Freche 27 Millionen

WayRay hat mit zehn Millionen US-$ ein Augmented-Reality-Navigationssystem entwickelt. 17 Millionen US-$ Finanzierung bekam es durch Alibabas Lead noch dazu.

Vitaly Ponomarev ist der Prototyp eines „30 under 30“-Kandidaten: zielstrebig, ehrgeizig und mit genug Durchsetzungsvermögen und Vorstellungskraft ausgestattet, um ein entwicklungsintensives Produkt anzugehen, bevor dessen Zeit überhaupt gekommen ist. Die von ihm entwickelte Technologie, eine Augmented Reality für Automobile, ist für Produzenten, Zulieferer wie Konsumenten gleicher­maßen inte­ressant. Eine Entwicklung, die auch an Alibaba-Gründer Jack Ma nicht vorbeigehen sollte: Ausgerechnet der chinesische Internetmilliardär, bei dem gewiss mehr als genügend Pitch-Decks über den Tisch segeln, schlug bei WayRay zu. Die 1999 in Hangzhou gegründete Aktien­gesellschaft Alibaba Group ist neben WayRay in eine verhältnismäßig überschaubare Anzahl an Start-ups wie App-Entwicklern, Social-Media-Diensten oder Suchdiensten investiert. Das prominenteste da­runter ist Snapchat. Es ist durchaus möglich, dass WayRay es innerhalb kurzer Zeit zu ähnlicher Bekanntheit bringt.

Ethan Xie, Senior Investment Director der Alibaba Group, sagte zum Deal: „Wir glauben an das große Potenzial von Technologien wie Augmented Reality (AR, Anm.) und ihre Anwendung in verschiedenen Bereichen und erkennen die Chancen von WayRays AR-Navigationssystem für den Automobilsektor.“ Nicht nur Alibaba hat investiert. Mit an Bord ist auch noch ein russischer Investor: Sistema. Die private Investmentgesellschaft führt überwiegend russische Unternehmen aus Telekommunikation, Handel oder Hightech in ihrem Portfolio. Mit der Beteiligung an WayRay bringt sich auch dieser Investor – so, wie aktuell viele Geldgeber diesem Trend folgen – auf dem Feld der AR und VR (Virtual Reality) in ­Stellung. Laut CB Insights sind die Investments im VR und AR Bereich von 2015 auf 2016 um 140 Prozent gestiegen und standen Ende des vergangenen Jahres bei insgesamt 1,83 Milliarden US-$ – am meisten erhielt der Virtual-Reality-Entwickler Magic Leaps mit einer Series C von 794 Millionen US-$.

Als wir Ponomarev beim Web Summit in Lissabon nach dem Deal fragen, bleibt der gebürtige Kasache lässig. „Alibaba stieß durch unsere Zusammenarbeit mit Banma auf uns. (Das Start-up Banma Technologies wird von der Alibaba Group und Chinas größtem Automobilhersteller SAIC Motor finanziert, Anm.) Und dieses Investment beweist, dass die Gruppe niemand anderen als uns auf diesem Markt sieht. Alibaba hat gesehen, was wir machen, und im Anschluss entschieden, in uns zu investieren. Für sie ist es ein rein finanzielles Investment, vielleicht wird es auch noch ein strategisches. Wir werden sehen.“

Mit SAIC Motor und Banma wird WayRay – laut Ponomarev in enger Zusammenarbeit – ein AR-System entwickeln, das Navigation, Benachrichtigungen des Fahrassistenten und ein virtuelles Armaturenbrett integriert. 2018 soll dieses Head-up-Display in einem ersten Modell vorgestellt werden. Salopp erzählt der gebürtige Kasache: „Ich hatte Bedenken, weil ich immer wieder hörte, dass Chinesen im Geschäftemachen langsam seien. Aber bei diesem Deal ging alles sehr, sehr schnell. Innerhalb von zwei Monaten hatte Alibaba eine Due Diligence auf den Tisch gelegt und wir haben sofort unterschrieben.“

Obwohl er erst 29 Jahre alt ist, hat Ponomarev schon einiges erreicht. 2012 gründete er WayRay. In nur vier Jahren hat das Unternehmen ein Paket entwickelt, das aus einer Kombination aus Hard- und Software Augmented Reality für die Nutzung im Auto erzeugt. „Wir haben schon 2007 mit Augmented Reality begonnen, etwa zeitgleich mit Google Glass. AR als Transformation des Internets zu einem dreidimensionalen Medium war damals wie Science-Fiction. Und mein Ziel war es, eine Softwareplattform für AR-Anwendungen zu entwickeln, obwohl es damals noch keine entsprechende Hardware dazu gab. Das unlängst von Apple veröffentlichte AR-Kit (ein Werkzeugkasten für die Entwicklung von AR-Anwendungen für Apple-Geräte, Anm.) gleicht der Idee, die ich vor zehn Jahren hatte. Dennoch, damals eine Konkurrenz-­Plattform zu Google zu bauen war vielleicht etwas naiv“, sagt der Unternehmer-Geek. Der Wille, es trotzdem zu tun, liegt an einem besonderen Erlebnis: „Ich hatte vor einigen Jahren einen Auto­unfall, weil ich von meinem Navi abgelenkt war. Da realisierte ich, dass der erste Markt für AR die Navigation im Auto sein wird.“

Seitdem arbeitet ein Team aus mittlerweile rund 160 Mitarbeitern an Navion, dem „ersten AR-Navigationssystem der Welt“, so Ponomarev selbstbewusst. „Ich finde es ganz logisch, die Navigation so natürlich wie möglich zu gestalten, das heißt, Anweisungen und Informationen auf die Windschutz­scheibe und damit quasi direkt auf die Straße zu projizieren.“

Navion spielt Routenüberblick, Details wie Distanz und Dauer, Temperatur oder Tankfüllstand und konkrekte Weganweisungen direkt in das Sichtfeld des Fahrers, der somit seinen Blick nicht mehr senken muss. Es bietet Sprachsteuerung und verbindet sich mit dem Smartphone inklusive Social-Media-­Funktion (diese Funktionen nennt Ponomarev „Infotainment“). Der Fahrer ist so weniger verleitet, zum Handy zu greifen, während er am Steuer sitzt. Ursprünglich war Navion für 2017 angekündigt; 2018 soll es nun auf den Markt kommen und auf der globalen Consumer-Electronics-Messe CES vorgestellt werden. Bis jetzt hat die Entwicklung laut Ponomarev zehn Millionen US-$ gekostet, also die gesamte Investitionssumme der Series A gebraucht. Für WayRays Entwicklung spricht, dass viele der Series-A-Investoren auch bei Series B mitgegangen sind.

Ponomarev sieht sein Unternehmen als Industrie-Start-up und rechnet nicht damit, noch sehr lange von Investments leben zu müssen. „Bei uns dauert es länger, bis wir abheben, weil wir sehr viel Forschung und Entwicklung machen. Aber wenn wir erst einmal abheben, machen wir 2020 Umsätze im Milliardenbereich.“ Dass Unternehmen wie Harman (USA), Conti­nental (Deutschland) und Visteon (USA) im Bereich der „Head-up-Displays“ an ähnlichen Entwicklungen arbeiten, stört den jungen Unternehmer nicht. „Es gibt rund zehn Teams weltweit, die mit uns konkurrieren. Aber keiner auf dem Markt kann AR so umsetzen wie wir. Und auch, wenn Firmen wie Samsung gerade in diese Richtung entwickeln, macht es mehr Sinn, mit uns zusammen­zuarbeiten. Wir sind schon am Markt und haben dafür keine ­Mühen gescheut.“

Ponomarev ist und bleibt im Gespräch selbstbewusst: Konkurrenz will er nicht sehen, ebenso wenig wie alternative Märkte, wie Wearables für AR. Seine Begründung: „Sie sind nach wie vor nicht bereit für diese Technologie. Das betrifft die Qualität von Bildern sowie die Rechnerleistung von Devices. Man muss sich das so vorstellen, dass ein Gerät Bilder in Echtzeit rechnen muss, und das in 4K-Qualität (eine für die Produktion von Kinofilmen verwendete Auflösung mit 4096 Pixeln, Anm.). Diese Rechenleistung in eine Brille zu integrieren ist momentan unmöglich. Es wird auch in den nächsten fünf Jahren nicht möglich sein.“

Bei Fahrzeugen hingegen seien diese Anwendungen bereits möglich, sagt Ponomarev. Interne und externe Sensoren auf der Karosserie ermöglichen heute schon eine viel präzisere Navigationsleistung, so Ponomarev. Das von ihm angestrebte Idealbild seiner eigenen AR-Navigation umfasst also neben intuitiver Bedienbarkeit samt integrierten GPS-Daten auch virtuelle Weg- und Richtungsvorgaben „direkt auf der Fahrbahn“. So soll das Fahren noch sicherer werden.

Das WayRay-Team arbeitet aber nicht nur für den Fahrer selbst, sondern auch an AR-Hard- und Software mit und für Erstausrüster sowie Automobilhersteller. „Im Zuge der Arbeit mit den Automobil­herstellern entstand der Wunsch, auch Fahrassistenzsysteme zu visualisieren, also Unterstützung beim Halten der Spur, Distanzwarnungen und vieles mehr. Also stellte ich ein Team zusammen, das genau diese Vorgaben in die Realität umsetzen kann.“ Damit dürfte Ponomarev erfolgreich gewesen sein. Denn unlängst hat das Schweizer Start-up die „2017 Top-Ten-Automotive-Startups-Competition“ der kalifornischen Messe Automobility LA gewonnen und damit ein Preisgeld von 15.000 US-$ eingeheimst. In der Jury saßen unter anderem Microsoft, der Chiphersteller Nvidia, Porsche Consulting und der Berater Sansea Consulting.

„Unsere Technologie ist eine echte Holografie. Wir sind der globale Marktführer für diesen Ansatz und die einzigen, die diese holografischen optischen Elemente entwickeln können, die die traditionelle Optik ersetzen. Zwischen der anfänglichen Idee und den aktuellen Entwicklungen haben wir viel gearbeitet. Wir haben uns intensiv mit Materialwissenschaften auseinandergesetzt und damit, die richtigen Photopolymere (Polymere, die ihre Eigenschaften ändern, wenn sie mit Licht bestrahlt werden, Anm.) zu finden. Wir haben die Software so programmiert, dass sie diese Optik simulieren kann und viele Programmier- und Forschungswerkzeuge entwickelt. Die Technologie ist eine Kombination aus Lasern, mikroelektronischer Optik, Mechanik und Software“, erklärt Ponomarev das komplexe Paket.

Im selbstfahrenden Auto werden wir künftig in der Lage sein, die gesamte Windschutzscheibe zu bespielen.

„Corporates können das nicht“, setzt der Unternehmer noch eins drauf. „Das können nur vertikal inte­grierte Start-ups. Große, bekannte Unternehmen haben das die letzten 25 Jahre versucht und einfach nicht geschafft. Sie sind an ihrer Bürokratie gescheitert. Diese Technologie ist so komplex, dass man sie nicht mit ein oder zwei Forschung-und-Entwicklung-Abteilungen bauen kann. Dazu braucht es nämlich auch eine Software-Abteilung, die diese speziellen Simulierungen programmieren kann. Deswegen gibt es uns.“

Zu einer ähnlich deutlichen Analyse kommt er auch in Bezug auf Tesla-Gründer Elon Musk: „Er ist ein cooler Typ, der gute Sachen macht. Wenn man sich aber anschaut, wie viel Tesla produziert und verkauft, sind sie in der Auto­mobilbranche ein kleiner Player. Und die Technologien, die sie verwenden, wurden nicht von ihnen erfunden, sondern stammen von deutschen Erstausrüstern, die Anteile an Tesla halten. Aber Tesla wird seine Nische finden.“

Aktuell arbeitet Ponomarev mit den meisten großen Autoherstellern zusammen, nennt aber ihre Namen nicht. „Wir decken 80 Prozent des Marktes ab und bleiben voraussichtlich auch noch die nächsten paar Jahre der einzige Lieferant. Momentan haben wir über zehn Projekte laufen und arbeiten mit über 30 Erstausrüstern zusammen; darunter sind die größten aus Deutschland, Amerika und China.“ Den Verkauf von Autos mit dieser Technologie prognostiziert der WayRay-Gründer für 2020.

Wenngleich das alles schon sehr vielversprechend klingt, ist für Ponomarev noch lange nicht Schluss. Sein nächstes großes Ziel ist das selbstfahrende Auto – ein naheliegender Schluss ausgehend von der auf Sensorik aufbauenden Technologie, die Straßen quasi lesen kann. Der Unternehmer blickt in die Zukunft: „Das selbstfahrende Auto ist der größte Markt für uns. Wir werden in Zukunft nämlich die gesamte Windschutzscheibe und auch die Fenster bespielen können. Diese werden für uns zum Medium für jedwede Art von Software und Anwendungen, die auch von Dritt­anbietern programmiert werden können.“ Geht man dann noch davon aus, dass die Zeit des nicht aktiven Fahrens genutzt werden möchte, eröffnet sich ein großes Feld an unterschiedlichen Szenarien: „Das könnten Social-Network-Spiele oder andere Unterhaltungsformate sein“, so Ponomarev weiter. „Auch auf diesem Feld arbeiten wir bereits mit einigen Firmen zusammen. Wir werden bei der CES 2018 auch einige dieser Partnerschaften vorstellen.“

Warum das selbstfahrende Auto nicht schon weiter ist, liegt laut Ponomarev nicht an technologischen Hürden, sondern an der Politik allein. „Es gibt keine ethischen Fragen, die nicht gelöst werden können, es ist die Politik, die das Fortkommen hier behindert. Sie sehen allein den Verlust von Arbeitsplätzen von professionellen Fahrern und nicht, dass eine rasche Entwicklung des autonomen Fahrens die Sicherheit aller Verkehrs­teilnehmer erhöht“, ist der Unternehmer überzeugt. Seine Kritik richtet sich nicht allein an die ­Politik, sie richtet sich ebenso an „Kollegen“ aus der Wirtschaftswelt: „Auch Unternehmen bremsen die Entwicklung des autonomen Fahrens. Erstausrüster und Automobilhersteller schaffen die Transformation zum Mobilitätsservice-Anbieter nicht. Automobilhersteller erfinden keine Dinge. Sie sind Marken. Einige der Zulieferer sind innovativ. Sie sind jung und hungrig. Ihre Zeit und die der Mobilität als Service wird kommen.“

Noch viel zu tun also für den
weit gereisten Kasachen. Vom WayRay-Standort im Schweizer Schaffhausen aus, quasi in unmittelbarer Nachbarschaft zum Traditions-­Luxusuhrenhersteller IWC, hat Ponomarev sich vorgenommen, der deutschen Automobilindustrie den Weg in die Zukunft zu weisen und ihre Perspektiven auf Augmented Reality technologisch anzupassen.

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Editorial Team

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