Gestaltungsdrang

Sunnie Groeneveld jongliert mit vielen Bällen: Neben dem Unternehmen Inspire 925 ist sie Mitgründerin von zwei weiteren Start-ups und sitzt in drei Verwaltungsräten. Der gemeinsame Nenner: die Möglichkeit, zu gestalten.

„Managing Partner, Inspire 925“ steht auf Sunnie Groenevelds Visitenkarte. Und tatsächlich wird Groenevelds Kalender von ihrer Tätigkeit bei dem von ihr selbst 2013 gegründeten und auf Mitarbeiterinspiration und -engagement fokussierten Beratungsunternehmen dominiert. Doch mit diesem eindimensionalen Titel ist es noch lange nicht getan, wenn man die Aktivitäten der 30-Jährigen umreißen will. Denn abseits ihrer Haupttätigkeit ist die Schweizerin in unzähligen Projekten und Unternehmen involviert. Dazu gehört Inspire 529, ein Spin-off, das Bau- und Immobilienprojekte begleitet, die der Förderung einer „2000-Watt-Gesellschaft“ dienen (darunter versteht man einen nachhaltigen Lebensstil, denn 2000 Watt stehen pro Mensch weltweit nachhaltig zur Verfügung, Anm.). Groeneveld ist hier operativ vor allem als strategische Beraterin tätig. Und auch ein von Inspire 925 entwickel­­tes Produkt namens Lunchlottery beschäftigt die Unternehmerin: Das auf einem Algorithmus basierende Tool „matcht“ Mitarbeiter in einem Unternehmen zum Mittagessen. Heute ist Lunchlottery ein eigen­ständiges Unternehmen.

Weiters hat die Unternehmerin drei Verwaltungsratsmandate, hält Vorträge und moderiert Konferenzen. Da gilt es, ein gutes Zeitmanagement zu haben. Doch für ein klassisches ­Arbeitsleben wäre Groeneveld ver­mutlich sowieso nicht gemacht, wie sie sagt: „Ich funktioniere am besten in einem Umfeld, wo ich mitgestalten kann. Meine Stärke liegt vor allem ­darin, etwas aufzubauen.“ Dieser Gestaltungsdrang war laut Groeneveld schon früh spürbar: „In der Schule lernt man chemische Formeln, ohne erklärt zu bekommen, warum man das tut. Es wird einfach vorgegeben. Und da fragt man sich irgendwann schon: Wann darf ich denn jetzt bitte entscheiden?“

Es war wohl diese Sehnsucht nach einer flexibleren Gestaltung des eigenen Lebens und Lernens, der Groneveld zum Studium in die USA trieb. An die Eliteuniversität Yale setzte sie einen Fokus auf Economics, war nebenher aber auch fleißig: Im Zuge der Finanzkrise gründete sie Happy­haps, eine auf gute Nachrichten fokussierte Website, aus der anschließend die Organisation Inspire Yale entstand. Vielleicht war es diese Erfahrung, die sie zum Thema ihrer Abschlussarbeit brachte: „The Economic Value of a Positive Work Environment“. Als nach ihrem Abschluss klar wurde, dass die Reise zurück in die Schweiz gehen würde, wusste Groeneveld bereits, dass sie ihre im Rahmen der Abschlussarbeit gemachten Erkenntnisse nutzen wollte. Es sollte Schlag auf Schlag gehen: Abschluss­arbeit 2012 (im Rahmen eines Fellowships der Universität Yale); Rückkehr in die Schweiz; Aufbau eines Human-Resources-Programms im Impact Hub Zürich; 2013 Gründung der Inspire 925 GmbH, 2014 Verfassen des Buchs „Inspired at Work“; 2015 Übernahme des Geschäftsführungsmandats der damals beginnenden Initiative Digital Zurich 2025 (heute als Digital Switzerland eine der größten Digitalisierungsinitiativen der Schweiz, Anm.); 2017 Gründung von Inspire 529 und Lunchlottery.

Was unheimlich vielfältig klingt, dreht sich letztendlich aber fast immer um eine zentrale Frage: Wie kann Mitarbeiterzufriedenheit nachhaltig erhöht werden, um die Performance von Unternehmen zu verbessern? „Es gibt im Allgemeinen drei Unterscheidungen: Mitarbeiter, die ‚actively disengaged‘ sind, also einen kontraproduktiven Beitrag an das Unternehmen leisten und ihre Unzufriedenheit offen kundtun. Das sind je nach Land etwa zehn bis 20 Prozent. Dann gibt es jene, die Dienst nach Vorschrift machen, die also ‚disengaged‘ sind, das sind rund 50 bis 70 Prozent. Und dann sind 20 bis 40 Prozent der Mitarbeiter ‚engaged‘, machen also mehr, als erwartet wird.“

Das klingt auf den ersten Blick nach Luxusproblem, was auch Groeneveld zugibt: „Wir sind im deutschsprachigen Raum mittlerweile an einem Punkt, wo es uns ziemlich gut geht. Daher können wir uns jetzt doch auch eine inspirierte Arbeitswelt schaffen.“ Doch das Thema hat auch nicht zu verachtende ökonomische Ausmaße: Allein die Schweiz kostet Stress am Arbeitsplatz 8,7 Milliarden CHF (neun Milliarden US-$) pro Jahr, in den USA liegt der Verlust bereits bei 300 Milliarden US-$. Für diese Schätzungen sind sicher auch andere Faktoren als ‚Employee Engagement‘ verantwortlich, relevant ist das Thema – für Unternehmen wie Volkswirtschaften – aber allemal.

Dabei liegt der Fokus weniger auf der Erklärung von Maßnahmen, sondern vielmehr auf der Umsetzung ebenjener. Denn motivierte Mitarbeiter will jedes Unternehmen – an der Implementierung von Innovationen in dem Bereich scheitert es aber meist. Auch deshalb sind die Projekte von Inspire 925 zumeist an der Schnittstelle zwischen Menschen und Technologie angesiedelt. Ein Beispiel ist eben das heute eigenständige Produkt Lunchlottery: Das digitale Tool soll Menschen zusammenbringen und zu einem verstärkten Austausch und Verständnis unter Mitarbeitern führen, etwa um nach einer Fusion Mitarbeiter zweier vormals eigenständiger Unternehmen zu verbinden.

Kürzlich nahm sich Groeneveld zum 30. Geburtstag eine 30-tägige Auszeit, eine Mischung aus Urlaub und Strategieworkshop. Die Frage war: Wohin soll es gehen – mit Inspire 925 und Groeneveld selbst? An Zielen und Möglichkeiten mangelt es jedenfalls nicht. Fest steht einzig, dass die Unternehmerin auch in Zukunft gestalten wird. Und der Schweiz – und ihren Unternehmen – dabei vielleicht so manchen Franken spart.

Dieser Artikel ist in unserer September-Ausgabe 2018 „Women“ erschienen.

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Chief Editorial Team

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