In der ersten Reihe

Herbert Gartner

Investieren abseits des Mainstream: Business Angel Herbert Gartner über Deep-Tech und Exit-Referenzen.

Welche Rolle spielt physische Nähe in einer digitalen Welt? Das wollen wir von Herbert Gartner wissen, als er uns erzählt, ausschließlich in Start-ups in Ostösterreich zu investieren. Gegenfrage: „Warum sind Sie denn heute hierhergekommen?“ Touché. Denn auch wir haben den Weg nach Graz zurückgelegt, um in einer digitalen Welt ein persönliches Gespräch zu führen. Und Gartner scheint ähnlich viel von Face-to-Face-Unterhaltungen zu halten wie wir: „Wenn man wie wir Unternehmen bereits ganz früh mitaufbaut, also Inkubationsprojekte, muss man mit den Gründern regelmäßig persönlich sprechen. Da geht es um mehr als nur die Technologie an sich, die Gründer gehen ja durch die Hölle.“ In den USA ist das Ganze als „50-Mile Rule“ bekannt, wonach Investoren – insbesondere strategisch – nicht weiter als 50 Meilen (80 Kilometer) reisen, um Geld zu investieren. Nähe hilft. „Salzburg ist die Grenze“, sagt deshalb auch Herbert Gartner.

Dabei ist diese intensive Betreuung mit Investments eher ungewöhnlich für die Risikokapitalszene. Denn oft sind Venture-Kapitalisten (VCs) vor allem Geldgeber. Gartners eQventure ist näher an seinen Start-ups – der „Investmentclub“ ist oft bereits in der ersten Phase der Gründung dabei – und begleitet die Reise bis zum potenziellen Exit. Diese „Zusatzarbeit“ sei vor allem eine Frage der Neugier, des Spaßes am Neubeginn: „Wir haben unter den zwei bis drei Investments, die wir pro Jahr machen, immer zumindest ein Unternehmen, wo wir aktiv mitgründen. Viele Investoren tun sich das so früh gar nicht an. Unsere Hauptmotivation ist es aber, etwas Neues zu probieren. Also ein neues Schiff zu bauen, um Amerika zu entdecken.“ Gartner und seine eQventure-Partner sind aber auch anderweitig „Exoten“ in der Branche. Etwa, weil das Geld nicht einem Fonds entstammt, sondern die Partner lediglich ihr eigenes Geld investieren, das wiederum dem Verkauf eigener Unternehmen entstammt.

So verkaufte Gartner das von ihm mitgegründete Halbleiterunternehmen Sensor Dynamics 2011 für 146 Millionen US-$ an das kalifornische Unternehmen Maxim Integrated. Das Unternehmen seines Kollegen Franz Salomon, Salomon Automation, wurde 2008 von der deutschen Schäfer-Gruppe übernommen. Das Partnernetzwerk komplettieren außerdem Christian Klemm, Rechtsanwalt Bernhard Astner und der Mitgründer des von Gartner betreuten Start-ups Usound, Jörg Schönbacher. Aktuell stehen zwei neue Investoren vor der Tür: Johannes Adler und Markus Presle. Letzterer war einer der Gründer des Start-ups Prescreen, das im Vorjahr an Xing verkauft wurde. Die oft von VC’s gefahrene „Hit and Miss“-Strategie, bei der viele Investments in der Hoffnung getätigt werden, dass ein oder zwei durch die Decke gehen, funktioniert in diesem Fall nicht. Gartner: „Was wir von unseren Unternehmen erwarten, haben wir uns auch selbst auferlegt. Unsere Struktur ist leistungsorientiert, jeder Partner für sein eigenes Geld verantwortlich.“

Die Business Angels arbeiten also Deal-by-Deal und müssen sich bei jedem neuen Investment neu behaupten. Die Fehlertoleranz ist in diesem Fall gering: „Wir dürfen daher eigentlich auch nur wenige Fehlentscheidungen treffen.“ 200 Unternehmen sehen sich die eQventure-Partner pro Jahr an, zehn bis 15 davon werden einem Due-Diligence-Prozess unterzogen. Lediglich ein bis drei neue Investments werden jährlich getätigt. Die Losgrößen liegen zwischen 200.000 und zwei Millionen €, pro Jahr investiert eQventure rund zehn bis 15 Millionen €. Inhaltlich haben Gartner und Co. wiederum einen besonderen Fokus: „Wir fokussieren uns in unseren Investments auf Projekte im Deep-Tech-Bereich. Dabei steht im Kern eine schützbare und auch geschützte Technologie – in der Regel durch Patente.“ Immer wieder betont Gartner, dass eQventure nur „macht, was wir verstehen“. So hat der ehemalige Gründer eines Halbleiterunternehmens – Gartner fungierte bei Sensor Dynamics erst als CEO, dann als CFO – zwei solcher Unternehmen in seinem Portfolio: „Der Vorteil dabei ist, dass ich alle Fehler, die ich in der Vergangenheit gemacht habe, als Know-how einfließen lassen kann.“ Andere Kerngebiete sind etwa die Softwarebranche oder auch Materialwissenschaften („In diesem Bereich würde ich gerne viel mehr machen“).

Dass die Steiermark für einen Fokus auf Technologieunternehmen hervorragend geeignet ist, zeigt sich erst auf den zweiten Blick. Denn laut Statistik Austria liegt das Land in Sachen Forschungsausgaben – gemessen am regionalen BIP – an der Spitze von 276 Regionen der Europäischen Union. Mit 5,16 Prozent verwies das österreichische Bundesland die britische Region East Anglia (4,98 Prozent) und Baden-Württemberg (4,94 Prozent) auf die Plätze.

Herbert Gartner

Dennoch: Eine Eliteuniversität würde dem Land guttun. So wie die ETH Zürich, die Gartner selbst besuchte. Denn obwohl Gartner heute auch geschäftlich vor allem in und um Graz aktiv ist, stammt er eigentlich aus Linz. Sein Studium der Elektrotechnik absolvierte Gartner dann aber an der TU Graz und eben an der ETH Zürich – und blieb in der Steiermark. Wie wichtig ihm die Region ist, zeigt auch sein „Hobby“: Als Pro-Bono-Investment unterstützt Gartner das Wildnisgebiet Dürrenstein, das an der Grenze zwischen Niederösterreich und der Steiermark den letzten Urwald Mitteleuropas beheimatet. Auch andere eQventure-Partner verfolgen ihre Leidenschaften ähnlich: So investierte Christian Klemm privat und über eQventure in die Biofischzucht Quester. Dass das auch schiefgehen kann, zeigte sich jedoch im Vorjahr, als das Unternehmen Insolvenz anmelden musste.

Aber zurück zu Gartners „echten“ Portfoliounternehmen. Dort findet sich etwa Usound, dessen Team rund um CEO Ferruccio Bottoni war bereits bei Sensor Dynamics mit an Bord. Das Start-up, das kürzlich eine Finanzierungsrunde von zwölf Millionen € einsackte, stellt einen auf der MEMS-Technologie (Micro Electro Mechanical Systems) basierenden Lautsprecher her, der weniger Platz- und Energieverbrauch, günstigere Produktionskosten sowie einen besseren Sound als die Konkurrenz verspricht. Die winzigen Lautsprecher aus Silizium – ein Novum – könnten etwa vom Smartphonemarkt profitieren, dessen Geräte immer dünner werden.

Oder Eyeson – ein Videotelefonie-Anbieter, der Skype & Co. in den Schatten stellen soll und mit seinem Freemium-Modell bereits rund 500.000 Nutzer zählt. Steadysense entwickelt ein auf Mikrochipbasis entwickeltes Pflaster, das in der Achselhöhle angebracht bei Kleinkindern oder Kranken automatisch die Temperatur im Sub-Zehntelgradbereich (unter 0,1 Grad) misst. Stirtec ermöglicht wiederum mithilfe des Rührreibschweißverfahrens die Verbindung von Werkstoffen, die sich bisher nicht zusammenschweißen ließen – etwa Kupfer und Stahl. „Im Bereich von E-Mobilität ist das ein Riesenthema“, so Gartner. Meo Energy will hingegen die Energieversorgung dezentralisieren und baut an passenden Steuerungskästen (im Bild oben Gründer Peter Käfer).

Doch wie immer ist die Technologie alleine noch kein Erfolgsgarant. „Kriterien sind – abgesehen von einem skalierbaren Produkt – in unserem Investmentfokus: Ein ausreichend großer Markt, ein starkes Team und eine schützbare Technologie. Und zwar in dieser Reihenfolge. Das ist eine Multiplikation, denn wenn die Teamstärke eine Null ist, kommt am Ende auch nichts heraus.“ So verfügen selbst Nischenprodukte laut Gartner über ein globales Marktpotenzial von einer Milliarde US-$. Den Markt von Usound kann man auf 15 Milliarden US-$ schätzen, jenen von Steadysense gar auf 200 Milliarden US-$ – womit man wohl auch mit „den Großen“ im Wettbewerb stehen würde.

Beim Team geht es um die neudeutsche „Execution“: Das Team müsse es schaffen, Dinge schnell umzusetzen, das Geschäftsmodell zu hinterfragen und ihre großartigen Ideen letztendlich auch auf die Straße bringen. Teams zu adaptieren sei nur früh möglich: „Ein Team zu optimieren ist eine Operation am offenen Herzen. Die Gründer lassen sich das verständlicherweise auch nur ungern gefallen. Das geht, wenn überhaupt, nur ganz früh, späte Korrekturen sind sehr teuer.“

Im Gegensatz zum gängigen Bild des Gründers werden Gartners Portfoliounternehmen von Menschen geführt, die schon etwas mehr Lebenserfahrung vorweisen können. Der Investor wünscht sich nämlich idealerweise Personen mit Erfahrung in der Industrie – die dann aber merken, dass sie ihre Idee in einem bestehenden Unternehmen nicht umsetzen können. Denn es sei ein Naturgesetz, dass die Innovationskraft mit steigender Unternehmensgröße rückgängig ist. Auch von Änderungen des Geschäftsmodells – sogenannten Pivots – hält Gartner wenig. Vielmehr müssten Unternehmen beweisen, dass sie bis zum Durchbruch überleben können, indem sie sich Zusatzgeschäftsmodelle bauen, wie es etwa bei Nextcontrol der Fall war. Das Unternehmen erstellt Steuerungs- und Visualisierungsprozesse für Industrie- und Gebäudeautomation und wurde 2017 für einen zweistelligen Millionenbetrag vom französischen Konzern Schneider Electric übernommen.

Dass das Gründerdasein ein hartes sein kann, beweisen die Vergleiche, die Herbert Gartner zieht: „Unternehmertum ist fast schon genetisch. Man muss abenteuerlustig sein, Risiko nehmen, sich etwas trauen.“ Seine unternehmerische Ader lebt der Investor heute aber lieber in der ersten Reihe aus: „Ich habe mein Unternehmen Sensor Dynamics 2003 gegründet und dann 2011 verkauft. In diesen acht Jahren bin ich selbst als Gladiator in der Arena gestanden. Wir hatten am Ende 130 Mitarbeiter und Kosten von einer Million € pro Monat. Das war richtig hart. Daher bin ich heute froh, in der ersten Reihe zu sitzen. Und ab und zu steige ich dann in den Ring und gebe Tipps, wie man das Schwert besser führt.“

Gewisse Entwicklungen in der Szene sieht Gartner mit Sorgenfalten. Das Lifestylephänomen „Start-up“ sei schwierig, auch auf der Investorenseite verläuft nicht alles ideal: „Wenn Gründer 30 Prozent ihrer Zeit für Investor Relations aufbrauchen, weil 15 Business Angels nicht-syndiziert in ein Unternehmen investieren, dann fehlt diese Zeit, um an der Technologie zu arbeiten. Das ist Gift für ein Start-up.“ Vielleicht mangelt es auch deshalb nicht an Beliebtheit für sein Modell. Die Syndizierung helfe den Gründern zu wissen, wer der eigentliche Ansprechpartner ist.

Doch: Wie sieht es mit der Rendite aus? Da hält sich Gartner eher bedeckt, gibt aber dennoch einen kleinen Einblick. Man spreche nicht in Prozent, sondern lediglich in „X“, also dem Multiplikator des Investments.Zuletzt lagen diese bei den Exits von eQventure bei 5-6X und bei 20X. Keine schlechte Rendite, die wiederum Interessenten anzieht. Denn hinter den fünf (und bald schon sieben) Leadinvestoren sitzen rund 75 Drittinvestoren, die nicht aus der ersten, aber der zweiten Reihe investieren. Und von dort die Gladiatoren beobachten, wie sie alleine in der Arena stehen und kämpfen. Bis Herbert Gartner mal wieder aushilft.

Dieser Artikel ist in unserer Juli-Ausgabe 2018 „Wettbewerb“ erschienen.

,
Chief Editorial Team

Up to Date

Mit dem FORBES-NEWSLETTER bekommen sie regelmässig neue Updates rund um den Women's Summit direkt in Ihr E-mail-Postfach geliefert.