IS BIG TECH TOO BIG?

Am Ende dieses außergewöhnlichen Jahres werden die massiven Auswirkungen, die die Corona-pandemie auf die Wirtschaft hat, immer deut­licher.

Das Bruttoinlandsprodukt der Weltwirtschaft wird Schätzungen der OECD zufolge 2020 um 4,2 % schrumpfen, in der Europäischen Union gab es im Oktober 2020 zwei Millionen Arbeitslose mehr als im Oktober 2019 und unzählige Unternehmen mussten Insolvenz anmelden.

Die Aktienmärkte zeigten sich davon jedoch weitgehend unbeeindruckt. Der Euro Stoxx 50 verlor seit Jahresbeginn zwar rund 6,38 %, der US-Leitindex S&P 500 ist jedoch rund 14 % im Plus. Während die Wirtschaft blutet, erreichen die Aktienmärkte teilweise Rekordhochs – wie ist das möglich? Wer auf den US-Markt schaut, findet eine Erklärung: Im Leitindex S&P 500, der die 500 größten börsennotierten Unternehmen der USA umfasst, entfallen auf die fünf größten Titel – Apple, Microsoft, Amazon, Facebook und Google-Mutter Alphabet – 22 % der Gewichtung. Das ist der höchste Wert seit den 1980er-Jahren. Wer dann noch Tech-Aktien wie den Streamingriesen Netflix, den Zahlungsdienstleister Paypal oder den E-Auto-Hersteller Tesla hinzuaddiert, sieht das Ausmaß des Problems: Digitalkonzerne bestimmen zunehmend, in welche Richtung sich der Markt bewegt. So gab es im Juli 2020 einen Börsentag, an dem fast drei Viertel aller im S&P 500 enthaltenen Aktien im Plus lagen, der Index selbst aber nur um 0,2 % stieg – die Kurse der „Big Five“ ­waren gefallen, was den Index stark belastete. Die Entwicklungen, die schon vor der Pandemie zu ­sehen waren, nahmen durch die Lockdowns an Geschwindigkeit auf: Die Nutzung von Facebook, Netflix und Youtube stieg stark an, Amazon beliefert Menschen, die nicht einkaufen gehen können, Microsofts Lösungen sind in der ­Homeoffice-Welt gefragter denn je. Doch die Bewertungen sind dennoch äußerst optimistisch: Apple und Microsoft etwa verdreifachten ihren Börsenwert in den letzten fünf Jahren, die Umsätze stiegen im gleichen Zeitraum jedoch nur um 20 bzw. 50 %. Der S&P 500 gilt als Benchmark für Assets im Wert von rund 11 Milliarden ­US-$. Der Boom rund um passives Investieren und ETFs, die Aktienindizes meist einfach replizieren, verstärkt diese Relevanz noch.

Wenn einer der wichtigsten Indizes der globalen Finanzmärkte nur noch einen kleinen Ausschnitt der Wirtschaft abbildet, ist das gefährlich. Ohne die fünf ­Riesen wäre der S&P 500 nämlich nicht 14 % im Plus, sondern seit Jahresbeginn im Minus. Und: Auch die Tech-Giganten müssen wegen ihrer wachsenden Marktposition mit Widerstand rechnen. Ob Big Tech „too big“ ist, wird in der ­Politik nämlich hitzig diskutiert. US-Senatorin Elizabeth Warren ist eine der prominentesten Unterstützerinnen der Idee, Tech-Unternehmen wie Facebook zu „zerschlagen“. Ob ein solcher Eingriff in Marktmechanismen der richtige Weg ist, ist stark zu bezweifeln. Es wäre jedoch nicht das erste Mal: 1911 wurde der Ölkonzern Standard Oil vom Supreme Court als „illegales Monopol“ bezeichnet und ­aufgelöst. Die durch die Pandemie ­zunehmende Ungleichheit in den USA – das Vermögen von Amazon-Gründer Jeff Bezos wuchs seit Beginn der Covid-19-Welle um rund 70 Milliarden US-$ – wird die Diskussion jedoch nicht so schnell verstummen lassen. Zuckerberg und Co müssen also womöglich bald umdenken – genau wie Investoren, die im Aktienmarkt aktiv sind.

Der Artikel erschien in unserer November/Dezember-Ausgabe 2020 „Security“.

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