„I Miss The Criminals“

Steven N. Garfinkel war Special Agent beim FBI. Heute ist der 68-Jährige Experte für Schneeballsysteme, Geldwäsche und forensische Buchprüfung. Sein letzter Fall für das Federal Bureau of Investigation war jener rund um Bernie Madoff, der mit seinem Ponzi Scheme von über 60 Mrd. US-$ in die Geschichte des Finanzbetrugs eingegangen ist. Garfinkel, New Yorker mit Faible für die TV-Serie „Die Sopranos“, erzählt aus seinem Leben – und von seinen spannendsten Fällen.

Es stimmt, dass am Wiener Würstelstand oft spannende Begegnungen stattfinden; dort, wo der Professor neben dem Studenten und die Managerin neben einem Poli­tiker zum Würstelessen aufeinandertreffen. So auch im Fall dieser Geschichte: Steven N. Garfinkel, ein 68-jähriger pensionierter FBI-Agent aus New York, bereist mit seiner Frau Europa und steht an einem Freitag am Würstelstand beim alten Börsengebäude – neben ihm ­einer der Forbes-Herausgeber. Dieser Zufall brachte Folgendes zutage: Garfinkel war in den Jahren 2008 bis 2010 leitender Ermittler des Federal Bureau of Investigation (FBI) in der Causa Bernie Madoff, jenem Kriminalfall, der als größtes Schneeballsystem aller Zeiten in die Geschichte der Finanzdelikte eingehen sollte. (Aktuell läuft darüber eine mehrteilige Netflix-Doku-Serie, für die auch Garfinkel zurate gezogen wurde.)

Forbes gab er nach der Begegnung am Würstelstand seine persönliche Perspektive auf den Fall Madoff preis, sowie auf einige von Madoffs Komplizen, wie Frank DiPascali, einen der wichtigsten Zeugen im Rahmen der Aufklärung, und auf die Rolle von Madoffs Söhnen Mark und Andrew. Und Garfinkel erzählt seine eigene Geschichte „von Anfang an“, als Rückblick auf seine Karriere als Ermittler.

Bereits als Siebenjähriger wusste Garfinkel, dass er FBI-Agent werden wollte. Der gebürtige New Yorker erzählt von einem Familienausflug nach Washington, D. C. – im Rahmen dessen stand die Besichtigung des J. Edgar Hoover Buildings auf dem Programm; des FBI-Hauptquartiers. Verschiedene Waffengattungen wurden beschrieben, es wurde auch über Kriminalfälle gesprochen, erinnert er sich. „Ich machte aus meinem Berufswunsch aber ein großes Geheimnis“ – nicht einmal seinem Vater, der als Bewährungshelfer „in einem polizeilichen Kontext tätig war“, hatte er von seinem Traum erzählt. Stattdessen studierte er nach dem Schulabschluss Geschichte und absolvierte später einen MBA in Hotel- und Restaurantmanagement, so Garfinkel. „Mit meinem Job und meiner Karriere in der Lebensmittelbranche war ich aber nicht zufrieden“, sagt er; und erinnerte sich an einen seiner Freunde, der nach dem Jurastudium beim FBI angeheuert hatte und seinen Job dort liebte. Also tat er es ihm 1985 gleich und bewarb sich beim Federal Bureau of Investigation.

„Nach dem bestandenen Einstiegstest kommt man in einen allgemeinen Bewerberpool. Meine Chancen, aus diesem Bewerberpool rekrutiert zu werden, standen allerdings nicht gut, da ich weder einen buchhalterischen, juristischen oder technischen Hintergrund hatte.“ Garfinkel kehrte auf Anraten des FBI-Recruiters an die Uni zurück, absolvierte „ein paar Buchhaltungskurse“ und heuerte für vertiefende Praxis für drei Jahre in der Steuerabteilung der Wirtschaftsprüfer Peat Marwick International (PMI) an – heute Teil von KPMG. Dann bewarb er sich neuerlich beim FBI. 1989 wurde er eingestellt; tags darauf ging es zur 14-wöchigen Agenten-Ausbildung nach Quantico im US-Bundesstaat Virginia. „Kennen Sie den Film ‚Das Schweigen der Lämmer‘?“, fragt Garfinkel. „Da gibt es eine Szene, in der Jodie Foster als Clarice Starling in einer Gruppe angehender FBI-­Agenten läuft“, so Garfinkel weiter. „Das sind alles Kollegen meines Jahrgangs. Im Film sehen Sie die Einheit 89-8 laufen; ich selbst war in der Einheit 89-7. Das waren keine Statisten“, lacht er, „wir waren echt!“ Man sei damals auch mal mit dem Hollywood-Star zusammengesessen, erinnert er sich. „Das war eine sehr interessante Zeit.“

Nach dieser Ausbildungssequenz wurde Garfinkel ins New Yorker FBI-Büro geschickt – in die Abteilung für Wirtschaftskriminalität (damals noch „Abteilung für Telekommunikationsbetrug“ und später „Abteilung für Bankenbetrug“), wo der heute 68-Jährige seine nächsten 21 Berufsjahre verbringen sollte. Die Anfänge der Cyberkriminalität habe er ebenfalls miterlebt, sagt er; „als Cybercrime noch etwas ganz Neues war“. Auf die Frage, ob sich die Art und Weise kriminellen Handelns stark verändert habe, lehnt er sich kurz zurück und schmunzelt: Auch wenn sich in der technischen Umsetzung einiges getan habe, sei die Wirtschafts­kriminalität im Kern immer die gleiche geblieben. „Alles dreht sich um die Gier der Menschen“, so Garfinkel; alle wollen maximal viel Geld – mit dem geringsten Aufwand. Die fortschreitende Technologie erleichtere den Wirtschaftskriminellen aber ihre Taten: „Seit es das Internet gibt, werden diese Vergehen grenzüberschreitend begangen“ – was nicht nur die Ermittlungen erschwere, sondern auch die Rückführung gestohlener Gelder.

Cybercrime ist entpersonalisiert. Es ist etwas anderes, in eine Bank zu gehen und diese auszurauben.

Steven N. Garfinkel

„Aus Sicht des Täters ist die kriminelle Tat so ­sicherer. Man wird weniger häufig erwischt und die Tat an sich ist entpersonalisiert. Es ist anders, als in eine Bank zu gehen und diese auszurauben oder einem Individuum die Geldtasche zu stehlen“, sagt ­Garfinkel. Künstliche Intelligenz füge dem Ganzen noch eine ­weitere Ebene hinzu – „da bin ich selbst neugierig, in welche Richtung sich das entwickeln wird. Ich denke, dass viele Wirtschaftskriminelle den Einsatz von Deepfakes für sich entdecken werden – wenn sie es nicht schon gemacht haben.“

In den 90er-Jahren war Garfinkel Gründungs­mitglied der Computer Crime Squad, wo er eine der ersten internationalen Cyber-Ermittlungen im Fall ­Vladimir Levin mit der Citibank leitete. „Levin“, erinnert sich Garfinkel zurück, „war, ohne in Klischees verfallen zu wollen, ein echter Computerfreak, der von einer ganzen Bande von Gangstern umgeben war.“ Er hackte sich in die Citibank und veranlasste Über­weisungen rund um den Erdball; Gelder, die dann von Mitgliedern dieser Bande von überall abgehoben ­wurden. „Das waren um die 40 Überweisungen samt Abhebungen von Finnland über die Niederlande bis nach Deutschland.“ Dieser weltweit agierende Ring konnte erfolgreich überführt werden. „Das Interessante an diesen Gangstern war aber, dass diese von Mitgliedern der sogenannten Tambow-Bande, ehemaligen Ringern aus dem russischen Ort Tambow, beschützt worden waren. Diese tauchten erst kürzlich in einem Buch, das ich über Putins Aufstieg zur Macht gelesen habe, wieder auf.“ Überhaupt wurden in dem Buch einige Namen genannt, die ihm noch aus seinen Erlebnissen als FBI-Agent in den 90er-Jahren in Russland erinnerlich waren.

Er schildert dabei Szenen, die aus einem Film sein könnten: „Ich saß im Polizeipräsidium in St. Petersburg, um einen der Komplizen im Fall Levin zu be­fragen. Der Befragungsraum war komplett kahl, von der meter­hohen Decke hing eine nackte 40-Watt-Glühbirne herunter. Gemeinsam mit der Dolmetscherin warteten wir auf den Gefangenen, als mit einem Schlag die Tür aufgetreten wurde. Der Gefangene, in Ketten gelegt, wurde von zwei Wärtern, die aussahen wie wilde Schläger­typen, praktisch an den Tisch geschleudert.“ Er sei mit offenem Mund dagesessen und habe dem Gefangenen aus lauter Verlegenheit nur das sogenannte FD-395-Formular über die Belehrung seiner Rechte hinhalten können – „einmal auf Englisch und einmal auf Russisch“, lacht Garfinkel. Der Gefangene habe auf die beiden Schergen hinter sich geschaut und voll­umfänglich kooperiert, so der ehemalige Agent weiter.

Ob er denn niemals um sein Leben gebangt habe, wollen wir wissen. „Nur einmal“, antwortet er ohne ­Zögern. „Und zwar, als wir die erfolgreiche Straf­verfolgung im Fall Levin mit den russischen Kollegen gefeiert haben“, so Garfinkel weiter. Es wurden mehrere ­Flaschen Wodka geleert. „Danach ging es mit dem Auto zu einem der russischen Kollegen nach Hause. Wir ­saßen – wir waren auf jeden Fall zu viele – in einem Lada und machten an einer Tankstelle am Weg halt. Einer der Agenten stieg aus und betankte rauchend und sturzbetrunken den Wagen. Danach ließ er auch noch einige Liter Benzin in seine privat mitgebrachten Kanister im Kofferraum laufen“, erinnert sich Garfinkel. „Da hatte ich das erste und einzige Mal Angst“, sagt er. „Ich dachte: „Wenn wir jetzt in die Luft fliegen, finden sie nicht mal mehr meine Überreste!‘“

Nach Abschluss dieser Mission stieg Garfinkel zum Leiter der internen Abteilung für Bankbetrug und Geldwäsche des FBI in New York auf, wo er Betrugs­ermittlungen leitete, die zu Dutzenden von Ver­­ur­tei­lungen führten – darunter etwa der Fall rund um Finanzbetrüger Sam Israel und den Bayou-Hedgefonds.

Ich dachte: ‚Wenn wir jetzt in die Luft fliegen, finden sie nicht mal mehr meine Überreste!‘

Steven N. Garfinkel

Israel gab an, 150 Mio. US-$ an eine Wohltätigkeitsorganisation in London überweisen zu wollen. Die Bank machte eine Meldung, Garfinkel und seine Kollegen statteten dem Hedgefonds-Manager in seiner Villa am nördlichen Stadtrand von New York einen Besuch ab. „Er gab an, aus den 150 Mio. US-$ (130 Mio. €) binnen weniger Wochen 3 Mrd. US-$ machen zu wollen“, erinnert sich Garfinkel. „Es ergab alles keinen Sinn; auch die Skizze nicht, um die ich ihn gebeten hatte, um mir seine Strategie zu erklären.“ Merkwürdig sei für ihn gewesen, dass die Bayou-Anleger, allesamt Großanleger, nicht nur dachten, der Hedgefonds sei 450 anstatt 150 Mio. US-$ schwer, sondern auch gefragt hätten, ob sie das Geld nun aus dem Fonds herausnehmen sollten. „Israel hatte nicht nur nichts veranlagt – er hatte das Geld rausgenommen.“

„Das Interessante an diesem Fall war, dass einige der Anleger ihr Geld zwar rausholten, nach kurzer Zeit aber wieder einzahlten“, so Garfinkel weiter. „Das beschreibt meiner Meinung nach das Grundproblem bei diesen Ponzi Schemes (Schneeballsystemen, Anm.): Jeder will schnell und viel Geld verdienen. Und: Jeder will der Klügste im Raum sein. Die Menschen halten sich für zu schlau, um reingelegt zu werden.“ Man nenne das den „Red-Rope-Effekt“: Jeder will hinter diese rote Kordel vor einem Klub kommen. „Jeder möchte einem exklusiven Klub angehören. So, wie man mindestens 4 Mio. US-$ haben musste, um bei Madoff rein­zu­kommen“, beschreibt Garfinkel das Phänomen.

Der Fall Bernie Madoff war Steven Garfinkels ­letzter und wohl spektakulärster Fall für das FBI, das er im Jahr 2011 verließ, um in die Privatwirtschaft zu wechseln. Am 10. Dezember 2008, Garfinkel war mit Kollegen schon bei der FBI-Weihnachtsfeier im New Yorker Büro, rief ihn sein Nachbar an und fragte ihn, ob er bereits mehr über den Fall von Bernie Madoff wisse. „Ich wusste im ersten Moment gar nicht, wen er meinte, und fragte ‚Über wen?‘“ Sein Nachbar sagte ihm, dass es sich um ein Schneeballsystem in der Höhe von rund 50 Mrd. US-$ handle. Er wisse davon, weil sein Schwiegervater dort investiert sei. Garfinkel rief seinen Kollegen in der Abteilung für Wirtschaftskriminalität an; der bestätigte, dass Madoffs Söhne Mark und Andrew das FBI über ihren Anwalt informieren ließen, dass ihr Vater ein Schneeballsystem im Ausmaß von 50 Mrd. US-$ betreibe. Tags darauf standen zwei von Garfinkels Kollegen vor Madoffs Tür.

Bernie Madoff war zur damaligen Zeit ein angese­hener Wertpapierhändler und Vorstandsvorsitzender der Technologie­börse Nasdaq – „er wohnte in einem Maisonette-Penthouse gleich um die Ecke der Park Avenue.“ Garfinkel setzt sich ein wenig auf und erzählt weiter: „Die Kollegen klingelten: ‚Bernie Madoff, FBI. Wir möchten mit Ihnen sprechen!‘“ Madoff ­öffnete. Man habe erfahren, dass er ein Schneeball­system in der Höhe von 60 Mrd. US-$ betreibe; ob es dafür eine Erklärung gebe, beginnt Garfinkel die Szene zu beschreiben. Madoff sagte, es gebe keine – außer dass es wahr sei, erinnert sich der Ex-Agent an den für alle überraschenden Moment. Garfinkel: „In der Regel steht die Verhaftung am Ende einer Ermittlung. Im Fall Madoff war das umgekehrt.“ Er und sein Kollege seien derart überrumpelt gewesen, so Garfinkel weiter, dass man erst vor Ort den Generalstaatsanwalt am Telefon um die mündliche Erlaubnis für einen eidesstattlichen Haftbefehl gebeten habe.

Das war Donnerstag, der 11. Dezember 2008. Am darauffolgenden Freitag wurden die Madoff-Büros im sogenannten Lipstick-Gebäude als Tatorte ge­sichert und montags darauf betrat Garfinkel erstmals das 34-­stöckige Bürohochhaus in Manhattan, wo auch Madoff auf drei Etagen verteilt Räume gemietet hatte. Am Eingang hatte sich eine tobende Menge betrogener Anleger versammelt, erinnert sich Garfinkel. In der 19. Etage befand sich das offizielle Geschäft „Bernard L. Madoff Investment Securities“, Madoffs legales Handels­unternehmen. Eine Etage darunter lagen einige Büros für die Familienmitglieder. In der 17. Etage lag das vor der Börsenaufsichtsbehörde (SEC) verborgen gehaltene illegale Investment-Beratungsunternehmen, über das das Schneeballsystem betrieben wurde.

„Als ich das Büro im 17. Stock betreten wollte, war es noch versperrt, und während ich auf meine Kollegen mit dem Schlüssel wartete, kam mir am Gang die Wall-Street-Legende Muriel Siebert (erstes weibliches Mitglied der US-Börse New York Stock Exchange, Anm.) mit ihrem kleinen Hund ‚Monster Boy‘ entgegen. Das war extrem skurril, weil sie mir erklärte, dass in diesem Gebäude eigentlich keine Hunde erlaubt seien – und der Hund zwischendurch auch noch sein Beinchen hob.“ Garfinkel beschreibt das Madoff-Büro in der 17. Etage wie aus der Zeit gefallen, während die offiziellen Büroräume in den anderen Stockwerken modernst ausgestattet waren: „Ein Nadeldrucker stand da mitten unter unzähligen Kartons, vollgefüllt mit Hängeordnern. Wir waren anfangs auch nur zu dritt und bekamen erst ­später Verstärkung. Insgesamt hat es etwa zwei Wochen gedauert, bis wir Madoffs System verstanden hatten“, erinnert sich Garfinkel.

Es war ein recht simpel aufgebautes Verbrechen, sagt Garfinkel: Auf dem sogenannten 703-Konto von JP Mor­gan Chase, dem Hauptkonto von Madoffs legitimer Trading Company, wickelte Madoff jahrzehntelang sein Ponzi Scheme ab. Von 1986 bis zum Zeitpunkt von Madoffs Verhaftung gingen mehr als 150 Mrd. US-$ auf das Konto bzw. von diesem ab. Im Prinzip gehe es bei einem Schneeballsystem darum, das Geld von Person X an Person Y weiterzugeben, so der Experte weiter; den Anlegern werden hohe Renditen versprochen, dabei wird das Geld nicht veranlagt. Die Auszahlungen an die Anleger erfolgen ausschließlich aus den Geldern neuer Investoren. Da Madoff dieses Ponzi Scheme bereits seit Jahrzehnten betrieb – also noch bevor er es an der New Yorker Börse zu Bekanntheit gebracht hatte –, waren viele seiner Kunden Kleinanleger; neben den bekannten Großanlegern, die später dazukamen.

Nach Auffliegen des Kriminalfalls wurden all jene Anleger, denen mehr Geld ausgezahlt wurde, als sie eingezahlt hatten, aufgefordert, diese Gelder zurückzuzahlen, was für viele – vor allem Kleinanleger, die ihr gesamtes Erspartes in die Hände Madoffs gelegt hatten – existenzbedrohlich war.

Der Schaden bezifferte sich laut Wikipedia letztlich auf mindestens 64 Mrd. US-$. Madoff, so Garfinkel, hatte keinen einzigen Dollar seiner Anleger investiert. „Es fanden keine Handelsgeschäfte statt. In der 17. Etage, wo das nicht angemeldete Investment-Beratungs-­Business stattfand, wurden lediglich gefälschte Konto­auszüge erstellt.“ Frank DiPascali war für Letzteres ebenso wie für die Erstellung der „Fake Paper Trails“, also der falschen Spuren, die die Börsenaufsicht hinters Licht führen sollten, verantwortlich. DiPascali kooperierte als einer der Hauptzeugen mit dem FBI, verstarb allerdings an Lungenkrebs, bevor er für seine Vergehen zur Verantwortung gezogen werden konnte. Garfinkel: „Ich nannte DiPascali immer den COO, den Chief Ob­fuscation (dt.: Verschleierung, Anm.) Officer. Er fand das lustig. Ich finde, er war ein schillernder, interessanter Typ. Es tut mir leid, dass ich mich nicht mehr von ihm verabschieden konnte.“

Garfinkel sieht den Fall Madoff in großen Teilen auf­geklärt, allerdings nicht in allen. „Wenn man auf die Anklageschrift schaut, geht daraus ­hervor, dass Bernie Madoff wegen Wertpapierbetrugs, Tele­kommunikations­betrugs und Geldwäsche angeklagt wurde – und dafür auch mit 150 Jahren Gefängnis zur Verantwortung gezogen worden ist. Was fehlt, ist der Tatbestand der Verschwörung“, sagt Garfinkel. Madoff hat alle Schuld auf sich genommen, wahrscheinlich, um seine ­Familie – allen voran seine Frau Ruth und die beiden Söhne –, aber auch potenzielle Komplizen zu schützen, so der Ex-Agent. „Dafür wurde Bernie im Gefängnis auch respektiert. Er hatte niemanden verpfiffen.“ Und so bleiben auch nach Bernie Madoffs Tod im April 2021 einige ­Fragen unbeantwortet. „Ich glaube, dass er der Einzige war, der das wahre Ausmaß seiner Taten kannte. Ich denke aber, dass es zumindest einige Mitwisser bzw. Nutznießer gab“, so Garfinkel. Einer davon war seiner Meinung nach Norman Levy, ein New Yorker Immobilienmakler.

„Damals lag der Verdacht des Scheckbetrugs zwischen Bernie und Norman bzw. ihren Kreditgebern nahe. Wir hatten einfach keine Zeit, uns die Sache mit Norman Levy, der 2005 verstarb, genauer anzusehen. Letztlich hatte man für diesen Verdacht zu wenig Beweise. Und er war, als das alles aufflog, ja auch schon tot. Seine Erben haben eine Menge Geld zurückgezahlt“, so Garfinkel weiter. Also könne man diese Sache auch ruhen lassen. Aber eines möchte er doch noch hinzufügen, so Garfinkel weiter: Bernie Madoff hatte in seinem Büro eine Menge Fotos stehen, darunter eines mit ihm und Norman Levy – „etwas in ihren Gesichtsausdrücken sagte mir, dass die beiden unter einer Decke steckten.“

Viele Kriminelle erleben die Haft als eine Art Katharsis, fast wie eine Befreiung.

Steven N. Garfinkel

Ein anderer Punkt, der im Fall Madoff ebenfalls unbeantwortet blieb, war jener der Rolle der Madoff-Söhne Mark und Andrew. „In der Netflix-Doku“, so Garfinkel, „werden die Söhne als Opfer dargestellt.“ Er sehe das punktuell anders – denn auch, wenn die Söhne nichts davon wussten, haben sie zumindest indirekt davon profitiert. „Die Söhne waren beide im offiziellen Unternehmen, jenem im 18. und 19. Stockwerk, angestellt. Ihre Gehälter und Boni haben sie,
wie alle anderen auch, als reguläres Einkommen versteuert. Durch Kapitalgewinne erwirtschaftetes Geld, das durch die Aktiengeschäfte eingebracht worden ist, wird allerdings niedriger versteuert“, erklärt Garfinkel. Über diese Aktien­geschäfte gelangten die Brüder zusammen an etwa 70 Mio. US-$ an Krediten, die quasi auf Schein­geschäften basierten.

Garfinkel: „Wenn man sich die Metadaten hinter den Aktiengeschäften im Computersystem ansieht, kann man sehen, dass es ein Kaufdatum und ein Verkaufsdatum gab. Man konnte aber auch sehen, dass beide verdächtigerweise unmittelbar nacheinander eingegeben worden sind. Wir konnten allerdings nie beweisen, wer diese Einträge vorgenommen hatte.“ Die Brüder ­wurden nie belangt, mussten aber zeitlebens mit der Bürde des von ihrem Vater begangenen Verbrechens ­leben. Mark Madoff nahm sich das Leben, sein ­Bruder Andrew starb ein paar Jahre später an Krebs – „sehr tragisch“, so Garfinkel.

Ruth Madoff, Bernie Madoffs Frau, hält Garfinkel für unschuldig. „Es gab keine Beweise dafür, dass sie von den Geschäften ihres Mannes wusste. Ihre akkurate private Buchführung hat unseren Ermittlungen hinsichtlich der Einbringung des gesamten privaten Madoff-Vermögens zur Abgeltung der Gläubiger enorm geholfen“, sagt Garfinkel, der sie „Ruthy Books“, in Anspielung auf ihren buchhalterischen Hintergrund, nennt. Am Ende blieb ihr nichts, sagt er. Garfinkel und seine Kollegen brachten Ruth Madoff aus dem bereits beschlagnahmten Penthouse und fuhren sie zu ihrer Ex-Schwiegertochter, etwa eine Stunde von New York City entfernt, wo sie heute noch leben soll. Garfinkel: „Ruth erzählte mir auf der Fahrt dorthin, dass es Bernie anscheinend gar nichts ausmache, im Gefängnis zu ­sitzen. Er verbringe seine Zeit mit Lesen und anderen Dingen, die er möge.“ Er habe das damals nicht zum ersten Mal gehört, sagt Garfinkel: „Viele Kriminelle erleben die Haft als eine Art Katharsis, fast wie eine Befreiung“, sagt er. „Sam Israel etwa, vom Bayou-Hedge­fonds-Fall, hatte schlimme Rückenprobleme. Als er verhaftet wurde und wir ihn in Gewahrsam hatten, umarmte er mich einmal fest und sagte: ‚Mein Rücken tut nicht mehr weh!‘“

2011 wechselte Steven Garfinkel dann in die Privatwirtschaft, wo er auch heute noch mit seiner eigenen Unternehmung als Experte für forensische Buch­prüfung, Geldwäsche und Schneeballsysteme als Gerichtssachverständiger angefragt wird. „Die Leute fragen mich aber immer wieder, was ich an der Zeit beim FBI am meisten vermisse“, sagt er. „Ich habe es wirklich gemocht, Fälle zu lösen, Puzzleteile zusammenzusetzen; und ich vermisse das gute Gefühl, am Ende zu gewinnen. Das war toll. Aber am meisten – das muss ich schon sagen – vermisse ich die ­Kriminellen“, sagt Garfinkel. Er zieht die Schultern hoch: „Sie sind außergewöhnlich, und für mich waren das immer interessante Menschen“, erklärt er. Bis heute bekomme er Weihnachtskarten aus dem Gefängnis. „Ich bin überzeugt, dass Menschen sich rehabilitieren können. Vielleicht klingt das kitschig, aber ich glaube fest daran, dass Menschen diese Fähigkeit haben.“

Fotos: Gianmaria Gava

Heidi Aichinger,
Herausgeberin

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