Krisensicher

Titelbild: Private Alpha, Start-up, Christoph Gum, Christoph Züllig, Gründer

Geht es nach Christoph Gum und Christoph Züllig, sind drastische Vermögensverluste passé. Mit ihrem Schweizer Start-up Private Alpha wollen die Gründer mithilfe von KI eine neue Art des Anlegens ermöglichen.

Zürich, neun Uhr. Die „Znüni“-­Gipfeli auf dem Tisch sind das Einzige, was bei Private ­Alpha noch an Tradition erinnert. Denn mit einem radikal neuen Ansatz will das von Christoph Gum und Christoph Züllig ­gegründete Unternehmen die Art, wie Menschen ihr Geld anlegen, revolutionieren. Dazu setzen sie künstliche Intelligenz ein, die die Finanz­märkte analysiert und in Krisen das Vermögen der Anleger schützt. Das wirkt auf den ersten Blick nicht allzu innovativ, setzen doch auch die deutsche Fondsgesellschaft ­Acatis oder der in New York ansässige Finanzriese ­Blackrock schon auf KI-Systeme. Doch laut Gum gibt es einen wichtigen Unterschied: „Wir setzen auf eine quantitative technische Analyse. Alles, was wir bisher am Markt gesehen haben, richtet sich nach News.“ Züllig ergänzt: „Wenn Donald Trump einen Tweet verschickt, interessiert das unsere KI relativ wenig.“

Angewandt in Private Alphas AI Global Opportunity Fund setzt das System auf globale Wachstumstitel, um für Anleger hohe Renditen zu generieren. „Wir wissen, dass solche Aktien stark schwanken können, und setzen für das Risikomanagement unsere KI ein“, sagt Gum. Die Auswahl der Titel in einem Pool aus 5.000 Aktien erfolgt mit klassischen Filterkriterien – ganz ohne KI.

Titel dürfen etwa keine allzu großen Schwankungen aufweisen, sollen hohes Gewinnwachstum verzeichnen und ein angemessenes Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV: Verhältnis zwischen Aktienkurs und erzieltem Jahresgewinn pro ­Aktie, Anm.) besitzen. Laut Gum sind die nächsten Trendaktien in Branchen wie Cloud Computing oder ­Biotech zu finden, etwa Titel wie ­Ionis ­Pharmaceuticals, ein US-amerikanisches Biotech-Unternehmen, das perso­nalisierte Medikamente ­herstellt.

Auf Basis dieser Auswahl analysiert die KI dann all jene Märkte, aus denen die Titel stammen. Sind beispielsweise 30 aus den USA, wird das Markt-Sentiment der US-Techbörse Nasdaq analysiert. Bei einem schwachen Markt gibt die KI ein ­Signal zur Absicherung. Gum vergleicht den Vorgang mit dem Notbremssystem eines Autos: „Der Fonds ist aufgebaut wie ein modernes Auto mit Fahrassistenzsystem. Die meiste Zeit fährt der Fahrer völlig autonom. Nur bei Gefahr warnt das Risikosystem. Genau dies machen wir mit unserer KI Überwachung für die Finanzmärkte – rund um die Uhr.“

Durch die Absicherung sind Kunden vor Verlusten geschützt. Gibt die KI grünes Licht, wird die Absicherung gelöst, die Performance gleicht dann jener der Wachstums­titel. „Zehn Tage nach dem Start unseres KI-Fonds am 17. Dezember 2018 gab es auf den Märkten teilweise Kursverluste von zehn Prozent, bei uns waren es quasi null“, sagt Gum.

Basis der KI-Entscheidungen sind 3.000 Finanzindikatoren wie etwa der GD 200 (gleitender Durchschnitt der vergangenen 200 Börsentage, Anm.) oder der MACD (wird aus der Differenz zweier exponentiell gleitender Durchschnitte berechnet, Anm.). Alle 20 Tage wählt das System die relevanten ­Indikatoren neu. Die Nutzung von Indikatoren, die historische ­Werte in ihrer Analyse nutzen, ist jedoch strittig. Denn wie können Daten aus der Vergangenheit eine solide Basis für die Beurteilung zukünftiger Entwicklungen darstellen? Züllig: „Gewisse Muster der Vergangenheit fließen mit ein, aber auf dynamische Art und Weise, weil die KI immer wieder aufs Neue auswählt, welche Indikatoren am besten passen.“

Bild: Private Alpha, Founder, Start-up, Christoph Gum, Christoph Züllig

Christoph Gum
... studierte an der Universität Neu-Ulm im Bereich Finance und Informationsmanagement. Er war zudem COO Austrian & Eastern Europe Private Banking Franchise bei der Credit Suisse.

Christoph Züllig
... studierte Digital Leadership an der Universität Strathclyde. Er war zudem Executive Director and Country Head Austria
bei Julius Bär.

Aufgrund der Datenmenge stellt sich die Frage, inwieweit diese Auswahl überhaupt nachvollziehbar ist. Nicht umsonst hat sich der Begriff „Explainable AI“ etabliert, denn bei vielen KI-Entscheidungen fehlt die nötige Transparenz. Das Problem kennen auch Züllig und Gum: „Wir haben bereits Signale erhalten, die wir nicht ganz nachvollziehen konnten. Die Leute fragen dann nach den Gründen; die wollen wir natürlich erklären können. Mittlerweile können wir die Entscheidungen – mit einem gewissen Aufwand – aber nachvollziehen“, erzählt ­Züllig. Verkauft werden die Aktien dann wieder über festgelegte Regeln: bei Unterschreitung der Schwankungsbandbreite (prozentuale Abweichung eines Kurses von seinem Durchschnitt in einer bestimmten Zeitspanne, Anm.), bei Erreichen eines bestimmten Kursziels oder bei schlechten Quartalszahlen. So ein Produkt entwickelt man jedoch nicht über Nacht. Dazu braucht es Zeit und vor allen Dingen ein ­gutes Team. Beim ­Schweizer Fintech kommt beides zusammen: Die Zusammenstellung des Teams aus den Bereichen Mathe­matik, Physik und Informatik dauerte zwei Jahre, ­heute zählt Private ­Alpha neun Mitarbeiter.

16 Millionen CHF wurden ­bisher in den Fonds investiert. Die Management Fee beträgt 1,4 Prozent, die Performance Fee liegt bei zehn Prozent. Schwarze Zahlen schreibt ­Private Alpha noch nicht – das liegt aktuell aber auch gar nicht im Fokus der Unternehmer. Sie setzen zunächst auf Wachstum und verweisen auf die Qualität ihrer Technologie. Damit scheinen sie auch andere zu überzeugen: Zu den Investoren gehört etwa Andreas ­Perreiter, der mit ­Simyo einen der ersten Mobilfunk-Discounter Deutschlands mitgegründet hat. Aufgelegt wurde der Fonds in Kooperation mit der Privatbank Berenberg und der Fondsgesellschaft Universal Investment.

Die Idee zur Gründung des Fintechs wurde inmitten der Finanzkrise 2008 geboren. Züllig, der ebenso wie Gum aus dem Private Banking kommt und jahrelang bei der Credit Suisse arbeitete, erinnert sich: „Ich musste damals mit einem ­Portfolio von minus 40 Prozent zu meinen Kunden gehen. Das war nicht gerade die lustigste Zeit. Wir waren 20 Jahre in der Branche, wir hätten das besser machen müssen.“

Für Gum spielte zudem der Faktor Technologie eine Rolle: „Als der Handel digitalisiert wurde, merkte ich: Da ist hundertmal mehr möglich, als bei den Banken umgesetzt wird. Beim nächsten Technologiesprung wollte ich dabei sein.“ Mit dem in der Schweiz und ­Deutschland zugelassenen KI-Fonds versuchen die beiden genau das. Um weiterhin am Ball zu bleiben, schmiedet Private Alpha bereits weitere Pläne: Die Gründer wollen sich zunächst in der DACH-­Region im Bereich des AI-driven Investment positionieren und ­Kooperationen bilden – ein globaler Fokus sei irgendwann in der Zukunft auch möglich. Etwas Tra­dition bleibt aber: Der Name ist eine Kombination aus ­Private (Banking) und dem in der Fondsbranche bekannten ­Begriff ­Alpha.

Der Artikel ist in unserer März-Ausgabe „KI“ erschienen

Up to Date

Mit dem FORBES-NEWSLETTER bekommen sie regelmässig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-mail-Postfach geliefert.