Mit dem FORBES-NEWSLETTER bekommen Sie regelmässig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-mail-Postfach geliefert.
Mit 33 Jahren hat Fußballprofi Mario Götze seinen Vertrag bei Eintracht Frankfurt bis 2028 verlängert – und entwickelt nebenbei ein Portfolio mit über 70 Start-up-Beteiligungen und Positionen in rund 15 Venture-Capital-Fonds. Damit baut er sich inmitten des Familien- und Trainingsalltags eine zweite Karriere auf, noch bevor die erste endet.
Wenn man am Flughafen in Frankfurt am Main in die S-Bahn steigt, sind es nur wenige Minuten Fahrzeit, bis auf der rechten Seite die imposante Dachkonstruktion des Waldstadions erscheint. Es ist die Heimspielstätte von Eintracht Frankfurt. Bei dem Verein aus der deutschen Bundesliga steht seit inzwischen vier Jahren Mario Götze unter Vertrag. Forbes trifft den 33-jährigen Mittelfeldspieler aber nicht im Stadion, sondern in einer modernen und schicken Gemeinschaftspraxis des Healthcare-Start-ups Eterno in Frankfurt-Westend, nur wenige Gehminuten von der Alten Oper entfernt. Götze kennt den Gründer gut – er nutze gelegentlich einen Raum für Meetings, erzählt er. Auch sein Portfolio bringt ihn hierher: Eterno ist eines seiner Angel-Investments.
Anfang April hat sich Götzes sportliche Zukunft entschieden. Er verlängerte seinen Vertrag bis 2028 – trotz einer sportlich durchwachsenen Saison. „Ich freue mich, dass es weitergeht und ich Klarheit habe. Für mich ist das eine wichtige Entscheidung, mit zwei Kindern und Familie zu Hause.“ Seinen Sohn fährt Götze am Morgen vor dem Training zur Kita, nach dem Training nimmt er sich häufig Zeit für Termine. „Sehr strukturiert, sehr geplant, sehr organisiert“, sagt er über seinen Alltag; „immer angepasst an Trainings- und Spielplan.“
„Fußball ist endlich“, macht Götze deutlich. Deshalb gibt es Companion-M, seine Firma. Er hält Anteile an über 70 Start-ups, zwei davon stiegen 2025 in die Riege der Unicorns auf. Als Limited Partner ist Götze in rund 15 Venture-Capital-Fonds investiert. Venture Capital macht dabei maximal 10 % seines Gesamtportfolios aus – den Rest hält er klassisch, sagt er: am Kapitalmarkt, in Immobilien, in Private Equity. Er ist nicht der erste Profisportler, der seine kolportierten Millionengehälter auch in Start-ups steckt. Doch Götze baut mit Companion-M eine professionelle Struktur auf, mit der er sich auch schon auf die Zeit nach seiner aktiven Karriere als Fußballer vorbereitet.
Der sportliche Aufstieg von Mario Götze war schnell und steil: Bundesliga-Debüt im Trikot von Borussia Dortmund mit 17 Jahren, „Golden Boy“-Award mit 19, Wechsel um 37 Mio. € zum Erzrivalen FC Bayern München mit 21. Mit 22 schoss er im Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro das Tor, das Deutschland 2014 zum Weltmeister machte. Das Tor prägte für viele die Wahrnehmung seiner ganzen Karriere. „Klar gab es den einen oder anderen Moment, als ich mir dachte: Wie wäre es ohne dieses Tor gewesen?“ Er zuckt mit den Schultern. „Aber ich nehme das immer gern wieder.“ Alles außerhalb des Platzes habe ihn in jenen Jahren kaum interessiert: „Ich habe mich sehr wenig um andere Themen als Fußball gekümmert. Das war mein Fokus von morgens bis abends.“
Companion-M entstand während seiner Zeit beim FC Bayern München. Damals war es noch kein Investmentvehikel, sondern eine Gesellschaft, die Götzes Marketingverträge und Sponsorings bündelte. „Plain Vanilla“, sagt er selbst; also ohne Besonderheiten oder Schnickschnack. Der Umbruch kam im oft zitierten „besten Fußballeralter“ mit 27, 28 Jahren, bevor 2020 sein Vertrag beim BVB auslief und er zum ersten Mal genauer beobachtete, was andere Sportler mit ihrem Kapital machen. Besonders US-Athleten nahm er sich zum Vorbild, die Start-ups und Venture Capital nicht einfach als Prestigeprojekte sehen. Götze konsultierte ein Family Office, begann, ein Netzwerk aufzubauen, und machte erste Co-Investments. Drei Jahre habe er gebraucht, bis er die Dynamiken der Branche wirklich verstanden habe – die Phasen, die Bewertungen, die Faktoren für ein überzeugendes Gründerteam.
Monatlich prüft Companion-M rund 100 Start-ups. Das typische Profil eines Investments: 25.000 bis 50.000 € werden in Europa oder in den USA in der Pre-Seed- oder Seed-Phase investiert. Einen Schwerpunkt auf Sportstech sucht man im Portfolio vergebens, obwohl das die naheliegendste Wahl gewesen wäre. Götze hat das bewusst so entschieden: „Wenn man sich den Sportstech-Markt anschaut, dann ist er gerade in Europa eher klein, und es gibt kaum Unicorn-Companys, auch historisch gesehen.“ Was ihn stattdessen interessiert, sind B2B-SaaS, Software-Infrastruktur, Cybersecurity, Health- und Biotech – Bereiche, in denen er kein ausgewiesener Experte ist. Deshalb stützt er sich stark auf das Netzwerk aus VC-Fonds, Angel-Investoren und Gründern, das er sich aufgebaut hat: „Etwa im Bereich Cybersecurity gibt es so viele Experten, die das 100.000-mal besser machen als ich. Ich habe keine zehn Jahre bei Google oder Open AI gearbeitet.“ Die Verantwortung dafür liegt bewusst beim Team: „Ich komme aus dem Teamsport – das ist das alles Entscheidende.“
Götze investiert auch als Limited Partner (LP) – er stellt also Kapital für Venture-Capital-Fonds bereit, ohne selbst operativ tätig zu sein. Einerseits diversifiziert er damit sein Portfolio, andererseits nutzt er es auch, um dazuzulernen. Über die Fonds, in die er investiert, baut er Expertise in Bereichen auf, in denen er kein Experte ist. „Wenn mich jemand zum Thema Quantum Computing befragt, kann ich mich damit auch nicht in der Tiefe befassen“ – die LP-Positionen geben ihm Zugang zu genau den Leuten, die das können.
Wir wollen Value liefern und beweisen, warum wir auf dem Cap Table sind.
Mario Götze
Eines seiner frühen Investments war Qualifyze, eine Compliance-Plattform für pharmazeutische Lieferketten, gegründet 2017 in Frankfurt. Das Unternehmen hat inzwischen insgesamt 83,8 Mio. US-$ (70,7 Mio. €) eingesammelt. Flatpay und Parloa, ein dänisches Fintech und ein Berliner AI-Unternehmen, erreichten 2025 Unicorn-Bewertungen. Beide sind noch im Portfolio, bei beiden investierte Götze im Rahmen einer Series A, was für ihn eine Ausnahme von seiner eigenen Frühphasen-Regel darstellt: „Wir machen selektiv Series-A-Investments, wenn das Team, der Markt und das Produkt sehr spannend sind.“ Parloa hat Anfang des Jahres in einer Series D 350 Mio. US-$ bei einer Bewertung von 3 Mrd. US-$ aufgenommen. Der Erfolg dieses Investments freut Götze, aber: Auch wenn die Gründer und das Team des Unternehmens einen großen Anteil dazu beigetragen haben, brauche es für so einen Outcome immer sehr gutes Markt-Timing und auch etwas Glück.
Bei Flatpay folgte auf das initiale Investment noch ein Deal: Media for Equity, also Götze als Markenbotschafter, der im Gegenzug Unternehmensanteile erhält. „Das ist dann kein einfaches Investment mehr, sondern auch mit dem Gedanken verbunden, dass man vielleicht noch etwas anderes machen kann“, so Götze. Was er als Investor mitbringt, beschreibt er so: Netzwerk, Sichtbarkeit, Erreichbarkeit. „Wir wollen Value liefern und beweisen, warum wir auf dem Cap Table sind – etwa Leute vorstellen, die relevant sind, als Customer oder auch als Co-Investoren.“ Und wennein Gründer schnell eine Antwort braucht: Whatsapp – „ich bin immer erreichbar“, so Götze.
Wie verschieden die Beteiligungen strukturiert sein können, zeigt Koro, das Berliner Lebensmittel-Start-up – einer seiner wenigen Exits. Götze investierte, übernahm dann Social-Media-Kampagnen für die Marke und brachte später sogar ein eigenes Produkt heraus.
Götze investierte in seiner Frühphase auch in einige Hype-Themen, die nicht aufgingen – Web-3-, NFT-, Krypto-Investments; Projekte, die in den Boomjahren attraktiv wirkten und dann nicht funktionierten. Ride Capital, ein Berliner Fintech, das sich als digitale Privatbank positionierte, meldete 2024 Insolvenz an – Götze war im Rahmen einer Finanzierungsrunde von 3 Mio. € dabei gewesen. Auf seiner Website sind derzeit neun Investments als „inaktiv“ gelistet. Sein Fazit: „Man muss bei den Fundamentals bleiben und darf nicht auf Trendthemen gehen, nur weil darüber exorbitant viel gesprochen wird.“ Bei manchen Investments wäre er dann doch gern dabei gewesen: Er hätte etwa die Möglichkeit gehabt, in Sorare, eine Plattform für digitale Fußballsammelkarten, zu investieren – und tat es nicht. 2021 nahm Sorare in einer Series-B-Runde 680 Mio. US-$ bei einer Bewertung von 4,3 Mrd. US-$ auf. „Großer Mist, muss man schon sagen – aber jeder hat dieses Anti-Portfolio“, so Götze mit einem Grinsen.
Athleten sterben zweimal, einmal sportlich, einmal als Person – so haben es Götze und sein Team einmal überspitzt zusammengefasst. Der Übergang vom Profi ins Danach fällt vielen schwer. Man spielt im besten Fall bis Ende 30, dann ist es vorbei. „Und dann hast du noch 40 bis 50 Jahre vor dir. Das Leben hat ja mehr zu bieten als nur Fußball.“ Für Götze sind es zwei Bereiche, in denen jeder Athlet Antworten für sich finden muss: die Finanzen und die Identität. Beim Geld lasse sich systematisch vorsorgen, auch ohne so weit zu gehen wie er. „Als ich 18, 19, 20 war, habe ich auch Geld ausgegeben, Schuhe und Klamotten gekauft, Urlaube gemacht. Das ist ganz normal.“ Doch maximal 15 Jahre Profikarriere sind ein kurzes Zeitfenster, in dem das finanzielle Fundament gebaut werden muss. Etablierten Profis und Nationalspielern rät Götze zu einem gut aufgestellten Family Office: „Auf der Finance-Seite kann man sehr viel vorsorgen.“
Die Identitätsfrage – wer man ist, wenn man kein Fußballprofi mehr ist – sei eine andere. „Da ist jeder seines eigenen Glückes Schmied“, sagt Götze. Companion-M existiert in Zwischenräumen, die sein Leben als Spitzensportler und Vater zulassen. Pläne für danach gibt es bereits: Bei Parloa hätte er längst einmal im New Yorker Büro vorbeischauen sollen, bei Flatpay in Skandinavien ebenso. Aber: „Das lässt mein Alltag einfach nicht zu.“ Nach dem Fußball könnte sich das ändern. Götze will dann Companion-M und seinen Investments mehr Zeit widmen. Ein eigener VC-Fonds mit fremdem Kapital? „Stand jetzt ist das kein Thema. Da muss man einfach noch fünf, zehn Jahre länger in der Industrie sein.“
Auf dem Platz beendet Götze im Mai seine 16. Profisaison. Das Tor von vor zwölf Jahren prägt in der öffentlichen Wahrnehmung, besonders abseits der Fußball-Interessierten, seine Karriere. Er sieht das inzwischen gelassen: „Für mich persönlich gab es in meiner Karriere mehr Momente, sowohl positive als auch negative.“
Fotos: Andreas Reeg