„KI skaliert fähigkeiten, aber auch angriffe“

Daniel Niesler hat FTAPI von einer „nerdigen“ Softwareschmiede zu einem der ambitioniertesten Cybersecurity-­Unternehmen Europas geformt, ein Management-Buy-out gewagt und eine Finanzierungsrunde über 65 Mio. € ­abgeschlossen. Dann trat er ab – weil er zugibt, dass selbst er mit den rasanten Entwicklungen rund um künstliche ­Intelligenz nicht mehr mitkommt.

„Der beschützt die Krankenhäuser“: So beschrieb der kleine Sohn von Daniel Niesler – der damals CEO des Münchner Cybersecurity-Unternehmens FTAPI war –, was sein Papa in der Arbeit macht. Daran erinnert sich der 51-Jährige im Gespräch mit Forbes stolz, aber auch ein wenig nachdenklich. Nach kurzem Zögern meint er: „Am Ende des Tages ist das der Kern der Sache.“

Einige Jahre später ist dieser Schutz schwieriger als je zuvor – die Fortschritte bei künstlicher Intelligenz schreiben auch in puncto Sicherheit neue Spielregeln. FTAPI, gegründet 2010, bedient heute rund 2.000 Kunden mit Lösungen zur sicheren Übertragung und Speicherung von Daten: Finanzdienstleister, Behörden, Industrieunternehmen und das Gesundheitswesen. Über 150 Mitarbeiter erwirtschaften einen Umsatz von rund 25 Mio. €, das jährliche Wachstum liegt laut eigenen Angaben im Bereich von etwa 50 %. Anfang 2025 schloss FTAPI eine Finanzierungsrunde im Umfang von 65 Mio. € ab.

Doch ausgerechnet in dieser heißen Phase hat der 51-Jährige eine überraschende Entscheidung ­getroffen: Er übergab die CEO-Rolle an seinen langjährigen Kollegen Ari Albertini und wechselte in den Aufsichtsrat. Seine Begründung ist so entwaffnend wie selten: „Ich verstehe das teilweise nicht mehr.“ Damit meint er die rasante Entwicklung von künstlicher Intelligenz und die Folgen, die sich daraus für die Sicherheit im Digitalen ergeben.

Die Geschichte beginnt wenig Hollywood-reif und damit nicht in einer Silicon-Valley-Garage. Der technologische Grundstein für FTAPI wurde 2010 von ­Stephan Niedermeier gelegt, als Cybersecurity noch ein Nischenthema war – „ein lästiges Add-on“, wie Niesler es heute formuliert. Die ersten Investoren holten Niesler früh dazu; er sollte für die geschäftliche Seite zuständig sein. Schon davor gründete und verkaufte Niesler ein Start-up – auch wenn er mit der ganzen Begriffswelt fremdelt: „Ich kann mit diesem Start-up-Zeug nicht wirklich etwas anfangen“, stellt er klar. „Am Ende des Tages sind es Unternehmen, die funktionieren müssen – wie alle anderen auch. Sie brauchen eine Weile, bis sie wachsen und gelernt ­haben, wie es geht.“

Niesler erkannte schnell: Datenmengen wachsen exponentiell – Handys, Rechner, Maschinen produzieren immer mehr davon. „Irgendwann wird diese ganze Welt aus Daten bestehen“, dachte er sich; „da muss es auch Firmen geben, die gewährleisten, dass kein Mist mit diesen Daten passiert.“ 2014 übernahm der IT-Konzern QSC den Mehrheitsanteil an FTAPI, doch nur drei Jahre später folgte der Wendepunkt: Niesler kaufte die Anteile zurück und vollzog gemeinsam mit dem heutigen CEO Ari Albertini und CTO Michael Krinninger ein Management-Buy-out. Es war ein persönliches Risiko, entstand aber auch aus der Über­zeugung, die das Unternehmen über die folgenden Jahre zusammenhielt. „Wichtig ist, dass man dranbleibt. Es ist viel Arbeit; der Erfolg fällt nicht vom Himmel. Uns hat immer die Story angetrieben, dass wir etwas Nützliches für die Menschheit machen“, sagt Niesler rückblickend.

Auch wenn es politisch gerade schwierig ist mit den USA – wir müssen es ­zusammen schaffen.

Daniel Niesler

FTAPI sei lange eine laut Eigenaussage „nerdige“ Firma geblieben, die im Stillen an Verschlüsselungstechnologien bastelte, beschreibt Niesler die Kultur
und den Zugang zur Unternehmensmission. Ihr Produkt schafft Infrastruktur für Unternehmen, um Daten sicher zu speichern und zu ver­senden; es ­verschlüsselt E-Mails und bietet Alternativen zu Diensten an, die viele Privatnutzer ­kennen; etwa Wetransfer oder ­Google Drive. Dabei haben Datenschutz und die Kompatibilität mit EU-­Regulierungen oberste Priorität.

So wurde mit einer Lösung von FTAPI bei der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) Ende 2024 das Fax abgelöst, um mit Versicherten und Ärzten zu kommunizieren. Zu den Kunden zählen auch Finanzdienstleister oder Behörden, die regulatorische Anforderungen zu Datenschutz und Cybersicherheit erfüllen müssen. Die Software managt unterschiedliche Verschlüsselungsstufen, ­automatisiert Datenflüsse und kann in bestehende ­Systeme eingebunden werden, etwa SAP oder Salesforce.

Der Sprung auf die große Bühne gelang 2025 mit einer Investmentrunde von 65 Mio. € – bewusst europäisch aufgestellt mit französischen Investoren. „Es macht keinen Sinn, sich zu verstecken, wenn man wachsen will, gute Mitarbeiter und Kunden braucht“, sagt Niesler. Das Unternehmen sieht er auf einem guten Weg: „Es ist nicht Hyper-Growth, aber wächst ambi­tioniert und nachhaltig. Man kriegt zwar graue Haare, aber es entwickelt sich mit Verantwortung ­weiter.“

Die Finanzierungsrunde brachte auch für Niesler einen großen persönlichen Umbruch mit sich: Er übergab das CEO-Zepter an seinen langjährigen Kollegen Ari Albertini und zog sich in die zweite Reihe, das ­Advisory Board, zurück. Für ihn ist es allerdings kein Exit, er bleibt auch am Unternehmen beteiligt: „Ich bin mit Herz und Seele bei FTAPI dabei“, so Niesler. Als CEO standen Wachstum und das operative Geschäft im Fokus, nun beschäftigt er sich intensiver mit lang­fristigen Fragen.

Niesler treibt im Jahr 2026 deshalb nicht mehr das nächste Quartalsergebnis um. Die KI-Revolution hat die Spielregeln der Cybersicherheit innerhalb ­kürzester Zeit umgeschrieben – wo früher sensible Daten händisch verschoben und Berechtigungen mühsam geprüft wurden, läuft heute alles automatisiert. „Das Tempo dieser Entwicklungen ist schon verrückt“, sagt er. „KI skaliert Fähigkeiten – aber sie skaliert auch Fehler, Manipulationen und Angriffe.“

Niesler beobachtet ein Phänomen, das die Tragweite des Problems zeigt: Technische Laien bauen per KI komplexe Anwendungen zusammen – „Vibecoding“ nennt sich das –, ohne die geringste Ahnung von deren Sicherheitsarchitektur zu haben. „Tech­no­logisch ist heute schon so viel möglich, aber die Menschen kommen nicht hinterher“, sagt Niesler. „Durch KI ist der technologische Fortschritt so schnell nach oben geschossen, dass die Menschen ihn nicht mehr erfassen können.“

Man baut etwas, kann aber die Konsequenzen drumherum gar nicht mehr antizipieren – das zeigte sich jüngst auch mit dem revolutionären KI-Agenten Openclaw des österreichischen Entwicklers Peter Steinberger, der kurz nach Veröffentlichung seines Projekts von Sam Altman und Open AI abgeworben wurde. Openclaw bietet eine mächtige und benutzerfreundliche Plattform und gerät deshalb auch in die Hände von Nutzern, denen das Wissen fehlt, um ihre Daten zu schützen – vor ihren eigenen Agenten und externen bösartigen Angriffen. So viel Potenzial in dem Open-Source-Projekt steckt, so gefährlich kann es für Anwender werden, die es nicht verstehen.

Es ist ein Symptom einer Entwicklung, die auch für Nieslers Rückzug verantwortlich ist. „Das ist übrigens auch der Grund, warum ich als CEO aufgehört habe“, sagt er; und (wie bereits oben erwähnt): „Ich verstehe das teilweise nicht mehr.“ Niesler weiter: „Bei der Geschwindigkeit und Komplexität steige ich mittlerweile manchmal einfach aus.“ Teilweise werde der Mensch zum limitierenden Faktor, nicht die Technologie; inklusive seiner Person, wie Niesler sagt – auch er tappe manchmal bei simulierten Phishing-Angriffen auf das Unternehmen in die Falle.

Niesler zieht eine Parallele zur Gentechnik: Trotz seines Glaubens an freie Märkte sieht er die Notwendigkeit staatlicher Eingriffe. „Es wäre wichtig, diese Entwicklungen staatlich zu verlangsamen. Der Staat kommt nicht hinterher, aber das Einzige, was er tun kann, ist, der Menschheit Zeit zu verschaffen, damit Themen breiter verstanden werden und Lösungen entstehen können“, so der Ex-CEO.

Auch bei der europäischen Regulierung bleibt Niesler gespalten. Einerseits schaffen EU-Richtlinien laut ihm einen einheitlichen Rechtsrahmen und damit einen einheitlichen Markt über alle Mitgliedstaaten hinweg, auf dem Unternehmen agieren können. Das schütze auch vor Konkurrenz – gerade US-Unternehmen hätten es in der Branche schwer, in Europa Fuß zu fassen: „Wenn du einmal drin bist, fliegst du praktisch nicht mehr raus, weil die Regulierung so komplex ist“, so Niesler. Andererseits warnt er vor falschem Protektionismus: „Auch wenn es politisch gerade schwierig ist mit den USA – wir müssen es zusammen schaffen. Es ist eine Welt, wir müssen Probleme global lösen.“ Die User von FTAPI sitzen längst auf der ganzen Welt – in China, in den USA. Man könne nicht an den Grenzen Europas aufhören zu denken.

Bleibt die Frage, die über allem schwebt: Können „die Guten“ dieses Rennen überhaupt gewinnen? Niesler lehnt sich zurück: „Ich habe mir angewöhnt, zu sagen: Ich weiß es nicht.“ Dann, nach einer Pause: „Wir sind quasi zum positiven Denken verdammt. Die Menschheit hat bisher immer Lösungen gefunden.“

Er sieht eine Welt, die vom Mangel in den Überfluss gekippt ist – zu viel Technologie, zu viele Daten, zu viel Geschwindigkeit, zu viele Möglichkeiten – und in der die größte Gefahr nicht von den Angreifern ausgeht, sondern von der Unfähigkeit, mit dem eigenen Fortschritt Schritt zu halten. Die Digitalisierung der Gesellschaft, sagt er, werde auch in fünf Jahren nicht abgeschlossen sein. Die Schere zwischen denen mit und denen ohne digitalen Zugang werde weiter auseinandergehen. Niesler: „Das Kernproblem wird sein, die Gesellschaft zusammenzuhalten, damit niemand abgehängt wird.“

Für Daniel Niesler ist Cybersecurity deshalb keine defensive Disziplin mehr – sie schafft Stabilität in einer Umgebung, die schneller wächst, als wir als Gesellschaft denken. Bei all den Entwicklungen ist (bzw. war) er ein CEO, der als solcher aufhört, weil er zu ehrlich ist, um so zu tun, als ob er noch alles verstehe; und der vielleicht genau deshalb die ehrlichste und korrekteste Haltung für 2026 verkörpert: Nicht alle Antworten zu haben – aber weiter an den Lösungen zu bauen, die man für richtig hält.

Fotos: Thomas Dashuber

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