IM KRISENMODUS

Die Coronakrise war nicht, wie so viele gehofft hatten, eine „Gleichmacherin“ zwischen den Geschlechtern – im Gegenteil: Vor allem während der Ausgangsbeschränkungen hatten die Frauen und Mütter noch mehr unbezahlte Arbeit zu stemmen als sonst.

Jetzt hat sich letztlich doch bestätigt, wovor aufmerksame Beobachterinnen bereits zu Beginn der Coronapandemie gewarnt hatten: Diese Krise hat die Frauen und ihre Leistungen weiter unsichtbar gemacht. So blieben auch entsprechende Stimmen quer durch alle Branchen und Bildungsschichten im deutschsprachigen Raum ungehört und ohne Konsequenzen. Julia Jäkel etwa, CEO von Gruner + Jahr, hatte bereits wenige Wochen nach Beginn des ersten Lockdowns im vergangenen Jahr auf ihren Social-Media-Kanälen „die Unsichtbarmachung der Frauen“ in der Krise beklagt und davor gewarnt, „in alte Geschlechterrollen zurückzufallen“.

Wie gesagt: eine von vielen ungehörten Stimmen. Denn genau das – die Unsichtbarmachung der Frauen und die Zunahme an unbezahlter Arbeit, die sie vor allem während der Ausgangsbeschränkungen geleistet haben und leisten – wurde nun in unterschiedlichen Studien bestätigt: So titelte Ende Juli 2020 die Arbeiterkammer Wien: „Coronakrise verstärkt ungerechte Aufteilung von unbezahlter Arbeit“. In einer Studie, die gemeinsam mit der Wirtschafts­universität Wien (WU) erarbeitet wurde, kamen die Forscherinnen der AK Wien zu dem Ergebnis, dass Frauen mit und ohne akademischem Hintergrund, die bereits vor Corona die Hauptlast von Kinderbetreuung bis Pflege von Angehörigen getragen hatten, während der Pandemie dann noch zusätzlich Themen wie Homeschooling zu managen hatten. Unter Partnern, so diese einen gemeinsamen Haushalt teilten, wurde nicht mehr, sondern – im Gegenteil – eher weniger an Hausarbeit und familiären Verpflichtungen geteilt.

Es braucht dringend Investitionen in Kinderbetreuung.

Insgeheim, so Gerlinde Hauer von der Abteilung Frauen und Familie der AK Wien, hatte man gehofft, dass die Coronakrise als „Gleichmacherin“ zwischen den Geschlechtern wirken könnte; und dass Väter im Homeoffice sehen würden, wie viel Zeit Kinderbetreuung und Hausarbeit in Anspruch nehmen. Künftig könnten diese Männer dann auch vermehrt bereit sein, einen größeren Teil dieser unbezahlten Arbeit zu übernehmen, heißt es auch in der oben zitierten Studie.

Fromme Wünsche, wie die Forscherinnen der WU Wien und der Arbeiterkammer Wien zeigen: Zwischen elf und 15 Stunden arbeiteten sowohl Frauen als auch Männer während des ersten Lockdowns pro Tag – bezahlte und unbezahlte Stunden zusammengerechnet. Alleinerzieherinnen kamen laut Studie auf fast 15 Stunden am Tag: Neun Stunden davon waren unbezahlte Arbeit wie Kinderbetreuung und Haushaltstätigkeiten (siehe auch Infografik links unten). In Paarhaushalten arbeiteten die Mütter durchschnittlich 9,5 Stunden unbezahlt, die Väter im Vergleich durchschnittlich knapp sieben Stunden pro bono. Und so kommt die Studie unter anderem zu folgendem Ergebnis: „Frauen arbeiten also pro Tag zweieinhalb Stunden mehr unbezahlt als Männer; in einer Fünf-Tage-Woche bedeutet das eineinhalb zusätzliche Arbeitstage.“ Es sind Relationen, die sich auch in Haushalten mit Kindern unter 15 Jahren zeigen, in denen beide Eltern während der Ausgangsbeschränkungen im Homeoffice arbeiteten. Aussagen wie „Ich kann gar nicht sagen, wie unmöglich es ist, Kinderbetreuung und Homeoffice zu vereinbaren“, machen die Herausforderungen vieler dann doch recht deutlich. Rund 60 Prozent der befragten Paare, die vor Corona eine relativ gleiche Aufgabenteilung im Haushalt gehabt hatten, hatten diese auch während der Ausgangsbeschränkungen. Bei den restlichen 40 Prozent überwiegt die Arbeit der Frauen nun jene ihrer Partner – der unbezahlte Teil, versteht sich; und hier besonders die Arbeit in Sachen Kinderbetreuung.

Auffallend sind die Angaben der befragten Akademikerinnen: Jede dritte Frau mit Hochschulabschluss gab an, dass sie im Vergleich zu ihrem Partner vor allem während der Ausgangsbeschränkungen einen größeren Anteil der unbezahlten Arbeit übernommen hat als bisher, so die Studienergebnisse. Der Grund liegt darin, dass Dienstleister wie Babysitterinnen oder Haushaltshilfen während der Lockdowns nicht in Anspruch genommen werden konnten. Zudem waren die Betreuungseinrichtungen schwerer zugänglich als üblich bzw. ganz geschlossen, so die Studienautorinnen weiter.

 

UNBEZAHLTE ARBEIT IM LOCKDOWN
(IN STUNDEN PRO WOCHE)
(Quelle: AK Wien)

Bei den Frauen ohne Hochschulabschluss gab nur jede vierte an, jetzt noch mehr unbezahlte Arbeit als der Partner zu übernehmen, da diese unbezahlte Zusatzarbeit bereits vor der Pandemie bei ihnen ungleich höher gewesen ist. Immerhin auch rund ein Drittel der Männer mit Hochschulabschluss gab bei der Befragung an, zur Zeit der Ausgangsbeschränkungen einen größeren Anteil der Haushaltsarbeit, besonders in der Kinderbetreuung, übernommen zu haben.

Der Großteil der unbezahlten Arbeit aber, so der Schluss der Forscherinnen von WU Wien und AK Wien, wurde überwiegend von den Frauen alleine gestemmt. Und auch, wenn im Privaten die Sichtbarmachung unbezahlter Arbeit geschehen ist, genutzt habe es den Frauen – ganz allgemein gesprochen – nicht. „Zumindest nicht aus subjektiver Sicht“, so die Studienautorinnen weiter. Mit persönlichen Kommentaren machten die befragten Frauen ihrem Ärger auch Luft: „Nach der Arbeit braucht er Freizeit vom Kind – ich hatte die noch nie“ oder „Das Recht auf Pause hat nur der Vater“ ist da zu lesen und skizziert somit auch die seelische Belastung vieler Mütter.

Katharina Ladewig
...Gerlinde Hauer ist Arbeitsmarktexpertin und seit 1999 in der Abteilung Frauen und Familie der AK Wien tätig.

Die alles entscheidende Frage ist demnach, was es braucht, um die ohnehin schon – auch ohne Coronapandemie – herausfordernde Situation der Vereinbarkeit von Beruf und Familie besser bewältigen zu können.

„Es braucht deutlich mehr Kinderbetreuungseinrichtungen“, sagt Gerlinde Hauer. „Es muss in deren Ausbau investiert werden. Und ich spreche hier von Kinderbetreuungseinrichtungen, die den Arbeitszeiten erwerbstätiger Eltern angepasst sind und einen entsprechenden Betreuungsschlüssel aufweisen.“ Hier gebe es zudem ein deutliches Gefälle von Osten nach Westen. Die AK Wien verweist darauf, dass die Ausgaben für Kinderbildung im EU-Durchschnitt bei 1 % des BIP liegen, in Österreich allerdings nur bei 0,67 %. „Das wären 1,2 Milliarden € im Jahr“, sagt Hauer, „die wir benötigen würden, um auf EU-Niveau zu kommen.“

Bei einer 30-Stunden-Woche ließe sich auch die unbezahlte Arbeit besser aufteilen.

Darüber hinaus gebe es aber andere Stellschrauben, an denen es zu drehen gelte, so Hauer weiter. Abgesehen davon, dass es nach wie vor viel zu wenig partnerschaftliche Teilung bei der unbezahlten Arbeit in Haushalten und viel zu große Lücken bei der Kinderbetreuung sowie der ganztägigen Kinderbetreuung gebe, sei auch eine Diskriminierung im Zusammenhang mit Elternschaft zu erkennen. Immer wieder aber würden in der AK-Rechtsberatung klassische Diskriminierungsfälle auftauchen, so Hauer weiter: Besonders Mütter müssten beim Wiedereinstieg mit Benachteiligungen rechnen – dies könnte ein Grund dafür sein, warum auch deutlich weniger Väter in Karenz gehen. Nicht zuletzt sei die Unvereinbarkeit von Teilzeit und beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten eklatant, sagt sie: „Bei einer 30-Stunden-Woche könnte man sich auch die unbezahlten Arbeiten besser aufteilen“, ist Hauer überzeugt.

Text: Heidi Aichinger
Foto: David Visnjic

Diese Advoice erschien in unserer Forbes Daily "Wiener Wirtschaft".

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