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Die Schweizer Karriereplattform „SeniorsAtWork“ brachte bislang Unternehmen mit Fachkräften über 50 Jahren zusammen. Nun wird das Modell grundlegend erneuert: Unter dem Namen Carero richtet sich das Angebot primär an die Bewerber selbst. Mit digitalen Tools und KI will Mitgründerin Dalia Goldberger sie durch den Bewerbungsprozess begleiten – und dazu beitragen, dass erfahrene Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt nicht übersehen, sondern als wichtige Arbeitskräfte wahrgenommen und eingesetzt werden.
Dalia Goldberger hält wenig von Schubladen – nicht bei Frauen, nicht bei Müttern; und auch nicht beim Alter: „Mich nervt diese Schubladisierung von Generationen“, sagt sie. „Es (wie jemand sich gibt, Anm.) hat viel mehr mit Prägung, Erziehung und damit zu tun, woher du kommst, als damit, in welchem Jahr du auf die Welt gekommen bist.“ Dieser Gedanke ist Teil einer Debatte, die gerade im Arbeitsalltag immer wieder auftaucht: Die Gen Z sei arbeitsfaul, ältere Generationen seien wenig veränderungsbereit oder nicht technikaffin – Zuschreibungen, die nichts darüber aussagen, was ein einzelner Mensch tatsächlich an relevanten Fähigkeiten mitbringt. Gerade erfahrene Fachkräfte verfügen oft über jahrzehntelanges Spezialwissen, ein gewachsenes Netzwerk und umfassende Berufserfahrung. Trotzdem haben Menschen über 50 auf dem Arbeitsmarkt häufig einen schweren Stand. Im Juli 2026 waren in der Schweiz 38.745 Personen zwischen 50 und 64 Jahren arbeitslos gemeldet – 8,7 % mehr als ein Jahr zuvor.
Als Chief Development & Impact Officer bei der Schweizer Karriereplattform „SeniorsAtWork“ arbeitet Dalia Goldberger genau an diesem Problem. Das bisherige Modell setzte vor allem darauf, Unternehmen und erfahrene Fachkräfte zusammenzubringen und Arbeitgeber gezielt für Kandidaten über 50 zu gewinnen – mehr als 80.000 Personen aus dieser Altersgruppe haben sich bei „SeniorsAtWork“ registriert. Unternehmen konnten passende Kandidaten finden und über die Plattform Stellen gezielt für erfahrene Fachkräfte ausschreiben.
Doch der Ansatz stieß zuletzt an seine Grenzen. „Insgesamt haben wir gemerkt: So können wir nicht das bewirken, was wir eigentlich wollen“, sagt Goldberger. Die Konsequenz ist ein grundlegender Strategiewechsel: Statt weiter primär Unternehmen davon überzeugen zu wollen, ältere Fachkräfte einzustellen, setzt „SeniorsAtWork“ künftig stärker bei den Bewerbern selbst an. Unter dem neuen Namen Carero soll aus der bisherigen Matching-Plattform ein digitaler Karrierebegleiter für Menschen über 50 werden.
KI-gestützte Tools helfen dabei, Lebensläufe und Anschreiben auf konkrete Stellen zuzuschneiden, Profile sichtbarer zu machen, Vorstellungsgespräche vorzubereiten und den Zugang zum verdeckten Arbeitsmarkt zu erhalten. Zudem identifiziert die Plattform passende Unternehmen und Stellen, die zum Profil, zur Erfahrung und zu den Vorstellungen der Nutzer passen. Grundlage sind unter anderem die Daten und Erfahrungen der mehr als 80.000 bei „SeniorsAtWork“ registrierten Profile.
Es geht darum, dass alle eine wirkliche Chance auf dem Arbeitsmarkt bekommen.
Dalia Goldberger
Das Angebot soll modular und im Abo buchbar sein – einzelne Module sind ab 10 CHF (10,58 €) verfügbar; die Jobbörse bleibt kostenlos. „Wir haben bewusst geschaut, dass es viel, viel günstiger ist als Karrierecoaches oder Outplacement-Firmen, weil viele unserer potenziellen Kunden, die länger auf Jobsuche sind, finanziell nicht mehr diese Möglichkeiten haben“, so Goldberger.
Dalia Goldberger studierte mehrsprachige Kommunikation an der ZHAW und begann bereits während des Studiums bei Swiss TXT, einer Tochtergesellschaft der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG SSR. Dort arbeitete sie zunächst operativ im Bereich barrierefreie Kommunikation und wechselte später ins Business Development Accessibility Services. Zu ihren Projekten gehörte auch, die Songs des Eurovision Song Contest für ein internationales gehörloses Publikum zugänglich zu machen; eine Arbeit, für die sie unter anderem von Forbes für die Under 30-Liste nominiert wurde. Dass Goldberger heute an Lösungen gegen Altersdiskriminierung arbeitet, passt zu einem roten Faden in ihrem Lebenslauf: „Ich hatte immer einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn“, sagt die „SeniorsAtWork“-Managerin, die sich seit rund einem halben Jahr zudem im Vorstand von Swiss Diversity, einer Schweizer Organisation für Diversität und Inklusion, engagiert. Besonders kritisch sieht Goldberger, wie das Thema Diversität in Unternehmen gehandhabt wird: „Es wird viel gesprochen, aber wenig gemacht. Sehr oft gibt es keine Entscheidungskompetenz.“
Mit Carero will sie deshalb möglichst konkret ansetzen. Zunächst liegt der Fokus auf der Schweiz, danach ist die Expansion in den DACH-Raum sowie international geplant. Parallel soll gemeinsam mit der Universität St. Gallen wissenschaftlich untersucht werden, ob und wie stark die digitalen Tools die Chancen der Nutzer auf dem Arbeitsmarkt verbessern; zudem ist ein Pilot mit einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) im Kanton Thurgau vorgesehen. Langfristig denkt Goldberger das Modell über die Generation 50 plus hinaus: Denkbar sind etwa ähnliche Angebote für andere Gruppen, die im Bewerbungsprozess mit strukturellen Hürden konfrontiert sind. Goldberger bringt es auf den Punkt: „Es geht darum, dass alle eine wirkliche Chance auf dem Arbeitsmarkt bekommen.“
Foto: Dalia Goldberger