Mit dem FORBES-NEWSLETTER bekommen Sie regelmässig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-mail-Postfach geliefert.
Cecilia Shen will mit Utopai Studios den Markt für KI-generierte Filme und Serien erobern. Der Einstieg von NBA-Legende Carmelo Anthony bewertet das Unternehmen laut Forbes-Schätzung bereits mit 1 Mrd. US-$ – obwohl Utopai noch keinen abendfüllenden Film veröffentlicht hat.
Früher erzählten große Sportler ihre Karriere nach dem Rücktritt meist über Memoiren, Dokumentationen oder Biopics. Carmelo Anthony wählt einen anderen Weg: Der 41-jährige NBA-Star beteiligt sich an Utopai Studios, einem Silicon-Valley-Startup, das auf KI-generierte Filme und Serien spezialisiert ist. Über seine Produktionsfirma Creative 7 Productions will Anthony gemeinsam mit Utopai Videoinhalte über sein Leben und weitere Sportgeschichten produzieren.
Die genaue Höhe des Investments wurde nicht offengelegt. Forbes schätzt den Betrag auf rund 5 Mio. US-$. Auffällig ist vor allem die Bewertung: Die Beteiligung erfolgte demnach zu einer Unternehmensbewertung von 1 Mrd. US-$. Das ist ein hoher Preis für ein Unternehmen, dessen Umsatz Forbes für 2025 auf weniger als 50 Mio. US-$ schätzt – und das bisher noch keinen vollständigen Film oder eine TV-Serie veröffentlicht hat.
Im Zentrum steht Cecilia Shen. Die 25-Jährige ist Mitgründerin von Utopai und gehört zur Forbes-30-Under-30-Klasse 2026. Geboren in China und aufgewachsen in Toronto, brach Shen während der Pandemie ihr Studium an der University of Waterloo ab. Danach arbeitete sie im KI-Bereich bei der Royal Bank of Canada und später bei Googles Innovationslabor X. Dort lernte sie ihren späteren Mitgründer Jie Yang kennen, einen Research Lead und Software Engineer.
2022 gründeten Shen und Yang das Unternehmen, das damals noch Cybever hieß. Ursprünglich entwickelte das Startup KI-Tools zur Erstellung von 3D-Umgebungen für Videospiele. Später erkannte das Team das Potenzial für Film und Fernsehen. Heute positioniert sich Utopai nicht mehr nur als Technologieanbieter, sondern als Studio.
Der Zeitpunkt ist strategisch. Seit 2022 sind laut einem Branchenbericht mehr als 65 neue KI-Studios entstanden. Viele bewegen sich zwischen klassischen Effizienztools für Produktionsabläufe und vollständig KI-generierten Inhalten. Während Gewerkschaften und Filmschaffende in Hollywood um Arbeitsplätze fürchten, investieren Studios, Medienkonzerne und Finanzinvestoren in Unternehmen, die den nächsten großen Umbruch der Branche prägen könnten.
Auch etablierte Player haben längst begonnen, sich zu positionieren. Disney schloss im Dezember einen Deal über 1 Mrd. US-$ mit OpenAI, der laut Artikel im April wieder beendet wurde, nachdem OpenAI seine Sora-Plattform eingestellt hatte. Netflix kaufte Ben Afflecks KI-Filmmaking-Toolkit InterPositive für bis zu 600 Mio. US-$. Fox Entertainment beteiligte sich am KI-Microdrama-Studio Holywater. Lionsgate kooperiert mit Runway AI. Auch Promise AI und B5 Studios zählen zu den Unternehmen, hinter denen bekannte Hollywood- und Medieninvestoren stehen.
Utopai selbst hat ebenfalls prominente Unterstützer aus der Branche. Zu den frühen Investoren zählen PlutoTV- und ehemaliger Paramount+-Präsident Tom Ryan sowie Roland Emmerich, Regisseur von Blockbustern wie „Independence Day“ und „The Day After Tomorrow“.
Trotz des Hypes bleibt der Markt hochspekulativ. Bislang hat noch kein Unternehmen ein kommerziell tragfähiges, abendfüllendes KI-Erzählformat vorgelegt. Shen sieht genau darin die Chance. Der Markt für Longform-Content sei derzeit praktisch leer, sagt sie. Utopai wolle diesen Bereich dominieren.
Dafür setzt das Unternehmen auf PAI, eine proprietäre Storytelling-Plattform, die im März veröffentlicht wurde. Die Technologie soll es ermöglichen, Charaktermodelle einmal zu erstellen und anschließend in mehreren Szenen zu verwenden. Statt Videos Bild für Bild zu generieren, erzeugt PAI eine 3D-Umgebung, in der Filmemacher Kamerawinkel auswählen, Performances bearbeiten und Szenen anpassen können, ohne die gesamte Sequenz neu rendern zu müssen.
In den ersten 60 Tagen nach dem Start von PAI erzielte Utopai laut Forbes 11 Mio. US-$ an jährlich wiederkehrendem Umsatz durch Lizenzen an Produktionsfirmen weltweit. Shen sieht weiteres Potenzial, vor allem international. Bis Jahresende könne das Lizenzgeschäft ihrer Einschätzung nach auf 100 Mio. US-$ pro Jahr wachsen.
Der Wachstumspfad wäre enorm: 2024 erzielte Utopai laut Artikel erst 750.000 US-$ Umsatz, im ersten Halbjahr 2025 schätzungsweise 7,5 Mio. US-$. Im vergangenen Sommer entschied Shen deshalb, dass Utopai nicht nur als Tool-Anbieter auftreten könne. Wer ein Unternehmen mit einer Bewertung von 10 Mrd. US-$ bauen wolle, müsse laut Shen ein Studio werden.
Aus Cybever wurde Utopai Studios. Mit dem Indie-Produzenten Marco Weber als Co-CEO begann das Unternehmen, eigene Film- und Serienprojekte zu finanzieren. Dazu zählen die Sci-Fi-Serie „Space Nation“ unter Beteiligung von Roland Emmerich und der historische Film „Cortés“, geschrieben vom Oscar-nominierten Autor Nicholas Kazan. Das Drehbuch galt in Hollywood lange als kaum realisierbar – zu groß, zu teuer, zu aufwendig.
Utopai will solche Projekte mit einem hybriden Produktionsansatz günstiger umsetzen. Bei „Cortés“ soll etwa ein Filmstar gecastet und dessen Performance gefilmt werden, bevor sie in eine digitale Umgebung übertragen wird. Shen schätzt, dass pro Projekt nur 30 bis 40 Personen benötigt werden – rund zehn Kreative und der Rest im technischen Support. Vergleichbare Produktionen ohne KI würden oft Hunderte oder sogar Tausende Mitarbeiter benötigen.
Forbes schätzt, dass einzelne Utopai-Produktionen weniger als 10 Mio. US-$ kosten könnten. Zum Vergleich: Große Blockbuster wie „The Odyssey“ oder „Dune: Part Three“ liegen laut Artikel bei Produktionskosten von mehr als 250 Mio. US-$. Genau diese Kostendifferenz könnte Utopai wirtschaftlich attraktiv machen.
Ein Teil der internationalen Vertriebsrechte wurde bereits an Sender wie Globo TV in Brasilien und ZDF Studios in Deutschland vorverkauft. Wenn die fertigen Produktionen geliefert werden, könnten „Space Nation“ und „Cortés“ laut Forbes-Schätzung bis zu 110 Mio. US-$ einbringen – mit zusätzlichem Potenzial durch weitere Märkte oder globale Streamingdienste.
Für Utopai entsteht dadurch ein zweites Geschäftsmodell: Die eigenen Produktionen dienen nicht nur als Inhalte, sondern auch als Marketing für die PAI-Plattform. Wer sieht, dass die Technologie funktioniert, könnte sie selbst lizenzieren.
International scheint die Skepsis gegenüber KI-generierten Inhalten geringer zu sein als in den USA. Länder wie Indonesien, Malaysia oder Kolumbien haben laut Shen großen Bedarf an lokalisierten Filmen und Serien, aber oft nicht die Budgets, um solche Inhalte in großem Maßstab klassisch zu produzieren. KI könnte hier Produktionsbarrieren senken.
Auch in Asien baut Utopai aus. Im April schloss das Unternehmen einen Deal mit Huace, einem der führenden Film- und TV-Produzenten Chinas. Dort sind KI-generierte Microdramas laut Artikel bereits eine Industrie mit einem Volumen von 16 Mrd. US-$. In Südkorea gründete Utopai zudem ein Joint Venture mit der Tech-Investmentfirma Stock Farm Road und übernahm ein Produktionshaus in Seoul mit 15 aktiven Film- und Serienprojekten.
Ob KI-generierte Longform-Inhalte auch in den USA ein breites Publikum finden, ist offen. Shen versucht, die Bedenken der Branche zu adressieren. Sie verweist auf ein urheberrechtsfreies Trainingsdatenset, die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und die Bedeutung menschlicher kreativer Entscheidungen.
Utopai steht damit für eine der zentralen Fragen der Unterhaltungsindustrie: Wird KI vor allem ein Werkzeug bleiben – oder entstehen daraus neue Studios, neue IP-Modelle und neue Kostenstrukturen für Hollywood? Für Shen ist die Antwort klar: Wer in der nächsten Ära des Entertainments groß werden will, darf nicht nur Technologie verkaufen. Er muss Inhalte besitzen.
Text: Matt Craig
Foto: Cody Pickens für Forbes US