IN DIE TIEFE

Der Untergrund ist uns Menschen nicht fremd – schon früh hat unsere Spezies begonnen, diesen Raum als Schutz- und Wohnort zu nutzen, dort zu bauen und zu leben. Doch was bringt die Zukunft? Zwingt uns der Klimawandel auf unbestimmte Zeit zurück in die Unterwelt? Eine Frage, mit der sich die beiden Architekten Asmo Jaaksi und Koen Olthuis sowie Autor Paul Dobraszczyk regelmäßig beschäftigen.

Das Leben im Untergrund – und damit ist nicht das verborgene Leben von Terroristen oder Kriminellen gemeint, die im Tarnmantel bürger­licher Existenz leben – begann schon in der Steinzeit. Vor mehr als 40.000 Jahren bereits sahen Menschen in Höhlen ein sicheres Zuhause. Sie konnten sich dort vor Kälte schützen und ihre Schätze als Jäger und Sammler hüten. Und auch später in der Geschichte spielte der Untergrund immer wieder eine gewichtige Rolle für Menschen: So sollen im Mittelalter 20.000 Christen in einer unterirdischen Stadt namens Derinkuyu in Kappadokien (im Zentrum der heutigen Türkei) Zuflucht ge­sucht und sie als gut getarnte Fluchtburg genutzt haben.

Auch heutzutage gibt es Orte auf dieser Welt, die Menschen unter der Erde Schutz oder Platz bieten – wie die Ville intérieure im kana­dischen Montreal, die Menschen vor allem vor Kälte schützen soll. Im Winter, wo es in diesem Teil Kanadas oft bis zu minus 20 Grad Celsius hat, können sich die Einwohner in die unterirdische Welt, bestehend aus Geschäften, Hotels, Cafés, Theatern, Kinos etc., zurückziehen. Mit einer Länge von 32 Kilometern ist die Underground City die größte der Welt. Zum Vergleich: Derinkuyu ist 2.500 Quadratmeter groß.

„Was bedeutet ein Keller in einem Haus für den Menschen? Es ist ein Ort der Flucht, ein Ort, wo man hingehen und Dinge tun kann, die exzentrisch sind. Und es ist nor­malerweise ein ziemlich männlich dominierter Raum. Aber in gewissem Sinne ist der Keller auch ein Ort, an dem man alles rausschmeißt, was man nicht will. Und das ist in einer Stadt fast dasselbe: Der Untergrund ist entweder ein Ort, an dem man sich Dinge ansieht, die unter der Erde gelagert werden – ein Beispiel wären die Katakomben in Paris –, oder ein Platz, der Sicherheit bietet. Wenn es eine Bedrohung über der Erde gibt, werden unterirdische Stätten zu wirklich starken Orten, wo Gemeinschaften gedeihen“, erklärt Paul Dobraszczyk. Der Architektur-Autor, Fotograf und Künstler lebt in Manchester, Großbritannien. Zusätzlich ist er Lehrbeauftragter an der Bartlett School of Architecture in London. Dobraszczyk sieht sich als kritischer Beobachter von architektonischen Entwicklungen der Gegenwart und der Zukunft. Sein zuletzt erschienenes Buch „Future Cities: Architecture and the Imagination“ schafft einen Überblick über Fantasiestädte – egal ob versunken, schwebend, fliegend, vertikal, unterirdisch, ruiniert oder geborgen. Für ihn gibt es keine klare Trennung zwischen Spekulation und Realität – vor allem aber von unter­irdischen Städten seien wir ungewollt nicht allzu weit entfernt, wie er sagt.

„Ich denke, die Visionen, wie sich das Leben im unterirdischen Raum in Bezug auf die menschliche Erfahrung auswirken könnte, sind im Allgemeinen sehr negativ. Einige der frühesten Dystopien, die wir in der Literatur finden, handeln vom unterirdischen Leben. Es gibt also solche wie von H. G. Wells, aber auch eine wirklich schöne Kurzgeschichte von E. M. Foster. In beiden geht es darum, dass Menschen in den Unter­grund gehen, von der Technologie kontrolliert werden und am Ende irgendwie völlig machtlos sind. Das ist also eine sehr verbreitete Idee über den unterirdischen Raum. Er wird zu einer Art letzter Zuflucht für Menschen, die nirgendwo anders hingehen können“, sagt Dobraszczyk.

Das Amos Rex Art Museum in Helsinki gilt seit seiner Eröfnnung 2018 als eine neue Ära des Museumerlebnis.

Weltweit gibt es nur eine be­scheidene Anzahl an realitätsnahen Projekten, die den Untergrund unter der Erdoberfläche sowie unter dem Meeresspiegel für Menschen in der Zukunft schmackhaft machen wollen. So gibt es die Lowline in New York – ein unterirdischer Park in einem stillgelegten Busterminal, der mittels Solarenergie lichtdurchflutet Platz für Veranstaltungen, Spaziergänge etc. ermöglichen soll – oder den weltweit ersten „Earthscraper“ in Mexico City, eine umgedrehte Pyramide, die 3.000 Meter in die Tiefe führt und auf mehr als 60 Etagen Platz für das Einkaufen, Arbeiten und auch einen Besuch im Museum bietet.

Neben der Vision des Earth­scrapers gibt es auch Pläne für sogenannte „Oceanscrapers“. Der belgische Architekt Vincent Callebaut hat Pläne für eine Stadt mit futuris­tischen Türmen unter Wasser entwickelt, die aus 3D-gedruckten Plastikabfällen bestehen und 1.000 Meter unter die Wasseroberfläche reichen. „Aequorea“ heißt die fiktive Wasserstadt vor der Küste von Rio de Janeiro, die Platz für bis zu 20.000 Menschen bieten soll.

Doch diese Projekte sind alle nicht gestern entstanden – sie sind mindestens zehn Jahre alt. Durch fehlende Finanzierung werden die meisten wieder eingestellt oder aufgeschoben, sagt Dobraszczyk. Sie würden riesige Vorabinvesti­tionen erfordern, und wenn es keine Rendite gibt, ist es sehr schwierig, Leute dazu zu bringen, in diese Projekte zu investieren. Wichtig sei zu verstehen, dass es nicht darum gehe, dass wir als Menschheit ein Platzmangel-Problem haben, sondern darum, „wie wir mit vorhandenem Platz und Raum umgehen, ihn verändern und anpassen.“

Einer, der hart daran arbeitet, den Menschen einen untypischen Lebensraum schmackhaft zu machen, ist der niederländische Architekt Koen Olthuis. Seit Beginn seiner Karriere legt er seinen Schwerpunkt auf die schwimmende Architektur. Mit seiner „Floating Vision“ möchte er vor allem urbane Komponenten in den Fokus setzen, die dynamisch statt statisch sind. Seine Lösung, sogenannte City-Apps, sind schwimmende „Teile“, die dem bestehenden statischen Raster einer Stadt eine bestimmte Funktion hinzufügen. Durch die Nutzung des vorhandenen städtischen Wassers als Baugrund wird Raum für eine neue Dichte geschaffen, was den Städten weltweit die Möglichkeit gibt, flexibel auf den Klimawandel und die Urbanisierung zu reagieren.

Die unterirdischen Ausstellungsräume sind lichtdurchflutet und zielen auf Interaktion mit den Besuchern ab.

Koen Olthuis und seine Firma Waterstudio.NL beschäftigen sich darüber hinaus mit Unterwasser­architektur. „Es geht nicht nur darum, ein Architekt über dem Wasser zu sein, sondern auch ein Architekt unter dem Wasser, weil wir eine Art symbiotische Beziehung mit dem Ökosystem darunter haben müssen. Das bedeutet also, dass wir alle Arten von Strukturen entwerfen, die man auf die Unterseite unserer schwimmenden Fundamente an­docken kann; und ich denke, das ist der nächste Schritt. Wir wollen in Richtung Leben unter Wasser, und wir sehen, dass es immer mehr Entwickler gibt, aber auch Behörden, besonders im Nahen Osten, die großes Interesse daran haben.“

Der niederländische Architekt erwähnt stets, dass man ihn und sein Team vor 20 Jahren für seine „Floating Vision“ als verrückt abgestempelt habe, jetzt aber über 5.000 solcher Einrichtungen weltweit geschaffen wurden. Es sei dasselbe mit den Unterwasserbauten: nur eine Frage der Zeit, bis diese futuristischen Ideen Realität werden. Und am Geld soll es nicht liegen: „Wenn Milliardäre um die zehn Milliarden US-$ ausgeben, um eine Mars-­Gemeinschaft zu schaffen, ist das ­seltsamer, als wenn man zehn Millionen US-$ ausgibt, um eine Gemeinschaft auf der Erde im Wasser zu schaffen“, sagt Olthuis.

Weit weg von der Zukunft und ganz nah am Hier und Jetzt befindet sich die Arbeit von Asmo Jaaksi. Der finnische Architekt gehört mit seiner Firma JKMM zu jenen Architekturbüros in Helsinki, die zur dortigen unterirdischen Infrastruktur bei­tragen. Helsinki ist die einzige Stadt der Welt, die einen Underground-Masterplan hat. Der Bau des riesigen unterirdischen Netzes begann in den 1980er-Jahren und dauert bis heute an. Helsinki verfügt nun über fast zehn Millionen Quadratmeter an unterirdischen Räumen und Tunneln, die ein Kunstmuseum, eine Kirche, eine Schwimmhalle, Geschäfte und sogar eine Kartbahn in einem Zivilschutzbunker verbergen.

Jaaksi, der mit JKMM das Untergrund-Kunstmuseum Amos Rex geleitet hat, sagt: „Eines der archi­tektonisch bahnbrechenden Gebäude Finnlands aus den 1930er-Jahren – Lasipalatsi – in das Amos-Rex-Projekt zu integrieren war eine lehr­reiche Erfahrung. Es war, als würden wir die Vergangenheit mit der Gegen­wart verbinden.“ Er habe dabei auch gelernt, dass sich der Untergrund nach wie vor sehr unnatürlich anfühlt, und dass man bei der Konstruktion vor allem auf drei Dinge eingehen müsse: die Unnatürlichkeit des Untergrunds, das Gefühl der Desorientierung und das Gewicht der Erde, die einen buchstäblich erdrückt. Durch gewölbte Formen, die über die Erdoberfläche hinaus­ragen, und viel Lichteinfluss durch große Räume, die eine übersichtliche Orientierung bieten, kann man Wege finden, die Herausforderungen beim unter­irdischen Bau zu überwinden.

„Wenn man das Gefühl hat, dass man immer noch im selben Universum der oberirdischen Stadt ist, obwohl man nicht nach draußen sehen kann, dann hat die unter­irdische Architektur gesiegt. Bei der Konstruktion von Bauten unter der Erde sowie unter Wasser sollte man immer eine Verbindung zur rest­lichen Welt herstellen. Die Menschen sollten sich nie isoliert fühlen. Ich denke, das ist wichtig, um die Grund­einstellung zur unterirdischen Welt zu verändern“, erläutert Jaaksi.

Text: Naila Baldwin
Foto: Tuomas-Uusheimo & Waterstudio NL

Dieser Artikel erschien in unserer Ausgabe 6–21 zum Thema „NEXT“.

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