KUNST-LICHE INTELLIGENZ

Eine Suchmaschine als Kurator? Ein Schminkroboter? Applaudierende Säulen? All das klingt ungewöhnlich – und gehört genau deshalb zum Schaffen der österreichischen Industriedesignerin Johanna Pichlbauer. In ihren Werken veranschaulicht sie die Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine und sucht nach Antworten auf Zukunftsfragen.

Man sieht eine Vitrine mit Gegenständen, die man nicht kennt. Zwei davon wurden schon identifiziert: ein Regenwurmsammelgerät sowie ein Nylonstrumpfwaschgerät. Doch die anderen beiden Objekte „sind ­immer noch so rätselhaft wie am Anfang“, sagt Künstlerin ­Johanna ­Pichlbauer. Die Rede ist von ihrer neuesten Ausstellung bei der diesjährigen ­Vienna Design Week. In Kooperation mit dem digitalen Marktplatz Will­haben hat Pichlbauer ein kurioses Kunstwerk geschaffen – oder vielleicht besser formuliert: Die Suchmaschine von Willhaben hat das Kunstwerk geschaffen.

Es geht um eine ­dreiteilige ­Installation: In der ersten Vitrine sind Objekte, die vom Willhaben-­Algorithmus als „­ähnlich“ bezeichnet wurden, gesammelt – eine Art ­„stille Post“, erklärt Pichlbauer. In der zweiten Vitrine steht eine Sammlung von Kuriositäten, darunter die oben genannten ­Objekte. Die letzte Vitrine widmet sich ­wiederum dem genauen Gegenteil – ­Objekten, die bei Sammlungsauf­lösungen verkauft wurden, von ­denen sich die Besitzer aber nur schweren Herzens trennen konnten. Pichlbauer nutzt die Suchmaschine also als Kurator: „Mich interessierte, wie sich dieser Algorithmus in konkreten Produkten und Alltagsgegenständen manifestiert. Das Spannende für mich als Designerin ist, dass auf Willhaben jeder Verkäufer seine Objekte beschreiben muss: aus welchem Material es besteht, wie groß es ist, in welchem Zustand und so weiter“, erklärt die Künstlerin.

Die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine, die fasziniert ­Johanna Pichlbauer. Ursprünglich wollte sie Kunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien studieren: „Damals gab es aber noch dreitägige ­Aufnahmeprüfungen, und ich dachte mir zu dem Zeitpunkt, ich ­schaffe das nie“, erinnert sie sich heute. Stattdessen ging sie an die Technische Universität (TU) Wien, um Maschinenbau zu studieren – mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass Kreativität nicht nur in der künstlerischen Szene gebraucht wird, sondern auch in der Technik. Als wir sie fragen, ob sich diese Annahme als richtig erwiesen habe, antwortet sie ganz klar: „Überhaupt nicht. In den drei Jahren an der TU ist die ­Kreativität tatsächlich sehr kurz gekommen.“ Nach dem Bachelorstudium war es Zeit für Pichlbauer, endlich die Angewandte zu besuchen: „Ich habe mich immer mehr dafür inte­ressiert, was gesellschaftlich mit uns passiert, wenn Maschinen rund um uns herum wachsen – Maschinen, die wir nicht kennen und bei denen wir nicht genau wissen, wie sie funktionieren; ­Algorithmen“, ­erzählt die Künstlerin. Dabei wollte sie sich kreativ mit den gesellschaftlichen Auswirkungen sowie dem Zwischenmenschlichen auseinandersetzen. Sie studierte Industrial Design unter der Leitung der renommierten britischen Industriedesignerin Fiona Raby.

Johanna Pichlbauer
...studierte Maschinenbau an der TU Wien und Industrial Design an der Universität für angewandte Kunst. Als Designerin untersucht sie in ihren Werken die Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine.

Dort kam Pichlbauer zum ­ersten Mal mit einer neuen Art von ­Design in Kontakt: dem ­spekulativen Design. „Dabei geht es darum, Ob­jekte für eine mögliche Zukunft zu entwerfen – das heißt, Objekte zu kreieren, die so aussehen, als könnten sie in einer Zukunft existieren, die wir noch nicht kennen, und die uns dadurch zum Nachdenken bringen können“, erklärt die ­Künstlerin. Wie könnte ein solches Projekt aussehen? In ihrer Freizeit singt Pichlbauer im Chor des Wiener Musikvereins mit. Der Goldene Saal des Hauses ist für seine pracht­volle ­Inneneinrichtung bekannt: An den Wänden links und rechts stehen ­Reihen von goldenen Karyatiden (so werden Säulen, die auch ­gleichzeitig Frauenskulpturen sind, ­bezeichnet). „Bei den Pausen, wo man nichts zu singen hat, habe ich mich mal gefragt: Was hätten die zu sagen, wenn sie zuhören könnten?“ Daraus wurde ihr Diplomprojekt: Wie würde künstliche Intelligenz ein Konzert ­wahrnehmen? „Daraus entstanden ein Film und ein paar Objekte, wo die Karyatiden zu Konzertkritikerinnen werden und gemeinsam ausrechnen, wie lange applaudiert werden sollte.“

Mittlerweile hat die ­heute 31-­jährige Pichlbauer einige Erfolge ­gefeiert: 2016 stellte sie bei der ­Internationalen Design-­Biennale in Frankreich aus, 2017 war ihr Kunstwerk „­Hello Robot“ im Vitra Museum in Weil am Rhein zu sehen; 2018 wurde sie zur Jerusalem Design Week ­eingeladen und ­schaffte es auf die „Under ­30 DACH“-Liste von Forbes. 2019 war dann ihr Werk „King GAFA“ (dabei steht GAFA für die Tech-Riesen Google, Apple, Facebook und Amazon) im Wiener Museum für ­angewandte Kunst zu sehen.

2020 kam Pichlbauers Tochter auf die Welt, während sie noch als Lektorin an der TU Wien und der Kunstuniversität Linz unterrichtete. Schon beim ersten Projekt im Laufe ihres Studiums an der Angewandten merkte Pichlbauer, dass ihre Werke für Aufmerksamkeit sorgen: Dabei ging es um einen Roboter, der Menschen schminkt. Die Idee dahinter war, zu veranschaulichen, wie es wäre, wenn sehr intime ­Prozesse von einer Maschine übernommen werden. „Das Projekt hätte eher dysto­pisch sein sollen, es ist aber nicht so angekommen: Die Leute fanden es eher zauberhaft und poetisch“, so Pichlbauer. Das stört sie aber nicht, denn ihr Ziel sei lediglich, „die Leute zum Nachdenken zu bringen“.

Beruflich setzt sich ­Pichlbauer damit auseinander, wie denn unsere Zukunft eigentlich aussehen ­könnte. Auf die Frage, wie sie mit ihrer ­eigenen Zukunft umgehe, sagt sie, ihr persönlicher Zukunftsbegriff habe sich verändert: „Seit der Geburt meiner Tochter hat sich mein Zukunftsbegriff verschoben – statt in ­Schritten von fünf oder zehn Jahren zu ­denken, denke ich jetzt viel eher in Zeitintervallen von einer oder zwei Generationen. Es ist mir jetzt noch wichtiger, mich für eine Zukunft einzusetzen, in der es unseren Kindern auch noch gut geht“, so die Künstlerin.

Text: Sophie Spiegelberger
Foto: Vienna Design Week / Kollektiv Fischka / Philipp Podesser

Dieser Artikel erschien in unserer Ausgabe 8–21 zum Thema „Women“.

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