Grüner Veltliner am anderen Ende der Welt

In Mendoza, einer der bekanntesten Weinbauregionen der Welt, produziert Andrej Razumovsky Wein – mit einem Twist: ohne Chemie, aber mithilfe von Kühen, Schafen und Kräutern. Biodynamischer Weinbau nennt sich das. Doch das Weingeschäft läuft nicht rund: Der Alkoholkonsum sinkt weltweit, und auch die Verkäufe seiner Bodega, ­Alpamanta, sind in den letzten Jahren zurückgegangen. Doch Razu­movsky stört das weniger, als man vielleicht erwarten würde.

Die Weingärten erstrecken sich über Kilometer: Tausende Weinreben stehen in Reih und Glied in der kühlen Morgensonne. Dahinter, in der Ferne, sieht man Berge und weiße Gletscher unter dem strahlend blauen Himmel. Hier, im Westen Argentiniens, liegt Mendoza, die Weinhauptstadt des Landes. Bekannt ist sie für den Malbec, eine samtige Rebsorte aus Frankreich, die jedoch durch die Bodegas Mendozas berühmt wurde. Fast 900 dieser Weinkeller, die zusammen mehr als 80 % der Weine des Landes produzieren, beheimatet die Gegend.

Wir sind für eine davon hier, die von einem Österreicher gegründet wurde und bei der neben Malbec unter anderem Cabernet Sauvignon und Chardonnay angebaut wird – und Grüner Veltliner. Um die Bodega Alpamanta zu besuchen, fahren wir die letzten fünf Kilometer auf einem Feldweg, der von Regenfällen zerfurcht ist. Kurz bevor wir – unsicher, ob Google Maps uns wirklich an den richtigen Ort führt – umdrehen wollen, stehen wir vor den Toren der Bodega. „Ist der Weg befahrbar?“, fragt uns Andrej Razumovsky mit Blick auf unseren kleinen, tief gelegenen Mietwagen, nachdem wir aussteigen. Es ging.

Razumovsky gründete Alpamanta mit dem Franzosen Jérémie Delecourt (der vor drei Jahren ausstieg); wenig später stieg Razumovskys Cousin André Hoffmann ein, einer der Urenkel des Gründers des Pharmakonzerns Roche und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Gruppe. Von Anfang an, erzählt Razumovsky, wollte er die Natur und den Boden, auf dem er seine Weine anbaut, mit Respekt behandeln. „Die meisten Weingüter hier haben eine wunderschöne Architektur, aber im Garten passiert nicht viel, da ist sehr viel Chemie (im Einsatz; Anm.)“, so Razumovsky. „Ich habe von Anfang an gesehen, dass ich in eine andere Richtung gehen muss.“ Alpamanta produziert seine Weine biodynamisch: Nicht nur Chemikalien werden vermieden; das Weingut soll, soweit es geht, ein in sich geschlossenes System sein. Dünger etwa wird mithilfe der Tiere produziert, die auf dem Grund leben.

2021 verkaufte Razumovsky rund 130.000 Flaschen und erwirtschaftete einen Umsatz von ca. 1,5 Mio. US-$ (1,29 Mio. €), wie er erzählt. Seitdem sind die Absätze jedoch nach unten gegangen. Doch nicht nur Razumovsky hat zu kämpfen, generell stecken die Weinbauern Argentiniens in der Krise. Eine andere Bodega – die Bodega Norton, die der Familie Swarovski gehört und eine der ältesten und wichtigsten Argentiniens ist – musste Ende 2025 Insolvenz anmelden. Weniger Menschen trinken Alkohol, vor allem junge Menschen in reichen Ländern, in die viele Bodegas exportieren. Alpamanta exportiert rund 70 % der 100.000 Liter Wein, die der Betrieb jährlich produziert, in 30 Länder in Nord- und Südamerika, Europa und Asien. Rund ein Viertel davon wird in den USA verkauft, wo Malbec nach wie vor eine beliebte Weinsorte sei. Alpamanta, so Razumovsky, verkauft heute rund 20 % weniger als vor vier Jahren. „Im Moment ist kein Weingut in Argentinien wirtschaftlich erfolgreich“, so der Gründer.

Weintourismus ist für uns das Rentabelste. Die Leute kommen her, wir zeigen ihnen das Weingut und sie kaufen Weinflaschen.

Andrej Razumovsky

Auch deswegen baut er seit rund drei Jahren das ­Geschäft mit Weintourismus aus. „Das ist für uns das ­Rentabelste. Die Leute kommen her, wir zeigen ihnen das Weingut und sie kaufen Weinflaschen“, sagt Razumovsky. Das spart Alpamanta Kosten für Vertrieb und Marketing. „Weintourismus ist eine gute Einnahmequelle“, sagt der Gründer – auch wenn er später hinzufügt, dass diese Quelle das Hauptgeschäft nicht ersetzen kann (oder soll).

Aber wie sind ein Österreicher, ein Franzose (Dele- court) und ein Schweizer (Hoffmann) dazu gekommen, in Argentinien ein Weingut zu gründen? Wie möchte Razumovsky durch die Krise navigieren? Und welche Rolle spielt eben Weintourismus in seiner Strategie?

Razumovsky wurde in Dänemark geboren und verbrachte den Großteil seiner Kindheit in Spanien, bevor er nach Wien zog, um dort Betriebswirtschaftslehre zu ­studieren. Nach seinem Abschluss arbeitete er für verschiedene Firmen in den Bereichen Sales und Marketing, zuerst in Russland, dann in Deutschland – und als er für den Reise-IT-Dienstleister Amadeus tätig war, in Buenos Aires, Argen­tinien. Er sei für die Geschäftsentwicklung mit südamerikanischen Fluglinien verantwortlich gewesen, erzählt er. Als das Land aber Anfang der 2000er-Jahre immer weiter in die Wirtschaftskrise rutschte, wollte Razumov­skys Arbeitgeber ihn zurück nach Europa schicken. Dieser hatte aber seine heutige Frau kennengelernt, kündigte und blieb in Buenos Aires. Für eine kurze Zeit exportierte er als Selbstständiger argentinische Weine; 2006 kaufte er in Luján de Cuyo, einer der Weinregionen in der Provinz Mendoza, 35 Hektar Land.

„Ich habe immer gerne Wein getrunken; und als wir mit Freunden beim Abendessen – Asado – gesessen sind und Wein getrunken haben, haben wir uns gefragt: ‚Wieso trinken wir eigentlich Wein, den jemand anderer hergestellt hat? Wieso machen wir das nicht selbst?‘“, schildert Razumovsky den Moment, als er und Delecourt, einer dieser Freunde, beschlossen, Alpamanta zu gründen. „Die Idee war, etwas ganz anderes auf die Beine zu stellen“, sagt er – Alpamanta wurde der erste Produzent biodynamischen Weins in Mendoza (im Süden Argentiniens gab es einen anderen).

Das Konzept der biodynamischen Landwirtschaft erfand der Schriftsteller Rudolf Steiner in den 1920ern. Es stützt sich auf vier Säulen: „Die eine ist der Boden, eine andere die Pflanze“, zählt Razumovsky die ersten beiden auf. „Der dritte Bereich sind die Tiere“; der vierte die Menschen. Der Betreiber eines Hofs soll in seinen Aktivitäten an alle vier Säulen denken. Hilfsstoffe sollen, so weit wie möglich, vermieden werden, und jene, die verwendet werden, sollen im geschlossenen Kreislauf des Betriebs produziert werden – deshalb auch die Kuh, die sich uns bei unserem Rundweg durch den Alpamanta-Weingarten mit einer unzerstör­baren Ruhe in den Weg stellt und uns neugierig betrachtet.

Landwirtschaftliche Präparate werden mithilfe der Tiere hergestellt, die auf dem Weingut leben. Alpamanta beheimatet Kühe, Schafe, Hühner, Hasen, Gänse und Bienen. „Du brauchst gewisse Organe – ob es Hörner, eine Hirschblase oder der Magen einer Kuh sind –, die mit bestimmten Pflanzen wie Brennnessel, Löwenzahn oder Baldrian zusammengebracht werden. Die verbindest du, gräbst sie in die Erde ein, und nach sechs Monaten gräbst du sie wieder aus“, erklärt Razumovsky den Produktionsprozess biodynamischer Präparate. Manche von ihnen können dem Kompost hinzugefügt werden, andere sollen zum Beispiel das Wasser energetisieren. „Das hat eine sehr starke energetische Heilwirkung auf die Pflanzen, auch wenn es ein wenig nach Hexerei klingt“, so Razumovsky. Er und sein Team versuchen, den Boden so gut wie möglich zu erhalten, indem sie ihn nicht bearbeiten und keine chemischen oder synthetischen Stoffe einsetzen.

Daneben setzt Alpamanta auf herkömmliche Nachhaltigkeitsmaßnahmen: Solarzellen am Dach der Bodega produzieren rund die Hälfte des Stroms, den der Weingarten verbraucht. Das Wasser, das in der ­Weinproduktion verbraucht wird, wird geklärt (ohne Chemikalien) und wiederverwendet. Ein Biotop liefert zusätzliches Wasser für die Bewässerung der Reben. Was nach der Wein­herstellung von den Trauben übrig bleibt, wird dem ­Kompost hinzugefügt.

Während einige Studien nahelegen, dass biodynamische Verfahren besser für den Boden sind als herkömmliche Landwirtschaft, ist sich die breite Wissenschaft unsicher, was der Effekt solcher Praktiken ist – oder ob es überhaupt einen Effekt gibt. In Österreich werden rund 3 % der Weinbaufläche biodynamisch bewirtschaftet; diese Fläche hat sich seit 2017 circa verdoppelt. In Argentinien stützen sich weniger als zehn Weinbauern auf diese Produktionsweise, schätzt Razumovsky.

Hier geht es um eine Sache, die nachhaltig ist.

Andrej Razumovsky

2022 wurde der Weinkeller von Alpamanta, der heute zu sehen ist, fertig gebaut, und seitdem bietet Razumovsky Interessierten auch Touren an. Viele, sagt er, kommen, weil biodynamischer Weinbau sie inte­ressiert. In den Touren können Besucher über die Produktionsverfahren lernen und sehen, wie sie bei Alpamanta umgesetzt werden. Viele der Führungen gibt der Gründer selbst – wenn er gerade im Land ist; Razu­movsky und seine Familie leben seit einigen Jahren wieder in Österreich.

Das Alpamanta-Team veranstaltet auch andere ­Aktivitäten, etwa ein Open-Air-Kino, Konzerte, Yoga-Einheiten oder Firmenveranstaltungen. Wein­verkostungen gibt es natürlich auch. Rund 2.000 Be­sucher hat Alpamanta pro Jahr, schätzt der Gründer.

Eine zusätzliche Einnahmequelle zu haben sei ein Grund für diese Angebote für Weintouristen – „aber der andere Teil ist, den Leuten näherzubringen, was Biodynamik ist. Deswegen bringen wir auch nicht Hunderte Busse rein“, sagt der Gründer. 2024 verlieh das weltweite Branchennetzwerk Great Wine Capitals Alpamanta die Auszeichnung „The Best of Global Wine Tourism“ in der Kategorie „Nachhaltige Praktiken“; 2023 und 2024 war die Bodega „Traveler’s Choice“ bei der Reiseplattform Tripadvisor.

Der globale Weintourismus hat über die letzten zehn Jahre ein beachtliches Wachstum verzeichnet, hält der Global Wine Tourism Report 2025 (GWTR) fest. Er ist, wie für Alpamanta, für die meisten Wein­güter ein profitables Geschäft (65 % sagen, er sei „profitabel“ oder „sehr profitabel“). Besonders kleine Weinkeller und Produzenten außerhalb Europas erwirtschaften einen höheren Anteil ihres Umsatzes mit Weintourismus, wobei da nicht nur der Preis etwa einer Weinverkostung eingerechnet wird, sondern auch jener der Flaschen, die Touristen mit nach Hause nehmen.

„Mittlerweile kann man auch mit Weintourismus selbst ziemlich viel Geld verdienen – und neue Kunden finden“, sagt Gergely Szolnoki, einer der Autoren des GWTR. Seine Kollegen und er fanden heraus, dass nur 10 % der Weintouristen ein Weingut oder eine Weinregion wegen der Liebe zum roten oder weißen Getränk besuchen. Für die restlichen Besucher stünden andere Motive im Vordergrund – etwa Unterhaltung, Erholung oder der Wunsch, Zeit in der Natur zu verbringen. Besonders in Argentinien gehe Weintourismus oft Hand in Hand mit gutem Essen; für Weinproduzenten sei das eine Möglichkeit, neue Kundengruppen zu erschließen. Razumovsky betont, dass viele der Angebote bei Alpamanta auch für Nicht-Weintrinker interessant sind.

Der GWTR zeigt, dass viele der befragten Betriebe den abnehmenden Weinkonsum auch für Weintourismus als eines der größten Probleme ansehen – aber auch, dass die meisten dieser Betriebe in den nächsten Jahren weiter in ihr touristisches Angebot investieren wollen. „Weintourismus ist bestimmt nicht die ultimative Lösung. Aber es ist ein Teil der Lösung“, so Szolnoki.

Der Trend, dass Menschen weniger Alkohol trinken, besteht schon länger. 2011 trank jeder OECD-Bürger im Schnitt umgerechnet 8,9 Liter puren Alkohol pro Jahr. Bis 2021 war dieser Wert auf 8,6 Liter gesunken. In den 20 größten Alkoholmärkten der Welt ist der Konsum zwischen der Coronapandemie und dem Jahr 2024 um 2 % gesunken. Einerseits werden Konsumenten laut Studien gesundheitsbewusster, andererseits gewinnen alkoholfreie Alternativen an Beliebtheit. Aktuell macht der Verkauf solcher Produkte weniger als 2 % des Marktes für alkoholische Getränke aus. Doch der globale Markt für alkoholfreie Biere, Weine und für Mocktails soll von geschätzten 26 Mrd. US-$ im Jahr 2024 bis zum Jahr 2034 auf 47 Mrd. US-$ steigen. Einen alkoholfreien Wein biodynamisch zu produzieren ist laut Razumovsky derzeit noch nicht möglich.

Szolnoki denkt, dass biodynamische und Bio-Weingüter mehr aus Weintourismus herausholen können als solche, die sich auf herkömmliche Produktions­verfahren stützen: Nachhaltigkeit spiele im Tourismussektor gene­rell eine immer wichtigere Rolle, so der GWTR-Autor, und Weingüter wie Alpamanta könnten ihren Fokus darauf stärker kommunizieren, um mehr Besucher anzuziehen.

Generell sieht Razumovsky seine Produktionsweise – rein wirtschaftlich betrachtet – in der Wein-Krise aber als Nachteil: Es sei teurer, Wein biodynamisch zu produzieren. Und anders als bei anderen landwirtschaftlichen Produkten, sagt er sinngemäß, sind Konsumenten bei Wein nicht bereit, für eine umweltfreundlichere Produktion mehr zu bezahlen.

Trotzdem gibt er sich unbesorgt – er sei ohnehin mehr aus Liebe zum Wein und zur Natur im Geschäft: „Wenn du viel Geld machen willst, gehst du gar nicht in die Wein-Geschichte hinein. Hier geht es um eine Sache, die nachhaltig ist.“

Fotos: Gustavo Sabez

Erik Fleischmann,
Redakteur

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