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Einst war Kreatin vor allem in Fitnessstudios zu finden. Inzwischen erreicht der Wirkstoff neue Zielgruppen und wird als Pulver, Kapsel, Gummibonbon oder Getränk verkauft. Dahinter entsteht ein wachsendes Geschäft, das 2026 bereits Milliardenumsätze erzielen dürfte.
Kreatin ist kein neuer Trendstoff. Der Körper bildet die Substanz selbst, zusätzlich kommt sie vor allem in Fleisch und Fisch vor. Als Nahrungsergänzungsmittel wird sie seit Jahrzehnten eingesetzt, um die Leistung bei wiederholten kurzen und intensiven Belastungen zu steigern. Kreatinmonohydrat ist dabei die am häufigsten verwendete und am besten untersuchte Form. Für meist teurere Varianten ist bislang kein grundsätzlicher Vorteil bei Wirkung, Aufnahme oder Sicherheit belegt.
Neu ist vor allem die wirtschaftliche Dimension. Kommerzielle Marktstudien schätzen den weltweiten Umsatz mit Kreatin-Supplements 2026 auf 1,7 bis 1,85 Mrd. US-$. Die Angaben unterscheiden sich je nach Definition, Produktumfang und Vertriebskanal. Belastbar ist daher weniger eine einzelne Prognose als die Feststellung, dass Kreatin bereits zu einem Milliardenmarkt geworden ist.
Wie dynamisch sich das Geschäft entwickelt, zeigen Daten des Marktforschungsunternehmens SPINS. In den untersuchten US-Vertriebskanälen stieg der Umsatz in den 52 Wochen bis Ende Dezember 2024 von 310 Mio. auf 378 Mio. US-$. Das entspricht einem Plus von 22 %, während die verkaufte Stückzahl um 35 % zunahm. Erfasst wurden unter anderem Amazon, Convenience Stores sowie klassische und auf Naturprodukte spezialisierte Handelskanäle.
Die Kategorie profitiert von mehreren Entwicklungen: Krafttraining erreicht breitere Bevölkerungsschichten, gesundes Altern gewinnt an Bedeutung und Konsumenten suchen verstärkt nach Supplements mit einer vergleichsweise soliden wissenschaftlichen Grundlage. Damit verschiebt sich auch die Zielgruppe. Hersteller sprechen längst nicht mehr nur Bodybuilder und Leistungssportler an, sondern zunehmend Frauen, Freizeitsportler und ältere Erwachsene.
Für das Geschäftsmodell zählt jedoch nicht allein der Wirkstoff, sondern auch seine Darreichungsform. Reines Pulver ist leicht vergleichbar und entsprechend preissensibel. Zusätzliche Differenzierungs- und Preisspielräume entstehen durch Portionssticks, Kapseln, Brausetabletten, Fertiggetränke und insbesondere Gummies. Der Umsatz mit Kreatin-Gummies legte in den von SPINS erfassten Kanälen innerhalb eines Jahres um 360 % zu. Die bequemeren Formate senken die Einstiegshürde und lassen sich stärker über Geschmack, Design und Marke positionieren.
Hinzu kommt ein entscheidender wirtschaftlicher Vorteil: Das Produkt wird in der Regel regelmäßig konsumiert. Damit eignet es sich für Abonnements, Produktpakete und den Direktvertrieb über eigene Onlineshops. Aus einem günstigen und weitgehend standardisierten Rohstoff entsteht über Verpackung, Markenbildung und Distribution ein Geschäft mit wiederkehrenden Umsätzen.
Die wachsende Nachfrage erreicht inzwischen auch die industrielle Produktion. Der deutsche Spezialchemiekonzern Alzchem investiert rund 120 Mio. € in eine weitgehend automatisierte Anlage für Kreatin, dessen Vorprodukte und die dazugehörige Infrastruktur. Die schrittweise Inbetriebnahme ist ab der zweiten Jahreshälfte 2027 vorgesehen. Die Investition zeigt, dass nicht nur Konsumgütermarken, sondern auch Rohstoffproduzenten mit einem langfristig größeren Absatz rechnen.
Die wissenschaftliche Grundlage ist zugleich Stärke und Grenze des Geschäfts. In der EU ist die Aussage zugelassen, dass täglich 3 g Kreatin die körperliche Leistung bei aufeinanderfolgenden kurzen, hochintensiven Belastungen steigern können. Unter festgelegten Voraussetzungen darf außerdem damit geworben werden, dass der Wirkstoff den Effekt von Krafttraining auf die Muskelkraft bei Erwachsenen über 55 Jahren verbessert.
Weitergehende Versprechen sind dagegen nicht automatisch gedeckt. Im Mai 2026 wurde ein beantragter EU-Health-Claim, wonach die tägliche Einnahme die kognitive Funktion verbessern könne, nicht zugelassen. Grundlage war die Einschätzung, dass kein ausreichend belegter Ursache-Wirkungs-Zusammenhang vorliegt. Marken, die das Produkt als Mittel für Gedächtnis, Konzentration oder mentale Leistungsfähigkeit vermarkten, müssen daher besonders vorsichtig formulieren.
Das Milliardenbusiness entsteht somit nicht durch eine neue Erfindung. Es wächst, weil ein etablierter Wirkstoff neue Käuferschichten erreicht, in höherpreisige Formate übersetzt und in eine tägliche Routine integriert wird. Erfolgreich dürften vor allem jene Anbieter sein, die geprüfte Qualität, eine klare Positionierung und einen direkten Kundenzugang verbinden – ohne größere Versprechen abzugeben, als Wissenschaft und Regulierung erlauben.
Foto: Getty Images
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