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Arda Saatçi wollte in 96 Stunden die Strecke von 14 Marathons laufen. Als der Berliner Ultraläufer in den USA gegen die Zeit verlor, gewann er ein Millionenpublikum, das ihm vor allem eines abnimmt: dass nichts an ihm inszeniert ist. Im Hintergrund entstand jedoch ein Geschäft, das die Grenzen zwischen Athlet, Content Creator und Unternehmer verschwimmen lässt, bis kaum noch auszumachen ist, ob Saatçi die eigene Überzeugung antreibt oder längst die Deals. Es bleibt die Frage, wie weit ein Mensch gehen kann, der sich weigert, jemals stehen zu bleiben.
Es ist ein normaler Mittwochnachmittag in Berlin, zumindest für die meisten Menschen – doch für einige Schulkinder ist es ein Tag, an den sie sich noch wochenlang erinnern werden. Arda Saatçi kommt keine zehn Meter weit. Dass sich der Extremsportler für das Forbes-Shooting im Wilmersdorfer Sportstadion aufhält, hat im Berliner Stadtteil schnell die Runde gemacht. Im Minutentakt rennen ihm Gruppen von Jugendlichen entgegen, rufen seinen Namen und wollen ihm die Hand schütteln. „Respekt!“, ruft einer; „Du bist eine große Inspiration“, lässt ihn ein anderer wissen. Saatçis Team lacht. „Das geht seit ein paar Tagen so, seit wir aus den USA zurück sind“, sagt einer von ihnen. Saatçi selbst wirkt alles andere als genervt, auch wenn der Jetlag ihm sichtlich noch in den Knochen sitzt und er seit der Rückkehr kaum eine Nacht durchgeschlafen hat. „Auch wenn ich keinen schönen Tag habe, nehme ich mir immer die zwei Minuten und gebe der Person trotzdem ein gutes Gefühl. Sie kann ja nichts dafür“, sagt der 28-Jährige.
Ich vermisse es wirklich sehr, einfach mal ohne Kamera und ohne jemanden um mich herum laufen zu gehen.
Arda Saatçi
Arda Saatçi ist Extremsportler, Sohn türkischer Einwanderer und aufgewachsen in Berlin. Er nennt sich selbst „Fitness-Cyborg“, also halb Mensch, halb Maschine. 2024 lief er in 74 Tagen mehr als 3.000 Kilometer von Berlin nach New York (den Atlantik überquerte er mit dem Flugzeug); 2025 durchquerte er Japan der Länge nach – 3.028 Kilometer in 43 Tagen. Erst vor Kurzem, im Mai dieses Jahres, wollte er rund 600 Kilometer vom Death Valley bis zum Santa Monica Pier in unter 96 Stunden absolvieren. Es war ein Spektakel, das der Energydrink-Konzern Red Bull organisierte und sponserte. Doch nach 96 Stunden lagen erst 458 Kilometer hinter ihm. Mit Tränen in den Augen wandte sich Saatçi der Kamera zu, die das Geschehen ununterbrochen live übertrug: „Ihr wollt Arda sehen, ihr habt ihn. Mit all seinen Stärken und Schwächen. Ich bin vielleicht nicht der Schnellste und nicht der Stärkste, aber ich werde nie aufgeben. Ich habe vielleicht gegen die Zeit verloren, aber nicht gegen meinen inneren Schweinehund. Ich hoffe, ich habe euch nicht enttäuscht!“
Das öffentliche Echo war riesig: Sein Instagram-Account wuchs während des Laufs von 1,2 auf 2,9 Millionen Follower, auf Twitch wuchs er von 300.000 auf 1,1 Millionen Abonnenten, auf Youtube kletterte er von 900.000 auf 1,6 Millionen Follower. Die Videos zum USA-Lauf erreichten auf den Instagram- und Tiktok-Kanälen von Saatçi und Red Bull Germany laut OMR-Analyse insgesamt mehr als 600 Millionen Aufrufe; beim Einlauf ins Ziel sahen auf diversen Livestreams knapp 2,8 Millionen Menschen zu.
Mit solchen Zahlen steht Saatçi exemplarisch für einen Wandel, der die globale Sportwelt derzeit verändert. Fußballstar Cristiano Ronaldo ist mit rund 665 Millionen Followern der „meistgefolgte“ Mensch auf Instagram. Zudem sicherten sich die NFL-Brüder Jason und Travis Kelce 2024 einen dreijährigen Podcast-Deal mit Amazons Studio Wondery, der mehr als 100 Mio. US-$ (86,5 Mio. €) schwer sein soll. Auch der Youtuber Jake Paul zeigt, wie eng digitale Reichweite und sportliche Inszenierung inzwischen miteinander verknüpft sind: Sein Boxkampf gegen Mike Tyson im November 2024 wurde laut Netflix durchschnittlich von 108 Millionen Live-Zuschauern pro Minute verfolgt und gilt damit als meistgestreamtes Sportereignis in der Geschichte des Diensts.
Was diese Beispiele verbindet, ist ein grundlegender ökonomischer Wandel: Eine große Reichweite ist heute nicht mehr nur die Folge sportlicher Erfolge. Sie wird selbst zum Vermögenswert, mit dem Athleten über Werbung, Sponsoring und eigene Produkte Geld verdienen können. Im Creator-Markt, dessen Volumen Goldman Sachs bis 2027 auf rund 480 Mrd. US-$ schätzt, verschwimmen die Rollen von Athlet, Content Creator und Unternehmer. Saatçi aber versteht sich trotz seiner Reichweite in den sozialen Medien in erster Linie als Athlet: „Mein Ziel war es nie, Content Creator zu werden. Das hat sich bloß so entwickelt“, erklärt er. Social Media seien für ihn vor allem ein Mittel gewesen, um seine sportlichen Leistungen sichtbar zu machen und Menschen zu inspirieren. Seine Prioritäten setzt der Extremsportler dabei klar: „Ich bin schon sehr konsequent dabei, meine Grenze zu ziehen. Wenn ich sage, ich habe keinen Bock, ein Video zu machen, dann mache ich es nicht.“
Auch privat ist Saatçi nicht unbedingt jemand, der die Öffentlichkeit sucht. Er ist ruhig, höflich und vermeidet anfangs den Blickkontakt. „Ich bin eigentlich ein introvertierter Typ“, sagt er. „Ich will gar nicht im Mittelpunkt stehen. Es ist heute noch komisch für mich, wenn ich draußen bin, weil ich mich ein bisschen beobachtet fühle.“ Was die Erfolgszahlen ohnehin nicht zeigen, ist das, was er mit diesem Lauf wirklich erreichte: Er scheiterte vor Millionen, zeigte seine verletzliche Seite – und inspirierte gerade dadurch Millionen von Menschen.
Sein ganzes Leben lang wusste Saatçi, dass er nach dem Abitur nicht an die Universität wollte: „Ich habe diesen akademischen Werdegang einfach nicht für mich gesehen.“ Wohin die Reise gehen würde, war ihm damals nicht bewusst – zumindest nicht, in welchem Ausmaß. „Ich war schon immer sehr sportaffin. Ich mochte es, mich zu bewegen“, sagt er. Mit vier Jahren brachte ihn seine Mutter zum Schwimmen und zum Judo, oft trainierte er als Kind schon zweimal am Tag. Mit sechs entdeckte er den Fußball und ließ alles andere stehen; von da an war es sein größtes Ziel, Profi zu werden. Mit 18 platzte der Traum. „Die Ausrede einer Verletzung habe ich leider nicht“, sagt er. „Bei mir hat es am Ende einfach technisch nicht gereicht.“ Trotz eines Angebots aus der vierten Liga entschied er sich gegen die Fußballkarriere: „Das wäre so ein komisches Zwischending aus Profitraining und Amateurgehalt gewesen. Ich wollte aber größer raus“, sagt er rückblickend.
Für seine Eltern, die hart arbeiteten, um ihm und seiner Schwester eine Zukunft zu ermöglichen, war es unvorstellbar, mit Sport eine Karriere aufzubauen. Also begann Saatçi 2017 ein duales Studium der Betriebswirtschaft. „Das habe ich nur für meine Eltern gemacht, damit sie zufrieden sind und eine Absicherung haben. Ich habe es in der Regelstudienzeit durchgezogen, aber ich wusste immer, dass ich nichts damit machen werde“, erzählt Saatçi. Nebenbei arbeitete er wie sein Vater in der Baubranche; jede freie Sekunde verbrachte er im Boxtraining.
Nachdem er 2020 den Uni-Abschluss in der Tasche hatte, wusste er nicht, wohin mit sich. „Ich bin in eine schwere Depression gefallen“, sagt er. An diese schwierige Zeit erinnert er sich noch genau: „Es war Winter und vier Uhr morgens“ – er stand bereits in Trainingskleidung in der Küche, als seine Mutter hereinkam. Er war noch müde vom Vortag und schon wach für den Tag, der um sieben auf der Baustelle beginnen würde. Sie sah ihm in die Augen und fragte: „Warum tust du dir das an?“ Er solle sich doch ausruhen, bevor er zur Arbeit gehe, anstatt zum Training. „Vertrau mir einfach“, sagte Saatçi. „Es wird sich auszahlen.“ Einen Plan hatte er damals nicht, sagt er, nur die Überzeugung und das Gefühl, dass etwas Größeres auf ihn wartete. Seine Mutter nickte und vertraute ihm. Keiner von beiden konnte ahnen, dass er knapp sechs Jahre später einer der bekanntesten Ultraläufer der Welt sein würde.
Der Sport half ihm aus der Depression. „Im Boxring bist du allein, da kann dir keiner helfen“, sagt Saatçi. „Ich wurde mit meinen Schwächen konfrontiert und musste mich wirklich mit mir selbst auseinandersetzen.“ Für die Kondition lief er nebenbei – erst vier Kilometer, dann acht, dann zehn. „Laufen ist ein stumpfer Sport. Du hast so viele Gedanken. Du redest viel mit dir selbst“, sagt er. „Immer, wenn ich keinen Bock mehr hatte, weiterzulaufen, habe ich aus Prinzip zwei Kilometer mehr gemacht, um die Kontrolle über mich zu behalten.“ Aus zehn Kilometern wurden in kürzester Zeit ein Halbmarathon und dann ein ganzer Marathon – pro Tag. Daraus entstand die Frage, wie oft er das wohl wiederholen könnte. Öfter als gedacht, sollte sich zeigen.
Es folgte der eigene Youtube-Kanal, den er eigentlich nie geplant hatte. Seine Freunde überredeten ihn, seine Laufroutine zu dokumentieren. Sein bester Freund, der ihn bei fast allen Terminen begleitet, erzählt: „Er hat uns alle mit seiner Leistung so motiviert. Wir dachten, dass Laufvideos von Arda sicher Anklang finden und andere Menschen inspirieren könnten.“ Saatçi begann, seine sportlichen Leistungen abzufilmen und hochzuladen. „Für mich war das anfangs ungewohnt“, sagt er. „Mein Ziel war es nicht, Anerkennung zu bekommen; dass jemand sagt: ‚Boah, du bist ein geiler Typ, eine Maschine!‘ Das hat mich nicht interessiert. Ich wollte es anfangs nur mir selbst beweisen.“ Auf dem Kanal postete er regelmäßig Rezept- und Trainingsvideos. Um die Reichweite zu erhöhen, begann er zusätzlich mit Instagram. „Anfangs hatte ich nur so 600 Follower. Das waren eigentlich nur meine Jungs. Ab und zu habe ich einen Fragesticker gemacht und es kam nicht eine einzige Frage rein. Ich habe meine Freunde dann gezwungen, mir Fragen zu stellen, damit die Leute denken, da besteht Interesse“, erzählt Saatçi und lacht. Nach den ersten Startschwierigkeiten wuchs aber auch die Followerzahl auf Instagram rasant an. 2023 lernte er seinen Manager Anil Becerik kennen. Damals stand Saatçi bei 30.000 Youtube-Abonnenten und 55.000 Instagram-Followern. Gemeinsam professionalisierten sie den Content und gingen die ersten Brand-Deals ein. Heute wirken die beiden wie ein sehr gut eingespieltes Team: Manchmal beginnt Saatçi einen Satz und sein Manager beendet ihn.
Vielleicht erfahre ich irgendwann, wo meine Grenze liegt. Ich hoffe es nicht, weil ich dann den Antrieb verliere.
Arda Saatçi
Den ersten großen Lauf beschloss Saatçi auf einem Spaziergang mit Becerik am Berliner Kurfürstendamm: „Ich will nach New York laufen.“ Becerik fragte: „Wie?“ Saatçi: „Nach New York laufen halt.“ 2024 setzte er dies in die Tat um und dokumentierte seinen ersten Ultralauf auf Youtube. Ein Jahr später lief er Japan der Länge nach ab – jedes Projekt muss größer sein als das vorherige. „Am Ende muss ich einen kurzen Gänsehaut-Moment haben. Der kommt, wenn ich weiß: Das ist eine Sache, bei der ich komplett über meine Grenzen gehe. Eine alte Seite stirbt, eine neue wird lebendig“, erklärt Saatçi.
Nach seinem ersten Ultralauf wurde Forbes Austria auf Saatçi aufmerksam. Die Jury nahm ihn 2025 in die Forbes Under 30-Liste auf und zählte ihn damit in diesem Jahr zu den spannendsten Menschen unter 30 Jahren in Deutschland. Fast zeitgleich, im Herbst 2025, begannen die Verhandlungen zwischen Saatçi und Red Bull – zunächst mit dem Creator-Team des Konzerns; bis das Athleten-Team übernahm, weil man intern erkannte, dass Saatçi kein Creator ist, der Sport macht, sondern ein Athlet, der nebenbei Content produziert. Der Unterschied entscheidet darüber, wer die berühmte Red-Bull-Kappe bekommt: Wer sie trägt, gehört in seinem Metier zu den Besten der Welt. Für Saatçi war es mehr als ein Sponsoring: „In der Welt, in der ich mich bewege, gibt es nichts Größeres als Red Bull, was Umsetzung und Power betrifft. Mir war klar, dass mein Team einen riesigen Schub bekommt“, sagt er. „Red Bull gibt mir wortwörtlich die Flügel, noch höher zu greifen – nach den Sternen; dahin, wo ich hinwill.“ Neben Red Bull bestehen unter anderem Partnerschaften mit L’Oréal Paris, Mercedes-AMG, Brooks Running, ESN und DAZN. Zur wirtschaftlichen Dimension der Deals schweigt das Team. Was Saatçi sagt, ist: „Je weniger ich über Geld nachgedacht habe, desto mehr kam rein. Wer denkt, es geht mir einfach nur ums Geld, liegt falsch.“
Wer in der Creator Economy nicht dauerhaft von Werbepartnern abhängig sein will, versucht, die eigene Reichweite in ein eigenständiges Unternehmen zu übersetzen. Saatçi gründete 2024 gemeinsam mit dem Seriengründer und Investor Alvaro Gellings die Sportbekleidungsmarke Day One. Der Markt ist attraktiv: Die globale Sportbekleidungsindustrie setzt laut Schätzungen von Skyquest jährlich rund 400 Mrd. US-$ um und dürfte in den kommenden Jahren weiter stark wachsen.
Saatçis Ultralauf von Berlin nach New York diente zugleich als Launch-Kampagne für Day One. Nach Angaben des Unternehmens erzielte die Kampagne im deutschsprachigen Raum mehr als eine Milliarde organische Aufrufe. Im ersten Monat sei ein Umsatz von knapp unter 1 Mio. € erzielt worden; nach 15 Monaten wurde die Unternehmensbewertung bereits auf einen zweistelligen Millionenbetrag geschätzt. Inzwischen, so das Unternehmen, zähle Day One eine sechsstellige Zahl an Kunden. Eine genaue Umsatzzahl will Gellings nicht nennen; für 2026 stellt er aber mindestens 10 Mio. € in Aussicht. Während Saatçi „die emotionale Identität der Marke nach außen trägt“, verantwortet sein Co-Founder die strategische und operative Entwicklung des Unternehmens, teilt Gellings auf Anfrage mit. „Seine Reichweite sorgt natürlich auch direkt für Umsatz, besonders während der Cyborg Seasons“, führt er weiter aus. In den Wochen nach dem USA-Lauf stiegen bei Day One laut Gellings die Direktverkäufe um mehrere 100 %. Auch Werbung, in der Saatçi überhaupt nicht vorkam, wirkte nach einem Lauf besser. Das ist für den Co-Founder der entscheidende Hinweis, dass die Marke nicht bloß an Ardas Reichweite hängt. „Der Plan ist, dass Day One über die Zeit eine eigenständige Marke wird“, ergänzt Saatçi.
Am 5. Mai fiel dann der Startschuss der Challenge „Red Bull Cyborg Season – Ultra 600“. Saatçi lief im Badwater Basin im Death Valley los. Bis zum Ziel lagen extreme Hitze, Schlafentzug und fast 6.000 Höhenmeter vor ihm. Man sah ihm fünf Tage live zu, wie er an Erschöpfung leidet, Halluzinationen bekommt und übermüdet für eine 20-minütige Schlafpause im Wohnwagen liegt. Vor dem Start gab er dem Arzt und dem Physiotherapeuten, die ununterbrochen seine Gesundheitswerte überwachten, eine Vollmacht. „Hätte ich selbst nicht mehr einschätzen können, dass es lebensgefährlich wird, wäre aber trotzdem automatisch weitermarschiert, dann hatten sie die Befugnis, das Handtuch zu werfen“, erzählt er. Er sei zu gut darin, Schmerzen auszublenden und seinen Kopf so zu manipulieren, dass er trotzdem weitermacht. Zugleich sah man den Sportler konzentriert, fokussiert und voller Tatendrang seinem Ziel entgegenlaufen. Saatçi redete zur Live-Kamera und machte Witze, während sein siebenköpfiges Team stets an seiner Seite stand. „Als klar war, dass ich es nicht schaffe, ist eine Welt für mich zusammengebrochen“, sagt er rückblickend. „Aber für mich war klar: Ich habe zwar gegen die Zeit verloren, aber gegen meinen inneren Schweinehund verliere ich niemals. Ich bringe die Sache zu Ende, egal wie lange es dauert.“ Nach rund 123 Stunden lief er schließlich ins Ziel. 2,8 Millionen Menschen fieberten im Livestream mit, als er am Santa Monica Pier ankam und Tausenden Fans und seiner Mutter in die Arme fiel. Er hatte ihr versprochen, gemeinsam am Muttertag (der Tag, an dem er den Lauf beendete) ein Eis essen zu gehen.
Die beeindruckende sportliche Leistung steht außer Frage. Dennoch wirft sie eine grundlegende Diskussion auf: Wo verläuft die Grenze zwischen Leistungssport und medialem Spektakel, zwischen einer Challenge, die aus innerer Überzeugung entsteht, und einer, die ein kommerzielles Ziel verfolgt? Saatçi antwortet ohne Zögern: „Es geht mir immer primär um die sportliche Leistung. Da lasse ich mir nicht reinreden. Egal, welche Idee es ist, am Ende entscheide ich, ob ich es mache. Entweder die Partner sind dabei – oder sie sind nicht dabei.“ Becerik bestätigt das: Man habe in der Vergangenheit auf erhebliche Summen verzichtet, wenn etwas nicht zu Saatçis Prinzipien gepasst habe. „Das Geld kommt sowieso. Es war immer wichtiger, uns selbst treu zu bleiben“, sagt der Manager. „Das Allerwichtigste ist, dass Arda Spaß hat. Wenn das nicht mehr der Fall ist, hat keiner etwas davon.“
Doch ausgerechnet das Laufen, das früher für ihn als Rückzugsort galt, gehört ihm heute kaum noch allein. „Ich vermisse es wirklich sehr, einfach mal laufen zu gehen – ohne Kamera, ohne jemanden um mich herum; frei mit meinen Gedanken zu sein, frei mit mir“, sagt Saatçi. Sein Manager nickt: „Das ist einer der Gründe, warum wir ihn jetzt zu seiner Oma in die Türkei schicken – Handy weg und einfach mal alles sacken lassen.“ Was ihn auf dem Boden hält, hat viel mit seiner Familie zu tun. Seinen Vater beschreibt er als „Prototyp-Vater“ – ein Mann, der ohne Ausreden alles abarbeitet, was auf den Tisch kommt. Von ihm habe er gelernt, diszipliniert zu sein und Verantwortung zu übernehmen. „Meine Eltern haben mir gesagt: ‚Alles, was hochgeht, kann auch wieder runterkommen. Sei dankbar, genieße es!‘“, erzählt Saatçi. „In meinem Kopf ergibt es keinen Sinn, mich für etwas Besseres zu halten, nur weil viele Leute mir zusehen.“ Er sucht kurz nach Worten: „Das fühlt sich einfach falsch an.“
Es gibt eine Frage, der Saatçi konsequent ausweicht: Was geschieht mit einem Körper, der Jahr für Jahr, Projekt für Projekt an seine Grenzen getrieben wird? „Ich will nicht zulassen, dass ich darüber nachdenke. Ich denke nur von einer Challenge zur nächsten. Aber klar, die Zeit holt jeden irgendwann ein“, antwortet er. „Noch sehe ich keine Grenze. Alles, was ich mir vornehme und vorstellen kann, kann ich schaffen. Vielleicht erfahre ich irgendwann, wo meine Grenze liegt. Ich hoffe es nicht, weil ich dann den Antrieb verliere.“ Eine konkrete Strecke für die nächste Challenge gibt es noch nicht. Doch das Ziel ist längst nicht mehr nur der nächste Rekord: „Meine Gedanken, wie ich zum Sport stehe und was er bedeutet, sollen die Leute auch auf ihr eigenes Leben projizieren. Das muss ja nicht immer Sport sein; je nachdem, was der Mensch anstrebt“, sagt Saatçi. „Ich will von Jahr zu Jahr noch mehr Menschen erreichen – am besten irgendwann die ganze Welt.“
Fotos: Peter Rigaud