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Hella verkauft Schutz vor einer Welt, die immer heißer wird, und müsste gerade jetzt das Geschäft seines Lebens machen – stattdessen ist der Umsatz eingebrochen, ein Werk wurde geschlossen, 130 Menschen verloren ihren Arbeitsplatz. Wie führt CEO Andreas Kraler das Familienunternehmen in dritter Generation durch die schwierigsten Jahre seiner Geschichte?
Irgendwo im Osttiroler Hochpustertal, eingekesselt von Bergen, steht eine Halle, in der die Sonne zum Geschäft wird. „Der Klimawandel ist nicht wegzudiskutieren, es wird wärmer werden“, sagt Andreas Kraler. „Das tut mir im Herzen weh. Aber auf der anderen Seite ist es eine Chance für unser Unternehmen.“ 32.700 Quadratmeter misst das größte Werk der Hella-Gruppe, die Sonnen- und Wetterschutzsysteme anbietet. Allein ihre Dimensionen machen die Fabrik beinahe zu einem eigenen Zentrum von Abfaltersbach. Im Inneren funktioniert sie wie ein einziges riesiges Fließband, das sich von einem Ende zum anderen zieht. Vorne wird angeliefertes Aluminium zu schmalen Lamellen geformt, weiter hinten montieren Hände elektrische Antriebe. Daneben mischt eine Maschine die Farbe exakt nach Kundenwunsch. Am Ende der Produktionsstraße läuft heraus, was Monate später auf einer Fassade die Hitze aussperren wird. Über zwei Tagesschichten verteilt arbeiten hier rund 500 Menschen – die Gemeinde Abfaltersbach im Bezirk Lienz zählt gerade einmal 641 Einwohner. Geht man mit Kraler durch die verschiedenen Abteilungen der Fabrik, grüßt er jeden Mitarbeiter im Vorbeigehen, während er jeden einzelnen Schritt der Maschinen detailliert erklärt.
im zweiten Stock des Gebäudes lag die Wohnung der Familie, darunter lief die Produktion. Die Fabrik war für Kraler wie ein zweites Wohnzimmer. „Der Betrieb war klein, jeder hat jeden gekannt. Und da wächst man halt mit“, erzählt er. Heute führt der 52-Jährige in dritter Generation die Hella Sonnen- und Wetterschutztechnik – jenen Betrieb, den sein Großvater 1959 mit einem einzigen Mitarbeiter übernommen hatte. Hella zählt heute zu den fünf größten Anbietern Europas und ist mit drei Werken sowie 15 Vertriebsstandorten in neun Ländern vertreten: Österreich, Deutschland, Italien, Schweiz, Tschechien, Kroatien, Ungarn, Slowakei und Polen. Dass diese Erfolgsgeschichte kurzzeitig ins Stocken geraten ist, verrät ein Blick in die Unternehmenszahlen: Auf den Rekordumsatz von 217 Mio. € im Jahr 2022 folgten 185 Mio. € im Jahr 2024 und nur noch 173 Mio. € im vergangenen Jahr. Die Zahl der Beschäftigten sank im selben Zeitraum von 1.300 auf 1.050.
Dabei müsste gerade jetzt das Geschäft für Hella so richtig laufen. Der europäische Markt für außen liegende Jalousien und Beschattungssysteme lag 2023 laut Transparency Market Research bei 15,2 Mrd. US-$ (13,3 Mrd. €). Bis 2034 soll er auf 22,9 Mrd. US-$ wachsen, was einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 3,9 % entspricht. Die Studie nennt insbesondere Energieeffizienz, Smart-Home-Integration und Nachhaltigkeitsinitiativen als Wachstumstreiber. Außen liegender Sonnenschutz hat dabei einen physikalischen Vorteil gegenüber innen liegenden Lösungen: Er fängt die solare Einstrahlung bereits vor der Verglasung ab und kann dadurch den Wärmeeintrag ins Gebäude stark reduzieren.
Mit angezogener Handbremse zu agieren ist viel herausfordernder als die Mitarbeiter bei der Stange zu halten.
Andreas Kraler
Ganz vorn steht Hella in diesem Markt allerdings nicht. Warema bezeichnet sich als europäischen Marktführer für technische Sonnenschutzprodukte und ist damit der deutlich größere bayerische Familienkonkurrent. Die Gruppe erzielte 2025 einen Umsatz von mehr als 678 Mio. €, nach 687 Mio. € im Jahr 2024. Allerdings umfasst diese Zahl neben der Sparte „Sonne & Lebensräume“ auch „Kunststoff & Engineering“ – es handelt sich also nicht um einen reinen Sonnenschutzvergleich. Derzeit liegt das 1955 gegründete Unternehmen bei rund 5.000 Angestellten weltweit.
Angefangen hat alles mit Kralers Großvater. Alois Kraler war vor knapp 67 Jahren Bürgermeister von Abfaltersbach und Holzdrechsler von Beruf. In einer Region, die abseits der Landwirtschaft nur wenige Arbeitsplätze bot, wollte er Beschäftigung schaffen. Dafür übernahm er einen bestehenden Kleinbetrieb für Jalousien. Die Frau des Vorbesitzers war eine Schwedin namens Hella, weshalb die Firma zu ihrem Namen kam. 1959 brachte Alois Kraler den Betrieb samt Produktion in die Osttiroler Täler. „Mein Großvater wusste nicht, dass das tatsächlich so ein Zukunftsthema sein wird“, erzählt Kraler.
Die eigentliche Aufbauarbeit aber leistete Alois’ Sohn Franz, der seit seinem 19. Lebensjahr in der Firma steht und Ende des Jahres 79 wird. Unter ihm wuchs aus dem lokalen Jalousienhersteller ein international aufgestellter Systemanbieter mit eigenen Werken und Vertriebsgesellschaften über die Landesgrenzen hinaus. „Er war fleißig und hat immer gearbeitet“, erinnert sich Andreas Kraler. „Mein Großvater hat die Pionierleistung erbracht, aber die große Aufbauarbeit hat mein Vater geleistet.“ Franz Kraler habe viele richtige Entscheidungen getroffen und den Blick immer in der Zukunft gehabt. Der Bau eines eigenen Wasserkraftwerks 1985 etwa sei „visionär gewesen“, sagt Kraler. Schlechtes Wetter bremst zwar den Verkauf von Sonnenschutz, treibt aber die Stromproduktion an. „Es kann ruhig regnen, denn dann haben wir trotzdem einen Ertrag, auch wenn der Sonnenschutz einmal nicht so gut läuft“, ergänzt er.
Als Andreas Kraler seinen Weg in das Familienunternehmen suchte, führte dieser von unten nach oben. Er lernte als junger Erwachsener das Montieren, fuhr Lkw und arbeitete in der Werkstatt. Parallel besuchte er die Höhere technische Lehranstalt (HTL) und begann anschließend ein BWL-Studium, das er nie abschloss. „Das war mir zu viel Theorie“, sagt er grinsend. Später begann er bei Hella im Vertrieb und baute fünf Jahre lang das Unternehmen in Ungarn auf.
„Irgendwann habe ich für mich erkannt: Jetzt will ich noch einmal etwas anderes sehen“, erzählt Kraler. Dreieinhalb Jahre arbeitete er bei der Salzburger SAG-Gruppe, dem Hersteller von hochwertigen Aluminiumkomponenten für die Automobil- und Schienenindustrie. Er begann als Key Account Manager und arbeitete sich zum Teamleiter und schließlich zum Geschäftsführer hoch. Kraler: „Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich es auch ohne den Familiennamen schaffe.“ 2009 kehrte er dennoch zu Hella zurück und begann als Exportverkäufer. Er betreute die Tochtergesellschaften in Osteuropa, wo er weltweit Neukunden aufbaute und neue Projekte verhandelte. Dass er zuvor selbst montierte und Lkw fuhr, hilft ihm bis heute: „Erstens verdient man sich damit Respekt – und zweitens versteht man die Prozesse im Unternehmen und weiß, wo die wichtigen Schnittstellen sind“, erklärt er. Heute, wenn er durch den Betrieb gehe und nach links und rechts schaue, sehe er deshalb schnell, wo etwas verändert werden müsse, damit Prozesse besser ablaufen.
Nicht die Kurbel ist die Zukunft des Sonnenschutzes, sondern die automatisierte Steuerung.
Andreas Kraler
Dieses Bessere sucht Kraler heute vor allem in der Technik. Außen liegender Sonnenschutz stoppt die Hitze vor der Scheibe, reduziert den Energieeintrag und kann den Einsatz von Klimageräten verringern. Wird er über Sensoren gesteuert, wird er zugleich Teil eines vernetzten Gebäudes und liefert jene Daten, mit denen Energie künftig effizienter verteilt werden soll. „Nicht die Kurbel ist die Zukunft des Sonnenschutzes, sondern die automatisierte Steuerung“, sagt Kraler. Das System Onyx, hervorgegangen aus einem 2013 übernommenen Osttiroler Start-up, hat die Digitalisierung von Beginn an in der Produktarchitektur von Hella verankert.
Den größeren Hebel sieht Kraler allerdings in der Regulierung: In der Schweiz ist Sonnenschutz beim Neubau verpflichtend – das fordert er auch für Österreich, wohlwissend, dass da ein Hersteller nach einer Pflicht verlangt, von der er selbst profitieren würde. Sein Gegenargument ist ein soziales: Hitze treffe die Ärmsten am härtesten, und wer keinen Schutz habe, sei ihr ausgeliefert: „Jeder braucht einen Zugang zu dieser Gegenmaßnahme, egal ob er in einer Mietwohnung oder in einem Eigenheim wohnt“, so der 52-Jährige.
Kraler will Hella als Komplettanbieter positionieren, der von der Maßabnahme bis zur Wartung alles aus einer Hand liefert. Zugleich schrumpft aber der klassische Kunde, weil man Sonnenschutz nur ein- oder zweimal im Leben kauft. Allein in Österreich will Hella deshalb rund 15.000 Neukunden gewinnen. Wachstum könnte laut Kraler künftig über Zukäufe kommen, etwa über ein Start-up, das einen technologischen Baustein liefert, oder über einen Wettbewerber, dessen Produktion ausgelastet werden kann. Seit der Gründung hat die Hella-Gruppe bereits 15 Unternehmen übernommen.
In fünf Jahren, sagt Kraler, wolle er Hella wieder jenseits der 230 Mio. € Umsatz sehen. Noch wichtiger sei ihm aber eine andere Schwelle: die zur nächsten Generation. Mit zwei erwachsenen Töchtern sowie sechs Neffen kann er sich über potenziellen Nachwuchs nicht beschweren. Dass die Zukunft des Unternehmens automatisch in der Familie liegt, glaubt er dennoch nicht: „Nur Familienmitglied zu sein heißt nicht, dass man ein Recht auf einen Job hat; definitiv nicht. Da geht es um viel zu viele Mitarbeiter und deren Familien. Da ist man nicht das Wichtigste auf der Welt.“
Fotos: Gerd Eder