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Der Österreicher Friedrich von Hayek gilt als Titan unter den Ökonomen. Der Übervater des Liberalismus und seine Ideen werden von der politischen Rechten vereinnahmt und von der Linken verteufelt. Doch wer war der wahre Hayek? Und warum sind seine Theorien gerade wieder hochrelevant?
Zu den bekanntesten Fans des österreichischen Ökonomen Friedrich August von Hayek zählt Elon Musk. Mehrfach hat der reichste Mann der Welt auf seiner Plattform X die Werke und Ideen des Nobelpreisträgers angepriesen. Neulich etwa postete der Tech-Milliardär ein Zitat des Denkers, das vor den Risiken zentraler Geldpolitik für die Inflation warnt: „Hayek nails it again“, kommentierte Musk, was frei übersetzt heißt: Hayek trifft den Nagel auf den Kopf. Dazu postete er ein Bikinifoto der Hollywood-Schauspielerin Salma Hayek; und klärte im selben Beitrag seine knapp 240 Millionen Follower auf: Die Rede sei hier natürlich nicht von Salma.
Dass Musk seine Reichweite und seinen an Tech-Bros gerichteten Pennäler-Humor nutzt, um für Trump, Tesla oder Europas Rechtspopulisten zu werben, daran hat sich die Welt längst gewöhnt. Überraschender wirkt Musks anhaltende und tiefgreifende Faszination für einen Denker, der als Titan der Wirtschaftswissenschaften gilt; der ein neues Verständnis von individueller Freiheit prägte, sich für den Wettbewerb von Produkten und Ideen einsetzte und in dessen Lehren eine Mahnung gegen jede Form von Totalitarismus steckt.
Neben Musk nennen so unterschiedliche Meinungsmacher, Politiker und Unternehmer wie Peter Thiel, George Soros (der unter Hayek in England studierte), Charles Koch (Koch Industries), John Mackey (Whole-Foods-Gründer) MAGA-Aktivist Charlie Kirk, Argentiniens Präsident Javier Milei oder die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas die Lehren des Österreichers als Inspiration. In Großbritannien, wo Hayek zwischen 1931 und 1950 rund zwei Jahrzehnte an der London School of Economics (LSE) lehrte und seine wichtigsten Theorien formulierte, wird bis heute gerne eine Anekdote erzählt: Die konservative Ikone Margaret Thatcher soll einst Hayeks Buch „Die Verfassung der Freiheit“, erschienen 1960, in einer Sitzung der Tory-Partei auf den Tisch geknallt haben, mit den Worten: „Das ist es, woran wir glauben!“ Hayek diente später tatsächlich als Inspiration und Rechtfertigung für Thatchers und Ronald Reagans marktfreundliche „Revolutionen“; und durch den Sieg des Kapitalismus über den Sozialismus, der zum Kollaps der Sowjetunion führte, schien es, als habe die Geschichte Hayek und seinen Fans in London und Washington recht gegeben.
Hayeks wichtigste Schriften entstanden in einer Krisenepoche, und vielleicht wirken sie auch deshalb heute so aktuell und relevant wie lange nicht mehr. In den früher wohlhabenden und sicheren Industrienationen des Westens hat sich ein Gefühl des wirtschaftlichen Abstiegs und der staatlichen Überforderung verfestigt. Auch daraus ergibt sich offenbar eine Sehnsucht nach Rezepten, die eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Kehrtwende einleiten könnten – und genau hier scheint man bei Hayek nach Antworten zu suchen. Aber woher kommt der jüngste Hayek-Hype? Und welche Lösungen für die Krisen der Gegenwart bieten seine Lehren an?
Um diese Fragen beantworten zu können, muss man in der Zeit zurückreisen. Wien um die Jahrhundertwende; die Hauptstadt der Habsburgermonarchie und Europas intellektuelles Zentrum – was damals hier aufblühte, prägt bis heute unseren Blick auf die Welt. Zu den Errungenschaften jener Zeit zählen bedeutende Fortschritte in der Psychologie (Freud), der Kunst (Klimt), der Musik (Schönberg, Mahler), der Physik (Mach) und der Philosophie (Wittgenstein). Und: Eine Gruppe führender Denker revolutionierte das Verständnis der Ökonomie.
Zu den bekanntesten Vertretern der „Österreichischen Schule der Nationalökonomie“ zählen Carl Menger und Ludwig von Mises. Dessen bahnbrechende Arbeiten über das Geld- und Kreditwesen sorgten auch dafür, dass in den 1920er-Jahren Österreich weniger vom Schrecken der Hyperinflation betroffen war als das benachbarte Deutschland. Mises, Mentor und Förderer Hayeks, lehnte Sozialismus, Planwirtschaft und staatliche Einmischung strikt ab. Am Ende ist es aber Hayek, der den Nobelpreis gewinnt und sich zum bekanntesten und einflussreichsten Vertreter der Österreichischen Schule entwickelt. Hayek hatte als Soldat im Ersten Weltkrieg an der Front gedient. Seine Motivation war es, die Fehler zu verstehen, die zu dieser Katastrophe geführt haben – und wie sie sich in Zukunft vermeiden lassen. Dieser Mission widmete sich der Ökonom bis zu seinem Tod 1992 im Alter von 92 Jahren in Freiburg im Breisgau.
Zurück zu Hayeks Anfängen: Nachdem er als junger Forscher nach London übersiedelt war und als erster Ausländer eine Professur an der LSE bekommen hatte, legte er sich bald mit dem Mainstream an. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs war Hayek als liberaler Mahner ein Außenseiter. Planung und Zentralisierung in Wirtschaft und Gesellschaft galten damals als unvermeidlich – auch im Westen. Liberaler Individualismus und andere Formen des Eigensinns schienen in den Weltkriegsjahren unerwünscht; verdächtig sogar.
Hayek argumentierte: Extreme linke und rechte Ideologien, also Sozialismus und Faschismus, führen im Kern gleichermaßen auf einen „Weg in die Knechtschaft“. Wie er in seinem gleichnamigen Buch zeigt, zerstören beide Strömungen Markt, Privateigentum, Demokratie und persönliche Freiheit und führen direkt in den Totalitarismus – die ultimative Unfreiheit. „Dass ausgerechnet ein aus dem deutschsprachigen Ausland stammender Denker die Briten über den Liberalismus belehrt, wirkte damals wie eine Provokation“, sagt Volkswirtschaftler Michael Wohlgemuth, Forschungsbeauftragter der Stiftung für Staatsrecht und Ordnungspolitik in Liechtenstein.
Schlagworte wie „übergriffiger Staat“, „Überregulierung“ oder „ausufernder Wohlfahrtsstaat“ prägen heute die deutsche Debatte um Grundsicherung und Bürgergeld. Hayek warnte schon damals, dass der Weg zur Unfreiheit auch mit gut gemeinten „sozialen“ Vorsätzen gepflastert sein könnte. Es ging ihm nicht darum, den Sozialismus zu dämonisieren – vielmehr warf er seinen Gegnern einen „intellektuellen Irrtum“ vor.
Sozialismus oder Liberalismus? Regelt der Markt alles oder sollte der Staat ein enges Regelkorsett schnüren? Die Gegenposition zu Hayek nahm der Brite John Maynard Keynes (im Bild rechts) ein: Im nach seinen Lehren benannten Keynesianismus wurden schuldenfinanzierte Ausgabenprogramme des Staats und ein Ausbau des Wohlfahrtsstaats begründet. Auch Keynes’ Lehren wurden – gegen seinen Willen – politisch instrumentalisiert; etwa die in seinem Namen popularisierte Planwirtschaft und andere Formen des Kollektivismus.
Elon Musk und Javier Milei präsentieren sich als besonders laute Mitglieder des Hayek-Lagers und nutzen die Ideen des Denkers als Munition für die Kulturkämpfe unserer Zeit. Doch wie viel Kettensäge und DOGE-Disruption stecken wirklich in Hayeks Theorien?
Oft habe man Hayek unterstellt, so Forscher Wohlgemuth, Anhänger eines „Laissez faire“-Liberalismus zu sein, in dem der Markt alles regelt und wo Mitgefühl für die Schwachen und soziale Absicherung überflüssig sind. Tatsächlich fordere Hayek aber eine „Wettbewerbsordnung“: Das staatliche Gewaltmonopol solle durchaus die Einhaltung und Durchsetzung allgemeiner Verhaltensregeln in der Marktwirtschaft garantieren – und auch soziale Sicherungssysteme brauche eine Gesellschaft.
Genauso relevant wie Hayeks marktliberale Ideen wirken seine Überlegungen zur „Anmaßung des Wissens“, die er in seiner Nobelpreisrede formulierte. Im Kern sagt Hayek: Menschen (vor allem Politiker) überschätzen sich, wenn sie die Wirtschaft oder die Zukunft planen wollen. Der Markt sei viel besser geeignet, um Produkte, Technologien oder Ideen hervorzubringen. Die von Hayek kritisierte Anmaßung von Wissen schwingt in zahlreichen Initiativen mit, die Regierungen derzeit umsetzen wollen: In der Energiewende (Windräder) etwa oder in den Mietendeckeln, die Berlins Stadtregierung eingeführt hat.
Das Wissen darüber, „was funktioniert“, lasse sich weder in gesammelten Daten noch in wissenschaftlichen Studien oder Statistiken finden, so Hayek. Vielmehr spiegelt dieses Wissen persönliche Erfahrungen und lokales Verständnis wider. Ein Immobilienmakler kennt die Probleme seines lokalen Wohnungsmarkts besser als ein Politiker; ein Fabrikarbeiter kann eine fehlerhafte Maschine am Laufen halten, weil er sie mitunter besser versteht als ein Diplomingenieur. Diese praktischen Informationen können nie von einer Regierung zusammengetragen werden. Wegen dieses „Wissensproblems“, so Hayek, scheitere zentrale Planung. Keine Regierung könne die gewaltigen, verstreuten Informationen bündeln, die notwendig wären, um effizienter zu werden. Hayek fordert daher: Der Einzelne solle sich anpassen dürfen und frei experimentieren – und so eine eigene Lösung finden. Freie Märkte, ihre Preise und unzählige Angebots- und Nachfrageentscheidungen spiegeln genau dieses dezentrale Wissen wider.
Dass Hayeks Ideen heute vom Lärm der Kettensägen-Schwinger Musk und Milei begleitet werden, sagt wohl mehr über die Gereiztheit der Debatten unserer Zeit aus als über Hayeks Lehren. Schon Joseph Schumpeter, der österreichische Nationalökonom, hielt Hayeks Werke für erstaunlich höflich und eigentlich zu vornehm gegenüber Hayeks Gegnern, die das marktwirtschaftliche System zerstören wollten. Forscher Wohlgemuth sieht in Hayek einen feinfühligen Denker – umso erstaunlicher, dass er heute „immer wieder übel karikiert“ werde. Die politische Linke betreibe eine dämonisierende Vereinfachung; die Rechte eine vereinfachende Heroisierung.
Je mehr Hayek als Kronzeuge für Ideologie dient, desto mehr fühlt sich offenbar die Gegenseite provoziert. Diese sich selbst verstärkende Dynamik werde „dem komplexen Werk“ Hayeks nicht gerecht, so Wohlgemuth. Und wie sah sich Hayek selbst? Ein ganzes Kapitel in seiner „Verfassung der Freiheit“ widmet er dem Thema „Warum ich kein Konservativer bin“; er erklärt, warum er sich als klassischer Liberaler versteht. Forscher Wohlgemuth empfiehlt den Fans und Feinden des wohl bedeutendsten österreichischen Ökonomen des vergangenen Jahrhunderts: „Es würde sich lohnen, Hayek im Original zu lesen.“
Fotos: Getty Images / Bettmann, IMAGO / Anadolu Agency