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Die urbane Energiewende gilt als Sache der Ingenieure – Jonas Puck, akademischer Leiter des Executive-MBA-Programms Energy Management an der WU Executive Academy, sieht sie ebenso als Sache der Führungskräfte. Denn wer in einem Markt bestehen will, der sich ständig verschiebt, muss erst die Zusammenhänge des Systems verstehen.
Es ist Abend, man kommt nach Hause – und nichts funktioniert: Kein Licht, kein warmes Essen, kein kaltes Bier im Kühlschrank, kein Fernseher; und der Handyakku ist auch bald leer. „Eigentlich geht ganz viel von dem, was wir als normal empfinden, ohne Strom überhaupt nicht“, sagt Jonas Puck. Und trotzdem – oder gerade deshalb – hat sich lange kaum jemand dafür interessiert. „Energie war als Thema sehr unsexy. Wir sind davon ausgegangen, dass sie einfach da ist: Man drückt auf den Schalter, das Licht geht an“, ergänzt der Professor. Erst als nach dem Wegfall des russischen Gases im Winter plötzlich das Heizen zum Risikothema wurde, kippte die kollektive Wahrnehmung: Aus dem Selbstverständlichen wurde über Nacht eine der wichtigsten strategischen Fragen des Kontinents.
Puck kennt beide Seiten dieser Frage, die wissenschaftliche und die unternehmerische. Der gebürtige Berliner ist Professor für International Business an der Wirtschaftsuniversität Wien und akademischer Leiter des MBA-Programms Energy Management an der WU Executive Academy. Mit der Intior GmbH hat er eine eigene Beratung mitgegründet; er berät Konzerne wie Shell, OMV und Siemens und hat in China, Australien, über Jahre auch in Russland gearbeitet und lange in Los Angeles gelebt. Aus dieser Doppelperspektive beobachtet er einen Umbruch, der die Energiewirtschaft härter trifft als fast jede andere Branche – denn Energie war einmal das denkbar simpelste Geschäft: „Wenn man Zugang zu Öl hat, bohrt man ein Loch in den Boden und da kommt Öl heraus. Die Margen sind sensationell“, sagt Puck bewusst überspitzt. Aus diesem Modell ist eine der komplexesten Managementaufgaben der Gegenwart geworden; und damit sind auch die Anforderungen an das, was Städte leisten müssen, gestiegen.
Wer mit Puck über Smart Cities spricht, merkt schnell, dass er das Schlagwort von hinten aufzäumt. „Ich fange nie mit ‚Smart‘ an, sondern mit ‚City‘“, sagt er. „Städte sind ja nicht smart, um smart zu sein, sondern um eine gute Stadt zu sein.“ Die erste Frage sei nie technischer Natur, sondern eine der Identität: In welcher Art Stadt wollen wir leben, welche Charakteristika soll die Stadt nach außen tragen? Erst danach komme das Werkzeug: die Technologie. Über Jahrzehnte seien Energiesysteme nebeneinander hergelaufen; Erzeuger hier, Verbraucher dort, Speicher irgendwo dazwischen. Das Neue sei nicht die einzelne Technologie, sondern dass diese Teile beginnen, miteinander zu kommunizieren. „Smart bedeutet nicht grün, sondern vor allem vernetzt“, sagt Puck.
Wie weit Österreich auf diesem Weg ist, lässt sich an mehreren Kennzahlen von Eurostat ablesen: 2025 stammten 90,8 % des Bruttostromverbrauchs des Landes aus erneuerbaren Quellen. Das war der höchste Anteil innerhalb der EU, vor Schweden (89,2 %) und Dänemark (77,7 %). Auch bei der tatsächlichen Stromerzeugung liegt Österreich weit vorne: 83,1 % der 2025 erzeugten Elektrizität stammten aus erneuerbaren Energien. Nur Dänemark (92,4 %) lag hier innerhalb der EU noch darüber. Österreichs Stromversorgung wird dabei vor allem von der Wasserkraft geprägt. 2024 wurde Österreich nach einigen Jahren wieder zum Nettoexporteur von Strom: Das Land exportierte mehr Strom, als es importierte. Auf dem Papier wirkt die Energiewende damit fast erledigt.
Doch vor genau dieser Sicht warnt Puck – und die Zahlen geben ihm recht: Rechnet man nicht nur den Strom, sondern den gesamten Energieverbrauch, sinkt laut Statistik Austria der Anteil der erneuerbaren Energien für 2025 auf 44,2 %. Der Verkehr gehört zu den größten Energieverbrauchssektoren Österreichs und ist weiterhin stark von fossilen Energieträgern abhängig; auch bei der Stromversorgung bleibt Österreich auf Importe angewiesen, wenn die heimische Erzeugung zeitweise nicht ausreicht – etwa bei hoher Nachfrage und geringer Erzeugung aus Wasser, Wind und Sonne. „Wir sind noch nicht so grün, wie wir sein wollen“, ergänzt Puck.
Gerade der Verkehr zeigt, vor welcher Herausforderung das Energiesystem steht: Die Elektrifizierung kann fossile Energie ersetzen, verschiebt den Energiebedarf aber zunehmend ins Stromnetz. Das Elektroauto sei zwar eine „richtig coole, smarte Innovation“, sagt Puck – gleichzeitig aber auch ein Problem: „Wenn alle nach der Arbeit nach Hause kommen, zwischen 16 und 19 Uhr, und dann ihr Auto gleichzeitig an die Steckdose hängen, ist das ein enormer Stress für das Netz.“ Eine effizientere Mobilität erzeugt so neuen Druck auf das Energiesystem.
Wer diese Reibung aber löst, verwandelt sie in einen Vorteil. „Jedes Elektroauto ist eigentlich ein kleiner Energiespeicher, der herumfährt“, erklärt der Experte. Puck erinnert an die Phasen, in denen Deutschland Überkapazitäten zu negativen Preisen abgeben musste, also dafür bezahlte, den Strom loszuwerden. Österreich pumpte in dieser Zeit Wasser in seine Bergseen und speicherte die Energie so. Künftig, so die Idee, lade man in solchen Momenten die Fahrzeugflotten – wenn der Strom fast nichts kostet. „Aber das muss man erst einmal sinnvoll hinbekommen“, gibt Puck zu verstehen. Es brauche Software, Marktkenntnis und die Fähigkeit, Preise in Echtzeit einzuschätzen.
Genau hier könnten neue Geschäftsmodelle entstehen. Nicht mehr die Produktion der Kilowattstunde ist das Produkt, sondern ihre kluge Steuerung. Puck erzählt von Firmen, die über Smart Meter den Verbrauch eines Haushalts lesen und aus der Kurve den Backofen von der Poolpumpe unterscheiden, um dann vorzuschlagen, die Pumpe nicht jetzt, sondern um vier Uhr laufen zu lassen. Das senkt die Kosten des Einzelnen und entlastet das ganze Netz. Solche Anbieter seien heute meist klein und wendig, sagt Puck, doch das werde nicht so bleiben: „Am Anfang braucht es diese kleinen Player. Aber dann werden sie groß – oder von den Großen integriert.“
Für Führungskräfte wurde die Unsicherheit am Markt zur neuen Herausforderung. Solange allein Öl, Gas und klassisch erzeugter Strom die Energiewelt bestimmten, schien die Richtung weitgehend klar – heute ist offen, welche Technologien sich durchsetzen; und vor allem, wie schnell und wo. „Es geht nicht mehr darum zu wissen, wie die Zukunft aussieht“, sagt Puck, „man muss gut darin sein, sich auf unterschiedliche Zukünfte vorzubereiten.“ Ein Unternehmen müsse die Hebel so legen, dass es in jede Richtung mitfahren kann. Er nennt das eine Mischung aus maximaler Flexibilität und guter Planung. „Das sind eigentlich nichts anderes als klassische Management-Fähigkeiten. Ein guter Manager hat eine Vision, wohin er will, und passt den Weg dorthin ständig an das an, was er nicht beeinflussen kann“, sagt Puck. Was den meisten dabei fehle, sei das Verständnis für das Gesamtsystem.
Puck, der erforscht, wie sich Öl- und Gaskonzerne strategisch organisieren, beschreibt eine paradoxe Trennung: Die fossile Welt und die Stromwelt sind über ihre Wertschöpfungsketten hinweg kaum verbunden, obwohl sie sich längst auf demselben Markt bewegen. „Wir schaffen keine Transition to Green, ohne zu verstehen, wie Schwarz funktioniert“, erklärt er. Wer ein Solarkraftwerk plant, müsse auch wissen, was auf der fossilen Seite passiere.
Die entscheidende Kompetenz sei deshalb nicht technisch. „Ich habe eine ungefähre Idee, wie diese Systeme funktionieren, aber ich könnte nie eines bauen. Ich muss aber auch kein Techniker sein, um das System zu verstehen“, sagt Puck. Was Führungskräfte brauchen, seien die Vernetzungsperspektive und die richtigen Kontakte. „Es ist nicht nur wichtig, dass ich die Inhalte kenne, sondern auch die Leute; denn über die Leute verstehe ich die Anreize“, so der Experte.
Wir schaffen keine Transition to Green, ohne zu verstehen, wie Schwarz funktioniert.
Jonas Puck
Wie unterschiedlich diese Leute sind, zeigt der Blick in seine Hörsäle: Fachkräfte aus der Stromwirtschaft sitzen neben Geologen, die im Golf von Mexiko nach Öl bohren und nun ein Team führen sollen; daneben Juristen, die Märkte regulieren. Was sie eint, ist der Sprung von der Technik in die Verantwortung – der Moment, in dem energiespezifisches Wissen auf Zahlen, Strategie und Führung trifft.
Dafür entwickelt die WU Executive Academy neben dem Executive MBA auch maßgeschneiderte Programme für Unternehmen, die ganze Teams auf diesen Wandel vorbereiten. Anders als bei einem Marketing- oder Logistiklehrgang hänge hier am Ende die Zukunft der Gesellschaft dran, erklärt Puck. Die knapp 90 % sauberer Strom, sagt er, seien in Österreich ohnehin der leichte Teil gewesen. Der schwere – das Zusammenspiel von allem – stehe erst bevor. Und er werde nicht von der besten Technologie entschieden, sondern von den Menschen, die das ganze System lesen können.
Fotos: Gianmaria Gava