FREUND DER STILLE

Titelbild: Nils Frahm, Pianist, Musik

Mit seiner unkonventionellen Musik avancierte Nils Frahm in den vergangenen Jahren zum Weltstar. Nun versucht der Pianist, der sich als „alten Linken“ bezeichnet, seine Rolle in der modernen Kulturindustrie zu finden.

In seinem Stück „4ˇ33ˇˇ“, das 1952 in New York uraufgeführt wurde, versuchte der US-amerikanische Komponist John Cage das Publikum in die interaktiven Prozesse der Darbietung einzubeziehen. Die Besetzung war laut Partitur frei wählbar. Einzige Vorgabe: Drei Sätze müssen gespielt werden, jeder mit der Anweisung „tacet“ – stumm. So „klingt“ jede Aufführung von „4ˇ33ˇˇ“ völlig anders. Cage, einer der weltweit einflussreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts, schaffte damit einen Rahmen für einzigartige akustische Erlebnisse. Er eröffnete den Künstlern neuen Freiraum für Interpretation: Ist die Stille Teil der Musik? Wie reagiert das Publikum? Fängt es an zu musizieren?

Auf Cages Spuren wandelt auch Nils Frahm. Mit seiner intimen, genrefreien Musik voller Elektro- und Avantgardeklänge avancierte der deutsche Pianist in den vergangenen Jahren zum Weltstar. Er füllt riesige Konzertsäle in den USA ebenso wie in Japan. Auch das Wiener Konzerthaus ist an diesem Mittwochabend im Februar ausverkauft.

Frahm sieht sich selbst eher als Jazzer und versteht sich auf akustische Experimente und Improvisation: „Die besten Ideen kommen mir, wenn ich ad hoc Probleme lösen muss. Das ist vor Publikum aufregend, erzeugt aber auch den Druck, der das Ganze erst möglich macht“, so der 35-Jährige. Er versuche, „die Dinge einfach passieren zu lassen – ähnlich wie in einer Jamsession, bloß, dass die Akustik der Mitmusiker ist“. Ebenso wie der Avantgardist Cage ist auch Frahm ein Freund der Stille. In einer Zeit, in der man mit Musik kaum noch provozieren könne, sei Stille nämlich ein viel radikaleres Mittel als der Lärm.

„Ich habe es zum Glück geschafft, mich freizukämpfen (von institutionellen ­Zwängen, Anm.) und mir ein Universum zu bauen, in dem mich Leute dabei unterstützen, die Musik zu ­machen, die ich selbst machen möchte“, sagt Frahm. Vor rund einem Jahr veröffentlichte der ­gebürtige Hamburger sein bisher letztes Album „All ­Melody“. Eigentlich wollte er drei verschiedene Platten aufnehmen: eine rein elektronische, eine mit Solo-Klavierstücken und eine im Ensemble mit diversen Musikern. Am Ende wurde es dann doch ein großes Projekt, das alle drei Bereiche umfasst. Daher fällt „All Melody“ sehr viel orches­traler und beathaltiger aus als all die vorherigen Alben, bei denen das Klavier noch klar im Vordergrund stand.

Die besten Ideen kommen mir, wenn ich ad hoc Probleme lösen muss. Vor Publikum erzeugt das Druck.

Präsentiert wurde die von Kritikern hochgelobte Platte im ehemaligen DDR-Funkhaus am Spreeufer in Ostberlin. Hier hat Frahm in den vergangenen Jahren ein eigenes Studio aufgebaut: „Ich war immer ein alter Linker, dem die Bekämpfung von Oberflächlichkeiten wichtig ist und der von seinen eigenen Produktionsmitteln träumt. Denn wenn es eine Institution in meinem Leben gibt, dann ist das meine eigene.“ Aber ist das denn nicht ein sehr individualistischer Ansatz für einen „alten Linken“? Frahm lacht: „Leider schon. Das ist ja mein Dilemma: Ich bin in viele Ideologien verheddert.“

Er zieht dabei einen Vergleich mit einem Synthesizer. Dieser habe kulturell betrachtet eine ambivalente Rolle, weil er sich in ein „Objekt“ verwandelt habe, mit dem heute viel mehr Musik gekauft als gemacht wird: „Viele besorgen sich einfach ein neues Effektgerät, wenn sie sich schwach fühlen, weil sie keine neuen Ideen haben.“ ­Daran fehlt es Frahm wohl kaum. Doch auch er ­würde letztendlich Geräte und Klänge „übereinanderschichten“, was für ihn oftmals die Frage aufwerfe: „Folgt die Technik meiner Vision oder strebe ich nur noch danach, ihr gerecht zu werden?“

Von Cages Systembrüchen, so glaubt Frahm, ist heute nicht mehr viel übrig: „Die kulturrevolutionären Ideen von damals wurden sehr bald von der vorherrschenden Ideologie im Westen, dem neoliberalen Kapitalismus, in einen großen Supermarkt eingegliedert.“ Das würde auch erklären, warum der Pop der 1980er-Jahre plötzlich ganz anders klingt als etwa „Dark Side of the Moon“ von Pink Floyd aus den 1970er-Jahren. „Ich scharre auf dem Friedhof dieser Kulturideen herum, um herauszufinden, wie weit ich darin verwickelt bin.“ Verwickelt worin? In die Kulturindustrie? „Ja, genau. Ich war immer stolz darauf, alles in die Kunst zu investieren und materielle Dinge außen vor zu lassen“, sagt Nils Frahm. So könne es etwa durchaus als Statement gegen unsere Wegwerfgesellschaft verstanden werden, dass man die meisten seiner Elektrophone heute gar nicht mehr kaufen kann. Doch im Grunde sei das, was er damit auf der Bühne mache, „ein hedonistisches Abfeiern kapitalistischer Möglichkeiten“.

Text: Florian Peschl

Der Artikel ist in unserer Februar-Ausgabe 2019 „Gaming – Wettbewerb“ erschienen.

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