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In fünfter Generation führt Johannes Steiner gemeinsam mit seinem Cousin Herbert Steiner die Lodenmanufaktur Steiner 1888. Der Loden – ein dichter, widerstandsfähiger Wollstoff – wurde in Österreich lange Zeit als Arbeitskleidung verwendet und von Bergsteigern und Jägern getragen, und er hat auch in der Tracht seinen Platz. Doch die österreichische Textilindustrie ist in den letzten Jahrzehnten fast vollständig verschwunden. Steiner 1888 konnte sich bis jetzt nicht nur als resilient beweisen, Johannes Steiner hat auch eine Strategie für die Zukunft.
Die Hämmer sind aus Holz, der Rahmen ist aus Gusseisen, der Antrieb läuft über eine Scheibe. Alle drei bis vier Jahre muss das Holz getauscht werden, weil es sich abnutzt. Ansonsten hämmert die alte Hammerwalke in Mandling, einem kleinen Ort an der Grenze zwischen Salzburg und der Steiermark, an diesem verregneten Sommertag so, wie sie seit 1888 arbeitet. Neben ihr stehen die moderneren Walken – Textilmaschinen, die durch Druck und Reiben in Verbindung mit Feuchtigkeit und Wärme eine Verfilzung von Wollgeweben bewirken –, die normalerweise in Betrieb sind. Doch Johannes Steiner kann ein kleines Lächeln nicht unterdrücken, als er die historische Hammerwalke für uns anwirft.
Er führt das Familienunternehmen Steiner 1888 seit 1998 gemeinsam mit Herbert Steiner. Sie sind die fünfte Generation; Johannes Steiner ist der kaufmännische Geschäftsführer, während sein Cousin Herbert die Produktion und den Wolleinkauf verantwortet – eine Aufteilung, die sie von ihren Vätern übernommen haben. Gelernt haben beide den Betrieb auf der Produktionsfläche. „Man braucht das Feeling für das Produkt“, so Steiner, der als Jugendlicher zum ersten Mal an der Hammerwalke stand.
Das Unternehmen beschäftigt 47 Mitarbeiter, 23 davon in der Produktion. Loden ist ein besonders dichter Stoff, der aus Wolle (bei Steiner 1888 aus 100 % Schurwolle vom Alpaka, Merino- oder Bergschaf) hergestellt wird. Er ist winddicht, wasserabweisend, schwer entflammbar und relativ reißfest. Er nimmt bis zu einem Drittel seines Eigengewichts an Feuchtigkeit auf, ohne sich nass anzufühlen, und wurde lange Zeit zu Funktionsbekleidung wie für die Jagd verarbeitet. Verantwortlich für diese Eigenschaften ist die Schuppenstruktur des Haars: Die Fasern verhaken sich beim Walken ineinander und das Gewebe zieht sich um bis zu 30 % zusammen. Heute wird Loden nach wie vor als hochwertiger Stoff in der Tracht verwendet; und er wird von Menschen getragen, die die vielen Arbeitsschritte wertschätzen, die in einen Mantel oder eine Hose aus Loden fließen.
Heute ist der Loden ganz klar ein Premiumprodukt – und wird das in Zukunft noch mehr werden.
Johannes Steiner
Das sind genau jene Menschen, die Steiner 1888 beliefert. Mit dem Textilgeschäft setzte das Familienunternehmen 2025 rund 6 Mio. € um (Steiner 1888 betreibt auch Skilifte; die beiden Geschäfte halten sich ungefähr die Waage, sagt Steiner). Verarbeitet werden etwa 80 Tonnen Wolle pro Jahr, in über 40 Arbeitsschritten; alles am Standort in Mandling. Rund die Hälfte des Umsatzes entfällt auf die Eigenmarke Steiner 1888, der Rest kommt von anderen Unternehmen, die die Textilien von Steiner 1888 entweder in ihren eigenen Kleidungsstücken oder als Stoffe für Interieurs verwenden. Immer wieder produziert Steiner 1888 für Luxusmarken wie Hermès, Gucci oder Prada. Die Exportquote liegt bei ungefähr der Hälfte.
Steiner 1888 ist ein Betrieb, um den herum es sehr leer geworden ist: Die österreichische Textilindustrie verschwindet wegen Konkurrenten im asiatischen Raum, die billiger produzieren können. Drei Viertel der Arbeitsplätze im österreichischen Textil-Segment sind binnen 35 Jahren verschwunden, und von den österreichischen Loden-Produzenten sind kaum noch welche übrig. Wie möchte Steiner sein Familienunternehmen angesichts dieser Rückschläge in die Zukunft navigieren?
Gegründet wurde der Betrieb 1888 von der Familie Stiegler. Franz Steiner, Johannes Steiners Urgroßvater und Neffe von Zacharias Walcher, einem der Mitgründer, war Lodenwalker und Bergführer und durchstieg am 22. September 1909 mit seinem Bruder Georg als Erster die Dachstein-Südwand; die Route heißt bis heute Steinerweg. Ein Jahr später übernahm er die Walke seines Onkels in Mandling.
1945 errichtete Franz’ Sohn Willi ein neues Fabrikgebäude und machte aus der einen Walke einen vollstufigen Betrieb. Seitdem laufen von der Spinnerei bis zur Ausrüstung (die Nachbearbeitung von Textilien) alle Produktionsschritte wortwörtlich unter einem Dach ab; nur die Konfektionierung (wie das Nähen der Bekleidung) findet in Slowenien, Kroatien und der Slowakei statt. Ende der 50er-Jahre kam ein zweites Standbein dazu: Steiners Großvater stieg in Obertauern in den Seilbahnbetrieb ein. „Das Skifahren war damals noch in den Kinderschuhen“, sagt Steiner. Sein Urgroßvater wollte sich ein zweites Standbein bauen – dass er begeisterter Bergsteiger war, dürfte mutmaßlich auch eine Rolle gespielt haben.
1978 eröffnete Steiner 1888 ein erstes eigenes Geschäft (in Mandling), 1981 ein zweites in Schladming, wo allerdings noch hauptsächlich fremde Marken verkauft wurden. 2001, drei Jahre im Chefsessel, führte Johannes Steiner die eigene Marke Steiner 1888 ein. „Als reine Lodenfabrik waren wir ein Vorproduzent – wir waren austauschbar“, begründet er die Entscheidung. Man begann mit Wolldecken und Kissen unter eigenem Namen, zehn Jahre später kam eine Bekleidungslinie dazu. Heute macht das B2C-Geschäft rund ein Viertel des Umsatzes aus, sagt Steiner. Bestseller waren von Anfang an die Decken.
In den 1950er-Jahren war die Textilindustrie nach Anzahl der Beschäftigten die größte Branche in Österreich. 1989 zählte sie laut dem Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo noch 33.678 Beschäftigte, 1998 waren es 22.672. Für 2024 weist der Fachverband der Textilindustrie gut 9.000 Beschäftigte in 186 Unternehmen auf. Der Einzelhandel im Sektor leidet ebenfalls: Laut Wirtschaftskammer ist die Zahl der heimischen Modestandorte binnen zehn Jahren um 22 % auf 4.254 gesunken, der Anteil der Modeausgaben an den Konsumausgaben fiel von 7,2 % vor 30 Jahren auf 4,5 % im Jahr 2024.
Angezogen von niedrigen Preisen ist die Nachfrage (im B2B- und B2C-Bereich) an Konkurrenten außerhalb Europas abgewandert – jeder vierte Österreicher habe bereits bei den chinesischen Online-Discountern Temu oder Shein eingekauft, sagte Günther Rossmanith, Obmann des WKO-Bundesgremiums Handel mit Mode und Freizeitartikeln, in einer Aussendung im Mai 2026.
Steiner beschreibt dieselbe Entwicklung in seinem Familienunternehmen: Die Meterware für Bekleidung, jahrzehntelang das Kerngeschäft, liegt heute bei rund einem Zehntel des Volumens der 1990er-Jahre. Aufgrund der niedrigeren Nachfrage werden die Losgrößen (die Stückzahl eines Produkts, die in der Produktion ohne Unterbrechung hergestellt wird) kleiner, was die Stückkosten in die Höhe treibt. Investitionen in schnellere Maschinen rechnen sich nicht mehr. Steiner 1888 ist heute einer von drei Lodenherstellern in Österreich; doch, so der Geschäftsführer: „Es ist nicht so, dass für die, die übrig bleiben, mehr überbleibt. Der Markt schrumpft.“
Steiner möchte das Geschäft, wie er es schon in den letzten Jahren gemacht hat, weiter spezialisieren. „Im Handel geht man entweder ganz rauf oder ganz runter“, sagt Steiner, „dazwischen ist wenig Spielraum.“ Steiner 1888 geht nach oben: „Vor 20 Jahren war der Loden bereits kein Massenprodukt mehr, aber er wurde in Österreich durchaus oft getragen. Heute ist er ganz klar ein Premiumprodukt – und wird das in Zukunft noch mehr werden.“
Dafür hat Steiner die Produktpalette ausgebaut. „Wir verabschieden uns vom reinen Trachtengeschäft“, sagt Steiner. „Die Tracht ist sehr regional, und so wird sie auch getragen. Der Loden hingegen ist modisch en vogue.“ Es hänge an Details: Ein Hirschhornknopf schiebe ein Kleidungsstück sofort in die Trachtenecke, ein leichter dunkelblauer Loden mit anderen Knöpfen sei ebenso passend für Städte wie Wien und München. Produkte neu zu interpretieren – das sei die Aufgabe.
Ein zweiter Hebel ist der Vertriebsweg. „Unser größtes Problem ist, dass es unsere Handelspartner nicht mehr gibt“, beschreibt Steiner das Problem, das die ganze Branche betrifft. Über das eigene Geschäft (heute liegen dort vorrangig Steiner-1888-Stücke auf) und den eigenen Onlineshop möchte Steiner Konsumenten direkt erreichen. Heute beträgt der Online-Anteil am Gesamtumsatz rund 6 %, sagt Steiner, doch er soll steigen. Über neue Medien wie Social Media soll die Marke – und der Loden selbst – besonders jüngeren Generationen vorgestellt werden. „Das ist eine unserer größten Aufgaben“, so Steiner. Online-Marktplätze meidet er bewusst, weil sie die eigenen Margen zu sehr drücken, so der Geschäftsführer.
Ein weiterer Teil der Premium-Positionierung sind Spezialanfertigungen. Ein Hotel kann etwa ein eigenes Muster für die Inneneinrichtung entwickeln lassen. „Wir wissen, dass wir einen hohen Preis verlangen. Deshalb brauchen wir auch Kunden, die die Qualität schätzen und wissen, wie viel Arbeit in den Stoff fließt“, sagt Steiner nach unserem Gespräch, als er uns durch die Manufaktur führt. „Ich bin überzeugt, dass es genug Menschen gibt, die solche Perlen suchen.“ Sollte er recht haben, wird auch die alte Hammerwalke in Mandling noch für viele weitere Jahre schlagen.
Fotos: Andrew Phelps