„GENERATION HARAM“

Melisa Erkurt ist als Journalistin in der österreichischen Medienlandschaft längst angekommen, mit ihrer Erstpublikation „Generation Haram“ stößt sie auch als Buchautorin einen Perspektivenwechsel in der Bildungsdebatte an und weist auf schmerzhafte Versäumnisse und antimigrantische Tendenzen hin. Ihre Arbeiten sind mittlerweile preisgekrönt – nun setzt Erkurt zum nächsten Sprung an.

Auf die Frage, was für Melisa Erkurt die bislang größte Heraus­forderung in ihrem Leben war, ­antwortet sie prompt: „Das wird wohl die Flucht mit meiner Familie nach Österreich aufgrund des Bosnienkriegs sein.“ Als Kleinkind kam Erkurt nach ­Österreich, absolvierte das Gymnasium in Purkersdorf und ­studierte anschließend Lehramt an der ­Universität Wien in den Fächern Deutsch, Psychologie und Philo­sophie.

„Beruflich gesehen war meine größte Herausforderung aber – und darauf bin ich mitunter am ­meisten stolz – das Schulprojekt damals beim Biber (transkulturelles Magazin in Österreich, Anm.)“, führt Erkurt weiter aus. Konkret meint sie damit ihre dort veröffentlichte Reportage „Generation Haram“ über die Verbotskultur mancher muslimischer ­Jugendlicher – für die damals an­gehende Lehrerin ein Herzens- und Aufklärungs­projekt, das in Österreich für großes ­Aufsehen sorgte und diverse Debatten rund um den Islam als Teilkultur des Landes auslöste. Infolgedessen stand Erkurt zunehmend in der ­Öffentlichkeit, und so entschied sie sich nach einer Weile dazu, ihren Job als Lehrerin – zumindest ­vo­rübergehend – an den Nagel zu hängen und sich auf den Journalismus zu fokussieren; der Wirkungsmacht wegen. „Ein entscheidender Faktor für meine Entscheidung war sicherlich, dass ich als Journalistin für öffentliche Medien für mehr Menschen etwas ­bewirken kann“, sagt Erkurt.

„Generation Haram“ ist mittlerweile nicht mehr nur der ­Titel ihrer Reportage, sondern auch der ihres ersten Buchs, das im August dieses Jahres erschienen ist und mittlerweile bereits in die fünfte Auflage ging. 30.000 Stück wanderten bislang über den Ladentisch. Mit einem derartigen Inter­esse an ihrem Buch hat Erkurt nicht gerechnet: „Es freut mich, ­sagen zu können: Da habe ich Österreich unterschätzt. Ich hätte nicht gedacht, dass ein Buch über Bildung in Zusammenhang mit ­Migration jemals so gut ankommen könnte und Österreich den Zeilen darin mit so viel Verständnis und Inter­esse begegnen würde.“

Beinahe wäre es auch gar nicht erst so weit gekommen, denn die erste Anfrage vom Verlag Zsolnay, ob sie denn nicht ein Buch ­veröffentlichen wolle, lehnte sie ab – doch: „Dann begann ich, mich mit Literatur zum Thema Bildungswesen zu beschäftigen, und bin zu dem bedrückenden Ergebnis gekommen, dass es kaum Literatur von und für Migranten gibt. Es wird nur als Problem über sie geschrieben, und dann auch noch von einheimischen Akademikern, die sich nicht in diese Kinder hineinversetzen können. Ich gab mir also einen Ruck und sagte zu mir: ‚Ich kann das!‘“

Melisa Erkurt
...wurde 1991 in Sarajevo, Bosnien, geboren und absolvierte ein Magisterstudium für Lehramt an der Universität Wien. Sie ist für diverse Medien wie den ORF, den Falter und das Biber-Magazin als freie Journalistin tätig. Im August 2020 erschien ihr erstes Buch, „Generation Haram“.

Zugleich weist Erkurt da­rauf hin, dass genau dieses Verhalten – fehlendes Selbstbewusstsein etwa – typisch für Migrantenkinder sein kann. In ihrem Buch betont sie vor allem den Leitgedanken, dass die Gründe für schulisches Ver­sagen oder bestimmte ­negative ­Verhaltensmuster von Migranten­kindern nicht bei ihnen selbst liegen – es sei ein systematisches, von der Politik verursachtes Pro­blem, welche Migranten von Haus aus ­benachteiligen würde.

Ob für die junge Wienerin dementsprechend ein Gang in die Politik ein Thema sei? „Nein, ich glaube nicht. Einerseits, weil ich der Meinung bin, dass ich als Journalistin viel mehr bewirken kann als als regionale Politikerin; zudem sind die Parteikader verwoben und extrem hierarchisch. Bis ich in ­einer Position wäre, in der ich annähernd Einfluss auf Gesetze und Parteiprogramme hätte, würde eine Ewigkeit vergehen“, so Erkurt.

Die gebürtige Bosnierin, die sich auch für eine Migrantenquote analog zur Frauen­quote ausspricht, hat seit 1. Dezember 2020 ­sowieso andere Pläne: „Ich starte ein digitales Medienprojekt, über das ich erst Anfang 2021 mehr ver­raten kann.“ Für das Projekt gab Erkurt auch ihren Job beim ­Österreichischen Rundfunk (ORF) für dessen Sendung „Report“ auf. Da­rüber hinaus schlägt Erkurts Arbeit ­mittlerweile auch über die Landesgrenzen ­hinaus hohe Wellen und wird von Deutschen und Schweizern ebenso geschätzt wie in Österreich: 50 % der ­Leserschaft ihres Buches stammen aus Österreich, 50 % aus Deutschland und der Schweiz.

Zudem wird die ­Journalistin, die für das Wiener ­Stadtmagazin Falter und das Magazin Biber schreibt sowie ihren eigenen Podcast im Radiokanal Ö1 hat, derzeit für zahl­reiche Lesungen gebucht und um ihre Expertise an der ­Schnittstelle zwischen Bildung und ­Migration gebeten. Erkurt: „Natürlich freuen mich die Aufmerksamkeit und die positiven Rückmeldungen von Branchenkollegen – am meisten bedeutet es mir aber, wenn ein junger Mensch mit Migrations­hintergrund zu mir sagt, er habe sich in meinem Buch wieder­gefunden und es gleich seinem Cousin zum Lesen weiter­gegeben.“

Text: Chloé Lau
Foto: Vedran Pilipovic

Der Artikel erschien in unserer November/Dezember-Ausgabe 2020 „Security“.

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Redakteurin & Head of Digital

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