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Titelbild: Andreas Kern, Wikifolio

Die Social-Trading-Plattform Wikifolio macht jeden zum Fondsmanager – oder zumindest zum aktiven Investor. Für die Expansion tüftelt das Team rund um Andreas Kern nun an einer Blockchain-Lösung.

Als die E-Mail aus dem Hause Lang & Schwarz bei Andreas Kern ein­trudelte, hatte der Wikifolio-Gründer mit einem Schlag ein drittes Pro­blem – zusätzlich zu den zwei gebrochenen Halswirbeln, die er sich kurz zuvor bei einem Mountainbikeunfall zugezogen hatte. Denn Kern hatte den Vorstand des in Düsseldorf ansässigen deutschen Brokers gefragt, ob dieser nächsten Dienstag Zeit habe, über ein Angebot zu sprechen. Er, Kern, sei an dem Tag gerade in der Stadt. Das war etwas dick aufgetragen, denn tatsächlich befand sich Kern in Wien – und brauchte plötzlich ein Flugticket nach Düsseldorf.

Das war vor rund acht Jahren; Kern war gerade dabei, sein Start-up Wikifolio aufzubauen. Die Idee: Jeder – egal, ob Finanzmarktprofi oder Hobbytrader – sollte auf der Plattform kostenlos Muster­port­folios erstellen können, soge­nannte Wiki­folios. Anleger können diesen folgen und – wenn sie ein Trader überzeugt – echtes Geld investieren. Das Konzept stand, doch Kern brauchte einen Partner, der die entsprechenden Finanzprodukte anbietet.

Vertragsabschluss in Halskrause

Um die Geschichte abzukürzen: Der Oberösterreicher bekam noch einen Flug nach Düsseldorf und überzeugte die Deutschen mit seinem Plan – obwohl er die Präsentation vor dem Vorstand in einer sperrigen Halskrause halten musste. „Das ließ mich offenbar besonders glaubwürdig und zielorientiert erscheinen“, sagt Kern.

Heute weist Wikifolio ein Handelsvolumen von über 21 Mil­li­arden € aus. Mittlerweile wurden weit über 20.000 Wikifolios auf der Plattform veröffentlicht – in über 7.800 davon kann man echtes Geld investieren, indem man Zertifikate von Lang & Schwarz kauft, die unter anderem an der Börse Stuttgart gehandelt werden.

Bei jedem Wiki­folio kann der Trader im Vorfeld eine Erfolgs­gebühr definieren, die zwischen 5 und 30 % beträgt und nur bei neuen Jahreshöchstständen fällig wird. Diese Gebühr wird zwischen dem Trader und Wikifolio aufgeteilt. Dazu kommt noch eine jährliche Zertifikatsgebühr von 0,95 %. Das Geschäft läuft für Wiki­folio gut, 2017 schrieb das Unternehmen operativ erstmals schwarze Zahlen. Der Umsatz lag bei über 8,6 Millionen €. Geschäftszahlen für 2018 liegen noch nicht vor. Das Unternehmen hat über 60 Mitarbeiter – und sucht laufend neue.

Die Finanzkrise verzögert den Start

Dabei musste Kern den Start des Unternehmens zunächst um ein paar Jahre verschieben. Ins Firmenbuch ließ er Wikifolio schon 2008 eintragen, über den Sommer arbei­tete er bei einem Aufenthalt in Griechenland das Konzept aus. Im Herbst wollte er es umsetzen. „Doch dann kam ich zurück nach Wien, schlug die Zeitung auf und dachte: Kann man diese Banker nie alleine lassen?“, erinnert sich Kern. Just zum geplanten Start trudelte die Welt in die größte Finanzkrise seit den 1930er-Jahren. Nicht der beste Zeitpunkt, um ein Finanz-Start-up aufzubauen, wie Kern nach einigen Gesprächen mit möglichen Geld­gebern einsehen musste.

Er tüftelte an der Idee daher zunächst nebenberuflich weiter – und nahm 2011 einen neuen Anlauf. Tradingerfahrung hatte Kern zu dem Zeitpunkt übrigens keine. Bevor es richtig losgehen sollte, absolvierte der studierte Mathematiker daher die Prüfung zum Börsenhändler an der Wiener Börse. „Ich war wahrscheinlich der erste Teilnehmer dort, der noch nie eine Aktie gekauft hatte“, erinnert er sich. Mittlerweile ist Kern von der Aktie als Anlageform restlos überzeugt: „Ich bin eigentlich ein risikoaverser Mensch, aber in der langen Frist gibt es keine bessere Geldanlage.“ Mittels Diversifizierung könne man das Risiko minimieren. Zudem müsse man den Begriff positiv interpretieren: „Risiko ist ein Rohstoff, den man einkauft, um Rendite zu bekommen.“

Foto: Andreas Kern, Wikifolio

Andreas Kern
studierte Mathematik und Computerwissenschaften und hat einen Master of Science für Innovationsmanagement der Johannes Kepler Business School Linz. Er ist zudem ausgebildeter Börsenhändler für Termin- und Kassamarkt. Vor Wikifolio war er unter anderem Mitgründer der Payolution GmbH, die an Skrill/Moneybookers verkauft wurde.

Anleger sollten jedoch nicht nur bei Branchen oder Anlageklassen streuen, sondern auch bei Anlagestilen, sagt Kern. Das umfasst durchaus auch einen Trend in der Geldanlage, der Wikifolio nicht in die Hände spielt – und zwar jenen zum passiven Investieren.

Börsen­gehandelte Fonds (ETFs), die meist einen fixen Index nachbilden, anstatt auf eine aktive Auswahl durch einen Fonds­manager zu setzen, boomen. Weltweit beträgt der Markt für passiv gehandelte Anlageprodukte (Exchange Traded Products, ETPs) rund fünf Billionen US-$, Europa kommt auf rund 850 Milliarden ­US-$.

Der Trend ist leicht erklärt: ETFs können deutlich günstiger angeboten werden und aktive Manager performen langfristig meist nicht besser als der Vergleichs­index. Kern bestreitet das gar nicht: „Ich habe selbst auch einen Teil meines Vermögens in ETFs angelegt. Aber aktive Strategien machen Sinn, und ich mische sie dazu, da gibt es keinen Widerspruch.“

Raus in die Welt

Eine noch laufende ­Studie der Universitäten Zürich und Genf untersucht aktuell, welche Persönlichkeitsmerkmale erfolgreiche Trader brauchen – anhand von Wikifolio-­Daten. Die Studie ist noch nicht abgeschlossen, erste Ergebnisse wurden aber bereits veröffentlicht. Diese zeigen, dass die erfolgreichsten Wikifolio-Trader zwischen 2012 und 2018 tatsächlich eine Überrendite lieferten.

„Die kumulierte Rendite von Wikifolio-Zertifikaten mit mehr als einer Million € investiertem Kapital liegt deutlich über dem Gesamtmarkt, der durch den MSCI World abgebildet wird“, erläutert Isabella Kooij, Doktorandin an der Universität Zürich und eine der Autorinnen. Die entsprechenden Zertifikate hätten ihren Renditevorsprung seit 2012 sukzessive ausbauen können. Und: Die Wiki­folio-Anleger seien in der Lage, erfolgreiche Trader zu identifizieren.

Aktiv ist Wikifolio derzeit nur im deutschsprachigen Raum. In weitere Märkte zu expandieren ist ein Ziel – allerdings müssen dazu einige Hürden gemeistert werden. Für jedes Land, in dem man ein Finanzprodukt auf den Markt bringen will, braucht es einen offiziellen Prospekt, der Anleger über die Risiken und die rechtliche Situation aufklärt. Dieser muss meistens auch in der Landessprache verfasst werden. Zudem ist es eine Kostenfrage: „Ich kann es mir einfach nicht leisten, 8.000 Produkte auf der Euronext listen zu lassen, um in Frankreich Fuß zu fassen“, sagt Kern. Es brauche effizientere Möglichkeiten, um in einen neuen Markt hineinzukommen. Genau hier kommt nun Blockchain ins Spiel: Denn Wiki­folio arbeitet in diesem Bereich bereits an einer Blockchain-basierten Lösung – die mit Kryptowährungen allerdings nichts zu tun hat.

Vielmehr geht es um die Aufbewahrung und Übertragung von Wert­papieren. Dort ist die Situation derzeit so: Jeder Anbieter eines Finanzprodukts braucht einen Zentralverwahrer, der für die Auf­bewahrung und Übertragung zuständig ist.

Diese unterscheiden sich je nach Land und haben mit ihren Depotbanken de facto lokale Mono­pole. Ist man in verschiedenen Ländern aktiv, wird das schnell teuer. Mit einer Blockchain-Lösung könnte man „die Zentralverwahrer disrupten“, wie Kern es formuliert – und zwar, indem man Verwahrung und Übertragung dezentralisiert. So könnten sie kostengünstiger und schneller abgewickelt werden, glaubt der Wikifolio-Chef.

In einem ersten Schritt wird Wikifolio nun für alle Finanzprodukte Token schaffen, die auf den gängigen Blockchains mit entsprechender Reichweite verfügbar gemacht werden sollen. „Die Blockchain wird uns ermöglichen, dass unsere Produkte benutzerfreundlich europa- oder weltweit verfügbar sind“, sagt Kern, der Wikifolio als Unternehmen mit globalem Anspruch sieht.

Mit den Eckpunkten Transparenz, erfolgsbezogenes Geschäftsmodell und Listing an der Börse sei man weltweit noch immer konkurrenzlos. Geht der Plan auf, könnte sich übrigens auch Kerns Erscheinungsbild verändern: „Der Bart kommt erst weg, wenn wir eine Milliarde US-$ wert sind.“

Der Artikel ist in unserer April-Ausgabe 2019 „Geld" erschienen.

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