KLEINER GROSSER MEISTER

Er ist erst 14 Jahre alt, doch die Schach-Großmeister kennen seinen Namen – denn vor einem Jahr gewann Vincent Keymer mit den Grenke Chess Open das größte offene Schachturnier Europas.

Sie spielen quasi Ihr ganzes Leben lang Schach. Wie kam es dazu?
Erst einmal muss ich sagen, dass das Schachspielen bei uns überhaupt nicht in der Familie liegt. Mit fünf Jahren habe ich aber ein Schachbrett gefunden. Dann habe ich meine Mutter am Wochenende morgens um Viertel vor sieben aus dem Bett geholt und wollte wissen, wie das Spiel funktioniert. Seitdem habe ich im Prinzip überall gespielt, bei jeder Gelegenheit. Anfangs gegen meine Eltern, aber damit war es nach zwei, drei Monaten schon vorbei. Auf DVDs habe ich anschließend Lernvideos angesehen und mit sechs Jahren war ich bei meiner ersten ­internationalen Meisterschaft.

Trainieren Sie jeden Tag?
Nicht jeden Tag. Nach Turnieren mache ich kurze Pausen, um mich zu erholen. Wenn alles gut läuft, versuche ich, an normalen Schul­tagen zwei bis drei, am Wochenende fünf Stunden zu trainieren.

Wie reagieren Ihre Mitschüler, wenn Sie oft bei Turnieren sind?
Zu Beginn war es für die Klasse etwas komisch. Ich habe im Durchschnitt 30 bis 40 Fehltage pro Halbjahr. Mittlerweile ist das für meine Klasse noch immer nicht normal, aber auch nicht mehr überraschend.

Sie sind weltweit einer der besten Spieler Ihrer Altersklasse. Haben Sie das Gefühl, dass die Schule Ihre Erfolge im Schach bremst?
Meine Hauptkonkurrenten kommen derzeit definitiv aus ­Indien. Dort gibt es viele starke junge Spieler. Formell gehen sie noch zur Schule, aber wenn man sich ansieht, wie viele ­Turniere sie ­spielen, dann ist das nicht mit der Schulpflicht in Deutschland vergleichbar. Aber die Schule bremst mich nicht nur. Natürlich braucht die Schule Zeit, aber ich lerne auch viel und habe dafür ein Stück Normalität, das ich ohne Schule nicht hätte.

Gibt es eine Grundstrategie, die Sie unabhängig vom Gegner ­immer anwenden?
Die Strategie ist von meinem Gegenüber und natürlich auch von mir abhängig. Meine Strategien sind unterschiedlich. Ich analysiere den Gegner bei der Vorbereitung. Was sind seine Stärken und Schwächen? Wo kann man besser reingehen, was sollte man vermeiden? Wenn seine Stärken auch in die eigenen stärkeren Bereiche fallen, spielt man lieber in die Schwäche hinein.

Wie gehen Sie bei überlegenen Gegnern vor, die viel höher eingestuft sind?
Man sollte dann eigentlich gleich denken. Aber praktisch ist es unmöglich, jeden Gegner gleich zu ­behandeln – egal, wie sehr man
es probiert.

Was denken Sie über den amtierenden Schachweltmeister Magnus Carlsen? Mit 28 Jahren ist er jung, aber trotzdem doppelt so alt wie Sie.
Er ist ein enorm starker und dominanter Spieler. Die Leute ganz vorne haben eigentlich keine Schwächen.

Hat er tatsächlich keine Schwächen oder kann er die Schwächen einfach gut ausbalancieren?
Schwäche würde im Prinzip heißen, dass man ihn als Gegner wirklich gezielt angreifen kann. Das ist aber nicht der Fall. Ich würde das also nicht als Schwäche bezeichnen, sondern als einen Bereich, der weniger stark ausgeprägt ist.

Vincent Keymer
... erlernte im Alter von fünf Jahren das Schachspielen. Mit sechs Jahren gewann er sein erstes Turnier, die IOEM (Internationale offene Einzelmeisterschaft) in Sebnitz. Er wurde in weiterer Folge zweimal mit der deutschen Nationalmannschaft Europameister (2015 und 2017). Keymer war Mitglied der Forbes „30 Under 30 DACH“-Liste 2018.

Welche Erfahrungen haben Sie mit künstlicher Intelligenz und Schachcomputern wie Deep Blue gemacht, die selbst die besten Schachspieler schlagen?
Der Schachcomputer ist das Hauptarbeitsmittel jedes ­Schachspielers. Ohne Computer müsste man mit Buch und Brett trainieren. Aber wenn man anfängt, sich selbst jene Fragen zu stellen, die man sonst dem Computer geben ­würde, bräuchte man ein Vielfaches der Zeit. Will man seriös arbeiten, ist ein Schachcomputer Pflicht. Generell gibt es aber nicht nur Deep Blue, sondern viele ­unterschiedliche, etwa Stockfish, Houdini, Komodo et cetera. Jede Engine mit vernünftiger ­Rechenleistung, die von Topspielern benutzt wird, schlägt diese Topspieler auch.

Im Training spielen Sie also gar nicht direkt gegen den Computer?
Nein, das gibt es gar nicht. Früher war Mensch gegen Maschine noch interessant, mittlerweile ist das vollkommen unsinnig, weil klar ist, dass jeder Schachcomputer gewinnen würde.

Wie läuft das Training mit dem Schachcomputer denn konkret ab?
Das ist ziemlich kompliziert zu erklären. Schachcomputer weichen ­allen Fallen sofort aus. Sie können alle Varianten schneller, tiefer und genauer berechnen. Schachcomputer sind unvoreingenommen und ­haben keine Angst. Man kann sie für alles gebrauchen – etwa zur Partie- oder Eröffnungsanalyse. Es gibt aber auch Taktikaufgaben, die man ohne Computerengines lösen muss.

Welche Taktiken zum Beispiel?
Taktische Stellungen ergeben sich in Partien oft überraschend und ­können deswegen vorher nicht mit dem Computer analysiert werden. Taktikaufgaben geben Stellungen, in denen es eine spezielle Lösung gibt, die einem sofort einen großen Vorteil verschafft oder die in einer aussichtslosen Lage noch ein Remis ermöglicht.

Ist Angriff die beste ­Ver­teidigung?
Schwierige Frage, das ist spielertypabhängig. Manche verbunkern sich und bauen eine Festung auf. Es gibt aber auch Spieler, die versuchen, eher auf Angriff zu gehen.

Ist ein Sieg überhaupt möglich, wenn man sich vor dem Gegner fürchtet und alles auf Verteidigung setzt – oder kommt das nur lebenserhaltenden Sofortmaßnahmen gleich?
Sich von Anfang an zu verbunkern oder auf Remis zu spielen funktioniert im richtigen Leben nie. Nur zu verteidigen und nicht ­verlieren zu wollen ist nicht die richtige ­Methode. Man kann natürlich gewinnen, indem der andere überzieht – also unvorsichtige Züge macht – oder in eine Konterfalle läuft. Aber beim Verbunkern ist die Chance, zu verlieren, ziemlich hoch.

Was passiert nach dem Spiel?
Gute Frage. Das kommt darauf an, wann das nächste Spiel stattfindet. Manchmal gehe ich direkt auf mein Zimmer, manchmal analysiere ich noch gemeinsam mit dem Gegner.

Sie gewähren dem Gegner also Einblicke in die eigene Strategie?
Das kommt sogar ziemlich ­häufig vor. Nach der Partie ist die Konkurrenz nicht mehr vorhanden, die Analyse ist für beide nützlich. Was denkt der andere über die Partie, wo hat man noch etwas übersehen?

Beschäftigen Sie sich auch mit mentaler Fitness, oder ist das mit 14 Jahren noch kein Thema?
Wenn man zu einem Zeitpunkt ­keine mentale Kraft mehr hat, dann ist das ein Problem. Deshalb muss man fit zu Turnieren fahren. Nach den meisten Turnieren ist auch schon der zweite und dritte Reserveakku leer. Ausgleichssport ist wichtig. Ich fahre zum Beispiel ­gerne Fahrrad.

Wie wird Ihr Leben nach der Schulzeit aussehen?
Je nachdem, wie das mit dem Schach läuft. Wenn ich als Schachspieler nach ganz oben ­aufsteigen könnte, würde mich das ­freuen. Es gibt Spieler, die ihr Geld bei Top­turnieren verdienen. Das wäre schön.

Text: Marcel Kilic
Fotos: Jonas Werner-Hohensee

Dieser Artikel ist in unserer Februar-Ausgabe 2019 „Gaming – Wettbewerb“ erschienen.

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