Gebaute Ideen

Die Schweizer Architektin gestaltet zahlreiche Gebäude - etwa den Hauptsitz des Weltfußballverbands FIFA.

Beim Lesen Ihrer Biografie beschleicht einen das Gefühl, als wäre es für Sie stets steil bergauf gegangen: Studium, eigenes Atelier, zahlreiche renommierte Projekte. Wurden Sie bisher vom Erfolg verwöhnt?
Soweit ich Erfolg hatte, war keine Glücksfee im Spiel. Ich verdanke ihn hauptsächlich meinem tüchtigen Team und der Chance, mit erstklassigen Bauherren zusammenarbeiten zu dürfen. Hinzu kommt sicher, dass ich mich nie schonte und für meine Projekte leidenschaftlich kämpfte. Aber ich musste auch Rückschläge hinnehmen. Ich denke an wichtige Wettbewerbe, die ich gerne gewonnen hätte, oder an Rechtsverfahren, die das Bauen verzögerten.

Sie haben eine große Bandbreite an Projekten: Wohn- und Büro­häuser, Gemeindezentren, ­Hotels, Unternehmenssitze. Ist die ­Herangehensweise stets die gleiche?
Im Wesentlichen ja. Ich bringe die Anliegen der Bauherrschaft, den Kostenrahmen, die Bauvorschriften und das örtliche, oft heikle Umfeld in Einklang mit dem Ziel, gute Architektur zu schaffen, in der sich die Menschen arbeitend oder wohnend wohlfühlen.
Bei Umbauten historischer Gebäude will ich diese bis in ihre Seele hinein verstehen, um das Potenzial der Erneuerbarkeit genau abschätzen zu können. Es wäre fatal, ein ­altes Haus gegen seinen Charakter renovieren zu wollen. Verantwortbar ist nur, nicht gegen den Charakter eines Bestandes, sondern mit ihm wie mit einem Verbündeten weiterzubauen.

Worauf achten Sie beim Entwurf von Gebäudedesigns? Welche Faktoren beziehen Sie mit ein?
Die skizzierten Rahmenbedingungen definieren den Freiraum, in dem ich architektonisch-kreativ arbeiten kann. Ich probiere neugierig experimentierend ungezählte gestalterische Möglichkeiten aus. Das Suchen, das sowohl ein rationaler als auch ein emotionaler Vorgang ist, wird mit einem Geistesblitz belohnt. Eine Variante schält sich als zwingend heraus. Diese bearbeite ich bis zum unverkennbar eigenständigen Ganzen, das in der Nutzung funktioniert und sich mit meinen ästhetischen Vorstellungen deckt.

Beim Widder Hotel arbeiteten Sie an einer jahrhundertealten Bausubstanz. Wie oft erleben Sie bei dieser Art von Aufträgen böse Überraschungen?
Sie ereignen sich während der Umbauphase eher selten, weil ich die Bausubstanz und die Bauweise im Voraus gründlich prüfe.

Soweit ich Erfolg hatte, war keine Glücksfee im Spiel.

Doch der Umbau des EPA-Gebäudes an der Sihlporte hatte einige unerwartete Mängel aus der Bauzeit zu bieten. Lassen sich solche Verfehlungen im Nachhinein überhaupt noch kaschieren?
Die Fehler in den statischen Berechnungen für den seinerzeitigen Neubau waren beim besten Willen erst zu erkennen, als wir mit der Entfernung der Zwischendecken beginnen wollten. Die Mängel haben wir nicht kaschiert, sondern ursächlich und nachhaltig mit erheblichem Aufwand behoben.

Sie haben zahlreiche Gebäude (um-)gestaltet, die teilweise auch das Bild von Städten mitprägen – insbesondere in und um ­Zürich. Wie sehr begleitet Sie diese ­Verantwortung in der täglichen Arbeit?
Jeder Bau wirkt auf die Öffentlichkeit und in die Zukunft. Die sich daraus ergebende Verantwortung ist mir bewusst. Ich trage sie. Das gehört zu meinem beruflichen Ethos.

Eines Ihrer bekanntesten Projekte ist das Hauptquartier des Weltfußballverbands FIFA. Gerade bei diesem Gebäude steht das Design in gewisser Weise für den Charakter der Organisation: Nur ein kleiner Bereich des Baus ist für die Öffentlichkeit zugänglich, der Großteil der Fläche – und damit der Aktivität – findet unter der Erde statt. Böse Zungen behaupten, dies stünde für die fehlende Transparenz der Organisation. Wie sehr tangieren Sie Skandale rund um Organi­sationen, deren Hauptquartiere Sie entworfen haben?
Der Hauptsitz steht insofern für die global tätige FIFA, als es sich in einer modernen Sprache um einen repräsentativen Bau handelt. Das Interesse der Öffentlichkeit berücksichtigt er, weil der Eingriff in ein schönes, baumbestandenes Gelände mit aller Sensibilität geschah. Der umnetzte Bau schwebt über dem Boden und strahlt Leichtigkeit aus.
Aus rechtlichen Gründen kam eine beliebige Höhe, so bequem das wegen der Unterbringung der 300 Arbeitsplätze gewesen wäre, absolut nicht infrage. Als Alternative, die ich immer noch als innovativ empfinde, schlug ich vor, in der Tiefe ­einen natürlich belichteten Hof zu bauen und um ihn herum die Foyers und Sitzungszimmer anzuordnen. Die Lösung war der Not gehorchend und ist frei von jeder symbolischen Bedeutung.
Zu Ihren skeptischen Nebenfragen gerne dies: Als ich für die FIFA 2003 bis 2006 baute, war das offizielle Zürich hocherfreut, dass der Weltfußballverband seinen Sitz in der Stadt beließ und auf eine Verlegung verzichtete. Die Skandale wurden erst später bekannt. Sie empörten auch mich. Im Übrigen: Kein Headquarter irgendeines Unternehmens steht der Öffentlichkeit als Begegnungsstätte zur Verfügung. Das darf auch für die FIFA gelten.

Sie wurden 2014 vom GDI als eine der 20 wichtigsten Ideen­geberinnen ausgezeichnet. Sehen Sie sich selbst als Ideengeberin? Falls ja: Welche Ideen gedenken Sie weiterzugeben? Falls nein: Wie würden Sie Ihren Einfluss sonst beschreiben?
Rankings sind Rankings und dürfen nicht überbewertet werden. Jeder missionarische Eifer fehlt mir. Vielleicht steckt in meinen Bauten der impulsgebende Beweis, dass es sich lohnt, immer wieder Neues zu wagen und gegen den Mainstream zu schwimmen. Möglicherweise mache ich Frauen auch Mut, sich mit Leistung behaupten zu können.

Die Arbeit welcher ArchitektInnen oder KünstlerInnen dient Ihnen als Inspiration bzw. Vorbild?
Die Arbeiten der Architekten Alvar Aalto und Frank Lloyd Wright, der Künstler James Turrell, Monika Sosnowska und Sarah Oppenheimer sowie des Fotografen Hans Danuser, weil sie der Kreativität moderne, aber nie modische Dimensionen eröffneten.

Haben Sie ein absolutes Wunschprojekt, das Sie gerne umsetzen würden?
Ein Museum wäre eine großartige Herausforderung. Faszinieren würde mich auch die Gestaltung eines wahrhaft urbanen Platzes, der italienische Vorbilder für unsere Zeit interpretiert.

Im „Tagesanzeiger“ sagten Sie einst, Sie nähmen sich jede ­Woche vor, „die Arbeit in Ruhe anzugehen und mir Muße zu gönnen“. Wie gut gelingt Ihnen das denn? Wobei entspannen Sie am besten?
Reisen bieten mir Anregung und Erholung. Entspannend sind Gespräche in freundschaftlicher Runde an einem gut gedeckten Tisch. Für die Verwirklichung des Muße-Vorsatzes nehme ich Woche für Woche einen neuen Anlauf.

Dieser Artikel ist in unserer September-Ausgabe 2017 „Women“ erschienen.

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Chief Editorial Team

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