Grossartiges erreichen

Sie war eine Spätzünderin und eine aufmüpfige Schülerin, die alles daran setzte, ihre Schüchternheit und ihre vermeintlichen Defizite zu überwinden. Das alles macht Ann Miura-Ko, eine der Topinvestorinnen im Silicon Valley, heute aus.

Die 19-jährige Elektrotechnik­studen­tin Ann Miura-Ko stand am Kopierer der Fakultät für In­­ge­nieurswissenschaften der Yale ­University, als sie gebeten wurde, eine Campus­führung für einen der Gastlektoren zu machen. Als die beiden so durch die gotischen Arkaden gingen und Ann von ihrem Studentenleben und von ihrem Plan, über die Frühlingsferien nach Hause – nach Palo Alto ins Silicon Valley – zu fahren, erzählte, fragte sie ihr Begleiter, ob sie nicht Lust hätte, ihn auf seinen Geschäftsreisen zu begleiten. Jener Mann, der sie als Kurzpraktikantin anheuerte, war Lewis E. Platt, in den 1990er-Jahren CEO von Hewlett-Packard Enterprise. Ein CEO einer Fortune-500-Unternehmung macht mir so ein Angebot? Ann konnte nicht widerstehen und begleitete Platt für mehr als eine Woche, wo er von einer Konferenz zur nächsten unterwegs war.

Nach dieser außergewöhnlichen Erfahrung erreichte sie ein Brief, in dem zwei Fotos steckten: auf einem Bild saß Ann auf der Couch in Platts Büro, auf dem anderen saß – genau an derselben Stelle – Microsoft-Gründer Bill Gates. Zwei Personen, ein unbekanntes asiatisches Mädchen und ein Weltklassepionier – Seite an Seite. Damals beschloss Miura-Ko, ihren Weg in der Wirtschaft und nicht in der Medizin fortzusetzen. Die Fotos gaben ihr die Zuversicht, das Potenzial zu haben, Großes erreichen zu können.

23 Jahre sind seither vergangen. Ann Miura-Ko ist heute eine der einflussreichsten Frauen in der Welt der Start-ups; zwei Jahre in Folge wurde sie für die US-Midas-Liste der Top-100-Venture-Kapitalisten nominiert (2017 und 2018; 2018 auf Platz 55). Das investierte Kapital bis jetzt beträgt rund 56 Milliarden Yen (498,61 Millionen US-$) – vieles davon floss in Prototypen, von denen 90 Prozent nicht einmal recht das Tageslicht erblickten. Wie aber wurde diese Frau zu einer der prominentesten Gestalten unter den acht Prozent weiblichen Venture-­Kapitalisten im Silicon Valley?

„Du musst an deine Partnerschaften glauben“, antwortet Miura-­­­Ko, wenn sie danach gefragt wird, ob Lyft, der private Fahrtenvermittlungsdienst, in den sie früh investiert hat, eines Tages Uber überholen könnte. Aktuell liegt der Unternehmenswert von Lyft bei geschätzten 15,1 Milliarden US-$. Auch Zimride (größte US-Plattform für Fahrgemeinschaften; Anm.) bekam 2010 eine Anschubfinanzierung von Ann Miura-Ko, die dort dann acht Jahre lang im Führungsteam tätig war. Ann investierte im tiefen Vertrauen, dass das Transportwesen eine Revolution erleben würde. Noch heute liefert sich Lyft heftige Preisschlachten mit Uber – Miura-Ko ist aber zuversichtlich, dass das Unternehmen dafür gerüstet ist, seinen Hauptkonkurrenten zu überholen. Stets strahlt die Unternehmerin Leidenschaft und Selbstvertrauen aus, wenn sie über ihre Investments spricht.

Miura-Ko wuchs in einem japanischen Haushalt als zweite Generation einer Einwandererfamilie (sogenannte Nisei) in Palo Alto auf. Auf die harten Seiten ihres Aufwachsens angesprochen sagt sie: „Meine Mutter sagte immer, ich sei ein seltsames Kind gewesen.“ Möglicherweise war der Ärger in der Schule, mit Kollegen und Lehrern Ausdruck ihres Unbehagens, zwischen den so unterschiedlichen Kulturen Japans und der USA zu stehen. Neben diesem eher aufmüpfigen Verhalten aber war Ann extrem schüchtern, erzählt sie. Während einer Klaviervorführung als Kind war sie nicht einmal in der Lage, sich selbst dem Publikum vorzustellen – und musste von ihrem zwei Jahre älteren Bruder „gerettet“ werden. Es war einer jener Momente, die ihr klarmachten, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Sie nahm sich vor, sich diesbezüglich zu verbessern. Ihre Mutter Noriko hatte nie ihr Vertrauen in sie verloren. Anders als ihr Einserschüler-Bruder, erinnert sich Ann zurück, habe sie bei Intelligenztests nicht gut genug abgeschnitten, um an Aufbauseminaren teilnehmen zu können. Damals stieg Noriko für ihre Tochter auf die Barrikaden, verhandelte mit der Schule, dass Ann den Test wiederholen dürfe, da er sie falsch einschätze und sie sehr wohl talentiert sei.

Ihr Vater indes, ein Raketenforscher bei der NASA, sagte ihr immer wieder, sie müsse ihre Leistung auch auf die Straße bringen. Anders als in vielen japanischen Haushalten üblich besuchte Ann keine japanische Schule, sondern wurde zu Hause in den Grundlagen des Japanischen unterrichtet. Noriko erinnert sich lebhaft daran, wie Ann über ihren japanischen Wissenschaftsarbeiten sitzend sagte, sie müsse jetzt entweder sofort nach Japan gehen, um sich die japanische Art und Weise einer Lösung anzueignen, oder sie werde ab sofort die amerikanische Lösungsart vorziehen. Letzteres bekam den Vorzug. Und: Noch im Gymnasium entschloss sich Ann dazu, einem Debattierklub beizutreten – und sich auch an Wettbewerben zu beteiligen, deren erste Resultate nicht wirklich berauschend waren: In keinem der Wettbewerbe schaffte sie es unter die Top Ten.

Ann Miura-Ko
... ist Gründungspartnerin von Floodgate, einem VC-Unternehmen in Palo Alto. Sie zählte zu den ersten Investoren in Lyft und TaskRabbit und war frühe Unterstützerin von Ayasdi und Xamarin – unter anderem. Ann Miura-Ko lebt gemeinsam mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in der Bay Area.

Aufzugeben war aber keine Option. Ihrer ungebrochenen ­Begeisterung für die Debatte weiter folgend beschloss Ann – trotz der Einwände ihrer Eltern, die sie wegen ihrer japanischen Abstammung stets im Nachteil wähnten –, sich über den Sommer nur dem Debattieren zu widmen, und versprach ihren Eltern, wenn sie es im kommenden Debattier­wettbewerb nicht auf Platz eins oder zwei schaffen würde, mit dem Debattieren aufzuhören.

In diesem Sommer ging sie jeden Tag in die Bibliothek, studierte alle möglichen Themen und schrieb alle für sie schlagenden Argumente in ein Notizbuch. „Niemand war besser vorbereitet als ich. Und in dem Moment, in dem ich die Bühne betrat, wusste ich, dass ich gewonnen hatte“, erzählt Ann von ihrem Sieg im National Tournament of Champions und ihrem zweiten Platz im Bundesstaat Kalifornien. „Es war einer der magischsten Momente in meinem Leben: Ein in zweiter Generation in den USA lebendes asiatisches Mädchen, das in einem rein japanischen Haushalt groß geworden ist, hat diesen Debattierwettbewerb gewonnen. Nicht ein­mal meine Eltern haben damals an mich geglaubt – dieser Sieg gab mir unermesslich viel Selbstbewusstsein“, erinnert sie sich zurück. Mit dieser Erfahrung im Hintergrund wurde Miura-Ko in Yale angenommen – wo sie neben Lewis E. Platt andere geniale Köpfe kennenlernte.

Es sind aber auch ganz alltägliche Dinge, die ihren Werdegang prägten. Als sie den Teilzeitjob an der Fakultät für Ingenieurswesen angetreten hatte, erzählte sie ihrem Vater, dass sie eigentlich die meiste Zeit nur am Kopierer verbrachte, und dass dies sicher kein Weltklassejob sei. Er aber sagte ihr, dass Kopien zu machen eine nicht weniger wichtige Aufgabe sei als jede andere auch, und dass sie – egal, wie minder die Aufgabe ihr erscheinen möge – das Beste daraus machen solle. Sie nahm sich den Rat ihres Vaters zu Herzen. Ihr Fleiß fiel dann auch dem Fakultätsvorstand rasch auf, der ihr letztlich die Tour mit Lewis E. Platt verschaffen sollte.

Bei Investments, so Ann Miura-Ko, frage sie sich immer, ob das Produkt oder der Service das Potenzial habe, die Welt zu verändern: Will ich mich mit diesem Start-up zusammentun, um zu innovieren? Glaube ich an die Sache? Wird das positive Auswirkungen auf die Gesellschaft haben? Hat sie sich einmal entschlossen, gemeinsam mit dem Start-up zu „konspirieren“, führt sie es letztlich auch zum Erfolg.

Folgen weibliche Investoren hier Pfaden, die männliche Venture-Kapitalisten nicht einschlagen würden? Die Antwort folgt auf dem Fuße: „Mit einem Ph. D. am Feld der mathematischen Modelle in der Computer­sicherheit nehme ich viele Aspekte auf, die meine männlichen Gegenüber nicht einmal wahrnehmen würden“, sagt Miura-Ko – Qualitäten, die auch in ihrem Arbeitsleben vor dem Unternehmertum wertgeschätzt worden sind.

Nach ihrem Bachelor in Elektro­technik an der Yale University im Jahr 1998 arbeitete sie bis 2001 für McKinsey & Company als Business Analyst. 2001 wechselte sie – wieder als Analystin – zu Charles River Ventures und blieb dort bis 2003. Ihren Ph. D. absolvierte Miura-Ko an der Stanford University im Jahr 2010, wo sie auch während des Studiums als Lektorin im Bereich Unternehmer­­tum tätig war.

In Stanford traf sie auch auf Gastlektor Mike Maples, Jr. Er war wegen seiner frühen Beteiligungen an Twitter und Digg bereits zu Bekanntheit gelangt. Und um mehr über die „echte Businesswelt“, vor allem aber über Start-ups zu lernen, war Miura-Ko regelmäßig Gast in Maples’ Büro. Während eines dieser Treffen fragte er sie: „Warum unterbrichst du dein Ph. D.-Studium nicht einfach und gründest mit mir ein Unternehmen?“ Die damalige Zeit, 2007/08, also mitten in der Finanzkrise, mag für eine Gründung ungewöhnlich gewählt gewesen sein, stellte sich aber als die richtige heraus. Miura-Ko war von Maples’ Vision überzeugt: „Jetzt ist nicht die Zeit der großen Investments. Die Entrepreneure in Stanford würden keine Investments in Höhe von fünf Millionen US-$ erwarten; 500.000 US-$ schon eher. Und selbst diese Summe ist aktuell niemand bereit, zu investieren. Warum tun wir es nicht?“

Im selben Jahr im Mai ­gründeten die beiden Floodgate. Nur wenige Monate danach wurde Miura-Ko schwanger – ihren Ph. D. wollte sie dennoch abschließen. Jeden Morgen stand sie also um 4 Uhr auf, arbeitete an ihrer Diss, bevor sie zur Arbeit ging. Und just zu dem Zeitpunkt, als sie einen guten Rhythmus ­zwischen dem Job und dem Leben mit ihrer 18-
monatigen Tochter gefunden hatte, wurde sie erneut schwanger. Nur sechs Wochen nach der Geburt ihres Sohnes feierte sie ihre Promotion.

„Natürlich hatte ich viel Unterstützung von meinen Eltern und meinem Mann, aber einfach war das Erlangen des Doktortitels neben dem Unternehmertum und dem Familienleben ganz und gar nicht. Diese Erfahrung gab mir aber enorm viel Kraft. Und wenn ich heute gefragt werde, wer ich bin, kann ich sagen: eine Tech­no­logieexpertin, die Großartiges erreicht hat. Darauf bin ich stolz.“ Was sie denn die nächsten zehn Jahre noch vorhabe? „Ich möchte denselben Job machen wie heute. Ich liebe es, mein Wissen und meine Erfahrung mit jenen zu teilen, die von mir unterstützt werden wollen – so, wie es einst Lewis Platt für mich getan hat. Ich denke, die Arbeit als Investor fügt sich da gut ein.“

Text: Makiko Izuka | Forbes Japan
Übersetzung: Yumi Mita

Dieser Artikel ist in unserer September-Ausgabe 2018 „Women“ erschienen.

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