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Die Inklusion von Menschen mit Behinderungen ist nicht nur ein soziales Anliegen, sondern auch eine wirtschaftliche Chance. Besonders im digitalen Bereich wird Barrierefreiheit immer wichtiger – Yves Hoffmann von Enable Me Insights will Unternehmen überzeugen, diese Chance endlich wahrzunehmen.
Egal, ob Bankkonten, Versicherungen oder Ausweise – das Leben spielt sich zunehmend digital ab. Für viele bedeutet das, dass nerviges Hantieren mit physischen Karten wegfällt. Für Menschen mit Behinderungen können diese augenscheinlichen Erleichterungen jedoch zur Hürde werden, denn digitale Angebote sind häufig nicht mit Hilfsmitteln kompatibel: Ein Bild etwa bleibt für einen blinden Menschen unsichtbar, wenn ein Alternativtext fehlt.
Genau an dieser Schnittstelle setzt die Schweizer Initiative Enable Me Insights an – sie will digitale Barrierefreiheit zur Selbstverständlichkeit machen. «Die Inklusion von Menschen mit Behinderungen ist mehr als ein soziales Thema. Es geht darum, dass man Innovationen aufzeigt», stellt Yves Hoffmann klar. Kurz nach der Gründung der Initiative vor drei Jahren übernahm er die Projektverantwortung als Head of Corporate Services der Enable-Me-Stiftung. Als solcher leitet er ein sechsköpfiges Team und ist vom Vertrieb bis zur Produktentwicklung bei jedem Schritt dabei.
Entstanden ist Enable Me Insights aus der 2004 gegründeten Enable-Me-Stiftung. Die gemeinnützige Organisation unterstützt Menschen mit Behinderungen und Unternehmen durch verschiedene Angebote. Dabei steht vor allem die Projektpartizipation von Betroffenen im Vordergrund: «Wir wollen die Perspektiven von Menschen mit Behinderungen ganz am Anfang des Entwicklungsprozesses einbauen – nicht erst als Compliance-Anforderung im Nachhinein», sagt Hoffmann.
Der entsprechende Input kommt von einer Community aus über 700 Menschen mit Behinderungen in Deutschland und der Schweiz. Sie testen Produkte, Dienstleistungen oder auch Prozesse auf Barrierefreiheit. Die Testpersonen melden sich zwar freiwillig, aber «sie sind Experten und Expertinnen in eigener Sache», betont Hoffmann. Für ihre Arbeit erhalten sie pro Stunde im Durchschnitt rund 60 CHF.
Für Unternehmen ist das Feedback der Betroffenen wichtiges Know-how. Enable Me Insights begleitet Betriebe etwa bei der Konzeption einer neuen App und rekrutiert Testpersonen, um zu analysieren, wie barrierefrei ein Prototyp wirklich ist. Zentral ist dabei vor allem eines: «Ein gutes Design ist ein einfaches Design», erklärt Hoffmann. Wenige und leicht verständliche Prozessschritte und eine klare Übermittlung von Informationen stehen im Zentrum. Das hilft am Ende nicht nur Menschen mit Behinderungen, sondern allen.
Das beste Beispiel dafür ist die elektrische Zahnbürste. Sie wurde ursprünglich entwickelt, um Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit die Mundhygiene zu erleichtern. «Und jetzt empfehlen sie neun von zehn Zahnärzten», grinst Hoffmann. Bei neu gegründeten Banken hat sich einfaches Design laut ihm bereits durchgesetzt: Ein neues Bankkonto soll mit so wenigen Klicks wie möglich eröffnet werden können.
Die Inklusion von Menschen mit Behinderungen ist mehr als ein soziales Thema.
Yves Hoffmann
Unternehmen zahlen für Enable Mes Service je nach Projektumfang einen vier- bis fünfstelligen Betrag. Aktuell befindet sich die Initiative aber noch in einer Phase, in der «viel Überzeugungsarbeit geleistet werden muss», so Hoffmann. Erst müssten Firmen verstehen, dass Barrierefreiheit keine Verpflichtung ist, die «mit einem Workshop oder einem Flyer abgehakt werden kann», sondern eine Möglichkeit, rund ein Fünftel der Bevölkerung besser zu bedienen und anzusprechen. Noch ist Hoffmanns Team dementsprechend auf Förderungen angewiesen. Man will aber ein Social Business werden: «Die Idee ist, dass sich das Ganze irgendwann refinanziert und wir die Überschüsse in rein philanthropische Projekte reinvestieren können.»
Dazu will man die Strukturen professionalisieren und das Team vergrössern. Der Fokus liegt darauf, wie man Unternehmen am besten langfristig begleiten kann. Hoffmann ist sicher, dass Inklusion künftig auch die Attraktivität und Leistungsfähigkeit von Arbeitgebern mitbestimmen wird. Dafür spricht jedenfalls das Feedback der Kunden: In Unternehmen, die Sensibilisierungsarbeit leisten und das Thema Inklusion als Teil gesunder Führung ansehen, ist die Resonanz der Angestellten positiv, da bestehende Stigmata adressiert werden. «Da sagen auch Mitarbeitende, die schon ganz lange dabei sind: ‹Endlich spricht das jemand an› oder ‹Ich hätte nie gedacht, dass meine Chefin betroffen ist›», erzählt Hoffmann. Kein Wunder, denn ein Grossteil der Behinderungen ist nicht sichtbar, wie etwa chronische Schmerzen, Depressionen oder Autoimmunerkrankungen.
Die Ausrichtung auf Menschen mit Behinderungen sei also kein «Nischenthema», sondern vielmehr eine «grosse wirtschaftliche Chance», bekräftigt Hoffmann. Dass dieser Markt dennoch kaum mitgedacht wird, überrascht ihn immer wieder aufs Neue. Dabei sollte Inklusion keine Fleissaufgabe sein – denn nur mit ihr kann man in Zeiten des technologischen und demografischen Umbruchs eine «nachhaltige und leistungsfähige Wirtschaft in Europa aufbauen», sagt Hoffmann.
Text: Katharina Strnadl
Foto: Yves Hoffmann