Lehenga, Beats und Bergluft

Dreimal hat Shanta Azalea Venkatesh ihre Karriere neu begonnen, bis sie ihre musikalische Identität gefunden hat. Heute verbindet sie als «Bombay Mami» ihre Schweizer und indischen Wurzeln sowie Popkultur mit Tradition – und verfolgt nach einem Major-Label-Deal, internationalen Bühnen und einem viralen Hit das Ziel, ihre Karriere nach ihren eigenen Regeln zu gestalten.

Wer in Münsingen bei Bern aussteigt und durch den Ortskern schlendert, erlebt die Schweiz, wie sie so oft auf Postkartenmotiven vorzufinden ist: alte Holzhäuser mit grünen Fensterläden und Dächern, die weit über die Hausfronten hinausragen. Ein Stück weiter mischen sich darunter bunte Farben, Seide und Kaschmir: Im Elternhaus von Shanta Azalea Venkatesh befindet sich Shava Creation, die Modeboutique ihrer Eltern. Seit mehr als drei Jahrzehnten werden hier unter diesem Namen in Indien gefertigte Kaschmir- und Seidenschals sowie Schuhe und Taschen gehandelt.

Venkateshs Schweizer Mutter und ihr indischer Vater lernten sich in Indien kennen, wo beide als Tourguides arbeiteten. Die ersten Jahre mit ihrer Tochter verbrachten sie zwischen Delhi und Münsingen, bevor die Schweiz zum Lebensmittelpunkt der Familie wurde. Schliesslich entstand die Idee, Pashmina-Schals aus Indien in die Schweiz zu importieren. «Das wurde dann ein grosser Hit. Danach haben sie andere Geschäfte beliefert und ihre eigene Boutique eröffnet», erzählt Venkatesh, als sie uns durch Regale voller Stoffe und Schals in ein angrenzendes Wohnzimmer führt.

Die indischen und Schweizer Einflüsse sind auch in ihrer Karriere als Musikerin vorzufinden und sorgten Anfang 2025 für einen viralen Moment: Für ihren Song «Fire in Delhi» stellte sich Venkatesh in einem roten Lehenga (traditionelles südasiatisches Kleidungsstück, vor allem in Indien verbreitet) auf ein Snowboard und fuhr damit in den Schweizer Alpen die Piste hinab. Das Video erzielte Millionen von Aufrufen. «Ich hatte schon ein paar virale Momente in meinem Leben – aber das war noch einmal ‹next level›», sagt die Musikerin.

In ihrer bisherigen Laufbahn stand Venkatesh bereits auf Bühnen internationaler Festivals, etwa beim Glastonbury Festival in England, einem der bekanntesten Musikfestivals der Welt, das jährlich rund 200.000 Besucher anzieht und schon Stars wie Elton John, die Foo Fighters und Billie Eilish präsentierte. 2021 unterschrieb Venkatesh einen Plattenvertrag bei Warner Music Germany, zwei Jahre später wechselte sie zum New Yorker Label MNRK Music Group, das unter anderem mit Künstlern wie The Lumineers und The Game gearbeitet hat. Dort veröffentlichte Venkatesh 2026 ihr erstes Album unter dem Namen Bombay Mami: «Peaceful Attitude», auf dem auch «Fire in Delhi» zu finden ist.

Doch Millionen Aufrufe eines Videos machen noch keine nachhaltige Musikkarriere. Wie schwierig sich virale Aufmerksamkeit in tatsächliche Fanbindung übersetzen lässt, zeigt eine 2025 veröffentlichte Untersuchung des Marktforschungsunternehmens Midia Research unter 10.000 Konsumenten: 74 % der Befragten, die Streamingplattformen als bevorzugten Ort für neue Musik nennen, hören nach einer Entdeckung weitere Songs des jeweiligen Künstlers; bei Tiktok sind es nur 48 %. Von jenen Nutzern, die einem Künstler nach der Entdeckung auf Tiktok folgen, hören sogar nur 26 % anschliessend mehr von dessen Musik. Das weiss auch Venkatesh: «Die Aufmerksamkeit hat mir eine Grundlage gegeben. Ich konnte damit eine Basis aufbauen. Jetzt liegt es an mir, diese zu ­pflegen und zu erweitern», sagt sie und beschreibt damit einher­gehend ihre grundlegenden ­Herausforderungen mit Social Media: «Auf der einen Seite gibt dir das unglaublich viele Möglichkeiten. Du musst nicht auf Leute warten und kannst selbst zeigen, was du machst. Wenn du Creator oder Influencer bist, wird aber irgendwann dein Leben zum Business. Ich bin immer noch dabei, eine Balance zu finden: Manchmal habe ich Lust zu posten, manchmal gar nicht. Dann frage ich mich: Teile ich gerade zu viel? Will ich das überhaupt zeigen? Muss ich das zeigen?»

Wenn du mit zwei ­ kulturellen Prägungen aufwächst, ist diese Dualität immer ­ präsent. Du bewegst dich ständig zwischen verschiedenen­ Welten.

Shanta Azalea Venkatesh

Shanta Azalea Venkatesh wurde 1991 in Bern ge­boren und wuchs zwischen Münsingen und Delhi auf. Schon als Teenager begann sie zu singen und stand mit 14 erstmals in einem Tonstudio; wenig später fuhr sie regelmässig für Aufnahmen nach Lausanne und Genf. «Für mich war Musik immer etwas sehr Wertvolles, etwas sehr Persönliches. Ich konnte stundenlang singen, Musikvideos schauen und mir meine eigenen Shows ausdenken. Das war einfach schon immer mein Ding», erzählt sie. Ihre musikalischen Vorbilder fand sie damals vor allem im R&B und Hip-Hop. «Wir sind in dieser Generation aufgewachsen, in der Paris Hilton, Britney und Christina die Vorbilder waren. Für mich war das schwierig, weil ich mich nicht wirklich mit ihnen identifizieren konnte. Dann habe ich mit elf R&B und Hip-Hop entdeckt – Missy Elliott, Destiny’s Child, M.I.A. –, und plötzlich dachte ich: Wow, da ist eine Welt, in der ich mich viel mehr wiederfinde!» Auch Timbaland faszinierte sie – vor allem, weil der US-Produzent immer wieder südasiatische Klangwelten in westliche Popmusik einbaute. Zugleich veränderte sich auch ihr Verhältnis zu ihrer Herkunft: «Wenn du mit zwei kulturellen Prägungen aufwächst, ist diese Dualität immer präsent. Du bewegst dich ständig zwischen verschiedenen Welten», sagt sie. Heute empfindet Venkatesh darin weniger einen Widerspruch als die Freiheit, beide Seiten gleichzeitig leben zu können – eine Haltung, für die ihr Vater früh den Grundstein legte: «Er hat immer gesagt: ‹You can be proud to be Brown›.»

Nach der Schule absolvierte Venkatesh die Berufsmatura und arbeitete beim Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten – zeitweise mit dem Gedanken, Diplomatin zu werden. 2012 änderte sich der Plan, als sie eine Freundin in Los Angeles besuchte: «In Los Angeles war plötzlich an jeder Ecke ein Studio, ein Produzent, ein Songwriter. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt: Vielleicht kann das wirklich meine Realität sein.» Venkatesh blieb spontan mehrere Monate, nahm Musik auf und knüpfte erste Kontakte in der dortigen Musikszene; mit Erfolg: «Plötzlich war ich bei einem Brandy-Musikvideo und auf einer Party von Jennifer Lopez – das war völlig surreal», erinnert sie sich. Zurück in der Schweiz begann sie unter dem Namen Azalea aufzutreten. Als jedoch die Künstlerinnen Iggy Azalea und Azealia Banks international immer grösser wurden, entschied sie sich für einen Wechsel. «Ich dachte: Ich kann nicht die ‹dritte Azalea› sein», sagt sie lachend. Sie änderte ihren Künstlernamen in Ta’Shan. In dieser Phase baute sie ihre Präsenz in der Schweizer Musikszene aus, spielte regelmässig in Clubs und stand nach eigenen Angaben als Support-Act für internationale Künstler wie Lil Jon, den US-Rapper und Produzenten hinter Hits wie «Turn Down for What», sowie den US-Sänger und Produzenten Ryan Leslie auf der Bühne. Weil ihr die Möglichkeiten in der Schweiz zu begrenzt erschienen, zog sie nach London, wo sie Music Business an der University of West London studierte.

2019 brachte sie mit «BombayMami, Vol. 1» ein Mixtape unter dem neuen Namen heraus und wollte 2020 erstmals auf Europatour gehen – bis die Pandemie sämtliche Pläne stoppte. «Alles war ready. Wir hatten die Tour geplant, die Städte standen fest – und am nächsten Tag war Shutdown. Plötzlich war einfach alles weg», so Venkatesh und führt weiter aus: «Zurück in der Schweiz habe ich angefangen, auf Deutsch Musik zu machen. Ich wollte einfach ausprobieren, wie ich auf Deutsch klinge. Dann ging plötzlich alles sehr schnell: Universal, Sony und Warner waren interessiert, am Ende habe ich bei Warner Music Germany unterschrieben. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass Deutsch nicht die Sprache ist, die ich liebe.»

Sie verliess den Deal und begann von vorne – diesmal mit dem Vorsatz, ihre verschiedenen musikalischen und kulturellen Einflüsse nicht länger dem Markt ­unterzuordnen. Dabei wurde auch die indische klassische Musik zu einem immer wichtigeren Teil ihrer künstlerischen Entwicklung. Seit mehreren Jahren beschäftigt sich Venkatesh intensiv mit Hindustani Classical Music und studiert die nordindische Musiktradition am The Bhavan in London. Sie begann Hindi zu lernen und entwickelte eine neue musikalische und visuelle Sprache, in der sich ihre Schweizer und indischen Wurzeln ebenso verbinden wie R&B, Hip-Hop und Pop mit Elementen der indischen klassischen Musik. Daraus entstand schliesslich ihr dritter Künstlername: Bombay Mami. 2023 wechselte Venkatesh zum New Yorker Label MNRK Music Group, 2026 veröffentlichte sie dort mit «Peaceful Attitude» ihr erstes Album als BombayMami. Musik ist Venkateshs Leben, sagt sie – und doch hat sie Anfang 2025 mit «Shava.me» auch ihr eigenes, unisex ausgerichtetes Fashionlabel gegründet, das traditionelle indische Ästhetik mit zeitgenössischem Design verbindet. Es führt sozusagen die Geschichte und das handwerkliche Erbe des Familienunternehmens in zeitgenössischer Form weiter. Verkauft werden unter anderem Kleider, Sets, Hosen, Tops, Schals und Accessoires; aktuell reichen die Preise etwa von 40 CHF für Accessoires bis 600 CHF für einzelne Kleidungsstücke. Einen konkreten Umsatz nennt sie nicht. Zudem arbeitet sie nebenher im Banking. «Ich würde sagen, meine Einnahmen verteilen sich derzeit ungefähr 50:50», gibt Venkatesh Auskunft. «Der Job im Banking bietet einfach ein sicheres Einkommen. Bei Bombay Mami und meinem Modelabel schwanken die Einnahmen stark.»

Dass Musiker ihre Einkommen aus verschiedenen Quellen zusammensetzen, ist eher die Regel als eine Ausnahme. Laut dem britischen Musicians’ Census beziehen 53 % der professionellen Musiker zusätzliches Einkommen ausserhalb der Musik; 43 % verdienen mit ihrer musikalischen Arbeit weniger als 14.000 Pfund (15.276 CHF) pro Jahr. Wie viel von den Erlösen am Ende beim Künstler ankommt, hängt stark vom jeweiligen Vertrag mit Label, Vertrieb und weiteren Rechteinhabern ab. Der wachsende Streamingmarkt, auf den 2025 fast 70 % der weltweiten Umsätze mit aufgezeichneter Musik entfielen, hilft dabei nicht – das zeigen Zahlen von Spotify: 2025 generierten mehr als 13.800 Artists über die Plattform mindestens 100.000 US-$ (rund 82.300 CHF) an jährlichen Royalties, mehr als 1.500 überschritten die Marke von 1 Mio. US-$; gleichzeitig kam selbst der 100.000.-bestverdienende Artist auf Spotify im selben Jahr lediglich auf etwas mehr als 7.300 US-$ an Royalties. Der Punkt, an dem Musik zur finanziell tragfähigen Vollzeitkarriere wird, ist daher höchst individuell und wird häufig erst durch die Kombination aus Streaming, Live-Auftritten, Merchandise, Markenkooperationen und weiteren Einnahmequellen erreicht.

Dass der Weg zum Superstar also ein langer ist – und in den meisten Fällen gar nicht zur Realität wird –, ist gang und gäbe: Chappell Roan etwa veröffentlichte bereits 2017 ihre erste Major-Label-EP, verlor später ihren Plattenvertrag und finanzierte sich zeitweise mit Nebenjobs, bevor ihr 2024 der internationale Durchbruch gelang – 2025 gewann sie den Grammy als Best New Artist. Venkatesh kennt diese Mechanik aus eigener Erfahrung: «Als Artist bist du das Schiff. Du musst es steuern. Wenn du nicht steuerst, geht es irgendwohin», sagt sie. Nichtsdestotrotz – oder gerade deshalb – arbeitet sie derzeit daran, ihre eigene Karriere weiter voran­zu­treiben; das betrifft sowohl ihr Dasein als Sängerin als auch jenes als Unternehmerin. «Ich muss einfach realistisch sein, was alles gleichzeitig möglich ist, und strategisch vorgehen», sagt Venkatesh.

Vom Bild des unnahbaren Popstars hält sie wenig: «Ich habe keine Lust, dass die Leute denken: Ach, du bist so weit weg.» Langfristig will sie deshalb mehr schaffen als Musik oder Mode: «Mein Traum ist es, Formate zu schaffen, bei denen Communities wirklich zusammenkommen.» •

Fotos: Florian Spring

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