail zu lesen. Ihlenfeld hält dagegen: Wenn Eltern längst elektrisch unterwegs seien, müsse ein Kind mithalten können. Und wer täglich 200 Höhenmeter auf dem Weg zur Schule bewältige, für den könne der Motor den Unterschied machen, ob das Fahrrad eine realistische Option sei. Derzeit liegt der Anteil von E-Bikes am Absatz im einstelligen Prozentbereich.
Die härtesten Kritiker sitzen ohnehin im Unternehmen: die Kinder selbst. Anfang 2026 wurde bei woom dafür ein eigenes Kids Advisory Board ausgerufen. „Kinder sind gnadenlos ehrlich“, sagt Bezdeka. „Wenn ihnen etwas nicht gefällt, bekommst du das ungeschminkt vor den Latz geknallt.“ Genau diese Ehrlichkeit, sagt er, mache die Räder besser.
Vor den Schultoren lässt sich die Verkehrspolitik einer Stadt in wenigen Minuten ablesen. Wo morgens Autos stehen und Kinder aus den Rückbänken klettern, ist etwas verloren gegangen, das einmal selbstverständlich war: das Fahrrad. „Das war früher anders, heute ist es leider nicht mehr so“, erinnert sich Ihlenfeld. Dass ihn das stört, hat weniger mit seinem Unternehmen zu tun als mit seiner Überzeugung, dass Mobilität früh geprägt werden muss: „Wir sollten die Mobilität von morgen mit der Generation von morgen beginnen“, sagt er.
Für Ihlenfeld ist ein gutes und sicheres Kinderrad die Voraussetzung dafür, dass Familien das Auto tatsächlich stehen lassen. Wichtig wäre hierbei vor allem, den Verkehr rund um Schulen zu beruhigen. Wien sieht er beim Thema Mobilität „international nicht als Schlusslicht, aber mit viel Luft nach oben“. Die Stadt sei noch immer zu stark auf das Auto ausgerichtet. Er selbst fahre Auto, betont Ihlenfeld – „aber der eine oder andere Parkplatz dürfte ruhig verschwinden“.
Das operative Geschäft haben die beiden Gründer 2022 bewusst abgegeben, als woom die Marke von 200 Mitarbeitern überschritt. „Eine Organisation dieser Größe braucht einen anderen Führungsstil, als wir ihn leisten können“, sagt Ihlenfeld. Bereits sechs Monate nach dem operativen Ausstieg gründeten sie mit dem Kindermöbel-Start-up Poptop ihr zweites Unternehmen. Zudem geben sie über die Plattform soundslikeaplan ihre Erfahrungen an junge Gründer weiter. „Es wäre zu schade, wenn diese Learnings nur für uns bleiben“, sagt Bezdeka. „Das Ziel war nie das Ziel“, ergänzt Ihlenfeld – „der Weg war das Ziel“.
Foto: Ivan Bandic / woom GmbH